Spiritualität

Löse dich von den Dingen und reinige deinen Geist! Vom Keller bis zum Dachboden ist alles voll mit Dingen, die sich über die Jahre ansammeln. Wo ist die Klarheit, wo die Luft zum Atmen? Ordnung und Leere und die daraus resultierende Klarheit sind es, die Zen-Räume ausmachen.

 

In der Halle eines Zen-Klosters ist nur wenig vorhanden. Die Matten sind gerade ausgerichtet, darauf die Meditationskissen. Betritt man einen solchen Raum, hat man den Eindruck, hier ist Platz zum Atmen. Eine Mönchsklause ist ebenso ein einfacher Raum, aus Holz gezimmert. Darin eine Statue, ein Sutrenbüchlein, eine Kerze, ein Räucherstäbchenhalter und nur wenige persönliche Dinge. Diese Klause oder den Tempel putzt ein Mönch jeden Tag. Nur wenig braucht ein Mönch zum Leben, mit umso größerer Sorgfalt und Wertschätzung hält er die Dinge instand. Er flickt seine Robe und fügt eine zerbrochene Schale zusammen. Ist diese Klarheit und Wertschätzung für Dinge auch in unserem Alltag erreichbar? Eine unbestimmte Sehnsucht nach diesem Ideal treibt mich an, mir immer wieder diese Frage zu stellen. In unseren Wohnungen und Häusern sieht es anders als in der einfachen Mönchsklause aus. In letzter Zeit habe ich zwei Extreme erlebt, die mich zum Denken angeregt haben. Zwei Szenarien und eine Lektion daraus:

Wo fängt Wertschätzung an? Wo hört sie auf?

Szenario eins:

Susanne, eine Freundin, hatte mich gebeten, ihr an den Weihnachtsfeiertagen zu helfen, die Wohnung ihres verstorbenen Vaters zu entrümpeln. Ich war gerne bereit zu helfen und schenkte ihr schon mal im Vorhinein zehn große Kartons und eine große Rolle Müllsäcke. Das begeisterte sie, da die Lösung ihres Aufräumproblems dadurch erste Formen annahm. Doch ich wusste nicht, worauf ich mich eingelassen hatte. Der alte Mann hatte offenbar seit Jahren nicht mehr aufgeräumt. Es fanden sich Berge von Kleidern, von Säcken, in denen WC-Steine anscheinend auf Vorrat im Sonderangebot gekauft worden waren, und Stöße von Papieren, von Rechnungen und Ähnlichem. Für mich als Außenstehende war es sehr schwierig zu entscheiden, was irgendjemand noch brauchen konnte und was in den Müll gehörte. Ich fing damit an, offensichtliche Müllkandidaten wie Papiere, Rechnungen und Plastikhüllen zusammenzuklauben und in Säcke zu stecken. Das war mein erster Versuch, ein bisschen Ordnung in das Chaos zu bringen. Doch kaum hatte ich einen Sack voll, begann Susanne die Abfälle wieder zu durchsuchen und Dinge wie Cellophanpapier oder ein altes Messer herauszufischen. „Das kann man ja noch brauchen!", rief sie und: „Nicht wegwerfen, nicht wegwerfen!"


Ich gab nach einigen Wiederholungen auf und erkannte, dass ich ihr nicht wirklich helfen konnte. Denn einerseits hatte sie recht und mein Zen-Gewissen stimmte ihr innerlich zu. Denn wir wissen, dass im Zen-Kloster nichts weggeworfen und jedes müde Radieschenblatt noch irgendeiner Verwendung zugeführt wird. Das ist Zeichen der Wertschätzung jedes kleinsten Dinges. Andererseits: Würde ich hier bei jedem Schuh und jeder gebrauchten Zahnbürste überlegen, wer das brauchen könnte, wäre ich ein Jahr lang nur damit beschäftigt, vergammelte Dinge auszusortieren und in der Stadt herumzutransportieren. In meinem Bemühen um Klarheit und schnelle Ordnung habe ich mich dafür entschieden, manches wegzuwerfen, statt darüber nachzudenken, wer es wofür noch brauchen könnte. Susanne allerdings bringt das nicht übers Herz. Sie wird noch ein Jahr lang mit der Entrümpelung der Wohnung zu tun haben. Warum?

 

Dinge haben eine Geschichte und machen uns abhängig im Geiste.

Sie hängt an den Dingen aus ihrer Vergangenheit. In diesen Räumen ist sie groß geworden. Diese Papiere hat ihr Vater in der Hand gehalten, diesen Gürtel hat er sich umgelegt. All das löst bei ihr Erinnerungen aus. Die Dinge des Vaters, die Kleider – darf sie sie weggeben oder wäre der Vater beleidigt?
Viele Gegenstände, die wir in unseren Wohnungen haben, sind Zeugen unserer Vergangenheit und daher mit komplizierten Gefühlen behaftet. Das einfachste ist noch das Gefühl, irgendwann etwas vielleicht doch noch brauchen zu können. Die Komplettausgabe von C. G. Jung – ich hatte sie zwar schon 20 Jahre lang nicht in den Händen. Aber vielleicht schreibe ich mal einen Artikel und möchte doch noch etwas nachschlagen? Das Gefühl der Nostalgie: In diesem Stuhl ist mein Vater gesessen – auch wenn er mir nicht gefällt, kann ich ihn nicht weggeben. Diese Teller liebte meine Mutter so sehr. Wenn ich sie weggebe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Meine Oma, die zwei Weltkriege miterlebt hatte, hat mich gelehrt, dass jedes Stück Schnur wertvoll sei. Deshalb muss ich es aufheben. Gefühle über Gefühle. Und letzten Endes ist es einfacher, nichts zu tun und die Dinge einfach dort stehen zu lassen, wo sie sind. So stecke ich in einem Dilemma: Wo zeugt es von Wertschätzung, etwas aufzuheben? Wo ist es ein Anhaften an Erinnerungen und Gefühlen? Und wo ist sie, die maskierte Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen?

 

„Unter allen Schülern und Weggefährten, die von weither zu mir gekommen sind, gibt es keinen einzigen, der nicht von etwas abhängig gewesen wäre. ... Es gibt niemanden, der in vollkommener Ungebundenheit vor mich getreten wäre. ... Weggefährten, versucht vor mich hinzutreten, ohne von Dingen abhängig zu sein."

(Zen-Meister Rinzai, Rinzairoku, 9. Jahrhundert)

 

Jedes Ding braucht einen Platz, wo es wohnen kann

Szenario zwei:

Eine andere Freundin, Lisa, war in beengten Verhältnissen, in einem kleinen Bauernhof, aufgewachsen. Nun wollte sie in ihrem neu gebauten Haus endlich für alle Besitztümer Platz haben. Als ich zum ersten Mal das Haus betrat, war ich geblendet von so viel Sauberkeit und Klarheit. Da war nicht ein Kugelschreiber, der herumlag, keine Schuhe beim Eingang, kein Gewürz, das in der Küche herumgestanden wäre. Dabei wohnen drei Menschen dort zusammen. Zwischen ihnen herrscht eine klare Einigkeit, dass jedes Ding einen Platz braucht, der von außen nicht sichtbar sein soll. Sie besprechen dies auch regelmäßig. Wenn Lisa etwas aufheben will, dann erheben die zwei anderen Einspruch: „Das brauchen wir nicht mehr, das liegt nur herum." Ein Haus wie ein Ausstellungsstück. Ich bin nicht sicher, ob ich in so einem Haus leben könnte. Jedoch hat alles seinen Platz, und zwar dort, wo es niemand sieht, in Kästen und Schränken. Die Bestsellerautorin Marie Kondo sagt dazu: „Jedes Ding braucht einen Platz, wo es wohnen kann. Ist dies das moderne Pendant zur Zen-Klause?"

 

Was ich daraus lerne

Seit ich das weiß, suche ich für jedes Ding einen gemütlichen Platz. Ich nehme jedes Ding in die Hand und frage mich: „Will ich und brauche ich dieses Ding wirklich, und zwar in meinem jetzigen Leben?" „Habe ich ein gutes Gefühl dabei, wenn ich das in der Hand halte?" Nach dieser Frage muss ich mich entscheiden. Manchmal finde ich heraus, dass ich mehrere Exemplare der gleichen Art habe, etwa zwei Dosenöffner, 100 Kugelschreiber, fünf Schöpflöffel ... Dann entscheide ich mich, die überflüssigen Dinge wegzugeben. Sie kommen auf den Flohmarkt, in Kleidersammelbehälter oder ich finde jemanden, der sie brauchen kann. Die Entscheidung fällt mir nicht immer leicht, es ist anstrengend. Jedoch jene Dinge, die ich aufhebe und die einen Platz bekommen, die schätze ich auch. Marie Kondo schreibt in ihrem Buch ,Magic Cleaning': „Es ist ein Gefühl der Stille und der Konzentration ... Beim Aufräumen mit sich und den Dingen. Wenn man sich intensiv mit den einzelnen Dingen beschäftigt und seinen Empfindungen nachgeht, ... dann ist es fast so, als ob zwischen den Dingen und einem selber ein leiser Dialog entstehen würde." Es ist befreiend, wenn sich die Laden und Regale leeren und ich die Sachen, die ich wirklich täglich brauche, dort griffbereit hinlegen kann. So habe ich das Gefühl, dass jene Dinge, die ich behalte, Luft zum Atmen bekommen. Das wirkt sich auch geistig aus. Es ist, als ob eine frische Brise durch den Kopf und den Körper weht. Das Chaos ist weg, der Geist – ein wenig – freier. Vor zwei Wochen habe ich ein rosa Sofa-Ungetüm hergeschenkt.

Dazu auch noch gleich eine Stereoanlage meines Vaters, die seit 28 Jahren unbenutzt in der Ecke eines Zimmers stand. Dafür wählte ich ein schlankes Gästesofa aus, das sich jetzt bescheiden dem Zimmer unterordnet. Jedes Mal, wenn ich durch dieses Zimmer gehe, atme ich auf und merke, wie sehr mich diese ungenutzten und ungeliebten Möbel in der Vergangenheit – 28 Jahre lang – beengt haben. Jene Dinge, die ich behalte, werden durch die Berührung und den Entscheidungsprozess zum Leben erweckt und bekommen einen Platz in meinem Inneren. Jedes Zuviel, auch bei Informationen, Menschen, Terminen, resultiert gewöhnlich darin, dass man auf Abwehr schaltet. So ist es auch in einem chaotischen Zuhause. Man fühlt sich mit den vielen Dingen nicht mehr im Einklang, es ist zu viel, man will nichts mehr damit zu tun haben. Manche Menschen flüchten dann in ein Zweithaus, ins Café oder in den Wald. Der Ausleseprozess gleicht dem Atmen. Ebenso wie beim Atmen stelle ich ein Gleichgewicht zwischen dem Einatmen, dem kurzen Innehalten und dem Ausatmen her: Ich bekomme ein Geschenk, ich halte inne, drücke meine Wertschätzung aus und gebe ihm einen Platz zum Wohnen. Oder: Ich räume auf, nehme ein Ding in die Hand, halte inne, horche in mich hinein, ob ich es brauche, und gebe es weg. Einatmen – Innehalten – Ausatmen. Solange dieser Atemfluss auch bei materiellen Dingen funktioniert, so lange ist mein Zuhause mit all den schönen und nützlichen Dingen in Balance.

 

Verantwortung für mein Zuhause übernehmen

Sehe ich diesen Prozess als eine Funktion des Lebens an, dann ist auch das Putzen ein Teil davon. Das Putzen ist ein Ausdruck meiner Wertschätzung gegenüber meiner Wohnung. Und deshalb übernehme ich gerne die Verantwortung dafür. In unserem Zendo erinnere ich mich noch an eine Vorstandssitzung, in der die Hälfte des Vorstandes die Zeiten herbeiwünschte, wenn wir so viel Geld einnehmen würden, dass wir uns eine Putzfrau leisten könnten. Ich war dagegen. Denn der Platz, an dem man wohnt, meine ich, soll auch der Platz sein, den man putzt. Oft habe ich das Zendo alleine geputzt. Ich sah es als meine Übung an, anderen und mir einen sauberen Meditationsplatz zu bereiten. Die Übung besteht unter anderem auch darin, widerstreitende Gedanken wie „Warum hilft mir niemand?", die unweigerlich auftauchen, zu betrachten.


Vor zwei Monaten hat nun eines der Mitglieder das Putzen des Zendo als Meditationsübung weiter ausgestaltet. Es dauert drei Stunden und beginnt mit der rechten Haltung. Im Zen-Kloster wird nicht mit Wischmopps geputzt, sondern auf der Erde. Die Mönche nehmen das Aufwischtuch, wringen es aus und fahren auf allen vieren den Boden entlang. Und das alles mit einer Affengeschwindigkeit und Dynamik. Sie stürmen die Stiegen hinauf und wischen mit vollem Körpereinsatz das Holz blank. Dadurch haben die Böden im Zen-Kloster vom täglichen Putzen über viele Generationen eine wunderbare farbliche Tiefe. Ganz so schnell macht es unser Zendo-Putztrupp nicht. Um aus der laschen Alltagsenergie jedoch herauszukommen, machen wir zu Beginn Hara-(Bauchenergie)-Übungen. Dann folgt eine Runde Zazen (Meditation) und dann beginnt jeder mit vollem Energieeinsatz seinen Bereich zu putzen. Am Schluss, wenn alles blinkt und glänzt, belohnen wir uns nochmals mit einer Runde Zazen. So üben wir im Zendo, ,das eigene Bewusstsein zu schulen und zu verbessern', wie es im Buch ,Unsui: Tagebuch eines Mönchslebens' von Eshin Nishimura geschrieben steht. Und weiter: „Die Umgebung (Räume und Garten) zu säubern, führt zur Reinigung und Klarheit des Geistes." Ja, das kann ich bestätigen: Aufräumen und Putzen sind eine Katharsis für Körper und Geist.

 

 

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