Spiritualität

Roshi Joan Halifax arbeitet seit über 40 Jahren in der Sterbebegleitung und lebt dadurch ein erfüllteres Leben.

Glauben Sie, es ist heutzutage möglich, wie ein Buddha zu leben?
Alle Wesen haben die Buddha-Natur in sich. Somit würde ich sagen, es geht schon, wie ein Buddha zu leben. Um zur eigenen Buddha-Natur Zugang zu bekommen, müssen wir einiges in unserem Geist, unserem Herzen und unserem Leben transformieren.

Ist das schwierig?
Ich denke, Buddha hat dies in seinen ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ sehr treffend beschrieben. Er hat gesagt, es gibt Leid, und die Gründe für dieses Leid sind Gier, Hass und Verblendung sowie das Gefühl der Abgetrenntheit von der Welt.

„Die Intention ist ein extrem wichtiger Teil des menschlichen Charakters.“

Wie könnte so ein Leben als Buddha heute aussehen?
Was für eine wunderbare Frage! Das Lesen über den historischen Buddha lehrt uns schon sehr viel. Der Buddha erlebte Herausforderungen, die nicht unbedingt anders sind als die Probleme, die wir aus unserem Leben kennen. Ich bin jedoch der Meinung, dass jeder Mensch schon ein Buddha ist. Buddha sein bedeutet nicht unbedingt, so zu sein wie der historische Buddha. Es gibt nicht nur einen Charakter, der Dalai Lama zum Beispiel ist gänzlich anders als Thich Nhat Hanh. Es geht vielmehr darum, wie wir Weisheit und Mitgefühl in die Welt bringen. Und jeder Mensch macht dies auf seine eigene, einzigartige Weise.

Wie können wir die Lehren in unser tägliches Leben integrieren?
Ich glaube, am wichtigsten ist es, an unserem Egoismus zu arbeiten. Wir fühlen uns getrennt von den anderen und schauen daher nur auf unser eigenes Wohl. Eine weitere Herausforderung stellt unser Geist dar, dieser ist nicht sehr gut trainiert. Unsere Denkweise basiert auf Konsum und es fehlt uns an Grundvertrauen. Wir sind sehr unkonzentriert und unser Geist ist nicht auf Mitgefühl ausgerichtet. Meditation und Geistestraining sollten daher nicht unterschätzt werden und sind sehr wichtig, wenn man seine Denkweise transformieren will.

„In unserer Welt gibt es ein großes Defizit an Mitgefühl.“

Warum sollten wir unseren Geist auf Mitgefühl ausrichten?
Viele Menschen verstehen Mitgefühl und alle dazugehörigen Komponenten nicht komplett. Mitgefühl bedeutet auch Güte, Empathie, Dankbarkeit und Großzügigkeit. Mitgefühl sollte auch unsere Motivation und unsere Ethik bestimmen. Auch das Wissen, dass alle Wesen frei von Leid sein wollen, gehört für mich dazu. Es geht nicht nur darum, sich um andere zu kümmern, sondern immer auch die Absicht zu haben, zum Wohl anderer beizutragen und Leid zu verringern. Die Intention ist ein extrem wichtiger Teil des menschlichen Charakters.

Ist es das, was unserer Gesellschaft fehlt?
In unserer Welt gibt es ein großes Defizit an Mitgefühl. Ich denke, dies hängt mit unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur zusammen. Die Kindererziehung spielt sicherlich auch eine Rolle – ebenso unser Materialismus und unser Konsumverhalten. Es gibt so viel Leid in der Welt, und jetzt ist es an der Zeit, Mitgefühl in unserer Welt zu manifestieren. Wir zerstören unsere Umwelt und viele Menschen müssen vor Krieg und Verfolgung flüchten. Alles ist miteinander verbunden und wir haben eine soziale Verantwortung. Wir haben eine Verantwortung als Weltgesellschaft, als lokale Gesellschaft und auch als Individuum. Wir sollten unser Augenmerk, unseren Geist und unser Herz auf das Leid dieser Welt richten und dazu beitragen, dieses zu lindern.

„Buddha war ein großartiger sozialer Reformer.“

Wie können wir dieser Verantwortung gerecht werden?
Wir müssen unsere Denkweise, unser Bildungssystem und unsere Regierungen ändern. Wir müssen dazu beitragen, dass die Wirtschaft und die Politik in Zukunft auf Fürsorge aufbauen und nicht auf Ausbeutung beruhen. Wir sollten unsere eigenen, aber auch die globalen Prioritäten ändern. Vieles müsste sich ändern und vieles kann sich ändern. Der engagierte Buddhismus setzt sich für diesen Wandel ein. Einerseits mit der kontemplativen Praxis, in der der Geist transformiert wird, und andererseits mit sozialem Handeln, indem sich die Mitglieder einbringen in die gesellschaftlichen und ökologischen Bereiche.

Warum ist sozial engagierter Buddhismus erst im letzten Jahrhundert ein Begriff geworden?
Ich denke, Buddha war ein großartiger sozialer Reformer. Er hat die Unberührbaren und Frauen ordiniert. Und in seiner ganzen Lehre geht es um Weisheit und Mitgefühl. Sich um seinen eigenen Geist zu kümmern, bedeutete für Buddha, sich um die Welt zu kümmern. Er verstand, dass der Geist und die Welt eins sind. Wenn ich das Leben von Buddha und auch die Entwicklung des Buddhismus in den letzten 2.500 Jahren betrachte, dann geht es sehr wohl nicht nur um individuelle Transformation, sondern auch um eine gesellschaftliche Transformation.

„Meine Sicht auf das Leben ändert sich täglich.“

Gibt es dafür auch konkrete Projekte bei Ihnen im Upaya-Meditationszentrum?
Wir haben viele unterschiedliche Projekte. In einem sehr großen Projekt wird eine kontemplative Betreuung von Menschen mit unheilbaren Krankheiten und Sterbebegleitung gelehrt. Es heißt ‚Being With Dying‘. Menschen aus der ganzen Welt nehmen an diesem Lehrgang teil. Wir haben auch einen wöchentlich stattfindenden Kurs für Menschen mit unheilbaren Krankheiten. Dieser Kurs, den es schon seit 1994 gibt, unterstützt nicht nur Betroffene, sondern auch deren Pfleger mit kontemplativen Trainings. Ein weiteres Projekt ist die Arbeit mit Obdachlosen und mit Häftlingen. Unsere Studenten versuchen aber auch, die gesellschaftliche Transformation voranzutreiben, um die strukturellen Ungleichheiten zu beseitigen. Sie sehen also, wir setzen uns auf den unterschiedlichsten Gebieten ein.

Können Sie uns mehr über Ihren Lehrgang zur Sterbebegleitung erzählen?
Wir haben ein achttägiges, sehr umfassendes und intensives Trainingsprogramm für Mediziner, das einmal jährlich stattfindet. Es geht darin um Themen zur Pflege von Menschen mit unheilbaren Krankheiten und um Sterbebegleitung. Der Lehrgang beinhaltet auch ein sehr intensives Training in der kontemplativen Praxis, die wir ‚reflektive Praxis‘ nennen. Diese soll die Konzentration sowie das prosoziale Verhalten stärken. Wir verbinden in diesem Programm ethische, spirituelle, psychosoziale sowie soziale Aspekte der Sterbebegleitung. Als Basis dient uns die Neurowissenschaft, auf die wir ebenfalls eingehen. Dabei unterstützt uns der renommierte Neurowissenschaftler Dr. Al Kaszniak.
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Lehrgangs ist die Gemeinschaft, die den sterbenden Menschen begleitet. Es geht dabei sowohl um die zwischenmenschlichen Beziehungen als auch um die Pflege. Wir schauen uns zudem die Auswirkungen von Schmerz und Leid an. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Selbstfürsorge der Menschen, die einen Sterbenden begleiten, und wie diese ihre Widerstandsfähigkeit ausbauen können. Uns ist es wichtig, spirituelle und psychosoziale Themen in den traditionellen medizinischen Bereich einzubauen. Ich bin sehr dankbar für diesen Lehrgang, denn es gibt sehr wenige Programme, die Pflegern auch diese Aspekte vermitteln. Für die meisten ist die Heilung zentral und die Pflege sekundär. Uns aber geht es um eine Verzahnung von Pflege und Heilung.

„Sich seiner eigenen Mortalität bewusst zu sein, macht das Leben lebendig.“

Hat Ihre Arbeit mit dem Tod Ihre Sicht auf das Leben verändert?
Meine Sicht auf das Leben ändert sich täglich. Ich arbeite mit sterbenden Menschen seit 1977 und das hat sicherlich große Auswirkungen auf mein Leben. Es hat mich gelehrt, mein Leben in vollen Zügen zu genießen, aber auch den Wunsch verstärkt, das Leid anderer zu lindern. Gesund bleiben ist sehr wichtig für mich, denn nur so kann ich Menschen noch lange helfen und ihr Leid lindern.

In unserer Kultur wird wenig über den Tod geredet. Warum?
Ich glaube, dies ist einerseits wahr, andererseits nicht. In den Medien sehen wir den Tod ständig, aber der Tod wird selten als eine existenzielle Frage behandelt. Wir versuchen permanent, den Tod zu leugnen oder dem Tod zu entrinnen. Mir fällt dazu eine Stelle aus dem Mahabharata ein. Yudhishthira wird gefragt: Was ist das Wunderlichste auf der Welt? Er antwortet: Das Wunderlichste auf der Welt ist, dass um uns herum Menschen sterben und wir nicht merken, dass es auch uns passieren wird. Sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein, macht das Leben lebendig. Für mich ist der Tod nichts Deprimierendes. Ich weiß nicht, ob ich für immer in diesem Körper würde leben wollen. Ich weiß aber, dass ich ein intensiveres Leben habe, weil ich mich mit dem Tod auseinandergesetzt habe.

Sie sind Gründungsmitglied des ‚Zen Peacemaker Order‘ (ZPO). Können Sie uns etwas darüber erzählen?
Der ‚ZPO‘ ist eine Vision von Roshi Bernie Glassman. Die drei Kostbarkeiten dienen als Fundament. Uns geht es um breit angelegte Inklusion, interreligiöse Feste und Verbundenheit. Es ist ein Netzwerk von Personen, die sich der sozialen Transformation durch die drei Kostbarkeiten widmen.
Es ist zum Beispiel sehr wichtig zu verstehen, dass unsere Abhängigkeit von Öl die Krisen im Nahen Osten, in Afrika und anderen Teilen der Welt ausgelöst hat. Die Flüchtlinge, die jetzt nach Europa fliehen, werden die Region sicherlich nachhaltig verändern. Die Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten fliehen wegen großen Leids. Dieses Leid ist mit der westlichen Welt und unserem Lebensstil eng verknüpft. Wir sind die Ursache für deren Leid, und jetzt wird deren Leid auch unser Leid. Der soziale Druck, der momentan vorherrscht, führt zu Polarisierung und Extremismus. Wir haben dies leider schon in der Vergangenheit erlebt und wir erleben es gerade wieder. Es ist eine sehr kritische Zeit, es könnten daraus Kooperationen entstehen oder auch noch größeres Leid. Wir müssen alles daransetzen, dass nicht mehr Leid entsteht. Ich glaube, ZPO verfolgt einen Weg, der Konflikte abbauen und wirklich unserer Zukunft dienen kann. Dieser zeigt uns, wie man der Welt mit Mitgefühl und Mut entgegentritt.

Wie kann man dem Leid und dem dadurch erstarkenden Populismus und Extremismus entgegenwirken?
Ich kenne die Lösung nicht. Ich glaube jedoch, der Weg besteht darin, eine Gemeinschaft aufzubauen, ohne auf die vordergründigen Unterschiede zu achten. Wir sollten unser Bildungssystem ändern. Momentan ist es auf Angst aufgebaut, es sollte aber auf Liebe aufgebaut sein. Wir müssen Menschen finden, die unserer Gesellschaft mentale Gesundheit bringen können. Es gibt viele Gruppen in der Welt, die für Frieden arbeiten. Eine unserer größten Herausforderungen ist es, gegen die systemische oder strukturelle Gewalt vorzugehen. Die Arbeit von Johan Galtung (Anmerkung der Redaktion: Bekannter Friedensforscher, siehe Interview U\W 88) zeigt uns sehr gut, wie strukturelle Gewalt entsteht. Es gibt Möglichkeiten, die Institutionen zu transformieren.

Vielen Menschen machen die großen Veränderungen Angst.
Sicherlich haben viele Menschen Angst. Es gab viel Gewalt in Europa und anderen Teilen der Welt. Aber wir alle werden einmal sterben. Was wir jedoch für unsere zukünftigen Generationen wollen, ist eine Welt, die nicht nur lebensfähig ist, sondern auch schön und gesund. Dies wird viel Arbeit und Entschlossenheit brauchen, damit wir nicht mehr aus Angst, sondern aus Mitgefühl handeln.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?
Um mit den Worten von Martin Luther King zu sprechen: Ich habe einen Traum, dass Höflichkeit, Respekt, Güte, Liebe und Mitgefühl die Atmosphäre, in die unsere zukünftigen Generationen hineingeboren werden, bestimmen.

Roshi Joan Halifax, geboren 1942, ist eine bekannte amerikanische zen-buddhistische Lehrerin, Anthropologin, Umweltschützerin, Bürgerrechtsaktivistin und Sterbebegleiterin. 1990 gründete sie das Upaya Zen Center, ein buddhistisches Meditationszentrum. Sie ist auch Autorin zahlreicher Bücher über Buddhismus und Spiritualität. www.upaya.org
 
Tipp zur Vertiefung:
Joan Halifax, Im Sterben dem Leben begegnen, J. Kamphausen 2011


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