Spiritualität

Erinnerungen an die wertvollen Zeiten mit einem hervorragenden Lehrer der buddhistischen Praxis – Thich Nhat Hanh.

Es fällt mir leicht, mich zu erinnern, weil ich mich gerade im Intersein-Zentrum für Achtsamkeitspraxis im Bayerischen Wald befinde, dessen Entstehung, Thay zu verdanken ist. ‚Thay‘ bedeutet Lehrer, und so wird Thich Nhat Hanh von seinen Schülern genannt. Hier erinnert alles an Thay und seine großen Retreats, hier sind nicht nur Bilder, Bücher und Kalligrafien von ihm, sondern man kann seine Präsenz und Energie der Achtsamkeit und Liebe spüren. Hier lebt und praktiziert eine Gemeinschaft, hier werden Kurse im Sinne von Thays angewendeter Achtsamkeit abgehalten. Die Begründer erzählten mir, dass Thay auf einer Bank ein Stück vom Zentrum entfernt sitzend sagte: „Hier könnt ihr eine Hütte für Thay bauen.“ So geschah es und so ließ Thay mit seinen Visionen Großes entstehen.
Ich begegnete Thay zum ersten Mal, als er mit Karl Schmid in Deutschland unterwegs war und Vorträge hielt. Karl wurde, obwohl aus einer anderen buddhistischen Richtung, schnell ein hilfreicher Schüler von Thay. Das war eine von Thays Stärken, schnell Herzen und Anhänger mit seiner liebevollen Art, seinem bezaubernden Lächeln und staunenden Blick und seiner Fähigkeit, in einfachen Worten die Lehre zu erklären, zu gewinnen. Auch ich war fasziniert von diesem vietnamesischen Mönch und seiner berührenden Ausstrahlung. Allerdings hatte ich damals schon ein eigenes Zentrum und viele Jahre Verbindung mit meinen Lehrern des Theravada, sodass ich gerne für Thay organisierte, aber meiner Richtung treu blieb. Ich studierte und interpretierte die Reden des Buddha, die oft schwerer Stoff sind, und war deshalb begeistert von Thays Art, die alten Texte so modern, leicht und verständlich zu übersetzen. 
Einige Male war ich in Thays Zentrum in Plum Village in Frankreich, zu Beginn auch deshalb, weil man da im Sommer mit den Kindern kommen konnte, auch eine Neuerung von Thay, die viele Eltern begeisterte. Dort fanden dann natürlich keine Schweigeretreats statt, wie ohnehin dort wenig im stillen Sitzen praktiziert wurde, was für Vipassana oder Zen zunächst ungewohnt war. Thay legte mehr Wert darauf, den gewöhnlichen Alltag als Übung der Achtsamkeit zu nehmen. Ich erinnere mich noch, wie ich lernte, mit dem Essen zu warten, bis alle etwas auf dem Teller hatten und eine Betrachtung rezitiert wurde, wie ich normal über das Gelände ging und ermahnt wurde, immer langsam zu gehen, wie ich lernte, beim Geräusch einer Uhr, eines Telefons oder eines Gongs in meiner Bewegung innezuhalten. Thay produzierte mit unglaublicher Kreativität immer wieder neue, originelle und hilfreiche Achtsamkeitsübungen. Die Praxis im Alltag, das ist die eigentliche Meditation. Wenn Menschen behaupteten, sie könnten nicht meditieren, so hörte ich Thay sagen: „Können Sie Tee trinken? Dann können Sie meditieren.“ 
Jahre später bei einem Interview in Waldbröl, in seinem Institut für angewandten Buddhismus, wagte ich es zu sagen, dass doch diese Meditation im Alltag gar nicht einfach zu praktizieren sei und ob man als Lehrer das den Übenden nicht sagen sollte. Er antwortete sinngemäß, dass er nicht meine, man solle das sagen. Als ich nochmals nachhakte, antwortete er lächelnd: „Aber es ist einfach.“
Ein besonderes Anliegen von Thay war die Förderung der monastischen Sangha, also der klösterlichen Gemeinschaft, wie auch das Zusammenleben von Laien und das Bauen von Gemeinschaften. Als er etwa merkte, dass es trotz Achtsamkeit in seinen wachsenden Gemeinschaften Unfrieden und Ärger gab, erfand er die Übung ‚Neubeginn‘ oder den ‚Friedensvertrag‘, die auch im weltlichen Leben sehr hilfreich zur Lösung von Konflikten sein können. Diese Rituale sind eine Schule der achtsamen Kommunikation. Einmal empfahl er bei einem Retreat, sich besonders um einen anderen Teilnehmer zu kümmern, er nannte das ‚second body‘, und ich lernte dadurch ganz viel natürliche Fürsorge. Besonders wichtig waren für mich die ‚Erdberührungen‘, die mich in eine tiefe Verbindung mit meinen eigenen Wurzeln brachten, und die Übung, sich mit den Eltern zu versöhnen, indem man kontempliert, dass diese auch einmal kleine Kinder waren. Tief bewegt hat mich auch seine Interpretation der buddhistischen Ethik. Am Anfang nannte er sie ‚Richtlinien‘, um sie später Achtsamkeitsübungen zu nennen, in denen die positive Seite stark betont wird. Dennoch war er soweit asiatischer Mönch, als er empfahl, diese Übungen als ein Gelübde in einer Zeremonie anzunehmen. Einmal sagte eine Frau, dass sie in Frankreich lebend das Trinken von Wein als zu ihrer Kultur gehörig empfand und kein Problem damit hätte, dennoch achtsam zu sein. Thay antwortete, dass sie für sich das so handhaben könne, sie solle aber bedenken, dass ihr Verhalten junge Menschen beeinflussen könnte, die dann das Trinken nicht unter Kontrolle bekämen.
Ich habe für Thay das erste größere Retreat in Deutschland in der Eifel organisiert, später noch größere Veranstaltungen in Köln, Neuss und Mainz, ich war mehrmals in Plum Village, ich habe die Eröffnung in Waldbröl und die ersten großen Retreats dort mitgemacht, aber Thay war für mich und die meisten westlichen Schüler, die ich kenne, nie ein Lehrer zum Anfassen, keine Person, mit der man mal ungezwungen reden konnte. Selbst als die Gemeinschaft noch klein war, fand man ihn zum einen fast nie allein, sondern immer in Gruppen. Zum anderen lag es sicher auch an den Regeln der monastischen Tradition, die Mönchen eine Distanz zu Laien vorschreiben. So erklärte mir einmal eine Nonne, dass Thay nach außen milde, aber zu den Mönchen und Nonnen auch streng und absolut autoritär sein konnte. Wenn er jemanden für eine Aufgabe bestimmte, so gab es keine Weigerung.
Zu Beginn des neuen Zentrums in Waldbröl führte ich einmal ein Interview mit ihm und stellte kritische Fragen nach den unerwarteten Kosten des Gebäudes. Thay war allerdings nicht bereit, irgendetwas in dieser Sache aufzuklären, und meinte nur sinngemäß: „Ihr macht euch Sorgen. Das sollt ihr nicht. Wir machen uns auch keine Sorgen. Wir sind Mönche und Nonnen und haben überhaupt kein Geld. Wir haben unsere Vision.“ Damit war die Sache für ihn abgeschlossen. Zudem waren seine Aufgaben so umfangreich, dass seine Zeit sehr kostbar war. Ich erinnere mich, dass ich in Berlin einen organisatorischen Termin mit ihm hatte und mich freute, ihn zu sehen. Er selbst kam jedoch nicht und eine Nonne erklärte mir, dass Thay dafür keine Zeit habe, denn er wäre ständig damit beschäftigt, Bücher zu schreiben, um viele Menschen zu erreichen. Nun kann man verstehen, warum es allein auf Deutsch fast hundert Bücher von ihm gibt.
Zwei Geschichten, die er uns erzählte, haben mich sehr beeindruckt. Erstens: Warum geht Thay immer langsam? Selbst wenn das Flugzeug wartete, war er nie bereit, schneller zu gehen. Das kam so: Auf einer Pilgerreise auf den Spuren des Buddha bestieg er, wie viele Pilger, den Geierberg gemessenen Schrittes. Die meisten gehen anschließend wieder normal nach unten, doch Thay beschloss, langsam abzusteigen. In der Unterkunft angekommen, fragte er sich, ob er nicht weiterhin so achtsam gehen sollte, und so beschloss er, das für den Rest seines Lebens zu tun.
Zweitens: Was ist und wie entstand die Umarmungsmeditation? Thay war einmal in den USA bei einem Kongress eingeladen, wo auch Martin Luther King sprach. Zum Abschied umarmten sich alle. Thay als buddhistischer Mönch konnte sich das nicht erlauben. Wenig später wurde Martin Luther ermordet und Thay bedauerte es, ihn nicht umarmt zu haben. So erfand er ein Ritual, bei dem sich Mönche und sogar Nonnen – eine Revolution in Asien – mit anderen achtsam umarmen dürfen.
Seit seinem Schlaganfall vor fast zwei Jahren kann Thay nicht mehr sprechen und ist in allen körperlichen Funktionen sehr eingeschränkt. Das ist ein großer Verlust für die Welt, aber dennoch ist er in einer Weise präsent, die alle sehr berührt, motiviert und der weltweiten Sangha einen starken Halt gibt.

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