Spiritualität

Unser Tun prägt uns selbst und die Welt, in der wir leben.

Karma ist ein grundlegendes und wesentliches Thema – und ein sehr oft missverstandenes. Es bezieht sich auf unsere Handlungen von Körper, Rede und Geist und ihre Wirkungen auf uns selbst. Dabei handelt es sich um Prozesse, die für jeden spirituellen Weg entscheidend sind. Genau genommen ist Karma in jedem Leben wesentlich – spirituell oder nicht, bewusst oder nicht –, denn: Unser Tun prägt uns selbst! Karma ist wichtig, weil dies der Bereich unseres Lebens ist, in dem wir eine gewisse Freiheit der Wahl haben, weil es der Bereich ist, in dem wir Einfluss nehmen können auf unser inneres Wohlergehen oder Unwohlergehen.
Karma – Kamma in Pali – heißt wörtlich ‚Handlung‘, ‚Tun‘. Genau genommen bezieht sich Karma auf alle ethisch heilsamen oder unheilsamen Absichten im Denken, Reden und Handeln. Es ist das Gesetz ethischer Verursachung.

Ethisch heilsame und ethisch unheilsame Absichten
Man unterscheidet ethisch heilsame und unheilsame Absichten oder Motivationen.
Ethisch heilsame sind großzügige, mitfühlende, liebevolle, geduldig annehmende, weise, erkenntnisreiche Absichten. Diese wirken positiv, innerlich heilend auf uns selbst, auf die Handelnden. Ethisch unheilsame sind verlangende, anhaftende, ablehnende, feindliche, getäuschte, verblendete Motivationen. Diese Absichten wirken negativ, innerlich leidschaffend auf uns selbst, auf die Handelnden.
Darum die für unsere Praxis und für unser Leben zentrale Aussage: Alles ruht auf der Spitze der Absicht!
Sowohl unser inneres Wohlergehen und unser Friede als auch unsere inneren Konflikte und Leiden ruhen auf der Spitze unserer Absichten.
Unter Praktizierenden besteht oft eine beträchtliche Unklarheit in Bezug auf ‚heilsam und unheilsam‘ einerseits und ‚angenehm und unangenehm‘ andererseits. Solange wir diese Aspekte nicht unterscheiden können, bleiben wir unklar in Bezug auf unsere Praxis, unklar in Bezug auf das Ziel und unklar in Bezug auf die Mittel und Wege, um dieses Ziel zu erreichen.
Der Begriff ‚heilsam‘, englisch ‚wholesome‘, wird verwendet, um ‚kusala‘ zu übersetzen. Man könnte auch die Worte ‚hilfreich‘, ‚geschickt‘ oder ‚ethisch positiv‘ verwenden. ‚Kusala‘ könnte auch mit ‚fehlerfrei‘, ‚geistig gesund‘ oder ‚glückliche Wirkungen schaffend‘ übersetzt werden. Es ist von den drei Wurzeln des Guten motiviert – nämlich Großzügigkeit, Güte und Weisheit und all deren Spielarten. ‚Akusala‘ – ‚unheilsam‘ – hingegen ist von den drei sogenannten Wurzel-Kleshas motiviert, nämlich Begierde, Hass und Verblendung sowie all ihren Variationen. Akusala heißt also ‚unheilsam‘, ‚ungeschickt‘, ‚ethisch negativ‘, ‚inneres Leiden schaffend‘.
Die Resultate, die Wirkungen (vipaka) dieses heilsamen oder unheilsamen Tuns von Körper, Rede und Geist, sind angenehme oder unangenehme Erfahrungen in uns, in der handelnden Person.
Heilsam oder unheilsam sind also die Absichten hinter unserem Tun. Angenehm oder unangenehm sind die Erfahrungen, die wir von Moment zu Moment haben als Resultate von Ursachen und Bedingungen.
In der Praxis geht es darum, ethisch positive, heilsame, geschickte, inneren Frieden schaffende Qualitäten zu kultivieren und ethisch negative, unheilsame, ungeschickte, inneres Leiden schaffende Eigenschaften abzubauen, zu vermeiden, sich davon zu befreien. Das ist etwas völlig anderes, als zu meditieren, um angenehme Zustände herzustellen.

Der Buddha erwähnte oft die unerwünschten Folgen von unheilsamem Karma genauso wie die wünschenswerten Folgen von positivem, heilsamem Karma:

„Spricht oder handelt eine Person aus unheilsamen Geisteszuständen heraus, folgt ihr Leiden, so wie der Wagen dem Zugtier folgt, das ihn zieht.“
„Spricht oder handelt eine Person aber aus heilsamen Geisteszuständen heraus, folgt ihr Freude, so sicher wie ihr eigener Schatten ihr folgt.“

Unsere gegenwärtigen inneren Bedingungen sind durch unsere Tendenzen in der Vergangenheit entstanden. Unsere inneren Bedingungen in der Zukunft entstehen durch unsere in der Gegenwart erschaffenen Tendenzen.

Wir selbst prägen die Welt, die wir erfahren
Bekanntlich wirken – nach buddhistischer Sichtweise – karmische Taten dieses Lebens vor allem in einem der nächsten Leben. Was aber, wenn wir nicht wissen und auch nicht einfach glauben wollen oder können, dass es vergangene und zukünftige Leben gibt? Bedeutet das nun, dass die Idee von der Wirkung des eigenen Tuns auf einen selbst irrelevant ist? Natürlich nicht! Wenn wir auch nur ein wenig bewusst leben, erkennen wir bald, wie sehr wir uns selbst prägen – durch unser eigenes Denken, Reden und Handeln in diesem Leben.
Aus der Gehirnforschung wissen wir um die Plastizität unseres Gehirns und um die Tatsache, dass sich neuronale Netzwerke, die wir oft benutzen, verstärken und vertiefen. Was wir oft tun, wird zur Gewohnheit. Die Absichten und Motivationen, die am häufigsten hinter unserem Denken und Tun stehen, werden zum Charakter, ganz nach Gottfried Keller:

„Wer heute einen Gedanken sät,
erntet morgen die Tat,
übermorgen die Gewohnheit,
danach den Charakter
und endlich sein Schicksal.
Darum muss er bedenken, was er heute sät,
und muss wissen,
dass ihm sein Schicksal einmal in die Hand gegeben ist:
heute!“

In der Praxis kultivieren und stärken wir Heilsames und steigen, so oft wie möglich, aus den unheilsamen Bahnen aus. So werden nicht nur unser Herz und Geist klarer, verbundener und freier, sondern unsere ganze persönliche Welt verändert sich!
Im Mahakarunapundarika Sutra heißt es:

„Die Welt ist aus Handlungen (Karma) gemacht.
Sie manifestiert sich auf Grund von Handlungen!“

Wer voller Liebe auf Menschen trifft, macht völlig andere Erfahrungen als jemand, der voller Ärger auf dieselben Menschen trifft. Wir prägen uns selbst – tagein, tagaus.
Unser inneres Klima prägt die Außenwelt, die wir erfahren – unsere Außenwelt. Der US-amerikanische Neurologe Marcus Raichle hat herausgefunden, dass nur etwa 20 Prozent des an den Hinterhauptlappen gelangenden Inputs direkt aus der äußeren Welt kommen. Der Rest komme von inneren Gedächtnisspeichern und perzeptuellen Verarbeitungsmodulen. Nach Raichle simuliert unser Gehirn die Welt nur:

„Jeder von uns lebt in einer virtuellen Realität, die ausreichende Ähnlichkeit mit der echten hat, um zu verhindern, dass wir gegen Möbel laufen.“

Wir können den Lauf der Welt nicht kontrollieren, aber wir können konsequent auf unsere Absichten und Motivationen schauen – und sie positiv beeinflussen. Tagein, tagaus. Das ist es, was Praxis bedeutet. Darum geht es in der Meditation, denn:

„Unser Wohlergehen ruht auf der Spitze unserer Absichten.“

Kürzlich bin ich dem Lama Gonsar Rinpoche nach vielen Jahren wiederbegegnet. Er lieferte mir eine Illustration in Bezug auf die Notwendigkeit der korrekten Praxis: Wenn wir innerlich leiden, etwa durch Ärger, Wut, Begierde, Neid oder Ähnliches, können wir das vergleichen mit einem Loch im Dach. Es tropft hinein, wenn es regnet. Vielleicht ignorieren wir es anfangs, wir richten uns auf der trockenen Seite des Raumes ein oder stellen einen Eimer unter die Stelle. Diese Umgehensweise entspricht unserer Tendenz, zuerst zu versuchen, das Ganze zu verdrängen oder anderen die Schuld zuzuschieben oder die Situation zu manipulieren. Viel besser als all das ist es, auf das Dach zu steigen, das Leck zu orten und es dann zu reparieren! Dies entspricht dem sorgfältigen Hinschauen – und dem Erkennen der Ursachen des Leidens in unserem Herzen und Geist. Im Weiteren entspricht ‚das Reparieren des Lecks‘ dem Abbauen von unheilsamen, Leiden schaffenden, inneren Tendenzen und dem Kultivieren von heilsamen Neigungen beziehungsweise ethisch positiven Motivationen.
Damit wir dies sehen, erkennen und ändern können, brauchen wir die Qualität von ‚Wachheit, Aufmerksamkeit, Gewissenhaftigkeit‘. Dies entspricht dem Begriff ‚Appamada‘ in Pali. Diese Eigenschaft ist ganz ähnlich wie die von ‚Sati‘, ‚Achtsamkeit‘, aber eindeutig der momentanen heilsamen oder unheilsamen Tendenz des Geistes zugewandt.
Wir alle praktizieren immer – von früh bis spät!
Entweder wir handeln unbewusst, dann reagieren wir gewohnheitsmäßig auf alles. Oder wir sind achtsam und wach, dann haben wir die Wahl, ob wir heilsam oder unheilsam mit der Situation umgehen wollen. Geprägt werden wir dauernd – von uns selbst. Es spielen nicht nur große Entscheidungen oder wichtige Handlungen eine Rolle. Jeder Gedanke und jede Handlung eines jeden Moments, auch die kleinen, scheinbar unwichtigen inneren Bewegungen, zählen. Darum lauten zwei Parolen des großen tibetischen Meisters Patrul Rinpoche:

„Nimm kleine Fehltritte nicht auf die leichte Schulter,
glaubend, sie könnten dir nicht schaden:
Selbst ein kleiner Feuerfunke kann einen Berg aus Heu in Brand setzen.
Unterschätze nie die kleinen heilsamen Taten,
indem du glaubst, sie helfen nicht:
Auch Wassertropfen füllen, einer nach dem anderen, einen riesigen Topf.“

Der Sufi-Mystiker Hafiz schrieb:

„Du besitzt alle Zutaten, um dein Leben in einen Albtraum zu verwandeln.
Mische sie nicht, mische sie nicht!
Du bist im Besitz aller Zutaten, um dein Leben in Freude zu verwandeln.
Mische sie! Mische sie!“

Engagement in der Welt
In dieser Zeit zunehmender Unsicherheiten und Bedrohungen wird es spürbarer, dass wir durch unsere Entscheidungen unsere Zukunft – und ein Stück weit auch die unserer Umwelt – prägen. Reagieren wir auf die verunsichernden und beängstigenden Geschehnisse mit den instinktiven Reflexen von Abwehr, Schuldzuweisung und Aggression? Oder ist es möglich, einigermaßen weise und menschlich motivierte Entscheide zu fällen? Ob persönlich, gesellschaftlich oder politisch: Es braucht ein klares Gewahrsein der äußeren Ereignisse und deren innerer Auswirkungen.
Dabei müssen wir zuerst uns selber prüfen: Wie reagieren wir innerlich oder äußerlich auf Unsicherheit, Terror und Not? Sicher ist es Zeit, dass wir den Schwerpunkt der Praxis wegnehmen von Achtsamkeit zum Zwecke von Wellness, Ruhe und Erholung von der Hektik unseres Alltags und uns eindeutiger der Auseinandersetzung mit den unheilsamen, ausbeuterischen, aggressiven Tendenzen unseres eigenen Herzens und Geistes zuwenden und lernen, diese nicht nur abzubauen, sondern sie auch mit heilsamen Qualitäten von Gewaltlosigkeit, Toleranz, Mitgefühl und angewandter Weisheit zu ersetzen. Wenn wir nicht bei uns selbst beginnen, wo sonst? Wir müssen so ehrlich und interessiert sein, dass wir die enorme Macht der Kleshas (Leidenschaften, die den Geist trüben und quälen) auch in uns selbst anerkennen, bezähmen und heilen. Meditieren und buddhistische Werte und Lehren zu verbreiten ist nicht so schwer. Weise und engagiert in dieser Welt zu handeln ist anspruchsvoll. Aber genau das ist heute dringlicher denn je.
Gleichzeitig wollen wir nicht vergessen, dass das Leben selbst unzulänglich oder eben ‚dukkha‘ ist. Dass wir Unsicherheit und Leiden erfahren, ist nicht ‚ein Fehler‘. Es ist die Natur von Samsara. Diese Tatsache müssen wir anerkennen und akzeptieren. Dann können wir unbeschwert unser Bestes tun.
Ich glaube nicht, dass es bei der buddhistischen Praxis um konkrete Lösungen für die Probleme dieser Erde geht. Es ist wesentlich, dass wir als Individuen gewissenhaft praktizieren, damit unser Engagement auch wirklich wertvoll ist. Wir kultivieren Gewahrsein und die vier ‚Grenzenlosen Geisteszustände‘ und handeln in dieser Welt so wirkungsvoll wie möglich – aus Güte, Mitgefühl und Wertschätzung – und verweilen gleichzeitig in Gelassenheit. So fördern wir die Kräfte des Friedens in unserem Umfeld.

Letztlich geht es auch um Befreiung
Wir können so beschäftigt sein, mit Selbst-Verbesserung und Problem-Lösung, dass wir ganz vergessen, dass es letztlich darum geht, aus dem Gefängnis in die Freiheit zu erwachen. Die vollständige Freiheit ist immer schon da. Wir dürfen dies nicht vergessen, sondern sollen uns immer wieder daran erinnern und unsere Praxis entsprechend ausrichten! In dem Maße, wie wir darin erfolgreich sind, wird alles Karma transzendiert. Das unheilsame – und auch das gute. Unabhängig davon, wie frei oder wie unfrei wir sind – jetzt an diesem Punkt –, für uns selbst genauso wie für unsere Mitwelt ist es bedeutsam, wie wir denken, wie wir reden und wie wir handeln! Denn unser Tun prägt nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Mitwelt, diese, unsere Welt.
Ich schließe mit Duane Elgin, dem großen Visionär:

„Keiner kann unseren Platz einnehmen. Jeder von uns webt eine Strähne im Netz der Schöpfung. Es gibt keinen, der diese Strähne an unserer Stelle weben könnte.
Was wir beitragen ist einzigartig und unersetzlich. Was wir dem Leben vorenthalten, geht dem Leben verloren. Die ganze Welt ist eng verknüpft und abhängig von unseren individuellen Entscheidungen.“

Darum ist es so wichtig, dass wir unser Leben mit Weisheit und Mitgefühl leben.

Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

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