Spiritualität

Stephen Batchelor, britischer Schriftsteller und einer der bekanntesten buddhistischen Lehrer, über den Sinn von Wiedergeburt und Karma.

Wie denken Sie über die Lehre der Wiedergeburt?

Jede Epoche lebt mit eigenen Wahrheiten, Glaubenssätzen beziehungsweise Erklärungsmodellen. Heute leben wir in einem Zeitalter, in dem wir ganz klare Vorstellungen vom Menschsein haben, von unserer physischen Welt, wir glauben an die Evolution und die Astrophysik. All dies ist Teil unseres Weltbildes, genauso wie die Buddhisten früher Wiedergeburt und Karma als Teil ihres Weltbildes verstanden haben. Die Reinkarnations- und Karmalehre wurde nie infrage gestellt, muss aber heute in einen modernen, zeitgerechten Kontext gerückt werden. Jeder Mensch, der den westlichen Buddhismus praktiziert und dies mit intellektueller Integrität tut, wird von bestimmten Bereichen der traditionellen Lehre Abstand nehmen müssen. Und diese Linie kommt offensichtlich bei den Themen Wiedergeburt und Karma zum Tragen.

Viele denken, dass Karma und Wiedergeburt mit dem Hinduismus zu tun haben. Woher kommt das?

Wiedergeburt und Karma haben definitiv nicht nur etwas mit der indischen Kultur zu tun. Geschichtlich betrachtet haben die Hindus und die Jains ähnliche Vorstellungen vom Kreislauf des Lebens, was wiederum klar ist, da beide Richtungen ihren Ursprung im Brahmanismus, der Vorgängerreligion des Hinduismus, haben. Die Begriffe sind einfach in die traditionellen buddhistischen Glaubenskonstrukte eingearbeitet worden – aus der Angst heraus, das gesamte System könnte ansonsten zusammenbrechen. Und genau das wollten die Traditionalisten verhindern. Außer Frage steht: Um den Buddhismus lebendiger zu gestalten, bietet es sich natürlich an, veraltete Ansichten außer Acht zu lassen – doch so einfach geht das nicht. Ich sage nicht, dass es so etwas wie Wiedergeburt überhaupt nicht gibt oder geben kann, denn diese Behauptung kann weder falsifiziert noch verifiziert werden. Dies gilt auch für die Existenz von Gott oder Allah.

Welchen Zugang haben Sie zu diesen Themen?

Batchelor: Ich beschäftige mich mit dem historischen Buddha, da im frühen Kanon viele Passagen zu finden sind, die meinen Standpunkt untermauern: Es gibt keine Wiedergeburt. Die buddhistische Lehre liefert auf eine Menge metaphysischer Fragen keine Antworten: Warum existiert das Universum? Warum sieht die Welt so aus, wie sie aussieht? Hat die Welt einen Anfang und ein Ende? Auch die Frage, ob Tathagata (Bezeichnung, Beiname für den Erleuchteten, für Buddha; Anmerkung der Redaktion) nach dem Tod aufhört zu existieren, wird nicht eindeutig beantwortet.

In meinen Kursen bemerke ich oft, dass sich die Menschen mit diesen Themen überhaupt nicht mehr auseinandersetzen möchten. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Das ist richtig, auch in meinen Kursen beschäftigen sich immer weniger Teilnehmer mit diesem Thema. Es gibt jedoch immer welche, die hier nicht lockerlassen. Das Problem liegt aber ganz woanders. Als Intellektueller, der auch in der Öffentlichkeit steht, versuche ich, Neues zuzulassen, finde es aber trotzdem falsch, einfach alles, was einem nicht gefällt oder was man nicht erklären und beweisen kann, über Bord zu werfen.

Wie darf ich das verstehen?

Menschen aus dem Westen vergessen oft, dass Wiedergeburt und Karma nicht nur intellektuelle Theorien sind, sondern einen hohen Grad an sozialem Wert bieten. Sie stellen ein Gerüst in einer vorwissenschaftlichen und vormodernen Zeit dar, das den Menschen half, Dinge zu erklären, die damals nicht erklärbar gewesen wären. Nehmen wir als Beispiel ein Kind aus einer buddhistischen Familie, das mit einer Behinderung zur Welt kommt. Ein traditioneller Buddhist könnte sich wohl nicht erklären, was der Grund für diese Behinderung sei, und ginge davon aus, dass es mit dem Karma zu tun haben müsse. Er ist nun bestrebt, das Kind bei der Vertreibung des Karmas zu unterstützen und ihm so zu einem normalen Leben in der Zukunft zu verhelfen. Für solche Gesellschaften wäre diese Herangehensweise eindeutig. Dieses Beispiel könnte genauso gut auf eine christliche Familie übertragen werden, dort würde es heißen, dass es Gottes Wille gewesen sei. Karma und Wiedergeburt funktionieren in derartigen Gesellschaften, da die Wiedergeburts- und Karmalehre unverfälschtes metaphysisches Gedankengut ist. Wenn jemand einmal den Willen Gottes als Idee akzeptiert hat, ist es schwer, die Existenz eines früheren Lebens zu bejahen.

Kann ein Mensch im Westen überhaupt etwas mit diesem Gedankengut anfangen?

Wie gesagt, das Problem der Wiedergeburt ist nicht, dass sie falsch und dumm ist, sie funktioniert einfach nicht. Sie funktioniert nicht, da sie mit so vielen anderen Ansichten, die wir von der Welt haben, nicht zusammenpasst. Um sie in unser Weltbild und in unsere Weltanschauungen integrieren zu können, müsste ein Mensch des Abendlandes immense mentale Gymnastik betreiben, denn nur so ließe sich ein gewisser Sinn daraus generieren.

 

Stephen Batchelor war Mönch in der tibetischen und der Zen-Tradition. Der gebürtige Schotte ist einer der großen Querdenker des gegenwärtigen Buddhismus. Er lebt mit seiner Frau Martine in Frankreich, leitet weltweit Meditations-Retreats und ist Autor des Bestsellers ‚Bekenntnisse eines ungläubigen Buddhisten: Eine spirituelle Suche'.

 

Renate Seifarth ist Publizistin, buddhistische Meditationslehrerin und Biologin. Nach langer Zeit intensiver Meditation und Studien bei bekannten Meditationslehrern in West und Ost lehrt sie seit 2000 selbst buddhistische Vipassana-Meditation, hält Vorträge nd schreibt Beiträge in Büchern und Magazinen.

 
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Kommentare  
# Uwe Meisenbacher 2016-11-08 14:39
Die Vorstellung, dass ein Ich Karma schafft und erlebt,
wurde von Buddha ausdrücklich abgelehnt
( SN XXII, 47 ). Das Ich ist eine vergängliche llusion.
Zu sagen, „ich“ habe in früheren Leben dies oder das
vollbracht, werde in künftigen Leben ( als Mensch,
Tier, in Himmel oder Hölle ) dies oder das erleben, beruht auf dem grundlegenden Denkfehler von der Existenz eines „Ich“.
Es ist also eine Illusion sagt der Buddha, dass ein Körper (rupa) von einem Geist (nama) bewohnt wird, der sich dann wieder vom Körper trennen kann.

Schon der Buddha betonte, dass auch seine eigene Lehre (wie alle Dinge) dem Wandel unterliegt und stets in der Darstellungsform der jeweiligen Zuhörerschaft und ihrem spezifischen historisch-sozialen Kontext angepasst werden muss.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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