Spiritualität

Der spirituelle Zeitgeist des 21. Jahrhunderts strahlt im Lichte der Individualität. Mein Auto, mein Job, meine Meditation, meine Yoga-Matte, meine Erleuchtung – alles bloß Accessoires eines selbstbestimmten Lebens?

Heute gesellen sich zu den Vertretern etablierter Religionsgemeinschaften und überzeugter Atheisten, die ebenfalls eine Facette des Glaubens leben, immer mehr religiös Desinteressierte und spirituelle Individualisten. Die Desinteressierten haben mit esoterischen, religiösen oder spirituellen Dingen nichts am Hut oder suchen in den Wissenschaften nach dem Urgrund des Seins. Die Kirche scheint ihnen veraltet und überholt, auch wenn sie als Location für die Traumhochzeit nach wie vor herhalten darf. Die Individualisten wiederum küren die personenverhaftete Freiheit zur höchsten Instanz. Sie schneidern sich ihre ganz persönliche Lieblingsreligion und entscheiden eigenmächtig über Gut und Böse ihrer Weltanschauung. Den Glauben an einen persönlichen Gott finden sie infantil, die Obhut einer Gemeinschaft überflüssig. Die Spiritualität der Individualisten ist ein Lifestyle mit stets erneuerbaren Spielregeln. Was zu viel Form und Struktur hat, wird als starr und dogmatisch abgetan. Was einer Hierarchie folgt, wird, weil ‚religiös institutionalisiert‘, meist verworfen. Wieso? Missbräuchlicher Autoritäten überdrüssig, sei es in der eigenen Familie, der politischen Führungsriege oder unter religiösen Oberhäuptern, will von nun an eigenverantwortlich gelebt werden. Das führt allerdings zu neuen Problemen: Wer kann sich selbst schon gleichzeitig Lehrer und Schüler sein? Auch der reflektierteste Mensch braucht ab und an einen äußeren Spiegel – jemanden, der ihm aufzeigt, wo er steht. Darüber hinaus wird die autoritätsphobe Lust-und-Laune-Spiritualität zum oberflächlichen Potpourri. Zu viele Köche verderben den Brei. Wer da und dort spirituelle Angebote shoppt, speist weder Fisch noch Fleisch. Doch wieso sucht der Mensch an vielen Orten und kostet von verschiedenen religiösen Sinnspendern? Sind es Zweifel, die uns nicht ankommen lassen? Der indische Mystiker und Yoga-Meister Ramakrishna erzählte die Geschichte vom Mann, der auf der Suche nach Wasser unzählige Löcher in die Erde grub, jedoch niemals zu einer Quelle vordrang. Wer also keiner spirituellen Instanz vertraut und immerzu neue Wege einschlägt, wird auf halber Strecke verdursten. Gerne würde ich Ramakrishna, Buddha und andere große Lehrer an einem Tisch versammeln. Dann würde ich sie fragen, wie die Sache mit Gott und der Seele tatsächlich gemeint war. Vielleicht würden sie schweigen und auf die spirituelle Praxis verweisen, vielleicht an das hingebungsvolle Herz appellieren. Philosophische Spekulationen schüren bloß die Gedanken, in denen wir umherirren wie in einer Endlosschleife. Aus diesen herauszutreten schien ihnen wichtiger.

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Nun stellt sich die Frage, was es braucht auf dem spirituellen Weg. Brauchen wir eine Instanz, der wir uns anvertrauen – einen Lehrer, einen Gott, eine Gemeinschaft? Oder reicht es, täglich zu meditieren und diszipliniert eine beliebige Praxis zu verfolgen? Wer oder was ist Marker meines Fortschritts? Sind Hingabe und Vertrauen in religiöse Autoritäten hilfreich oder Selbstverantwortung und eine individuell gewählte Praxis zielführender? Der Grat zwischen Selbstbestimmung und Hingabe ist schmal. Wenn Hingabe bloße Autoritätshörigkeit und Unterwürfigkeit ist, ist sie dann noch Hingabe? Und wenn Selbstbestimmung zum Egotrip wird, wie viel ist die noch so beherzte Meditations- oder Yoga-Praxis dann wert? Gibt es so etwas wie Gnade, die demütig-devoten Menschen widerfährt? Oder müssen wir uns vom blinden Glauben emanzipieren und die Erleuchtung selbst in die Hand nehmen? Nun, wir können die alleinige Wahrheit weder für uns beanspruchen noch demokratisch ausdiskutieren.

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