Spiritualität

Die Tiefen des indischen Tantra-Weges zu erforschen bedeutet, systematisch und konsequent zu üben. Lernen Sie mit folgenden Einzelübungen den Reichtum des buddhistischen Tantra kennen.

Vasenatmung

Die Vasenatmung ist eine Übung, um das innere Feuer zu wecken. Dabei wird die nach unten fließende Energie umgekehrt, so dass sie nach oben fließt. Im Yoga wird diese Übung als Vajroli-Mudra bezeichnet. Diese wird geübt, um die sexuelle Energie im Körper zu halten. Beginne mit dieser Übung. Übe täglich mindestens zehn Minuten.

Sitze aufrecht im Yogasitz oder mache die Übung im Stehen.
Die Hände sind neben dem Körper.
Atme langsam ein
und kontrahiere die Muskeln, die dein Sexorgan umgeben,
mache gleichzeitig mit den Händen Fäuste.
Halte die Luft an, so lange es angenehm ist,
atme dann aus, entspanne dabei deine Hände.
Übe täglich zehn bis 15 Minuten.

Wechselatmung

Aus der Sicht des Tantra haben wir 72.000 Kanäle. Drei davon sind die wichtigsten. Es sind der linke, der rechte und der mittlere Kanal. Nach unserer Anatomie entspricht der linke Kanal dem parasympathischen und der rechte Kanal dem sympathischen Nervensystem. Der linke Kanal entspannt und der rechte aktiviert uns. Im mittleren Kanal sind beide im Gleichgewicht. Wir fühlen uns dann ausgeglichen, leicht und angenehm. Wenn wir durch das linke Nasenloch atmen, sprechen wir den linken, durch das rechte Nasenloch den rechten, und wenn wir durch beide Nasenlöcher atmen, den mittleren Kanal an.

Sitze aufrecht im Yogasitz oder mache die Übung im Stehen.
Mache mit deinen Händen Fäuste,
wobei der Daumen den Ringfinger berührt.
Ziehe die Fäuste zur Brust
und stoße sie nach vor.
Gehe mit beiden Fäusten nach links
und dann mit der rechten Faust zur linken Brust.
Dann gehe mit dem linken Zeigefinger
zum rechten Nasenloch und verschließe es.

Atme durch den linken Kanal ein,
wobei du ihn als weiß siehst.
Wechsle das Nasenloch
und atme durch den rechten Kanal aus,
wobei du ihn als rot siehst.
Wiederhole die Atmung dreimal.

Gehe dann mit den Händen wieder nach unten.

Mache die Übung seitenverkehrt.
Atme durch das rechte Nasenloch ein
und durch das linke aus.
Wiederhole die Atmung dreimal.

Gehe dann mit den Händen wieder nach unten.

Atme dann durch beide Nasenlöcher ein
und schließe beide Fäuste.
Sieh den mittleren Kanal in blauer Farbe.
Atme durch den mittleren Kanal aus
und öffne deine Hände.
Wiederhole die Atmung dreimal.

Die vier Unermesslichen

Die vier Unermesslichen sind Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und gleichmütiges Akzeptieren. Gleichmütiges Akzeptieren bedeutet, niemanden abzulehnen. Wir sollen diese vier Geisteshaltungen in uns entwickeln und dann ausstrahlen. Wir werden dann freundliche, mitfühlende, fröhliche und annehmende Menschen. Diese Haltungen strahlen wir aus, damit auch andere Menschen so werden. Wir lösen damit negative Emotionen wie Hass, Gier, Wut und Eifersucht auf und entwickeln vollkommene Weisheit. Schließlich erlangen wir das Buddha-Bewusstsein. Mit dem Wunsch, die Erleuchtung zum Wohle aller Menschen zu erlangen, entwickeln wir Bodhicitta – den Erleuchtungsgeist.

Mache im Tagesverlauf eine Pause,
setze dich und denke folgende Formeln.
Atme dabei wie angegeben:

„Das Glück aller erleuchteten Wesen empfindend atme ich ein.
Das Glück an alle fühlenden Wesen aussendend atme ich aus.“

„Freundlichkeit empfindend atme ich ein.
Freundlichkeit aussendend atme ich aus.“

„Mitgefühl empfindend atme ich ein.
Mitgefühl aussendend atme ich aus.“

„Mitfreude empfindend atme ich ein.
Mitfreude aussendend atme ich aus.“

„Alle Menschen annehmend atme ich ein.
Gleichmütiges Akzeptieren aussendend atme ich aus.“

Mache die ganze Übung sechsmal am Tag.

Chakrayana

Bei den Chakrayanas gehen wir mit unserem Bewusstsein in ein Chakra. Die Chakren sind Energiezentren. Im buddhistischen Tantra übt man im geheimen Chakra (unsere Sexorgane), im Nabel-, Herz-, Kehl- und Stirn-Chakra. Bei dieser Übung üben wir Dharana (Konzentration) auf das geheime und das Stirn-Chakra. Dabei verwenden wir einen Blick, der im Yoga als Shambhavi-Mudra bezeichnet wird. Wir blicken dabei vor uns hin, ohne etwas direkt anzusehen. Wenn wir mit geöffneten Augen blicken, ist unser Blick nach außen gerichtet. Wir sehen dann das ganze Umfeld und schließlich auch unsere Nasenspitze und die Augenbrauen. Wenn wir die Augen schließen und genauso schauen, sehen wir nach innen. Wenn wir die gleiche Übung mit geschlossenen Augen ausführen, richtet sich unser Blick nach innen – aber wieder nicht auf einen bestimmten Gegenstand, sondern in die Weite. Unser Inneres besitzt die gleiche Weite wie unser Äußeres. In der Sprache des Tantra sind Makrokosmos und Mikrokosmos dasselbe. Der äußere Kosmos umgibt uns in unendlicher Weite, der innere Kosmos führt in die unendliche Tiefe. Mit geöffneten Augen schauen wir in die unendliche Weite, mit geschlossenen in die unendliche Tiefe. Der mittlere Kanal ist unser spiritueller Kanal. Er beginnt bei unserem Sexorgan, geht die Wirbelsäule entlang und endet im Stirn-Chakra. Man bezeichnet diese Stelle als ‚Drittes Auge’. Über das ‚Dritte Auge’ öffnen wir uns zum Kosmos.

Mache diese Übung im Sitzen, am besten in Siddhasana.
Ziehe dabei einen Fuß an und lege ihn unter deinen Körper.
Den anderen lege davor.

Übung 1
Nach außen gerichtete Dharana auf das Stirn-Chakra

Öffne die Augen und schaue im Shambhavi-Mudra geradeaus,
ohne den Kopf zu bewegen, konzentriere dich auf den Bereich deiner Augenbrauen,
übe Dharana auf das Stirn-Chakra aus,
übe ein bis drei Minuten.

Übung 2
Nach innen gerichtete Dharana auf das geheime Chakra

Schließe die Augen,
atme ruhig ein und aus,
übe Dharana auf dein Sexorgan aus,
ohne die Muskeln zu kontrahieren,
übe ein bis drei Minuten.

Übung 3
Nach innen gerichtete Dharana auf das Stirn-Chakra

Schließe die Augen und übe Dharana auf dein Stirn-Chakra aus,
übe ein bis drei Minuten.

Übung 4
Nach außen gerichtete Dharana auf das geheime Chakra

Öffne die Augen,
atme ruhig ein und aus,
übe Dharana auf dein Sexorgan aus,
kontrahiere leicht die Muskeln deines Sexorgans
und halte die Kontraktion während der Übung,
übe ein bis drei Minuten.

Führe die Übungsreihe täglich aus.

Shakti Lila – das Spiel der Shakti

Shakti Lila ist die wiegende Bewegung. Wenn das Kind unruhig ist, nimmt die Mutter es in den Arm und wiegt es hin und her. Die wiegende Bewegung wirkt beruhigend auf uns. Wir können diese Mudra im Sitzen üben, in der Umarmung mit einer Partnerin/ einem Partner und im Liebesspiel. Diese Mudra vereint eine besondere Atmung mit einer besonderen Bewegung. Beide wirken beruhigend auf unsere Psyche. Ujjayi-Pranayama wird als psychischer Atem bezeichnet. Er hört sich an wie das Schnarchen eines Babys. Das Geräusch entsteht in unserer Nase. Ujjayi-Pranayama kann man überall üben – in der U-Bahn ebenso wie bei Arbeitspausen. Die Bewegung – also die eigentliche Mudra – besteht in einem Hin- und Herwiegen. Dies hat eine beruhigende Wirkung. Wenn wir einander umarmen, wiegen wir uns ähnlich hin und her. Spirituell gesehen wirkt diese Übung beruhigend auf unser Körperempfinden, das dann zu einer Beruhigung unserer Psyche und unseres Geistes führt.

Mudra

Übe in Siddhasana,
schließe deine Augen,
atme mit Ujjayi-Pranayama ruhig und gleichmäßig aus und ein,
bewege dabei den Oberkörper hin und her.
Übe täglich einige Minuten.

Shakti Lila

Übe in Siddhasana,
schließe deine Augen,
atme ruhig.
Führe mit dem Oberkörper eine drehende Bewegung aus,
nach vor, nach links zur Seite,
nach hinten,
nach rechts zur Seite und wieder nach vorne.
Übe täglich einige Minuten.

In der Umarmung

Umarmt euch im Stehen,
legt dazu den ganzen Körper aneinander,
ihr spürt euch dann auch im geheimen Chakra,
wiegt euch sanft hin und her.
Übt täglich einige Minuten und immer vor der Übung in der Vereinigung.

Karma-Mudra – das Vereinigungsritual

Das Vereinigungsritual soll man an einem geschützten Ort ausführen. Wenn man dafür einen eigenen Raum hat, soll man einen Altar errichten und die Hauptgottheit mit Gefährtin sowie die Göttinnen einladen, anwesend zu sein. Die Hauptgottheit mit Gefährtin kann man mit einem Thangka oder einer Skulptur in der Mitte des Altars platzieren. Die Göttinnen sind in Musik und Tanz, im Lachen und in sinnlichen Berührungen, in duftendem Weihrauch und Kerzenlicht sowie in süßen Speisen und Blumengirlanden anwesend. Man soll den Altar schmücken, zu schöner Musik tanzen, sich in der Begegnung berühren und umarmen. Dann stellt man eine Kerze und ein Glas Wein zum Lager und beginnt mit dem Vereinigungsritual.

Vereinigt euch,
als Frau lege dich auf den Rücken,
als Mann setze dich kniend auf einen Sitzpolster.
Vereinigt euch.
Umschlinge als Frau den Körper deines Partners
und wiege ihn sanft vor und zurück,
als Mann gehe in der Bewegung mit,
oder stütze dich mit deinen Füßen an ihm ab
und wiege ihn sanft vor und zurück,
als Mann gehe in der Bewegung mit,
oder führe als Frau eine leichte Beckenbewegung aus,
als Mann gehe in dieser Bewegung mit,
so wiegt ihr euch gegenseitig.
Übt zweimal pro Woche.

Mahamudra

Legt euch in eine seitliche Umarmungshaltung, etwa in der Scherenhaltung.
Verweilt ruhig atmend
und meditiert über die ‚Spontane Große Glückseligkeit’.
Übt zehn bis 15 Minuten nach der Übung in der Vereinigung.

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