Spiritualität

Gier, Hass und Unwissenheit sind starke Triebkräfte, Meditation ist ein Weg, der eine grundlegende Heilung verspricht.

Die zentrale Lehre des Buddha von den ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ wird am besten mit folgendem Gleichnis erklärt: Der Buddha ist ein Arzt, der eine grundlegende Krankheit der Menschheit diagnostiziert hat. Die Krankheit ist das Leid, das in jedem Leben existent ist. Somit sind die Menschen grundsätzlich krank. Diese Erkenntnis ist die erste Edle Wahrheit. Doch die Menschen wissen nicht, warum sie leiden. Sie stellen sich Fragen, etwa: Warum lebe ich? Worum geht es im Leben? Was kommt nach dem Tod? Sie sehen, dass das, was sie haben, wieder vergeht, und das, was sie nicht wollen, immer wiederkommt. Es ist eine unbefriedigende Situation.

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Der Buddha sieht die Ursache für diese Krankheit im Begehren, diesem Impuls, der immer etwas will. Diese Einsicht ist die zweite Edle Wahrheit.

In der dritten Wahrheit sagt der Buddha nur, dass nach Überwindung dieser Ursache eine Heilung möglich ist. Das heißt: Es muss ein Sein jenseits des gewöhnlichen Entstehens und Vergehens geben, es wäre der Zustand der völligen geistigen Gesundheit. Wäre das als philosophische Theorie formuliert, so könnte man mit Recht daran zweifeln, doch der Erwachte gründet seine Lehre ja gerade darauf, als Mensch diese Erfahrung selbst gemacht zu haben. Er sagt: „Da ich selbst der Krankheit unterworfen war, die Gefahr darin erkannte und suchte, erlangte ich die von Krankheit (auch von Geburt, Alter und Tod) freie höchste Sicherheit vor der Gefangenschaft, das ist Nirvana. Meine Erkenntnis erwuchs in mir: Meine Befreiung ist unerschütterlich.“ (Mittlere Sammlung 26)

Dieser Mann, der sich selbst heilte, konnte als vierte Wahrheit eine Medizin nennen, die allen Menschen zur Heilung verhelfen kann: Diese Medizin ist der ‚Edle Achtfache Übungsweg‘, der zur Beendigung des Leids führt. In diesem Sinn ist die ganze Lehre des Buddha und damit fast jede Aussage auf Heilung ausgerichtet, allerdings auf einer alle gängigen Vorstellungen weit überschreitenden Ebene.

Es geht also um die Überwindung sowie Loslösung und damit Heilung der grundlegenden Strukturen in unserem Geist, nämlich Gier, Hass und Unwissenheit. Diese sind der Treibstoff jedes Lebens und zugleich die wahren Fesseln, die uns im normalen Leben gefangen halten.

In der Medizin und in der Psychologie gewinnen die Mittel der buddhistischen Lehre, wie etwa die Achtsamkeit, eine zunehmend größere Bedeutung. Sie werden als Instrumente jenseits von Spiritualität oder Befreiung verwendet und als Mittel zur Heilung von konkreten Leiden eingesetzt. In wissenschaftlichen Studien wurde festgestellt, dass die Meditation der Achtsamkeit und Sammlung zu Veränderungen im Gehirn führen kann. Diese Übungen reduzieren Stress und haben damit einen sehr positiven Effekt. Jon Kabat-Zinn hat sein weltweit erfolgreiches Programm ‚Mindfulness-Based Stress Reduction‘ (MBSR) vor 30 Jahren nach eigener Aussage begründet, weil es schon damals Stress gab. Stress ist eine der Hauptursachen für Krankheiten.

In den Quellentexten der Lehre des Buddha finden wir jedoch kaum einen Hinweis, dass zu Zeiten Buddhas meditative Techniken als Mittel zur Heilung von Krankheiten eingesetzt wurden. Es gibt Hinweise, wonach sich der achtsame Mensch bewusst im Geist der mitfühlenden Liebe um Bedürftige und Kranke kümmern sollte. Neben der Achtsamkeit als Kunst der urteilsfreien Beobachtung wird sie auch als Fähigkeit der Einfühlung durch Mitgefühl und Mitfreude und als umfassende Liebe geübt und entwickelt. Selbstverständlich hat jede Art von Zuwendung und Liebe einen heilsamen Effekt auf einen selbst und auf andere.

Achtsamkeit, Sammlung, Zuwendung, eine liebevolle Einstellung und Mitgefühl sind Fähigkeiten, die in jeder Hinsicht und unabhängig von jeder Lehre für die menschliche Entwicklung und unser friedliches Zusammenleben enorm wichtig sind. Wenn sie für Heilung eingesetzt werden, ist es eine Bewusstseinserhöhung in der Gesellschaft. Sie können die Heilungsprozesse der Menschen unterstützen, sie dürfen aber nicht mit Versprechungen von Heilung, Gesundheit oder einem langen Leben verbunden werden.

Was wir in der Lehre des Buddha lernen: Auf dem Weg zum Erwachen sollten wir ein anderes Verständnis und einen anderen Umgang mit Alter, Krankheit und Tod finden. Es geht darum, die Unsicherheit des Lebens zu sehen und als Realität zu akzeptieren. Damit befreit man sich von zusätzlichen innerlichen Leiden – ohne gleichgültig zu werden. „Das Leben in jeder Welt ist unbeständig und unsicher. Es gibt keinen sicheren Schutz und Beschützer.“ (Mittlere Sammlung 82)

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Wer Heilung von Krankheit möchte, ist natürlich vom Körper und von seinen Funktionen abhängig. Der Buddha lehrt jedoch gerade, weder am Körper noch an anderen Elementen des Menschen festzuhalten: „Der Übende betrachtet das Körperliche nicht als: Das ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst. Als Folge der Einsicht in die Vergänglichkeit entstehen in ihm kein Kummer, Schmerz, keine Verzweiflung.“ (Gruppierte Sammlung, Buch 3)

So eine Einstellung kann als Nebenprodukt konkrete Heilung bewirken, doch ihr hauptsächliches Ziel ist die Unabhängigkeit von allen körperlichen und geistigen Erscheinungen. Doch die geistige und die körperliche Gesundheit sind wiederum die Basis für die Energie, die man zur Übung der Achtsamkeit braucht. Achtsamkeit wird oft als intensive Beobachtung und Öffnung für unangenehme Erscheinungen geübt, als ein Lernen, Schmerzen zu akzeptieren und so einen großen Teil des gewöhnlichen Leidens zu entfernen.

Besonders hilfreich ist der in einigen Traditionen geübte ‚Body Scan‘, so wie etwa im MBSR. Dabei wandert man möglichst wertfrei durch den Körper. Der Schlüssel zur möglichen Heilung liegt dabei in der Kraft der Achtsamkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und sie zu akzeptieren. Krankheit wird dann nicht so sehr als eine Störung betrachtet, die man bekämpfen und beseitigen muss, sondern als eine Tatsache, um die man sich liebevoll kümmert, die man versucht zu verstehen. Man begreift sie als Energie, die man nicht tötet, sondern transformiert.

Im tibetischen Buddhismus gibt es eine auf Heilung von Krankheit ausgerichtete Übung, die die Meditation auf den Medizinbuddha genannt wird. Hier kann man mit der Vorstellung eines blauen Buddha bzw. eines reinigenden Lichts arbeiten. Mit Mantras, Gebeten und einem Geist voll Mitgefühl versucht man, eigene Krankheiten oder die Leiden anderer zu heilen. Auch hier ist es wichtig zu wissen, dass mit dieser Praxis Heilungsprozesse unterstützt werden, doch primär geht es darum, das grundlegende Leiden im Menschen, das aus Gier, Hass und Verblendung kommt, zu überwinden. Die Meditation auf den Medizinbuddha hilft, das eigene Herz zu öffnen. Buddha heilt nicht Krankheiten, vielmehr soll die Meditation helfen, die wahren Ursachen zu erkennen und zu beseitigen.

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In einer grundlegenden Rede des Buddha zur Übung der Achtsamkeit heißt es:
„Der eine Weg ist dies, ihr Mönche, zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Schwinden von Leiden und Betrübtheit, zum Erlangen des Rechten, zur Verwirklichung des Erwachens. Das ist die vierfache Anwendung der Achtsamkeit.“ (Längere Sammlung 22)

Heute wird dieser einzigartige Weg wiederentdeckt und zur Überwindung ganz konkreter Leiden eingesetzt. Das ist gut so. Aber darüber hinaus sollten nicht die tieferen Dimensionen vergessen werden, zu denen dieser Weg führt, nämlich das Ziel, für eine gesunde und heilsame Welt zu arbeiten und sich dafür einzusetzen. Doch das sollte nicht die Realität verschleiern, dass auf dieser Ebene jedes ‚Verbessern‘ letztlich vergeblich ist. Achtsamkeit ist der ungeschönte Blick auf die grundlegende ‚Krankheit‘ in der Welt. Achtsamkeit ist zugleich aber auch die einzige Kraft, die uns befähigt, den Weg zum wahren Frieden und zur inneren Freiheit zu beschreiten.

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