Spiritualität

Über die Faszinationskraft östlicher spiritueller Lehren und Übungen.

Von Religionskritikern wurde der Untergang ‚der‘ Religion in den industriellen, entzauberten Gesellschaften des Westens wiederholt vorausgesagt. Jedoch stellt sich die religiöse Frage angesichts der sich verschärfenden Sinn- und Orientierungskrise im 21. Jahrhundert für viele Menschen in neuer, veränderter Form.

Wenn heute von der ‚Wiederkehr von Religion‘ gesprochen wird, muss sofort zurückgefragt werden, welche Religion eigentlich wiederkehrt. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist gegenwärtig auf dem religiösen Feld eine gegenläufige Bewegung feststellbar: Einerseits suchen viele Menschen weltweit wieder Heil und Halt in den unbeweglichen, geschlossenen Gehäusen fundamentalistischer Bewegungen, die den Gläubigen den sicheren Besitz der einzig wahren Religion versprechen. Andererseits gibt es immer mehr spirituell Suchende, die sich insbesondere von der Faszinationskraft der östlichen Einheitsreligionen Buddhismus, Hinduismus und Taoismus angesprochen fühlen. Diese verstärkte Hinwendung zu einer einheitsmystisch orientierten asiatischen Spiritualität verläuft zumeist hintergründig und unspektakulär, gleichsam im Schatten des aufgeregten, vordergründigen Streits um die zunehmend fundamentalistisch motivierte ‚Gewalt der Frommen‘.
Nun ist unbestreitbar, dass auch das christliche Abendland über eine lange, altehrwürdige, spirituell-mystische Tradition verfügt, die zwar immer wieder theoretisch beschworen wird, die aber doch im gelebten Alltag sträflich vernachlässigt wurde und daher in der entzauberten Moderne immer stärker in Vergessenheit geriet. Dies ist sicherlich ein Grund dafür, dass sich spirituell Suchende von der eigenen Tradition entfernen und in zunehmendem Maße an östlichen Heilswegen, insbesondere an Übungen der inneren Machtgewinnung, wie etwa Yoga im Hinduismus und Zen im Buddhismus, orientieren.

Es gibt immer mehr spirituell Suchende, die sich von der Faszinationskraft der östlichen Einheitsreligionen angesprochen fühlen.


Während die gezielte Einbeziehung körperlicher Übungen zur Erreichung religiöser Heilsziele – Erleuchtung, Befreiung, Erlösung – in den westlich-monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, spielte sie in den mystischen Einheitsreligionen des Ostens – Buddhismus, Hinduismus und Taoismus – stets eine zentrale Rolle.
Alle Yoga-Übungen waren ursprünglich eingebettet in einen umfassenden religiösen, geradezu ‚kosmischen‘ Ordnungs- und Lebensrahmen: Dharma. So kann der tiefere Sinn dieser Übungen als ein Weg zum wie auch immer bestimmten Göttlichen, ja geradezu als Gottesdienst interpretiert werden.

Das ganze Leben kann dann mit Sri Aurobindo als ‚integraler Yoga‘, der je nach Bewusstseinszustand verschiedene Wege und Praktiken ermöglicht, gedeutet werden. Die heute im Westen praktizierten Yoga-Übungen haben dagegen oft, allerdings nicht immer, den tieferen Bezug zu diesem ursprünglichen, religiösen Kontext verloren. Sie sind in einem profanen Umfeld dann oft nichts anderes als Psycho-, Atem- und Körpertechniken, die für innerweltliche Heilsziele, wie etwa Erfolg, Gesundheit, Jugendlichkeit, Schönheit, Sportlichkeit, instrumentalisiert werden. Dass diese Yoga-Übungen auch nützlich sein können, ist nicht zu bestreiten, aber mit den ursprünglichen Zielsetzungen des Yoga haben diese Techniken nur noch wenig zu tun.
Es ist aber unverkennbar, dass viele spirituelle Sucher sich aufgrund ihrer nicht immer ungefährlichen, aber zumeist doch positiv erlebten neuen Erfahrungen ernsthaft für die religiösen Lehren der meditativen Einheitsreligionen zu interessieren beginnen.

UW99 Gankte Erleuchtung Osten


Insbesondere die im Zen-Buddhismus praktizierten Übungen der ‚ungegenständlichen Meditation‘ und des alles Beunruhigende loslassenden ‚Stillsitzens‘ können zu neuen und fremden Erfahrungen führen, die von den Übenden als Befreiung von egobedingten Denk- und Sachzwängen empfunden werden.
Die Faszinationskraft dieser Einheitsreligionen liegt sicherlich auch darin, dass sie jedem einzelnen Menschen einen Weg anbieten, den er in eigener Verantwortung ‚ausprobieren‘ kann. Buddhismus, Hinduismus und Taoismus sind in dieser Perspektive Erfahrungsreligionen. Nicht auf den Glauben, sondern vielmehr auf die eigene Erfahrung kommt es an. Der Sucher beziehungsweise der ‚spirituelle Wanderer‘ hat hier die Freiheit, mit seinem religiösen Leben gleichsam zu ‚experimentieren‘.
Die mystischen Einheitsreligionen zeigen den Menschen einen Weg zur Erfahrung der nichtentzweiten, nichtdualistischen Wahrheit über allen innerweltlichen Gegensätzen, wie immer auch diese ‚letzte Wirklichkeit‘ im Einzelnen benannt wird: Atman-Brahman-Advaita, Nirvana-Samsara-Leere, Yin-Yang-Tao. Es handelt sich hier immer, ob positiv oder negativ beschrieben, um einen Weg, der von der täuschenden Vielheits- und Wandelwelt zur ungeteilten Einheitserfahrung und damit zur Befreiung – Moksa – führt.

Dieser östliche, sich nach innen wendende Heilsweg der Transzendierung der relativen Vielheitswelt wird gerne als Flucht aus der Wirklichkeit gedeutet, er kann aber auch umgekehrt als das Transparentwerden der eigentlichen Wirklichkeit jenseits all der optischen Täuschungen und Barrikaden des Endlichen – Maya – interpretiert werden. Anziehend wirkt auf westliche Menschen sicherlich der Wegcharakter dieser Lehren sowie der Gedanke, dass es, je nach dem jeweils erreichten spirituellen Bewussteinszustand, unterschiedliche, individualgültige Wege zur Erlösung gibt: etwa den Weg der liebenden Hingabe (Bhakti-Marga), den Weg der Erkenntnis (Jnana-Marga), den Weg der Tat (Karma-Marga) und verschiedene personenbezogene Kombinationen dieser unterschiedlichen Heilswege. Diese Eigenverantwortung kommt ‚aufgeklärten‘ westlichen Menschen, die sich auch auf dem religiösen Feld nicht gerne bevormunden lassen wollen, natürlich entgegen.

Anziehend wirkt auf westliche Menschen sicherlich der Wegcharakter dieser Lehren.

Kritisiert wird an den östlichen Heilswegen gerne die Tendenz zur Selbsterlösung, wobei zwischen dem Ego und dem Selbst zumeist nicht deutlich unterschieden wird. Die wahre Selbstverwirklichung des Menschen liegt ja gerade in der Ich-Überwindung, in der Überwindung des Eigenwillens und der Egozentrik. Es geht also sowohl bei Yoga-, als auch bei Zen-Übungen um strenge Selbstbeherrschung und Selbstdisziplinierung, also gerade nicht um einen leichten und bequemen Weg zum Heil, den man kaufen kann. Durch die zunehmenden Kommerzialisierungstendenzen wird der nicht gerade leichte buddhistische Weg zur Erleuchtung in einer Weise weichgespült, die ihn mit dem westlichen Materialismus und Konsumismus kompatibel erscheinen lässt. Der kultur- und konsumkritische Buddhismus passt aber nicht so recht in einen kapitalistischen Denk- und Lebensrahmen, was für viele Menschen, die eine einfachere Lebensform bevorzugen, wiederum seine Attraktivität steigert.
Es ist weiterhin vermutlich auch die Monotonie des gewöhnlichen Alltags- und Berufslebens in einer nicht immer gesunden, in den Materialismus versunkenen Gesellschaft, die zur heutigen Faszinationskraft der östlichen spirituellen Heilslehren beiträgt. Die Auseinandersetzung mit Alternativen zum Gegebenen ist vielleicht auch eine ‚kleine Flucht‘ aus den Zwängen des eigenen kulturell-religiösen Umfelds, auch aus familiären Erwartungshaltungen, in eine exotische, ‚irrationale‘ Erfahrungswelt, die in ihren Zielsetzungen der eigenen zweckrationalen Welt radikal widerspricht, geht es doch im Buddhismus im Kern um das Freiwerden von allen weltlichen Anhaftungen, um das radikale Loslassen von allem, was das Ego bindet.

Alle großen Weltreligionen sind, was oft vergessen wird, im Osten entstanden. Die östlichen Einheitsreligionen können als Lichtbringer interpretiert werden. Aus dem Osten könnte ein Licht kommen, das der Menschheit eine offenere, bessere, geistdurchtränktere Zukunft ermöglicht. Ein neuer religiöser Weg könnte sich aus der Anknüpfung an die besten spirituellen Traditionen der Menschheit ergeben, wobei sich die westlich-christliche Begegnungsmystik und die zur Einheitsmystik führenden östlichen Übungsformen, insbesondere die Yoga- und Zen-Praktiken, in idealer Weise ergänzen würden. Diese spirituelle Tiefenbegegnung von West und Ost würde die heute von vielen Fragenden und Suchenden befürchtete Auslöschung des Geistes in einer entheiligten Welt verhindern und die Pforten der Wahrnehmung für das Wunder unserer Existenz auf Erden wieder öffnen.

Prof. Dr. Wolfgang Gantke, geboren 1951, ist Professor für Religionswissenschaft und Religionstheologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.

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Illustrationen ©Francesco Ciccolella

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