Spiritualität

Wenn wir uns auf die Suche nach Buddha begeben, wo werden wir ihn finden?

Im zweiten Galaterbrief 2.20 heißt es: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Susan K. Hookham hat ein schönes Buch mit dem Titel ‚The Buddha Within‘ (‚Der Buddha in uns‘) geschrieben. Sprechen hier Christen und Buddhisten vom selben? Sind es nur verschiedene Worte für dieselbe Erfahrung? Handelt es sich bei der Buddha-Natur um eine Art inneres Licht, das durch Gefühle und Gedanken verdeckt ist und so in den Religionen nur jeweils unterschiedlich gedeutet wird? Eine Gruppe von Neurowissenschaftlern hat erst jüngst in der in Oxford erscheinenden Fachzeitschrift ‚Cerebral Cortex‘ die These vertreten, die ‚neuronalen Mechanismen, die mit spirituellen Erfahrungen verbunden sind‘, entdeckt zu haben. Diese Prozesse sollen sich grundlegend von bloßer Entspannung oder auch reiner Begeisterung unterscheiden und durch neue Verfahren identifizierbar sein. Sprechen wir hier also eigentlich nur von Vorgängen im Gehirn? Ich kehre zu dieser Frage noch einmal kurz zurück, verbleibe vorläufig aber ganz in der buddhistischen Tradition.

Wir haben im Denken und Handeln keineswegs immer ein klares Bewusstsein.


Die Lehre von der Buddha-Natur lässt sich in ihren Anfängen bereits in den frühen Schriften, dem Pali-Kanon, in einem Satz des Buddha finden. Bereits krank und dem Tode nahe, sagt der Buddha zu einem Schüler: „Was bringt es ein, Vakkali, meinen elenden Körper zu sehen? Wer auch immer den Dharma sieht, sieht mich; wer auch immer mich sieht, sieht den Dharma.“ (Samyutta Nikaya 12.87) ‚Dharma‘ heißt ‚Lehre‘, und offenbar identifiziert sich der Buddha ganz mit der Lehre. Ein Gedanke, den man später so interpretiert hat: Der Dharma sei der wahre Körper des Buddha, sein Dharmakāya. Nun ist mit ‚Lehre‘ aber nicht ein Buch, eine Folge von Aussagen gemeint. Der Kern von Buddhas Lehre besagt, dass jeder Buddhaschaft erlangen kann. Es ist dieser Gedanke, der dann zu der Vorstellung führte, dass alle Lebewesen – Tiere können ja als Menschen wiederkehren, sagt man traditionell – das Potenzial zur Erleuchtung, das Potenzial zur Buddhaschaft besitzen. Dieses Potenzial wird in der späteren Tradition ausführlich als ‚Buddha-Natur‘ beschrieben.

Alles Leiden gründet darin, dass wir überhaupt etwas festhalten wollen, das sich nicht festhalten lässt.


Der wichtigste Text hierzu stammt aus dem 2. Jahrhundert, das ‚Uttaratantram‘, ‚die vorzüglichere Lehre‘ genannt. Westliche Interpreten sahen in diesem Text und seinen Kommentaren gelegentlich eine Wiederkehr pantheistischer Vorstellungen, das heißt des Gedankens, dass letztlich alles Seiende nicht von Gott verschieden ist. Insofern habe dann auch jeder ‚Buddha‘ in sich. In der hinduistischen Vedantaphilosophie wird dies auch ‚Brahman‘ genannt und mit einem höheren Selbst ‚Atman‘ gleichgesetzt. Nun steht diese Auslegung aber in direktem Widerspruch zur ursprünglichen Lehre des Buddha, die als Zentrum das Nicht-Ich, ‚An-Atman‘, lehrt, also jegliches Ich, jegliche Substanz als Illusion und Grund für alles Leiden aufdeckt. Sehr rasch geraten wir hier also in das, was der Buddha ‚Theorienwirrwarr‘ genannt hat, und der von sich sagte: „Theorien zu haben geziemt sich nicht für einen Buddha.“ (Majjhima-Nikaya 13.72)
Wie können wir diesem Wirrwarr entkommen? Weshalb sind Theorien über die Buddha-Natur, den Christus in uns oder besondere Gehirnprozesse, die spirituelle Erfahrungen erzeugen, nicht hilfreich? Hat nicht der Buddha selbst gesagt, dass wir ein ‚Fahrzeug‘ benötigen, um von der Verblendung ans andere Ufer der Erleuchtung zu gelangen? Und sind Theorien, wenn man sie anwendet, nicht solche Fahrzeuge? Der Buddha gibt einen wichtigen Grund an, weshalb es sich für einen Erleuchteten nicht ziemt, Theorien zu haben. Er sagt: „Sie führen nicht zum Loslassen.“ Auch Nāgārjuna, der die Lehre des Buddha vertieft und von allerlei Verwirrungen, die sich in den ersten Jahrhunderten ihrer Übertragung eingeschlichen haben, gereinigt hat, sagt über Theorien: „Heilvoll ist die Beruhigung der Entfaltung von Argumenten oder Fragen.“ (MMK 25.24) Das nun ist der zentrale Hinweis für das Verständnis der Buddha-Natur.

Alles Glück erwächst aus einem Loslassen.


Um dies zu verdeutlichen, verwende ich den für die Lehre des Buddha grundlegenden Begriff: die Leerheit – ‚śūnyatā‘. Die Buddha-Natur ist nicht verschieden von der Leerheit. Es ist diese innere Gemeinsamkeit, die deutlich machen kann, dass man nicht einfach verschiedene Traditionen und Aussagen – wie den zweiten Galaterbrief – mit der buddhistischen Erfahrung gleichsetzen darf, ganz zu schweigen von neurologischen ‚Übersetzungen‘. Ich möchte das ein wenig erläutern. Alles, was wir erfahren, wahrnehmen und selbst handelnd hervorbringen, hat eine bestimmte Bedeutung, weshalb wir auch Begriffe oder Namen dafür verwenden können. Wir sehen nicht ein Irgendetwas, wir sehen einen Baum oder ein Auto. Wir handeln nicht irgendwie, sondern wir helfen anderen oder wir kränken und verletzen sie. Alles, was wir erfahren, wahrnehmen und selbst hervorbringen, geht durch das Nadelöhr der Begriffe oder ‚Denkkonzepte‘. Durch Begriffe ergreifen wir die Dinge in der Welt, gründen darauf unser Handeln und bewegen uns darin im Denken. Gleichgültig, ob diese Gedanken wohlwollend oder bösartig sind.
Ferner können wir bemerken, dass wir im Denken und Handeln keineswegs immer ein klares Bewusstsein haben. Wir sind tausendfach abgelenkt durch die verflochtene Vielfalt der Dinge und Begriffe. Wir sind nicht nur in diesem Wirrwarr – wir sind dieser Wirrwarr. Wie das, möchte man fragen. Dadurch, dass wir bestimmte Gedanken und Dinge festhalten, sie ‚Ver-Meinen‘, also sowohl zu unserem Mein machen wie dadurch eine ‚Meinung‘ haben. Und all das, was wir vermeinen, sortieren wir im endlosen inneren Geplapper nach Ich und Nicht-Ich, wir errichten alltäglich unser Ego-Territorium und verteidigen es. Wir werden jeden Tag, nein, jede Minute durch diesen Prozess wiedergeboren. Alles, was wir festhalten wollen und uns zuschreiben, verändert sich – oft nur schleichend wie das Älterwerden, gelegentlich auch plötzlich bei glücklichen oder erschreckenden Momenten. Wie können wir dann überhaupt solch ein Ego-Territorium im Wirbel der Erfahrungen festhalten? Durch Wiederholung. Und Wiederholungen prägen Gewohnheiten des Denkens, Handelns, der Wahrnehmung. Wir werden sozusagen zu unseren Gewohnheiten. „Gewohnheit ist eine zweite Natur“, sagte Cicero, der römische Philosoph und Politiker. Was immer Reinkarnation und Samsāra auch sonst noch für Bedeutungen haben mögen – die alltägliche, unmittelbare Bedeutung ist die, dass wir in einem endlosen Kreislauf von gelingenden und scheiternden Gewohnheiten, von Festhalten und Loslassenmüssen herumirren und vergeblich nach einem dauerhaften Halt suchen. Es gibt diesen Halt nicht. Und ebendiese Erfahrung ist die Erfahrung der Leerheit.

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Das klingt nur auf den ersten Blick negativ. Alles Leiden gründet darin, dass wir überhaupt etwas festhalten wollen, das sich nicht festhalten lässt. Und alles Glück erwächst aus einem Loslassen: Quälende Fragen kann man durch Erkenntnis loslassen; Spannungen (nicht nur körperliche) jeglicher Art machen uns bei Entspannung glücklich; ein erlittener Verlust wiederum setzt uns zu, weil wir die Erinnerung an das Verlorene immer wieder neu quälend ins Bewusstsein heben. Kurz: Im Loslassen offenbart sich inmitten von Samsāra immer wieder ein Vorschein von Glück, von Nirvāna.
All dies ist offenbar in einem Offenen, in einem Raum der Achtsamkeit. Jeder Gedanke, jedes Ding ist ein Etwas, das sich von einem anderen Etwas unterscheidet. Dies aber unterscheiden zu können, macht die Qualität unseres Bewusstseins aus. Doch dieses Unterscheiden – etwas tun oder erleben ist immer ein Unterscheiden – geschieht bei aller Vielfalt immer in einem Offenen, das wir ‚reines Bewusstsein‘ oder ‚Achtsamkeit‘ nennen. Das denkende, handelnde Ergreifen vollzieht sich in einem Offenen, das völlig ‚indifferent‘ gegenüber unserem Urteil ist. Dieses Offene, diese Leerheit ist nur ein anderer Ausdruck für die Buddha-Natur. Wir alle bewegen uns darin. Diese Offenheit wird sichtbar in unserer Freiheit und unserer Kreativität. Kreativität kann Gutes und Böses hervorbringen. Doch in jedem Menschen ist dieses offene Potenzial da, ist diese Teilhabe an der Leerheit unmittelbar gegeben und auch erfahrbar.

Alle Lebewesen, alle Formen und Dinge ‚haben‘ Buddha-Natur, sofern sie erkannte, begriffene, unterschiedene sind – sofern sie zu Bewusstsein kommen.


Hierbei ist zu beachten: Das Offene, die Offenbarung der Buddha-Natur, lässt sich nicht lokalisieren. Es ist weder absolut noch relativ, auch wenn es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Raum besitzt. Zwei Illustrationen dazu: Musik erklingt in der Stille, aber die Stille hat keinen Ort. Nachrichten verbreiten sich im Internet; auch das Internet hat keinen Ort. Wir haben durch Ohren oder einen PC Anteil am jeweiligen Raum, an Musik oder am Internet; aber dieser Raum ist weder in meinem PC, noch ist die Musik in einem Orchester. Unsere Verkörperung ist die Teilhabe an diesem Offenen. Sie beraubt die Buddha-Natur vorübergehend ihrer Offenheit, vor allem durch das Ergreifen in Begriffen.
Also können wir sagen: Nicht nur alle Lebewesen, alle Formen und Dinge ‚haben‘ Buddha-Natur, sofern sie erkannte, begriffene, unterschiedene sind – sofern sie zu Bewusstsein kommen. Aber ebenso gilt auch: Die Buddha-Natur hat ihrerseits ‚uns‘, umfasst alle Phänomene, gibt ihnen durch ihre Offenheit Raum. Sie ist selbst weder an einem Ort, noch hat sie Form oder Eigenschaft. Sie ist nicht zeitlich, obgleich in ihr sich alle Zeiten relativ vollziehen. Deshalb wird kein Neurologe jemals die Buddha-Natur im Gehirn entdecken. Wie immer man das Bewusstsein auch definieren mag: Wir haben zu ihm nur einen Zugang ‚von innen her‘. Von außen betrachtet ist die Buddha-Natur unsichtbar, obgleich alle Phänomene, ob schön oder hässlich, gut oder böse, sich in ihr manifestieren. Da diese Phänomene keine Identität, kein Ich, keine Substanz haben, sind sie vergänglich – das ist die schlechte Nachricht. Man kann sie aber verändern, kann Gewohnheiten bewusstmachen und aufheben, kann die gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene erkennen – das ist die gute Nachricht. Dies, dass alle Phänomene gegenseitig abhängig sind, dass sie immer nur eine geliehene Identität besitzen, dass sie von anderen Phänomenen mit gleichfalls geliehener Identität abhängen, das ist die Leerheit aller Phänomene. Auch das Leiden, das Böse, das Hässliche ist deshalb substanzlos und vergänglich, also leer. Positiv gewendet: Eben weil wir nichts für uns selbst festhalten können, ist die ethische Praxis, die diese Erkenntnis umsetzt, das Mitgefühl. Wir sind gegenseitig abhängig. Dies aber nicht nur auf eine äußere Weise, sondern auch empfindend, also innerlich verbunden in der Teilhabe am Offenen. Insofern ist der wahre Ausdruck der Buddha-Natur – ihre verbindende Offenheit – das Mitfühlen mit allen anderen Lebewesen.
Ich kehre kurz zu dem einleitenden Gedanken zurück. Es kommt in der Tat nicht auf Worte oder besondere Religionen an. Das Offene, die Leerheit räumt alles ein und zieht keine Grenze. Statt zu sagen „Alle Wesen ‚haben‘ Buddha-Natur“, kann man auch sagen: „Sie alle nehmen an ihr teil, sind in ihr zu Hause.“ Das Offene hat von seiner Seite her keine Grenze, wie die Stille keine Grenze zieht zwischen schönster Musik und dem Geräusch eines Pressluftbohrers, die sie jeweils erfüllen. Es gibt keine Grenze zwischen Erleuchtung und Verblendung, zwischen Buddha-Natur und gewöhnlichen Dingen. „Die Grenze des Nirvāna ist zugleich die Grenze des Samsāra. Zwischen diesen beiden wird auch nicht der feinste Unterschied gefunden.“ (Nāgārjuna MMK 25.20) Und um zu der erwähnten Boots-Metapher zurückzukehren: Wir erreichen das andere Ufer der Erleuchtung, wenn wir bemerken: Es gab nie ein besonderes Boot, nie zwei Ufer. Es gibt nur das Fließen im Offenen.
Die Buddha-Natur hat nicht nur keinen Ort; sie ist auch nicht in der Zeit. Sie ist, wie der Zen-Meister Dogen sagt, selbst ‚Sein-Zeit‘ – Uji. Man kann diese Wahrheit nur erleiden – als Vergänglichkeit; man kann aber auch achtsam leben und bewusst loslassen. Die Buddha-Natur erscheint in beiden Formen. Ein Unterschied besteht nur darin, ob wir loslassen ‚müssen‘ oder das Loslassen ‚tun‘: in achtsamer Gelassenheit im Alltag oder in der Stille der Meditation.

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