Spiritualität

Warum das außergewöhnliche Leben und die befreienden Lehren Buddhas Menschen seit Jahrtausenden inspirieren.

Manche werden sich fragen, ob das, was Buddha gelebt und gelehrt hat, für uns heute tatsächlich noch relevant ist. Er ist eigentlich nicht als Begründer einer Religion von Bedeutung, wahrscheinlich hatte er auch nie die Absicht, eine solche ins Leben zu rufen. Versprechungen von erstrebenswerten Belohnungen oder Drohungen vor zu befürchtenden Strafen in zukünftigen Seinszuständen, von denen gab es damals und gibt es auch heute noch genug.
Inspirierend ist vielmehr die Tatsache, dass Buddha, ‚der Erwachte‘, ein befreiter Mensch war, der das Wesen von Herz und Geist zutiefst verstanden hatte und fähig war, durch Belehrungen und geschickte Mittel einen gangbaren Weg zur inneren Freiheit aufzuzeigen. Seine Belehrungen sind auch heute noch von eindeutiger Relevanz – in jeder Gesellschaft und Kultur. Vorausgesetzt, wir betrachten den buddhistischen Praxisweg nicht einfach als eine Form der Zugehörigkeit zu einer (neuen) Religion oder als eine Meditation, in der man sich übt, etwas achtsamer und gesammelter durchs Leben zu gehen. Was der Buddha lehrte, brachte er selbst auf den Punkt: „So wie das Meerwasser nur einen Geschmack hat, den Geschmack des Salzes, so hat auch meine Lehre und Schulung nur einen Geschmack, den Geschmack der Befreiung.“
Der Prinz Siddharta wuchs umsorgt und in Wohlstand auf, davor beschützt, sich mit den harten Tatsachen des Daseins wie Alter, Krankheit, Sterblichkeit sowie Vergänglichkeit in jeder Form auseinandersetzen zu müssen – ähnlich wie das für einen Großteil von uns zutrifft, die wir in der europäischen Wohlstandsgesellschaft leben. Es braucht eine Konfrontation mit den unergründlichen, leidvollen Gegebenheiten des Daseins, um aufzuwachen und die wesentlichen Lebensfragen zu stellen: Was soll das alles? Bin ich den Zufälligkeiten des Lebens ausgeliefert? Gibt es einen Weg, eine innere Freiheit zu finden, die nicht vom Heil oder Unheil des Daseins abhängig ist? Und was gehen mich die Mitmenschen und die Mitwelt an?

Die ‚himmlischen Botschafter‘ Krankheit, Alter und Tod, denen der Prinz auf Ausflügen aus seinem Wohlstandsgefängnis begegnete, bewirkten genau dies. Bei uns können es Lebensdramen sein, die uns wachrufen, auch Aufenthalte in sogenannten Entwicklungsländern, die länger dauern als Touristenferien und uns die harten Realitäten des Daseins erkennen lassen, oder die Ereignisse der Gegenwart, die uns aufrütteln, weil die Dramen der übrigen Welt näher an Europa herangerückt sind. All dies sind ‚Botschaften‘, die zwar unerwünscht, aber für uns doch oft auch heilsam und aufweckend sind.
Der Bruch mit seinem komfortablen Leben war radikal, als sich der Prinz von Palast, Familie und Hofstaat trennte. Er ließ alles hinter sich, um sich vollständig der Praxis zu widmen. Für uns ist es auch förderlich, etwas von diesem Geist aufzunehmen oder uns zumindest zu fragen, ob wir überhaupt bereit sind, irgendetwas aufzugeben. Hier war der zukünftige Buddha in seiner Radikalität ein großes Vorbild. Stellen wir uns vor, er wäre für ein paar Tage oder zwei, drei Wochen in die Hauslosigkeit gezogen, bestückt mit Scheckkarte und Handy – wir wären sicher etwas weniger beeindruckt und inspiriert von seinem Leben.
Durch die Jahre der asketischen Praxis, während denen der Bodhisattva nach Wegen suchte, seinen Geist und sein Herz endgültig von den täuschenden und quälenden Emotionen zu befreien, brachte er große Geduld und außerordentliche Ausdauer auf. Er wandte selbst die schwierigsten, anspruchsvollsten und herausforderndsten Übungen an, die man damals kannte.
Gleichzeitig war er bereit, sich von Lehren und Praktiken abzuwenden, die er als nicht hilfreich und befreiend erkannte. Dies nicht, weil er ihrer überdrüssig war oder weil er sie zu anstrengend fand, sondern weil er sie gemeistert, aber als unzureichend erkannt hatte. Seine ersten beiden Meister hatte er verlassen, nachdem er ihre Lehren verwirklicht hatte. Er widerstand der Versuchung, selbst neben ihnen als Lehrer zu wirken. Nach Jahren radikaler Praxis gab er auch die Askese auf, als er erkannte, dass sie nicht zum erstrebten Ziel führen würde. Dies riskierte er, obschon er dadurch harte Kritik erntete und all seine Anhänger verlor.
Mit Ausdauer an der Praxis dranbleiben, aber auch seinen Kurs ändern können, wenn sichtbar wird, dass etwas nicht den erhofften Erfolg bringt, das sind sehr wertvolle Qualitäten, auch auf unserem eigenen Weg.
Der Buddha wagte immer wieder Schritte ins Unbekannte, auch in der Art und Weise, wie er später Dharma lehrte. Wagen auch wir es immer wieder, hinzuschauen, zu erforschen und zu prüfen: Sind die Dinge tatsächlich so, wie sie gelehrt werden, wie es die Tradition oder die Gesellschaft will, wie wir sie entsprechend unseren gewohnten Sichtweisen sehen?
Das inspirierendste Ereignis in Buddhas Leben ist sicherlich das große Erwachen unter dem Baum in Bodhgaya, in dem er das Wesen des Daseins zutiefst durchschaute und seinen Geist vollständig befreite. Er war zur endgültigen und tiefsten Offenheit, Klarheit und Ganzheit gelangt, frei von Verlangen, von Hass und von Täuschung. In seinen Worten: „Tiefer, grenzenloser Frieden ist es, den ich gefunden habe.“ 
Hier liegt die überragende Bedeutung Buddhas für uns heute. Er erkannte die Möglichkeiten des menschlichen Herzens und Geistes. Er vertröstete sich nicht auf ein beglückendes Jenseits, sondern setzte sich direkt mit dem eigenen Geist in dieser Welt – im Hier und Jetzt – auseinander. Er fand eine Lösung für das Dilemma des Leidens, eine Lösung, die von jedem – und jederzeit – anwendbar ist. Sein Leben lässt keinen Zweifel darüber, was für uns Menschen tatsächlich möglich ist. Es lässt auch keinen Zweifel daran, wie viel es dazu braucht, nämlich die vollständige Hingabe an die Praxis. Dabei geht es bei diesem Vorbild eines befreiten und vollkommenen Menschen nicht so sehr um ein Ideal, an dem wir uns messen sollten, sondern um die Inspiration, sich mit Entschlossenheit der Praxis zuzuwenden, um sich in Richtung innerer Freiheit und Ganzheit zu entwickeln.
Nach dem ‚großen Erwachen‘ erfreute sich der Buddha des tiefen Friedens der befreienden Erkenntnis. Er glaubte vorerst, dass es niemanden gebe, der ihn verstehen würde. Schließlich realisierte er aber, ‚dass es Lebewesen gibt, die nur wenig Staub auf den Augen haben‘, und er begann zu lehren. Es war in diesem Moment, dass sein Mitgefühl und das Bodhisattva-Versprechen, welches er vor Äonen dem Buddha Dipankara gegeben hatte, zur Vollendung gelangten.
Er lehrte die vier berühmten Lehrsätze: Das Dasein ist unzulänglich und oft leidvoll. Die Ursachen für Leiden liegen in unserem eigenen Herzen und Geist. Die Befreiung vom Leid ist möglich. Es gibt Mittel und Wege, die Befreiung zu verwirklichen. 
Was der Buddha damals entdeckt und gelehrt hatte, behält auch für uns seine Gültigkeit. Auch heute gibt es diesen Weg des Erkennens und der Befreiung, zu dem jeder erwachen kann. Es gibt diesen Weg der Liebe und des Mitgefühls, den jeder von uns für sich selbst wiederentdecken und verwirklichen kann.
Wovon wir auch lernen können, ist die Tatsache, dass Buddha die Sitten und Bräuche seiner Kultur respektierte, aber dort, wo er sie unheilsam, schädlich oder nutzlos fand, nicht zögerte, sie explizit abzulehnen, und wenn notwendig auch kritisierte. Hinterfragen sollte sogar als dringend notwendig gesehen werden, wenn die Praxis in unserer Gesellschaft wirkungsvoll sein soll. Dies bedeutet auch, dass wir uns – wie einst der Buddha – von unheilsamen und auch von nutzlosen religiösen Formen, Ritualen und Überlieferungen lossagen sollten.
Buddhas Leben und seine Lehre, die über zweieinhalb Jahrtausende durch die verschiedensten Kulturen und Epochen ununterbrochen weiter angepasst, angewandt und gelebt wurde, können auch für uns heute von großem Wert sein. Vorausgesetzt, wir sind zumindest daran interessiert, Dharma in unser Leben zu integrieren oder – noch viel besser – unser Leben in den Dharma zu integrieren.

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Kommentare   

# Raphael 2017-11-29 14:28
Jeder kann und jeder sollte erwarchen. Erwachen hilft uns zu uns selbst zu finden!
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