Spiritualität

Welche Vor- und Nachteile hat es für die Lehre Buddhas, dass dieser Mönchs- und Nonnenorden gegründet wurde? Es wäre irrig zu glauben, zu Buddhas Lebzeiten wäre der buddhistische Orden eine heile Welt gewesen.

Nein, die alte Überlieferung berichtet, dass der Orden von Anfang an viel Gesindel angezogen hat. Immer wieder wird berichtet, wie Mönche und Nonnen, besonders aber Mönche, irgendetwas tun, was dem Geist des Ordens diametral entgegengesetzt ist. Manchmal sind das unglaubliche Schurkereien. Aus solch gegebenem Anlass hat Buddha jeweils eine bestimmte ordensrechtlich-strafrechtliche Bestimmung erlassen. So ist im Laufe des Lebens Buddhas allmählich die Sammlung der Ordensregeln (Vinaya) entstanden.

Die Übeltäter, die zum Erlass einer Ordensregel veranlassten, wurden nicht bestraft oder aus dem Orden ausgeschlossen. Buddha hielt sich streng an den Grundsatz ‚Keine Strafe ohne vor der Tat erlassenes Gesetz’. Rechtssicherheit ging ihm vor Gerechtigkeit. Eine wahrhaft fortschrittliche Einstellung!
Es ist nicht verwunderlich, dass der Orden zwielichtige Gestalten in Massen anzog und anzieht. Die Privilegien der Ordensmitglieder und die Möglichkeit, so den Mühen der Arbeit und der Sorge für sich und andere zu entgehen, sind zu verlockend, leben doch auch bescheidene Ordensmitglieder im sorgenfreien Luxus des einfachen Lebens.
Ja, das Ordensleben ist – verglichen mit dem Alltag der meisten Laien – ein Luxusleben. Es soll ja den Luxus erlauben, sich ganz der Verwirklichung der Erlösung vom Leiden zu widmen. Obwohl die Laien den Mönchen und Nonnen ein Luxusleben ermöglichen, sollte dies für die Laien kein Luxus sein: Gute Mönche und Nonnen revanchieren sich für diese Wohltat, indem sie den Laien mit Anteilnahme, Rat und Trost beistehen; vor allem aber, indem sie auf ganz natürliche Weise Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut ausstrahlen. Wenn ich morgens einem gütigen und fröhlichen Menschen begegne, ist der ganze Tag gerettet. Begegne ich dagegen einem griesgrämigen Grantler, ist meine Lebensfreude dahin. So erfüllen gute Mönche und Nonnen die gleiche Aufgabe wie unsere beiden Kater: Diesen ermöglichen wir ein sorgenfreies Luxusleben, sie sind aber kein Luxus für uns, denn ihre Güte, Anteilnahme und Fröhlichkeit sind wesentlich für unser Wohlbefinden.
Wer wie ich gute Mönche erleben durfte, weiß, wovon ich spreche.
So tragen gute Mönche und Nonnen zu Buddhas Anliegen, Leiden zu vermindern, bei: nicht nur ‚egoistisch’ zu ihrem eigenen Heil, sondern auch zum Wohlergehen – zur Leidverminderung – derer, die noch blutige Anfänger sind auf dem Weg Buddhas oder denen dieser Weg egal ist.
Leider war Buddha kein guter Organisator. Die Struktur, die er dem Orden gegeben hat, muss bei unserer menschlichen Natur zur Verderbnis des Ordens führen. Buddha vertraute auf die Selbstreinigungskräfte der Mönchsgruppen ohne hierarchische Struktur. Wenn aber eine solche Gruppe mehrheitlich verdorben ist, pflanzt sich das fort. Dies bewog Herrscher in buddhistischen Ländern immer wieder, durch eine strenge hierarchische Struktur die Disziplin der Ordensmitglieder wiederherzustellen beziehungsweise zu erhalten. Doch ‚der Fisch beginnt am Kopf zu stinken’: Auch eine brauchbare Organisationsstruktur hilft nichts, wenn die CEOs unfähig oder korrumpiert sind. Ich musste das traurig bei meinem Thailand-Aufenthalt Ende letzten Jahres feststellen: Gegenüber 1978, als ich selbst in Thailand Mönch war und als die Disziplin der Mönche im Ganzen zufriedenstellend war, ist der buddhistische Mönchsorden zu einem großen Teil verkommen. Grund: ein unfähiges und verkalktes Management vom obersten Mönch an abwärts. In anderen buddhistischen Ländern hat die Dekadenz schon viel früher angefangen. Diese Dekadenz führt dazu, dass die Laien Buddhismus als ein Wirtschaftsunternehmen ansehen, in dem man mit hohen Geldzahlungen diesseitiges und jenseitiges Wohlergehen kaufen kann. Die Klöster werden zu reichen Wirtschaftsunternehmen, Mönche zu korrupten Wirtschaftsbossen. Ernsthaft mit den Leiden der Menschen Beschäftigte wenden sich mit Grausen ab. Die Lehre Buddhas bleibt auf der Strecke.
Ist es also von Vorteil oder von Nachteil, dass Buddha einen Orden gegründet hat? Mein Eindruck ist zwiespältig. Ja, wir verdanken Mönchen, dass uns die Lehre Buddhas überliefert ist. Das größte Geschenk Indiens an die Menschheit wäre ohne Mönche vermutlich verloren gegangen. Ja, gute Mönche und Nonnen waren und sind ein Segen für viele Menschen. Doch ist es nicht für jede Religion und Weltanschauung schädlich, wenn sie hauptamtliche Funktionäre hat? Wenn mein Lebensunterhalt von meinem Funktionärsdasein abhängt, bin ich in schwerer Versuchung, zum Heuchler und Ausbeuter zu werden.

 

Je korrupter der Orden, desto mehr wehrten sich die Mitglieder gegen die Beschneidung ihrer Privilegien.

 

Missbrauch der ‚geistlichen’ Macht ist vorprogrammiert. Das Krebsübel Guruismus wuchert. Wer ist stark genug, diesen Versuchungen zu widerstehen?
Ziemlich oft neige ich zur Meinung, dass es für Buddhas Lehre heute besser wäre, wenn der buddhistische Mönchs- und Nonnenorden von der Erdoberfläche verschwinden würde. Doch meine Meinung zählt nicht: Je korrupter der Orden ist und je mehr Vorteile an Macht und Geld die Ordensmitglieder haben, desto mehr wehren sie sich gegen jede Beschneidung ihrer Privilegien, ihres Wohlstands und ihres Lotterlebens. Im Abendland kennen wir dieses Phänomen von der Unausrottbarkeit der katholischen Kirche.
So bleibt mir nur die Hoffnung, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Glück haben, gute Ordenspersonen zu kennen oder kennenzulernen, die Ihnen den Charme des Mittleren Wegs durch Wesen und Verhalten vermitteln. Vielleicht hat jemand auch das Glück wie ich, durch einen Aufenthalt als buddhistischer Ordensangehöriger mehr vom Mittleren Pfad vermittelt zu bekommen als durch alles andere. Ich möchte meine acht Monate 1978 als Mönch in Nordthailand nicht missen.

 

Alois Payer geb.1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.
 
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Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2017-03-16 15:06
Hallo Herr Payer,
Sie schreiben in Ihren Artikel:
Ziemlich oft neigen Sie zu der Meinung, dass es für Buddhas Lehre heute besser wäre, wenn der
buddhistische Mönch- und Nonnenorden von der Erdoberfläche verschwinden würde.
Da kann ich Ihnen voll und ganz zustimmen, zumindest die Korrupten und unheilsam
Praktizierenden.

Mit freundlichen, korruptions- und aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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