Spiritualität

Einfach nur urlauben – all inclusive – in der ‚DomRep' oder auf ‚Fuerte', kommt für viele Reisende nicht mehr infrage. Reisen mit Yoga-Programm oder täglicher Meditation in einem Ashram sind gefragt. Die Suche nach spiritueller Magie und Entschleunigung prägt heute den Tourismus.

 

Die Angebotslandschaft im Tourismus ist breit gefächert und so finden sich neben ‚normalen' Urlaubsreisen wie Strand- und Erholungsurlaub auch zahlreiche spezielle Urlaubsangebote, die den aktuellen Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Die Bandbreite reicht dabei vom Wander- oder Fahrradurlaub über Studien- und Expeditionsreisen bis hin zum Partyurlaub für Kegelklubs. Hinter jeder Angebotsart im Tourismus stehen spezifische Bedürfnisse der Menschen, die sie buchen. Seit 2013 gibt es den ‚Spirituellen Sommer', eine Veranstaltungsreihe, bei der neben Angeboten von Gebet und Pilgerung bis zu Kunst und Kultur vor allem solche zum Thema Meditation und Achtsamkeit hohen Zuspruch finden. Was 2012 als mehrtägige Veranstaltung an den Start ging, ist bis 2014 zu einer mehrmonatigen Veranstaltungsreihe herangewachsen, die rund 16.000 begeisterte Teilnehmer verzeichnen konnte. Meditation als Freizeitangebot in einer Mittelgebirgsregion wie dem Sauerland scheint den Nerv der Zeit zu treffen – nicht nur bei der einheimischen Bevölkerung, sondern auch bei den zahlreichen Urlaubern, die die Angebote vor Ort sehr begrüßen.

 

Spirituelle Reisen haben inzwischen einen festen Platz innerhalb der touristischen Angebote.

 


Es scheint vielleicht verwunderlich, beim Thema Meditationsreisen zunächst auf ein Angebot in Deutschland zu stoßen, denkt man bei Meditation und Spiritualität doch eher an fernöstliche Religionen und dort praktizierte Rituale. Im asiatischen Raum liegen bekanntermaßen die Wurzeln der Meditation, aber die Faszination dafür ist längst in der westlichen Welt angekommen und hat auch hier Einzug in das hiesige Tourismusangebot gehalten. Musik-Meditation, Kontemplation und Fasten in der Benediktinerabtei Ottobeuren im Allgäu, meditatives Bogenschießen im Kloster Neustift in Südtirol oder das Angebot ‚Meditation-Kunst-Natur' im Burgenland in Österreich locken schon seit vielen Jahren Urlauber hinter Klostermauern. Immer mehr Menschen scheinen von der kontemplativen Kraft und der äußeren und inneren Ruhe angezogen zu werden. Das Meditationsangebot ‚Oase der Stille', das ebenfalls im Rahmen des ‚Spirituellen Sommers' im Sauerland stattfindet, wird mit folgenden Worten angekündigt: „In unserem Alltag erleben wir Hektik und Stress. Die Gedanken kreisen um Dinge, die noch erledigt werden müssen. Wie ein Hamster im Käfig drehen wir uns im Kreis und kommen nicht zur Ruhe. Dieser Kurs mit vier aufeinanderfolgenden Treffen ist eine Oase der Stille. Die Belastungen des Alltags bleiben vor der Tür und wir finden Ruhe und inneren Frieden. Diesen Zustand erreichen wir durch Entspannungsübungen, bewusstes Atmen, intensives Körpererleben, Lichtmeditation und Übungen der Achtsamkeit mit Weisheitstexten aus verschiedenen Religionen." Der Text zeigt, was Meditation bei den Menschen erreichen will, und deutet an, worunter die Menschen der heutigen Zeit leiden: Stress, Hektik, Unruhe. Warum die Menschen zunehmend Ruhe und Besinnung im Urlaub suchen, soll später noch erläutert werden. Zunächst soll die Angebotsform Meditationsreisen näher vorgestellt werden.

 

Das Interesse an Meditations- und spirituellen Angeboten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

 


Richtet man den Blick auf die Länder, in denen Angebote wie Meditation, Yoga und andere asiatische Entspannungstechniken eine lange Tradition aufweisen, so stößt man vor allem auf Thailand, Indonesien, Indien, Sri Lanka und Japan. Aber auch Ägypten und die Sinai-Halbinsel sind seit Jahren beliebte Ziele für Meditationsreisen – teilweise explizit als Wüstenmeditation ausgerichtet; hier spielt die besondere Kargheit der Landschaft eine wichtige Rolle bei der Besinnung auf das eigene Selbst. Außerdem bieten viele Reiseveranstalter Meditationskurse auf den griechischen Inseln an. Zu den in Deutschland bekanntesten Reiseveranstaltern für diese Urlaubsform zählen SKR Reisen, Neue Wege, Lotus Travel Service und Inside Travel. Alle Veranstalter halten ein breites Angebot für Meditationsreisen vor, wobei sich SKR bereits stark auf Meditationsangebote in europäischen Klöstern fokussiert, Lotus Travel Service auf Asienangebote setzt und Neue Wege vor allem Asien und Europa im Programm hat. Inside Travel hingegen ist mit seinen Angeboten am stärksten in Griechenland vertreten. Inhaltlich sind die Angebote sehr unterschiedlich, so dass die Frage im Raum steht, was denn eigentlich ‚Meditation' ist und auf welche Weise man ihr nachgehen kann. Das Wort Meditation ist aus dem lateinischen meditari abgeleitet und bedeutet im Ursprung ‚nachdenken, nachsinnen, überlegen'. Meditieren ist eine Technik, die es den Menschen erlaubt, zur Ruhe zu kommen und sich auf ihr Innerstes zu konzentrieren beziehungsweise die Bewusstseinsebenen zu wechseln. Das Meditieren ist wichtiger Bestandteil zahlreicher Religionen wie des Buddhismus und Hinduismus – und auch das Christentum kennt eine ähnliche Anwendung in Form des kontemplativen Gebets. In der westlichen Welt findet Meditation aber auch gänzlich losgelöst von religiösen Hintergründen Anwendung – als Übungen zur Änderung des Bewusstseinszustands. Grundlegend sind zwei Arten von Meditationstechniken zu unterscheiden: die passive und die aktive Meditation.

Spirituelle Reisen1Spirituelle Reisen2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Interesse an Meditations- und spirituellen Angeboten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Das zeigt unter anderem die zunehmende Anzahl an Publikationen und Zeitschriften zu diesem Thema, deren Erscheinen ja auf einer entsprechend breiten Leserschaft fußt. Zudem entstehen auch immer mehr Yoga- und Meditationszentren in den Städten und sie werden zu einer festen Größe in der Freizeitgestaltung der Menschen. Es drängt sich die Frage auf, warum Meditation und Spiritualität als Themen und Motive für den Urlaub in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Spirituelle Reisen haben inzwischen einen festen Platz innerhalb der touristischen Angebote und sind zu einer etablierten Nische im Reisemarkt geworden. Um die Voraussetzungen und Motive besser verstehen zu können, soll ein kleiner Ausflug in die Erkenntnisse der Tourismuswissenschaft helfen. Was haben also Meditation und Spiritualität mit Tourismus zu tun? Ein Blick in die Grundlagen der Tourismuswissenschaft kann hier Aufschluss geben. Dazu zunächst die offizielle Definition, die besagt, dass ‚Tourismus (...) die Aktivitäten von Personen (umfasst), die an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort zu Freizeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen Zwecken nicht länger als ein Jahr ohne Unterbrechung aufhalten' (UNWTO 1993). Reisen zu Freizeitzwecken werden als Urlaubsreisen bezeichnet. Urlaubsreisen sind also der zeitweise Aufenthalt von Personen an Orten, die nicht ihr Zuhause sind, um dort ihre Freizeit, also Urlaubszeit, zu verbringen. Tourismus wird in diesem Zusammenhang als Gegenwelt zum Alltag betrachtet, denn fernab des gewohnten Alltags mit all seiner Fremdbestimmung bietet der Tourismus hier die Möglichkeit, seine freie Zeit selbst zu gestalten. Aus dieser Sicht heraus dienen Reisen auch dazu, einen Ausgleich zum Alltag zu finden. Wer im Alltag wenig erlebt und eine monotone Arbeit verrichtet, will vielleicht eher einen aufregenden, abenteuerlichen Urlaub verbringen. Wer hingegen im Alltag stark beansprucht ist und psychischen wie physischen Belastungen ausgesetzt ist, möchte vielleicht eher Ruhe und Ausgleich finden. Da Urlaub außerhalb des gewohnten Umfeldes stattfindet, kann er als ‚Testphase' fernab des Alltags und der damit verbundenen Konventionen verstanden werden. Im Urlaub kann der Mensch ‚neue' Verhaltensweisen ausprobieren. ‚Kloster auf Zeit' kann insofern ein Test sein, ob und wie man mit absoluter Ruhe – und dem Verzicht auf technische Medien wie Smartphones – umgehen kann. Oder ein Meditationsseminar in der Wüste kann einen Zugang zum eigenen Selbst ermöglichen, der im Umfeld von Arbeit und Familie nicht möglich wäre. Häufig werden die Eindrücke und Erfahrungen über den Urlaub hinaus in den Alltag übertragen – sei es mit kurzen Momenten des Innehaltens während der Büroarbeit oder mit ausgedehnten Spaziergängen in der Natur am Wochenende.

 

Der Urlaub bietet quasi ein Schlupfloch, durch das das Korsett des Alltags zumindest auf Zeit verlassen werden kann.

 


Dass das Bedürfnis der Menschen nach Ruhe und innerer Balance zugenommen hat, liegt vor allem auch an den sich ändernden Bedingungen der modernen Gesellschaft. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich jeder vierte Deutsche stark oder sehr stark durch Stress und Hektik beeinträchtigt fühlt. Gleichzeitig melden die Krankenkassen steigende Zahlen bei psychischen Erkrankungen und der Begriff Burn-out-Syndrom ist bedauerlicherweise schon fast zur Standardvokabel bei Betriebsärzten geworden. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der touristischen Angebotslandschaft wider. Tourismus wird beeinflusst durch verschiedene Bereiche wie Wirtschaft, Politik, Ökologie und Gesellschaft. Forscher sind der Frage nachgegangen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich auf die Bedürfnisse und Angebote im Tourismus auswirken. Die Untersuchung hat ergeben, dass es vor allem folgende Defizite der heutigen ‚Überflussgesellschaft' sind, die Einfluss auf die Urlaubswünsche nehmen:

  • wachsende Zeitnot – die Leistungsgesellschaft will immer mehr und das immer schneller
  •  zunehmende Komplexität – durch Globalisierung und technische Innovationsgeschwindigkeit
  • Verlust vertrauter Strukturen – durch die voranschreitende Individualisierung der Gesellschaft

Auch finden sich diese Themen seit geraumer Zeit in der populären Presse, was auf ein breites Interesse der Bevölkerung schließen lässt. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass immer mehr Menschen in ihrer Freizeit und in ihrem Urlaub einen Ausgleich zu den Belastungen suchen. Mußeorientierte Angebote – oder Angebote des slow tourism oder spirituellen Tourismus – drängen verstärkt auf den Markt und finden dort ihre Abnehmer.


‚Meditation' und ‚Selbstfindung' als Urlaubsziel
Die Frage nach den Motiven der Menschen, die sich für Meditationsreisen entscheiden, kann in erster Linie mit den dargestellten gesellschaftlichen Bedingungen beantwortet werden, die das Alltagsleben der Menschen stark beeinflussen. Der Urlaub bietet quasi ein Schlupfloch, durch das das Korsett des Alltags zumindest auf Zeit verlassen werden kann, um durch Meditation oder spirituelle Erfahrungen innere Einkehr und Ruhe zu finden. Die Zielgruppen für Meditationsreisen zeigen sich allerdings recht weit gestreut – zumindest wenn es um das Alter der Teilnehmer geht. Junge Menschen, die gerade in einer wichtigen Prüfungs- oder Orientierungsphase ihres Lebens stehen, nutzen Meditationsangebote ebenso wie Menschen in der Lebensmitte, die zum Beispiel beruflich stark beansprucht sind oder eine Lebenskrise meistern müssen. Aber auch ältere Menschen, die nach dem aktiven Berufs- und Familienleben Kraft sammeln und Achtsamkeit üben möchten, begeistern sich für meditative Urlaubsreisen. Befragungen haben zudem ergeben, dass Erfahrungen wie im Kloster von den meisten Gästen auch in den Alltag übertragen werden – und sei es nur, dass eine tägliche 5-minütige Ruhephase als heilsame Kraftquelle in den normalen Tagesablauf aufgenommen wird. Damit wird diese Urlaubsform zu einem sehr nachhaltigen Erlebnis, das sicher länger bei den Menschen nachwirkt als der ‚normale' Strandurlaub auf einer der beliebten Ferieninseln.


Die in diesem Beitrag genannten Thesen und deren Auswirkungen sind zusammengefasst im sogenannten RETURN-Modell dargestellt:

 

Spirituelle Reisen3

Die auf der linken Seite aufgeführten gesellschaftlichen Einflüsse stoßen neue Bedürfnisse in der Freizeit an. Diese Bedürfnisse können durch die im Wort RETURN zusammengefassten Zukunftsthemen des Tourismus Befriedigung finden. Die Themen Reduktion/Askese, Entschleunigung/Neue Langsamkeit, Transzendenz/Spiritualität/Religion, Ursprünglichkeit/Tradition, Relaxen/Wellness und Natur/Landschaft werden zukünftig eine immer wichtigere Rolle für touristische Anbieter und Nachfrager spielen. RETURN steht dabei symbolisch für ein ‚Zurück' zu mehr Ruhe, Gelassenheit und Besinnung. Meditationsreisen sind vielleicht auch deshalb so im Trend, weil sie genau diesen Motiven entsprechen.

 

Prof. Dr. Susanne Leder lehrt Tourismusmanagement und Marketing an der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede im Sauerland. Sie war zuvor mehrere Jahre im Wandermarketing und Destinationsmanagement der Region Müllerthal in Luxemburg tätig. Zu den Themen Wandertourismus und Mußetourismus hat sie zahlreiche Vorträge gehalten und Artikel verfasst. Aktuell leitet sie unter anderem die wissenschaftliche Betreuung des Projektes ‚Wege zum Leben. In Südwestfalen', um die Zusammenhänge von Spiritualität und Tourismus näher zu untersuchen.

 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier

Kommentar schreiben

Verwandte Artikel