Spiritualität

Ein Dreiunddreißigstel meines Lebens geht dem Ende zu. 365 Tage, die jedes Jahr ein bisschen schneller vergehen. Ein Feuerwerk der Stille.

Ein Jahr, das in vibrierender Stille begann. Wie jeden Jahreswechsel verbrachte ich auch den vergangenen in einem Schweigeretreat. Rund zehn Tage, in denen ich mir erlaube, tief in die Stille einzutauchen. Ein Geschenk an mich selbst, das inzwischen Tradition in meinem Leben hat. Einen definierten Zeitraum der intensiven Meditation zu widmen – ohne E-Mails, ohne Smartphone, ohne die Geschäftigkeit des Alltags –, das ist purer Luxus für mein Herz. Neujahr 2016 verbrachte ich in ebensolch leiser Weise. Dann wurde es lauter. Viele Worte folgten, wie das in einer Redaktion so üblich ist. Im Januar begann ich bei Ursache\Wirkung zu arbeiten. Ein Magazin, das Meditation, Achtsamkeit, Ethik, Spiritualität und Weltoffenheit großschreibt. Worte, die ich auch als Liebhaberin der Stille gerne höre. Zu ihnen gesellten sich bald weitere hinzu. Müsste ich die Essenz eines jeden Tages dieses Jahres mit einem Wort erfassen, könnte das folgendermaßen klingen: Frieden, Dankbarkeit, Freude, Herausforderung, Konfrontation, Liebe, Anstrengung, Begeisterung, Unsicherheit, Überraschung, Bestürzung, Verletzung, Seligkeit, Inspiration, Fokus, Tanz, Weite, Enge, Kreativität, Zufriedenheit, um nur einige wenige zu nennen.
Sie sind Ausdruck für das pulsierende Leben. Im Hinduismus wird der kosmische Urklang ‚Nada Brahma‘, aus dem alles entspringt, beschrieben. Das Christentum schildert in ähnlicher Weise ‚Im Anfang war das Wort‘. In der Vajrayana-Richtung des Buddhismus sind heilige Silben, Mantras, so bedeutsam, dass sie auch ‚Mantrayana‘ bezeichnet werden. Kaum eine spirituelle Tradition lässt die Bedeutung des Wortes außer Acht und dennoch gerät die Kraft, ja regelrechte Macht unserer Worte oft in Vergessenheit. Sie sind Vorboten unserer Taten, die wiederum unser Wesen formen, das seinerseits das Steuerrad des Lebens lenkt. Wie wir mit Worten prägen, verletzen und entzücken können, wissen wir alle. Sätze wie ‚Du bist nicht gut genug‘, ‚Ich mag dich nicht sonderlich‘ oder ‚Ich liebe dich‘ sind zwar bloß aneinandergereihte Buchstabenketten, nichtsdestotrotz haben sie einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Sie können augenblicklich und unmittelbar unseren Tag versüßen, unsere Entscheidungen beeinträchtigen und unsere Gefühlswelt neu ordnen. Meine kleine Nichte hat in diesem Jahr nach ‚Mama‘, ‚Papa‘, ‚Ball‘ und ‚Bär‘ schließlich auch ‚Tante‘ über die Lippen gebracht. Ein kostbarer Moment! Der Sinn des Schweigens in Meditationsretreats liegt in ebendieser Kraft der Worte. Verzichten wir für einige Zeit auf verbale Kommunikation, richten wir diese Geisteskraft auf unser inneres Erleben. Was wir in der Regel zunächst entdecken, sind nur noch mehr Worte. In meinem ersten Meditationsrückzug vor circa fünfzehn Jahren erlebte ich das Schweigen ganz und gar nicht leise. Meine Gedanken rasten kreuz und quer. Mit der Zeit stellte sich allerdings ein Feingefühl für den Klang hinter dem Wort, hinter den Gedanken ein. Die äußere Stille hilft, eine innere zu kultivieren. Bringen wir unseren Kopf schließlich ganz zum Schweigen, eröffnet sich ein vollkommen transformierter Erlebenshorizont, und was sich dann einstellt, ist so viel lebendiger, so viel vibrierender, als der regungslose Meditationssitz vermuten lässt. Kein Feuerwerk kann mich so begeistern wie die geballte Kraft der Stille.

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