Spiritualität

Prinz Siddhartha war schon ein erwachsener Mann, als er entschied, die fürstlichen Paläste seines Vaters zu verlassen, um eine persönliche Reise mit ungewissem Ausgang anzutreten: Es war eine legendäre spirituelle Suche, in deren Verlauf aus Siddhartha ein Buddha wurde.

Eigentlich hatte Prinz Siddhartha ein komfortables Leben gehabt. Er war attraktiv, erfolgreich und beliebt, wie es nur ein Prinz oder ein Star sein kann. Auch beruflich und finanziell brauchte er sich keine Sorgen zu machen: Nach alter Tradition war es entschieden, dass er seinem Vater Suddhodana eines Tages auf den Thron folgen und die Regierungsgeschäfte übernehmen sollte: Fürst Siddhartha! Der Vater achtete peinlich genau darauf, dass sein Sohn diesen Weg einschlagen würde und er keinen Anlass hatte, seine Zukunft infrage zu stellen. Wohl überlegt bot er ihm daher ein bestechend komfortables Leben, das kaum Wünsche offenließ. Suddhodana hoffte, dass dem Prinzen auf diese Weise seine fürstliche Rolle von Anfang an zur zweiten Natur würde.

 

Inmitten seiner angenehmen und gesicherten Lebensumstände erfasste ihn eine nagende Unruhe.

 

Dennoch war Siddharthas Leben nicht ungetrübt. Inmitten seiner angenehmen und gesicherten Lebensumstände erfasste ihn eine nagende Unruhe. Eine Ahnung, dass die satte, blühende Welt, die ihn in den komfortablen Palästen umgab, nicht die ganze Wahrheit war. Gelegentlich erinnerte er sich auch an eine längst zurückliegende Begebenheit aus seiner Kindheit. Damals hatte er sich während einer langweiligen Feiertagszeremonie weggeschlichen und sich am Rande eines nahe gelegenen Feldes unter einem Rosenapfelbaum niedergelassen. Während er darauf wartete, dass die endlosen Rituale abgeschlossen würden, schaute er dem Treiben der wild lebenden Tiere zu. Verwundert beobachtete er, wie eine Eidechse von einer Schlange gefressen und diese anschließend von einem Raubvogel verspeist wurde. Ein Anblick, der ihn berührte und nachdenklich machte. Doch schon bald hatte man den Prinzen im Schatten des Baumes entdeckt und brachte ihn wieder zurück. Aus der stillen Resonanz mit dem, was er beobachtet hatte, blieb dem Jungen nur eine Ahnung von Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten, für die er zu diesem Zeitpunkt noch keine passenden Worte hatte.
Manchmal sind es gerade die wortlosen Erinnerungen und Ahnungen, die uns später den Impuls geben, Dinge zu tun, die uns selbst und andere überraschen und vielleicht zunächst Unverständnis provozieren.

 

Der Vater hat ein klares Weltbild und feste Erwartungen.

 

Als Siddhartha viele Jahre nach seiner zufälligen Meditation unter dem Rosenapfelbaum den wachsenden Wunsch verspürte, mehr von der Welt zu sehen, und er sich an seinen Vater mit der Bitte wandte, die fürstlichen Paläste alleine verlassen zu dürfen, um die Stadt zu erkunden, lehnte Suddhodana alarmiert ab. Es zeigte sich ein geradezu archetypischer Konflikt: Der Vater hat ein klares Weltbild und feste Erwartungen. Er will den Sohn auf den bekannten und bewährten Bahnen halten. Der Sohn hingegen strebt nach Freiheit. Er will die Welt für sich selbst erkunden. Er will alles mit eigenen Augen sehen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Dieser Konflikt ist archetypisch, weil viele Menschen diese Widersprüchlichkeit in ihrer eigenen Person kennen: Die eine Seite in uns findet wie Suddhodana Sicherheit und Klarheit innerhalb der uns bekannten Ordnung, die bewährt und vertraut ist. Was wäre ein Leben ohne Routineabläufe, Verkehrsregeln und Gesetze? Vieles müsste jeden Tag neu geordnet werden! Vor allem aber ist mit dem Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit auch ein Gefühl von Identität verbunden: Ich weiß, wer ich bin und wo ich hingehöre.
Die andere Seite in uns sehnt sich wie Siddhartha nach Freiheit von langweiligen Routinen, voraussagbaren Gedanken und Emotionen und von beengenden Zwängen. Sie will etwas Neues erforschen, will sich neu erfinden, sehnt sich nach Anregung und Erkenntnis. Reisen haben sehr viel damit zu tun, dass diese explorationsfreudige Seite nach ungewohnten Erfahrungen sucht. Die Auseinandersetzung mit etwas Neuem stellt immer auch unsere bisherige Identität auf den Prüfstand und fragt: Wer bin ich jetzt? Wer bin ich wirklich?
Tatsächlich aber gehören beide Seiten zusammen und brauchen immer wieder einen Ausgleich miteinander. Die meisten Menschen schätzen daher sowohl die Sicherheit der vertrauten Bahnen als auch die Anregung durch neue Erfahrungen und Begegnungen.

 

Der Sohn strebt nach Freiheit.

 

Siddharthas Wunsch, die nahe gelegene Stadt zu erkunden, führte zunächst zu einem zähen Ringen zwischen Vater und Sohn. Fürst Suddhodana machte sich Sorgen. Er glaubte nämlich an die Worte des alten Hellsehers Asita, der bei der Geburt des Prinzen behauptet hatte, dass Siddhartha entweder ein weltlicher Herrscher oder ein Buddha würde, also ein vollständig erwachter, weiser Mensch. Diese Vorhersage hatte ihm seit jeher Angst gemacht, denn er war gefangen in der Vorstellung, was er an seinem Sohn verlieren könnte, wenn dieser nicht sein fürstlicher Nachfolger würde. Daher wollte er verhindern, dass Siddhartha durch das Herumstromern auf ‚verrückte Ideen' käme und sich der Kontrolle, ja dem Weltbild des Vaters entzöge.

 

Er will die Welt für sich selbst erkunden.

 

Doch Siddhartha setzte sich schließlich durch und Suddhodana musste dem Prinzen die begehrten Ausflüge gewähren. Was Siddhartha dabei erlebte, übertraf seine Erwartungen. Obwohl sein Vater angeordnet hatte, dass die geplante Reiseroute geschmückt und zu einem erfreulichen Erlebnis werden sollte, waren es nicht der Glanz und die farbenfrohen Bilder, die den Prinzen beeindruckten, sondern drei ganz unbeabsichtigte und schockierende Begegnungen: zunächst mit einem hohlwangigen Greis, dann mit einem entstellten Leprakranken und schließlich der Anblick einer Leiche. Alter, Krankheit, Tod. Eine tief verstörende Seite des Lebens, die man bis dahin geflissentlich vor ihm heruntergespielt hatte.
Channa, der kluge Wagenlenker des Prinzen, stand feinfühlig an seiner Seite, als Siddhartha immer deutlicher erkannte, was die Unausweichlichkeit dieser Tatsachen für seine eigene Zukunft bedeutete. Die Begegnungen in der Stadt führten zu einem radikalen Wendepunkt in seinem Leben. Als Siddhartha bei der vierten und letzten Fahrt einen Wandermönch sah, stand sein Entschluss fest: Er musste ab jetzt seinen eigenen Weg gehen.

 

Was Siddhartha erlebte, übertraf seine Erwartungen.

 

Wenig später verließ er die väterlichen Paläste. Es war jedoch keine bittere Entscheidung gegen seine Familie, die er liebte. Um allen einen schmerzhaften Abschied zu ersparen, brach Siddhartha in der Nacht auf und ritt zusammen mit Channa bis an das Ufer des nahe gelegenen Flusses. Dort verabschiedete er sich von seinem treuen Diener und schickte ihn mit den Pferden zurück, um ab hier den Weg alleine fortzusetzen. Er ließ alles zurück, auch seine vornehme Kleidung, die er gegen einfache Gewänder tauschte, und sogar sein prachtvolles Haar, das er ohne Zögern abschnitt. Es war, als ob er seine Identität wie eine alte Haut abstreifte. Befreit von aller äußeren Last und Sicherheit stand der Weg ins Unbekannte nun offen.
Siddhartha setzte sich mit dieser Entscheidung über alle standesgemäßen Verpflichtungen und Erwartungen an seine Person hinweg, um sich einer existenziellen Frage zu stellen, die ihn mehr als alles andere in Bann nahm: Wie kann man sich grundlegend vom Leiden befreien – was muss man dafür verstehen? Die Suche nach Erkenntnis war wichtig für ihn – und nicht die Frage des Hellsehers Asita, ob aus ihm ein Fürst oder ein Weiser würde. Siddhartha ahnte, dass er sich aus der dualistischen Perspektive, die sich in der konventionellen Frage spiegelt, befreien wollte. Deswegen musste er die Paläste des Vaters verlassen und sich auf den Weg machen.

 

Er musste ab jetzt seinen eigenen Weg gehen.

 

Die mutige und entschlossene Pilgerreise, die sechs Jahre dauerte und schon eher einer Forschungsreise in den menschlichen Geist glich, ließ aus Siddhartha einen wahren Buddha werden, dessen Rat und weise Belehrungen auch von Suddhodana und anderen Fürsten später oft gesucht und dankbar angenommen wurden.

 

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