Spiritualität

Indien ist das Geburtsland des Yoga. Wie wird heute dort praktiziert und welche Einflüsse gibt es?

Das Ziel eines jeden indischen Yogis ist das gleiche und lautet: Samadhi, Moksha oder Kaivalya. Doch die Wege dorthin sind vielfältig. Diese Ziele bedeuten auf Deutsch in etwa: Erleuchtung, Freiheit, Erwachen, Selbstrealisation, Selbstfindung, Unabhängigkeit und Ausgeglichenheit.

Yoga in Form von Körperübungen, das Hatha-Yoga, mit Asanas, so wie wir es weitgehend kennen, gibt es noch gar nicht so lange in Indien. Damals, als in den Upanishaden – einer Sammlung philosophischer Schriften aus der Zeit von circa 1000 bis 200 vor Christus – alte Yoga-Praktiken erstmals schriftlich Erwähnung fanden, wurden Karma-Yoga, der Weg der Tat, Jnana-Yoga, der Weg der Erkenntnis, und Bhakti-Yoga, der Weg der Hingabe, als die Wege des Yoga genannt. Weitere, später entwickelte Yoga-Systeme sind das Mantren-Yoga, tantrische Yoga-Formen, genannt Laya-Yoga, und der Theravada-Buddhismus sowie der Jainismus. Jedes dieser Yoga-Systeme, jeder dieser Yoga-Stile hat Schulen mit ganz spezifischen Techniken entwickelt, meist mit einem Gründer-Guru an der Spitze. So handelt es sich zum Beispiel bei Transzendentaler Meditation um Yoga auf der Grundlage von Mantren oder die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein ist eine Schule des Yoga, die auf Bhakti basiert.

Indem wir das jahrtausendealte Wissen anwenden, können wir unsere wahre Existenz jenseits aller Schichten des Egos erkennen.

Und jedes Yoga-System, das die Jahrhunderte überdauert hat und damit zu einer echten Tradition geworden ist, hat die Wirksamkeit der Techniken schlicht dadurch bewiesen, dass es die Zeiten überlebt hat. Jeder dieser Wege des Yoga beinhaltet ein konkretes Versprechen: Indem wir das jahrtausendealte Wissen anwenden, können wir unsere wahre Existenz jenseits aller Schichten des Egos erkennen und in Freiheit und ‚Realität‘ erwachen. Viele indische Yoga-Meister sind diesen Weg bis zum Ende gegangen.

In den letzten Jahren schwappt die immer größer werdende Welle der Yoga-Bewegung aus dem Westen zurück nach Indien, aber in veränderter Form. Yoga in den Großstädten ähnelt in vielen Teilen der westlichen Ausprägung. Einige indische Yoga-Meister betrachten die Entwicklung mit Sorge, denn sie sehen das nicht als Fortführung ihrer Tradition. Vierwöchige Ausbildungen machen Tausende Inder und Westler im Schnelldurchlauf zu Yoga-Lehrern und die zahlreichen neuen Yoga-Studios, die sogenanntes ‚traditionelles Hatha-Yoga‘ anbieten, lehren im Wesentlichen körperbetontes Hatha.
Neben dieser Entwicklung gibt es auch die alten Schulen und Ashrams, die herkömmliches Yoga lehren, das nach alter Tradition weitergegeben wird. Eine Ashram-Umgebung ist ein wichtiger Ort für spirituelles Lernen in Indien. In Ashrams wird Yoga im ‚Gurukula-System‘ überliefert, vom Lehrer zum Schüler, oft in jahrelangem Zusammenleben. Yoga versteht sich dort nie als rein körperliches Üben, sondern es beeinflusst den gesamten Alltag. Im Wesentlichen lernt man ein Yoga, wie es von den alten Meistern über die Zeiten weitergegeben wurde.
Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich viele weitere Angebote. Ein Millionenpublikum macht morgens vor dem Fernseher Yoga mit Baba Ramdev, einem landesweit populären Yoga-Meister. Auch Kinder lernen in der Schule Yoga. Und eine riesige Zahl von Indern übt täglich in ihren Glaubensgemeinschaften durch das Singen von Mantren oder mit anderen devotionalen Formen. Yoga gewinnt immer mehr an Bedeutung und auch auf politischer Ebene hat es inzwischen seinen würdigen Platz gefunden: Es gibt einen Minister für Yoga in Indien. Und dank einer indischen Initiative bei der UN ist der 21. Juni jetzt Welt-Yoga-Tag.

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Heute gehören die meisten Yoga-Schulen weltweit zum Hatha-Yoga-System und integrieren freizügig Elemente der anderen Systeme. Das schafft die Basis für die bunte Vielfalt von Yoga in Indien – und auch weltweit.

Zwei wichtige Persönlichkeiten und Motivatoren des modernen Hatha-Yoga waren Shri Yogendra (1897-1989) und Swami Kuvalayananda (1883-1966), die mit Paramahansa Sri Madhavadasji Maharaj (1798-1921) den gleichen Guru hatten. Außerhalb Indiens sind ihre Schulen aber weniger bekannt und so wird ihrem Werk im Westen wenig Aufmerksamkeit zuteil. Bekannt wurden hier insbesondere Tirumalai Krishnamacharya (1888-1989) und sechs seiner Schüler:
• Indra Devi (1899-2002): Sie machte Yoga in Hollywood populär.
• Pattabhi Jois (1915-2009): Er prägte von Mysore aus das dynamische Ashtanga-Yoga.
• B. K. S. Iyengar (1918-2014) nutzte im westindischen Pune Präzision und Hilfsmittel für den nach ihm benannten Stil.
• T. K. V. Desikachar (1938-2016), Krishnamacharyas Sohn, entwickelte in Chennai ein therapeutisches Yoga in der Tradition seines Vaters.
• A. G. Mohan (1945-2016): Ein hoch anerkannter indischer Yoga-Meister, Mitbegründer des bekannten Yoga-Instituts ‚Krishnamacharya Yoga Mandiram‘.
• Srivatsa Ramaswami (*1939): Er hat von 1955 bis 1988 bei Krishnamacharya gelernt und viel zur Verbreitung des Vinyasa-Krama-Yoga beigetragen. Heute lebt er in den USA.
Sie alle trugen im Laufe des 20. Jahrhunderts das Erbe in die Welt hinaus. Und wenn es um die bekannten Namen geht, sollte Sivananda-Yoga nicht fehlen: Sivananda-Yoga wurde populär, nachdem Swami Sivananda seinen Studenten Swami Vishnudevananda in die Welt hinausgeschickt hatte, um Yoga zu verbreiten.

Der absolut größte Teil des Hatha-Yoga in Indien folgt jedoch keiner ‚Brand‘ und wird beispielsweise allgemein als ‚traditionelles Hatha-Yoga‘ oder ‚Vinyasa-Yoga‘ bezeichnet.

Die Zentren des Hatha-Yoga in Indien
Es gibt sie noch immer: Die Yogis, die zurückgezogen leben – vielleicht allein, vielleicht mit einem Schüler, vielleicht mit einer eigenen, fast vergessenen Tradition. Diese Yogis wird man eher im Norden, in weit abgeschiedenen Gegenden des Himalaya oder in unwirtlichen Dschungeln antreffen. Im Übrigen verteilen sich Yoga-Lehrer, Yoga-Schulen, Ashrams und bedeutende Yoga-Universitäten überall auf dem Subkontinent, wobei von drei Hauptzentren gesprochen werden kann:
In Goa existiert eine westlich dominierte Yoga-Welt. Goa hatte keine eigene Yoga-Tradition, war es doch bis in die 1960er Jahre noch eine portugiesische Kolonie. Die Hippies mit ihrer freiheitssuchenden Kultur passten gut in den Hintergrund des ebenfalls nach Freiheit strebenden Yoga. Sie haben mitgeholfen, Goa als Yoga-Destination bekanntzumachen. Hier findet man zwar eine bunte Mischung, aber irgendwie ist es nicht typisch Indien.

Eine Ashram-Umgebung ist ein wichtiger Ort für spirituelles Lernen in Indien.

 

In Mysore ist man spätestens seit den Zeiten von Krishnamacharya, des Günstlings des Maharadscha von Mysore, mit den Lehren des Yoga vertraut. Auch Pattabhi Jois, der Begründer des populären ‚Ashtanga-Yoga Mysore Style‘, hat hier gewirkt und diese Stadt mit Traumklima in Südindien bekanntgemacht. In Mysore findet man auch viel traditionelles Hatha-Yoga.
Rishikesh nennt sich selbst gerne die ‚Yoga-Hauptstadt der Welt‘. Nachdem die Beatles in den 1970er Jahren einige Zeit hier verbracht hatten, wurde der Ort auch zunehmend im Westen populär. Zu Füßen des Himalaya in Nordindien, am heiligen Fluss Ganges, findet sich eine bunte Mischung – von alten traditionsreichen Ashrams bis hin zu experimentierfreudigen jungen Yoga-Lehrern. Die Stadt des Yoga gilt den Indern als heilig, darum sind hier Fleisch und Alkohol verboten.
Einige Yoga-Universitäten wie die in Bangalore und Delhi bieten eine gute und sehr preisgünstige Ausbildung, werden aber praktisch nur von Indern besucht. Die Bihar School of Yoga in Munger und das Kaivalyadhama Institut in Lonavala sind hier eine Ausnahme, denn sie bieten auch gezielt Ausbildungen für den interessierten Westler an.

Im Hinblick auf Yoga-Festivals ist das jährliche ‚International Yoga Festival‘ in Rishikesh – mit Lehrern aus jedem Winkel unseres Planeten – hervorzuheben und absolut empfehlenswert.

Dr. Otto Stricker ist Beobachter der indischen Yoga-Welt. Er betreibt zwei große Verzeichnisse für Yoga- und Ayurveda-Zentren in Indien: www.yoga.in und www.ayurveda.in.
 
Tipp zur Vertiefung: Otto Stricker, Isabell Lütkehaus, Zu den Quellen des Yoga, Irisiana Verlag, 2015

 

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Fotos ©pixabay

 

Kommentare  
# Barbara 2018-08-27 13:44
sehr informativer artikel!! vielen dank.
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