Spiritualität

Die vier Herzensqualitäten liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit nehmen nicht nur in der buddhistischen Praxis einen zentralen Stellenwert ein, sondern sind in jeder Form von menschlicher Entwicklung und Spiritualität wichtig.


Zu Beginn eine Geschichte von Father Theophane, einem christlichen Mönch. Sie heißt: Was brauchen sie? Und mit ‚sie‘ sind hier die Menschen gemeint, die Anderen:

Was brauchen sie? Einer der Mönche gibt einem immer eine Frage mit auf den Weg. Ich suchte ihn auf. „Ich bin Gemeindeseelsorger“, sagte ich. „Ich mache hier meine Exerzitien (also ein Meditationsretreat). Könnten Sie mir eine Frage geben?“ „Aber sicher“, entgegnete er. „Meine Frage lautet: Was brauchen sie?“ Ein paar Stunden lang beschäftigte ich mich mit der Frage, dann gab ich frustriert auf und ging wieder zu ihm. „Vermutlich habe ich mich vorhin etwas unklar ausgedrückt. Ihre Frage war durchaus hilfreich. Aber eigentlich wollte ich mich während dieser Exerzitien nicht so sehr mit meiner Seelsorgearbeit befassen. Vielmehr möchte ich hier ganz ernsthaft über meine persönliche Spiritualität reflektieren. Könnten Sie mir vielleicht eine Frage mitgeben, die mehr mit meinem eigenen geistigen Leben zu tun hat?“ „Ah, ich verstehe. In diesem Fall lautet meine Frage: Was brauchen sie wirklich?“

Nicht unser persönliches spirituelles Wohlergehen ist das Wichtigste in unserer Praxis, sondern das Wohlergehen aller.
Das Pali-Wort Appamañña bedeutet ‚unbegrenzt‘, ohne Abgrenzung, ohne Einschränkung. Dabei geht es um die vier Herzensqualitäten des Wohlwollens und der Gelassenheit, die in allen buddhistischen Praxis-Traditionen einen zentralen Stellenwert einnehmen. Natürlich sind diese Qualitäten nicht nur in der buddhistischen Praxis wesentlich, sondern in jeder Form von menschlicher Entwicklung und Spiritualität. Es sind liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit. Wenn diese vervollkommnet sind, haben sie die Eigenschaft, ausnahmslos und ohne Begrenzung alle Lebewesen mit einzuschließen. Deshalb die Bezeichnung ‚unbegrenzt‘.

Diese vier Herzensqualitäten – auch Brahmaviharas genannt – werden folgendermaßen veranschaulicht: Sie sind vergleichbar mit den Gefühlen von Eltern (im Idealfall), die vier Kinder haben, nämlich: ein noch sehr kleines Kind, ein behindertes Kind, einen frohgemuten Teenager und das älteste Kind, das bereits von zu Hause weg ist und selbstständig seinen Lebensweg geht.

Für das kleine Kind fühlen sie Liebe,
für das behinderte Kind verspüren sie Mitgefühl,
für den frohgemuten Teenager empfinden sie Mitfreude
und für die Erwachsene, Selbstständige liebevolle Gelassenheit.

Man spricht von Bhavana, was oft als ‚Meditation‘ übersetzt wird. Eigentlich bedeutet es aber ‚sich angewöhnen‘, ‚sich anfreunden mit‘. Es geht also hier im Grunde nicht um Meditation, sondern um das Sich-Angewöhnen dieser Seinsweisen im täglichen Leben. Es geht auch nicht um das Erreichen schöner Gefühle oder Zustände, sondern um das konsequente Kultivieren dieser Herzensqualitäten, dieser inneren Haltungen. Wir kultivieren sie, um sie mehr und mehr zu unserem Zuhause zu machen, zum ‚Default Modus‘ unseres Herzens und Geistes.

 

Liebevolle Güte

Metta, liebevolle Güte, Liebe ohne Vorbehalte oder Ansprüche, ist wohl die bekannteste dieser Qualitäten. Das Wort ‚metta‘ kann man sowohl als ‚freundlich‘ oder ‚freundschaftlich‘ übersetzen als auch als ‚sanft‘ – wie ein sanfter, warmer Regen, der unparteiisch auf Felder, Wälder und Städte fällt. Es bedeutet auch, allen Wesen und allen Dingen nahe sein, ob sie nun liebenswert sind oder schwierig.
Die Praxis der liebevollen Güte ist eine stete, vorbehaltlose Haltung der Verbundenheit, die ausnahmslos alle Lebewesen einschließt – auch sich selbst. Das ist ziemlich anspruchsvoll, aber eine transformierende Praxis hat eben ihren Preis. Wir müssen Zeit, Aufmerksamkeit, Bemühen und Ausdauer drangeben – tagtäglich. Wie die Schauspielerin Katharine Hepburn sagte:

„Liebe ist nicht das,
was man erwartet zu bekommen,
sondern das, was man bereit ist zu geben.“

Güte ist die Gegenkraft zu Ärger, Wut und Hass und auch zu Furcht, Angst und Besorgnis. So oft verirren wir uns in diesen leidvollen Gefilden des Geistes – und schaffen uns selbst das Gegenteil von dem, was wir eigentlich möchten. Martin Luther King sagte:

„Ich habe beschlossen, mich auf die Liebe zu verlassen.
Hass ist eine viel zu schwere Bürde.“

Hass und alle anderen Formen der Aversion wie Ärger, Groll, Wut, Werten und Verurteilen, Widerstand und sogar Langeweile sind die sogenannten ‚fernen Feinde‘ von Güte. Ziemlich offensichtlich. Manchmal versuchen wir deshalb auch, Ärger, Hass oder Wut mit liebevoller Güte zu bekämpfen. Genau das funktioniert aber nicht, denn so wird die vermeintliche innere Haltung der Güte von Aversion motiviert. Wir können aber Aversion nicht mittels Aversion loswerden. Wie Martin Luther King betonte:

„Finsternis kann nicht Finsternis vertreiben: Nur Licht kann das.
Hass kann nicht Hass vertreiben: Nur Liebe kann es.“

Die Meditationspraxis ist ein ideales Übungsfeld dafür. Übung, damit wir es im Alltag besser anwenden können. Ajahn Amaro beschreibt einen wichtigen Aspekt dieser Umgangsweise in seinem Buch ‚Finding the Missing Peace‘:

„Gütig sein heißt nicht, dass wir einfach tun, was immer uns gerade passt. Eine Mutter, die ihr Kind liebt, lässt das Kind nicht einfach alles tun, was das Kind möchte. Eine gewisse Disziplin muss aufgebaut werden. Ganz ähnlich ist es in der Meditation; wir etablieren die Grundlage von Güte, indem wir zuerst anerkennen, dass alles zur Meditation dazugehört, dass nichts ausgelassen werden soll. Der zerstreute Gedanke gehört dazu. Der Fokus auf den Atem gehört dazu. Die Welle von Wut gehört dazu. Die Welle von Angst, die ruhelosen Empfindungen, die Phantasien und Tagträume, sie alle gehören dazu, zusammen mit den wohlwollenden und reinen Gedanken. Diese Qualität des absoluten Dazugehörens, in der alles seinen Platz hat, ist die Grundlage von liebevoller Güte, von vorbehaltlosem Annehmen.“

Genau das ist der Geist von Güte. Wobei eben ‚Dazugehören‘ niemals ‚Nachgiebigkeit‘ bedeutet. Wichtig ist es, dass wir uns in kleinen Dingen üben. Aus kleinen Momenten von Ärger erwächst die Tendenz zu Hass. Aus kleinen Momenten des Wohlwollens erwächst die Tendenz zu liebevoller Güte.

Im Zusammenhang mit liebevoller Güte gibt es auch einen Erkenntnis- und Weisheits-Aspekt zu beobachten. Identifikation, ‚Ich gegen die Anderen‘ statt ‚Ich und die Anderen‘, entsteht zusammen mit Ärger und Böswilligkeit. Infolge dieses Prozesses der Identifikation oder des ‚Selbstens‘ glauben wir an die Wirklichkeit der Situation, wie wir sie erleben – und an die Notwendigkeit, mit Ablehnung zu reagieren. Die Wirklichkeit dieser Situation wird solidifiziert und es gibt keinen Ausweg mehr. Wir sind gefangen!

Liebevolle Güte bewirkt genau das Gegenteil: Sie ist ohne Verlangen, Ansprüche, Erwartungen und Forderungen, lässt genug offenen Raum im Geist, sodass wir spüren können, dass die scheinbare Trennung zwischen ‚Ich‘ und ‚Du‘, zwischen ‚Selbst‘ und ‚Anderen‘ eine Täuschung ist, die wir nicht glauben und nicht solidifizieren müssen. Dadurch fällt sie schneller weg. Güte bedeutet Verbundenheit – mit sich, mit anderen, mit dem Leben.

 

Mitgefühl

Die zweite der ‚unbegrenzten Haltungen des Wohlwollens’ ist Mitgefühl, Karuna. Sharon Salzberg sagt:

„Mitgefühl ist unsere fürsorgliche, menschliche Antwort auf Leiden.
Ein mitfühlendes Herz ist nicht-wertend
und erkennt alles Leiden als unserer Zuneigung wert;
sei es unser eigenes Leiden oder das anderer.“

Mitgefühl ist, gleich wie liebevolle Güte, eine Facette des uns innewohnenden Juwels des unbegrenzten Wohlwollens. Güte ist der Wunsch, alle Wesen mögen glücklich sein. Mitgefühl ist der Wunsch, alle Wesen mögen frei sein von Leiden.

So wie Ablehnung und Hass die sogenannten fernen Feinde von liebevoller Güte sind, sind Herzlosigkeit, Härte, Grausamkeit – und ein Stück weit auch Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit – die fernen Feinde von Mitgefühl. Ziemlich offensichtlich.
Mitgefühl setzt voraus, dass wir uns dem Leiden öffnen wollen und öffnen können. Dazu braucht es Willenssein, es braucht Mut und es braucht Gleichmut. Sehr oft entstehen aber Aversion, Ablehnung, Widerstand, wenn wir dem Leiden begegnen, sei es das eigene oder das anderer. Wenn es uns aber gelingt, uns für Leiden zu öffnen, entsteht Mitgefühl von selbst. Es ist die natürlichste Antwort des Herzens auf Leiden.

Auch Dünkel, aber auch Eifersucht blockieren Mitgefühl. Da hilft es manchmal, sich klarzumachen, dass nicht nur alle glücklich und frei von Leiden sein möchten, wie wir selbst, sondern dass auch alle sterblich sind: Die Erfolgreicheren, die Schöneren, die Beliebteren – auch sie werden sterben. Und Erfolg, Schönheit, Beliebtheit werden ihnen dabei nicht helfen, so wenig wie sie uns selbst helfen werden. Darüber zu reflektieren, wie sehr wir alle im selben Boot sitzen, schafft Verbundenheit und Verständnis für das uns allen zugeteilte Leiden.

 

Mitfreude, Wertschätzung

Der dritte Aspekt des ‚unbegrenzten Wohlwollens‘ ist Mitfreude, Wertschätzung, Muditā. Nochmals Sharon Salzberg:

„Es ist die Erkenntnis, dass das Glück der Anderen
nicht wirklich von unserem eigenen getrennt werden kann.
Wir freuen uns über die Freude der Anderen
und fühlen uns nicht bedroht durch deren Erfolge.“

Es ist der Wunsch, das Wohlwollen, das in uns entsteht, wenn wir mit Offenheit und Zuwendung das Heilsame und das Wohlergehen, das Glück und den Erfolg der Anderen wahrnehmen. Und es ist der Wunsch, diese mögen weiter andauern.
Dieser wohlwollende Wunsch, diese Mitfreude, entsteht dann ganz von selbst, wenn wir uns für das Glück anderer öffnen können, ohne dass Neid, Eifersucht, Konkurrenzdenken oder Rivalität uns blockieren. Diese wunderbare Herzensqualität ist nahe verwandt mit Wertschätzung.

Neben Neid und Eifersucht sind die mächtigsten Hemmnisse die Selbstverurteilung und die mangelnde Wertschätzung unserer selbst. Wenn wir uns selbst keine wunderbaren inneren Qualitäten mit entsprechendem heilsamem, positivem Verhalten zugestehen können, wird es uns schwerfallen, genau diese Qualitäten anderen zuzugestehen. Darum ist es gut, mit der Praxis von Muditā bei sich selbst zu beginnen – auch wenn das traditionell nicht so gemacht wird. Oscar Wilde:

„Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“

Dabei merken wir vielleicht, dass es uns gar nicht leichtfällt. Es ist oft die erwähnte mangelnde Selbstwertschätzung, die uns hemmt, aber auch einfach die Tatsache, dass wir nicht gewohnt sind, Glück und Freude anderer so wahrzunehmen. Außer für unsere Nächsten üben wir uns relativ selten in Mitfreude. Eher werten und urteilen wir. Rumi fragt:

„Wenn du in einen Garten gehst,
schaust du dir die Dornen oder Blumen an?
Verbring mehr Zeit mit Rosen und Jasmin.“

Baut Mitfreude-Praxis in eure tägliche Meditation ein. Macht Mitfreude-Retreats. Es ist wahrscheinlich diejenige spirituelle Übung, die am wenigsten Anstrengung braucht und am meisten Spaß macht. Denn in unserem Umfeld finden wir immer
- Menschen, die Glück haben
- die heilsame, positive Qualitäten besitzen
- die Heilsames tun oder sagen
- die einfach gut drauf sind oder Erfolg haben.

Das alles sind Gelegenheiten für Mitfreude! Dabei ist es empfehlenswert, mit den Menschen und Situationen zu beginnen, bei denen es uns relativ leichtfällt. Tenzin Dapel schreibt über Mitfreude:

„Wenn wir sehen, wie andere einem Bettler etwas zu essen geben, wenn wir sehen, wie jemand einer alten Frau über die Straße hilft, wenn wir hören, wie große Spenden für die Flutopfer gesammelt wurden, wenn wir sehen, dass sich andere bemühen, heilsame Geisteshaltungen wie Liebe und Mitgefühlt zu kultivieren, wenn wir sehen, wie Lehrer wie der Dalai Lama so viele Menschen zu heilsamem Tun bewegen, wenn wir hören, wie Menschen sich für nachhaltige ganzheitliche Bildung, Ökologie, Medizin und Ähnliches engagieren, wenn wir erkennen, dass wir einmal nicht mit Wut, jedoch mit Mitgefühl auf eine Situation reagiert haben … Es gibt zahllose Gründe, mit der großen Freude in unserem Herzen in Kontakt zu sein, da all dies ein Schritt hin zum Weltfrieden bedeutet. Es sind diese Handlungen, die öfters in den Nachrichten kommen sollten.“

 

Gelassenheit

Der vierte Aspekt des ‚unbegrenzten Wohlwollens‘ ist heitere, liebevolle, weise Gelassenheit, Upekkhā. Dazu Sharon Salzberg:

„Gelassenheit ist die Geräumigkeit von Herz und Geist,
die den Rahmen für die unbegrenzte Natur der drei anderen Qualitäten bietet.
Diese ruhige Ausgeglichenheit erlaubt es uns,
auf den Wellen unserer Erfahrungen zu reiten,
ohne uns in unseren Reaktionen zu verlieren.“

Gelassenheit ist eine mächtige Kraft, die wir aber richtig verstehen müssen. Sie bedeutet Zuverlässigkeit, Festigkeit, die Fähigkeit, Extreme aushalten zu können, inmitten von Tumult standhaft zu bleiben und mit unerschütterlicher Fürsorge zu handeln.
Echte und tiefe Gelassenheit ist die letztendliche Zuflucht. Der umfassendste innere Schutz. Das eigentliche Wesen von echter innerer Freiheit.

- Achtsames Gewahrsein ist das unentbehrliche Werkzeug auf dem Weg.
- Güte, Mitgefühl und Mitfreude sind das Herz des Weges.
- Heitere, liebevolle, weise Gelassenheit aber ist die Essenz des Weges.

Warum ist Gelassenheit so mächtig? Weil echte Gelassenheit in Erkenntnis und Weisheit begründet ist! Erkenntnis des Daseins stärkt die Gelassenheit und wirkt befreiend.

Es ist die Erkenntnis von Vergänglichkeit und Nicht-Selbst, welche Gelassenheit hervorbringt. Die Fähigkeit, anzunehmen und loszulassen – also gelassen zu sein –, entsteht aus Erkenntnis. Nämlich aus dem Erkennen der Tatsache, dass nirgendwo in unserem Körper, Herz oder Geist eine unabhängige, selbst-existente Instanz, eine Art ‚Ichheit‘, zu finden ist, welche die Dinge unter Kontrolle halten könnte.
Dies ist so, weil dieses Dasein ein ständig sich wandelnder, in Abhängigkeit von zahllosen Bedingungen entstehender und vergehender Prozess oder Tanz ist. Unser Sehen, Hören, Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln ist ein nie für eine Sekunde gleichbleibendes Spiel von Bedingungen. Allerdings ist es ein gesetzmäßig ablaufendes Spiel von Bedingungen! Die Meditation des achtsamen Gewahrseins muss diesem Erkennen, diesem Verstehen, diesem Ein-Tunen dienen. Sonst ist sie relativ bedeutungslos.

Die tiefe Erkenntnis, dass dieses Leben nicht in meiner Kontrolle ist – und dass da eh ‚niemand‘ ist, der die Kontrolle haben könnte –, führt zu zunehmend tieferer Gelassenheit. Ergreifen und Festhalten, Ablehnen und Bekämpfen werden als Verursacher endlosen inneren Leidens erfahren und erkannt. Diese Erkenntnis führt zur Gelassenheit.

Zu sehen, dass wir trotzdem nicht einfach machtlos sind, sondern durch das Kultivieren von Güte, Mitgefühl und Gelassenheit zu mehr innerem Wohlwollen und Frieden kommen können, bestärkt uns weiter im Wunsch und im Bemühen, Gelassenheit zu vertiefen. Es bestärkt uns nicht als Philosophie, sondern durch die direkte Erfahrung, durch das achtsame, bewusste Erleben. Auch hier sind Meditationen und Retreats nicht genug. Wir müssen die Gelassenheit im Alltag üben.

Ein verbreitetes Missverständnis muss noch geklärt werden. Man kann Gelassenheit so verstehen, dass man entweder nichts mehr fühlt oder dass Verlangen und Hass, Trauer und Freude gar nicht mehr aufkommen in uns. Das ist definitiv nicht gemeint! Vielmehr ist es die große Kunst, alle Gefühle und Emotionen, die in uns aufsteigen, in ihrer ganzen Fülle zulassen zu können, ohne uns darin zu verlieren und ohne darauf reagieren zu müssen – und sie dadurch zu dramatisieren. Es ist diese Fähigkeit, die gemeint ist mit ‚innerer Geräumigkeit‘. So wie echte Güte, Mitgefühl und Mitfreude ‚unbegrenztes Wohlwollen‘ sind, ist Gelassenheit ‚unbegrenzte innere Geräumigkeit‘.

Gelassenheit ist auch ein wesentlicher Bestandteil von Güte, Mitgefühl und Mitfreude.
- Sie schützt Liebe, Mitgefühl und Freude vor Sentimentalität und vor Anhaftung.
- Sie verleiht engagiertem, aktivem Mitgefühl die Stärke, von Erfolgen nicht geblendet und von Misserfolgen nicht entmutigt zu werden.
- Sie ermöglicht die geduldige Hingabe an die Werke des Mitgefühls.

Zwar ist es wesentlich, ja unumgänglich, dass wir die Qualitäten des ‚unbegrenzten Wohlwollens‘ durch Meditation, Kontemplation, Reflexion kultivieren und fördern. Aber letztlich sind sie von sehr beschränktem Nutzen, wenn wir sie nicht leben, nicht im Alltag ausdrücken, uns nicht aktiv engagieren.

„Das Maß für echtes Mitgefühl ist engagiertes Handeln.
Wobei Aktivismus natürlich nicht heißen muss, dass er von Mitgefühl motiviert ist.“

Ob für andere oder für uns selbst, die vier ‚Unbegrenzten‘, die Appamaññas, müssen geteilt, gelebt, verschenkt werden, sonst sind sie keine ‚Unbegrenzten‘, sondern wären nur die ‚Vier begrenzten Arten des Wohlwollens‘. Hier geht es aber um sehr viel mehr!

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