Spiritualität

‚Heilkraft Sexualität’ – vermutlich würde Buddha über dieses Thema schmunzeln, versteht er doch unter Heil etwas ganz anderes, als hier gemeint sein kann.

Keine Angst! Ich will im Folgenden nicht Friedrich Schillers ‚Kunstgriff’ anwenden:

„Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen?
Malet die Wollust – nur malet den Teufel dazu.“
(Xenien und Votivtafeln)

Tatsache ist: Für Buddha stammt alles Leiden aus Begehren. Sexualität ist aber vorwiegend Begehren. Das wissen wir alle, können es aber auch im vielbändigen Wiener Bilderlexikon der Erotik (1928-1931) nachlesen:

„Geschlechtstrieb ist das Begehren, das Verlangen nach geschlechtlichen Handlungen und schließt diejenigen psychischen Vorgänge in sich, die zum Sexualverkehr, resp. zu irgendeinem Geschlechtsakt anregen und während des Aktes begleiten.“ (Bd. 3, S. 334)

„Man hat früher den Sexualtrieb nur als Fortpflanzungstrieb aufgefasst und alle sexuellen Erscheinungen nur von diesem Standpunkt aus betrachtet. Der Fortpflanzungstrieb ist als solcher psychologisch nicht nachweisbar, sondern nur als Streben nach Lust. Freud spricht von einer Lustprämie, die die Natur dem Individuum für die Fortpflanzung ausgesetzt hat.“ (Bd. 3, S. 740)

Und auch das Sprichwort sagt:
„Auf Liebe folget Leid.“
„Auf Wollust folgt Unlust.“
Für Buddha folgt Leiden aus Nichtwissen, daraus, dass man die Realität und ihre Gesetzmäßigkeiten nicht sieht. Wie man im gesamten Tier- und Menschenreich beobachten kann, vernebeln Sexualhormone das klare Denken, die Vernunft und den Blick für die Realität. Das drücken zahlreiche Sprichwörter aus:
„Bei der Lieb ist man nicht recht bei Sinnen.“
„Blinde Lieb für schön erkennt, was auch hässlich und geschänd’t.“
„Die Liebe macht auch kluge Leute zu Narren.“
Levin Schücking berichtigt allerdings:
„Die Liebe, sagt man, wäre blind;
Ich will den Satz nicht ganz bestreiten;
Doch wo die meisten Thaler sind,
Sah sie recht gut zu allen Zeiten.“
(Welt und Zeit, 1855)

Ich hatte das Vergnügen, buddhistische Versuche in Wort und Schrift zu genießen, Sex mit Begierdelosigkeit zu versöhnen. Konsequent durchdacht führt das bei Frauen zum Ideal der Frigiden oder der gefühlslosen Prostituierten. Da bei Männern Sex ohne Begierde schwer möglich ist, ist die Konsequenz das frühere christlich-pietistische Ehe-Ideal. Nach diesem sehen sich Eheleute beim Sex grundsätzlich im Nachthemd, das in der Gegend der Geschlechtsorgane einen kleinen aufknüpfbaren Verschluss hat, gerade groß genug, um einen möglichst lustlosen Quickie zu ermöglichen. Nein, solcher Unsinn liegt Buddha fern.

Sex ist ein Hindernis, wenn man kurz vor der Überwindung allen Leidens steht. Wer von uns ist aber so weit?

„Wer die Wollust wollt abschaffen, der würde die Menschen und Tiere vertilgen.“ (Sprichwort)

Für jemanden, der ohne dafür reif zu sein, einen sexlosen Lebensstand wählt, gilt, was Martin Luther über christliche Mönche und Nonnen gesagt hat:

„Sie wollten den Tropfen Wollust meiden und gerieten dafür in den Ozean der Begierden.“

Für uns, die wir noch einen weiten Weg bis zur Beendigung des Leidens zu gehen haben, hat Buddha vorzügliche Lockerungsübungen vorgeschlagen, vor allem Freigebigkeit und die Einübung der fünf Trainingspunkte der Sittlichkeit. Der dritte Trainingspunkt lautet: kāmesu micchācārā veramaṇī sikhāpadaṃ samādiyāmi – Enthaltung von sexuellem Fehlverhalten – Ich nehme diesen Trainingspunkt auf mich.
Unter ‚sexuellem Fehlverhalten’ wird oft nur Ehebruch verstanden. Das ist aber zu kurz gegriffen. Die fünf Trainingspunkte der Sittlichkeit sind ja nichts anderes als eine Entfaltung des Grundprinzips der Laienethik, nämlich der freigebigen Gabe von Angstlosigkeit und Furchtlosigkeit an die Mitwelt. Darum kann man den genannten Trainingspunkt so umschreiben: „Ich trainiere ein Verhalten, dass meine Mitmenschen von mir nicht sexuelle Gewalt, sexuellen Missbrauch, Verletzung erotisch-sexueller Treuversprechen und Zerstörung von Beziehungen befürchten müssen.“ (Schlecht ist, was verletzt.) So praktizierte Sexualität ist tatsächlich befreiend, heilkräftig, nicht nur als Triebabbau, sondern vor allem als Angstlöser für unsere Mitmenschen.
Sie ahnen, dass ich von Sex-Tantra nicht viel halte. Warum braucht Sex zwischen sich mögenden Menschen eine ‚spirituelle’ Erhöhung; er ist doch selbst so schön. Außerdem sind tantrische ‚Meister’ und ‚Meisterinnen’ sehr großen Versuchungen zu sexuellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung ausgesetzt. Schülerinnen und Schüler des Tantra (und nicht nur des Tantra) begeben sich in die Gefahr größter Enttäuschungen und psychischer Katastrophen. Hier gilt Goethes Wort:
„Mädchen, fürchtet rauher Leute
Buhlerische Wollust nie.
Die im ehrfurchtsvollen Kleide
Viel von unschuldsvoller Freude
Reden, Mädchen, fürchtet die.“
(Gedichte, Nachlese)

All dies macht mich reserviert gegenüber Tantra. Mit Buddhas Lehre hat Sex-Tantra sowieso wenig zu tun.
Ich weiß, dass Sexualität mehr als nur Sex ist. 
Gewiss, auch sexuelle Wollust ist vergänglich:
„Das reinste Glück, das wir empfunden,
Die Wollust mancher reichen Stunden
Floh wie die Zeit mit dem Genuss.
Was hilft es mir, dass ich genieße?
Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,
Und alle Freude wie ein Kuss.“
(Johann Wolfgang von Goethe, 1827)


Aber vergänglich ist ja alles, das Schöne und das Hässliche, Lust und Leid:
„Alles endet, was entstehet,
Alles, alles rings vergehet.“
(Michelangelo)
Darum rate ich Ihnen mit Ludwig Thoma:
„Treibet das Geschäft der Paarung!
Lasset der Natur den Lauf
Denn ihr wisset aus Erfahrung,
Einmal hört es leider auf.“
(Frühlingsahnen)

 

Dr. ALOIS PAYER, geb. 1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaft.

 

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