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Rāhula war der Name des Sohnes von Buddha – eine lehrreiche Familiengeschichte.

Hallo zusammen! Mein Name ist Rāhula, und ich bin der Sohn des berühmtesten Menschen Asiens, des erhabenen Gotama oder Gautama Buddha aus Indien, des Sakyamuni. Dass es nicht leicht ist, der Sohn eines angesehenen und verehrten Menschen zu sein, davon könnte euch bestimmt auch der Sohn Mahatma Gandhis ein Lied singen. Allerdings lebte dieser natürlich lange nach mir. Ein Psychogramm meiner Geschichte könnte gut so klingen: „Kind aus gutem Hause verarmten Adels. Vom Kindesvater, der sich selbst verwirklichen wollte, bei Geburt verlassen. Sieben Jahre mit der verlassenen Mutter, Stiefgroßmutter und einem entmachteten Großvater aufgewachsen. Keine Geschwister. Vom zurückgekehrten Vater im Alter von sieben Jahren gegen den Willen der Familie in einen Asketenorden verschleppt. Dort ohne Spielgefährten und Schulausbildung von alten Männern erzogen, von Bettelspeise abhängig und unter strengsten Regeln diszipliniert. Musste den eigenen Papa ‚Ehrwürdiger‘ nennen. Starb noch vor seinem dreißig Jahre älteren Vater und wurde später heilig gesprochen.“ 

So oder ähnlich könnte es klingen, und tatsächlich hört man auch hier und da von Kritikern, der Buddha sei doch ein Rabenvater gewesen, der seine Familie im Stich gelassen und alles Menschliche als leidvoll abgelehnt habe. Selbst unsere eigene Tradition erklärte später meinen Namen mal als „eine Fessel“ für die Ziele meines Vaters. Wie lustig ich das finde, erkennt ihr schon an meinen Worten, denn tatsächlich war mein Name recht üblich in unserer Zeit und ist eine Verniedlichung des Rāhu, einer mythischen Figur unserer Kultur. Ich selbst nannte mich, wie auch meine Freunde, Rāhulabhadda, der Glückliche, weil ich die Ehre hatte, zweimal ein Sohn des Buddha zu werden, wovon ich euch später noch berichten werde. Auch bin ich keineswegs einsam oder verwaist aufgewachsen. In Wirklichkeit sprachen meine Mutter und meine Familie immer sehr hochschätzend von meinem Vater. Dieser kam übrigens zu uns zurück, als er sein persönliches Ziel erreicht hatte. Und wir alle wurden seine Schüler, weil auch uns so glücklich machte, was er für sich gefunden hatte. Über achtzig Prozent meines Lebens verbrachte ich zwar in einem buddhistischen Orden, in dem allerdings bis auf meinen Großvater, der auch begeisterter Anhänger seines Sohnes wurde, alle da waren: meine Onkel und Tanten, meine Oma, meine Mutter und sehr viele nahe und entfernte Verwandte und Freunde. Eigentlich war es ein riesiger Familienklan voller Harmonie, weshalb sogar diejenigen, die nicht unserer Sippe angehörten, Söhne des Sakya-Klans genannt wurden und wenn sie das höchste Ziel der Vollendung erreichten, alle Töchter und Söhne des Sakyas, des Buddha, wurden. Ich hatte also eine große Familie und sehr viele wunderbare Geschwister in einem engeren und in einem weiteren Sinne.
Zu Lebzeiten war ich mir natürlich überhaupt nicht meiner (späteren) Außenwirkung bewusst. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass der größte Herrscher Indiens, ein König Ashoka, mal eine Stupa nach mir benennen würde, hätte ich das für einen Scherz gehalten. Stolz war ich allerdings schon oft auf meine Herkunft. Die Rezitatoren des Ordens haben mich sogar in jeder Sammlung erwähnt und eine ganze Textsammlung der Belehrungen, die mir mein Vater gab, nach mir benannt. Nur in der sogenannten längeren Sammlung fehle ich, aber die ist auch erst später entstanden, als man sich schon mit der Bedeutung des Ordens in einer konkurrierenden indischen Religionsgesellschaft beschäftigte. Glaubt bitte auch nicht allem, was in den späteren Schriften, wie z. B. den Jātakas, den Vorgeburtslegenden, oder gar in den Kommentaren Buddhaghosas über mich zu finden ist. Verlässlich sind nur die Suttas, die Lehrreden.

„Pfarrers Kinder und Müllers Vieh gelingen selten oder nie.“


Okay, nun mal der Reihe nach. Mein Vater, dessen Mutter bei seiner Geburt gestorben war, wuchs relativ verwöhnt auf, weil unsere Familie aristokratischer Herkunft war und sein Vater, mein Opa, der Suddhodana, die Herrschaft über unseren Klan, die Sakyas, hatte. Wir waren zwar schon entmachtet durch das größere Reich Kosala und nur ein geduldeter Vasallenstaat in ihrer Obhut, doch immer noch mit besonderen Privilegien der Selbstverwaltung und mit dem Ruf, die schönsten Mädchen des Landes zu haben. Dazu gehörte auf jeden Fall meine Mutter Yasudhara, die (wahrscheinlich wegen mangelnder Wertschätzung den Nonnen gegenüber) später in der Tradition nach mir, Rāhulamāta, Mutter des Rāhula, genannt wurde. Meine Eltern heirateten sehr früh, was damals recht üblich war. Mein Vater war gerade mal sechzehn Jahre alt und der große Stolz meines Opas. Weil er aber das Kriegshandwerk noch lernen musste, war Vater für viele Jahre im gandharischen Takkasilā, einer damaligen Universitätsstadt im heutigen Gebiet Pakistans, besser bekannt in seiner griechischen Form als Taxila. Mein Vater, der immer ein Wahrheitssucher war, fühlte sich wohl verpflichtet, nach seiner Ausbildung dem Wunsch der Familie zu entsprechen, einen Nachfahren zu zeugen. Meine Mutter hatte immer viel Verständnis für die Suche meines Vaters, eigentlich waren sie wirklich spirituelle Freunde. Sie sagte mir als Kind: „Als du geboren wurdest, empfand dein Vater, dir niemals das geben zu können, was sich wirklich lohnt, und er müsse dies erst finden.“ Gemeint war damit wohl der Weg zu wahrem, bleibendem Glück, das ich später als Nibbāna kennenlernen sollte. Sonst hätte er mir nur Materielles zu bieten gehabt.
Und dieses Glück fand er übrigens schon nach nur sechs Jahren, in denen wir zwar nichts von ihm, aber manchmal durch andere über ihn hörten. Irgendwann hieß es dann, er sei zurückgekommen. Meine Mutter war so aufgeregt, dass sie nicht zu Suddhodana gehen konnte. Er muss wohl schon eine Weile mit einigen Schülern da gewesen sein, denn wir hörten, dass unser Großvater ihn nach anfänglicher Befremdung, seinen Sohn als Bettelmönch an der Eingangspforte zu sehen, eingeladen hat und ihm lange zuhörte über das, was dieser für sich entdeckt hatte. Viele meiner Onkel, auch der jüngere Halbbruder meines Vaters, Nanda, der eigentlich kurz vor seiner Hochzeit stand, sind wohl dabei spontan in den neuen Orden eingetreten. Wir wussten aber, dass er vor unserer Stadt Kapilavatthu in einem Wäldchen übernachtete. Irgendwann rief mich meine Mutter dann und sagte mir: „Das ist dein Vater.“ Er sah aus wie seine Schüler, kaum zu unterscheiden im Äußeren: safrangelbe Einsiedlerrobe, barfuß, eine Extrarobe über die Schulter, Almosenschale in der Hand und kahlgeschorener Kopf. Doch ich erinnere mich noch genau an sein sehr freundliches und helles Lächeln im Gesicht, das etwas ernst und wie das eines weisen alten Mannes auf mich wirkte, obwohl er doch erst Mitte dreißig war. Ich ging auf ihn zu und schaute mir meinen Vater genau an. Schließlich hatte ich ihn zuvor ja noch nie gesehen, nicht mal auf einem Gemälde. Und als ich da vor ihm stand, fühlte ich mich so wohl in seiner Umgebung, war sofort von ihm angezogen und mir war irgendwie auch als Kind da schon klar, dass er etwas ganz Besonderes ist oder hat. Doch mein Vater schaute mich nur ruhig und friedvoll, fast gütig an, drehte sich dann um und ging zurück zu seinem Wäldchen. Und ihm folgten alle seine Schüler, schweigend und ohne ein Wort zu sagen.


Da hörte ich meine Mutter mir zuflüstern: „Frag ihn nach dem Dāyajja, deinem Erbe.“ Und ohne zu wissen, was das genau sein könnte, rief ich ihm hinterher: „Einsiedler, gib mir mein Erbe!“ Doch er ging einfach ruhig weiter. Da lief ich ihm hinterher und rief wieder: „Einsiedler, gib mir mein Erbe!“ Doch er ging immer noch weiter. Wir waren schon fast an seinem Wäldchen angekommen, als ich das dritte Mal rief: „Einsiedler, gib mir mein Erbe!“ Da drehte er sich zu mir und schaute mich mit den schönsten Augen, die ich je gesehen hatte, lächelnd an und sprach zu einem Mönch neben ihm: „Also, Sāriputta, gib ihm das Pabbajja, das Herausgehen.“ Dieser musste erst einmal fragen, wie er das machen sollte, und der Erhabene, wie sie meinen Vater alle nannten, erklärte es ihm. Später erfuhr ich, dass ich wohl der erste Sāmaṇera, Novize, im Kindesalter war. Ich war nämlich erst sieben Jahre alt. Es stellte sich heraus, dass der Mönch, der mir zugeteilt war, überdurchschnittlich intelligent, fortgeschritten und als der General im Dhamma bekannt war. Dhamma, so nannte mein Vater seine Entdeckung der Wirklichkeit. Sāriputta war ein echtes Vorbild und Privileg für mich, denn er wusste einfach alles und war dazu noch super bescheiden, grenzenlos ausgeglichen, freundlich und humorvoll. Der beste Mentor, den mir mein Vater geben konnte. Ich zögerte nicht einen Augenblick, mich in diese Obhut zu begeben, und hatte von dort an immer das Gefühl, nirgends mehr hinzugehören, als in eben diese Gemeinschaft.


Freilich war das Leben der Mönche recht karg, und ich verstand auch bald, das ich keine Sonderrolle hatte und hier eine Ausbildung durchlief, die nicht immer einfach sein würde. Nach mir wurden dann noch weitere Kindernovizen aufgenommen und jeweils älteren Mönchen zugeteilt. Erst lebten wir ständig in deren Hütten. Doch als manche das zu sehr als Dienerschaft nutzten, entschied mein Vater, dass Mönche nicht mehr mit Novizen in einer Hütte leben sollten. Sicherlich war das auch ein Schutz vor möglichem Missbrauch. Doch dann mussten wir alle raus, und ich wusste gar nicht wohin. Also hab ich mich erst einmal bei meinem Vater, den ich inzwischen wie alle anderen höflich als Lehrer ansprach, vor die Hütte gelegt. Als er mich am Morgen fand, rügte er die Mönche und entschied, dass wir bis zu drei Nächte mit den Mönchen übernachten könnten, bis wir eine eigene Unterbringung gefunden hatten.
Mein Vater, der Erhabene, war immer unheimlich pragmatisch. Erst ging er immer davon aus, dass alle schon herausfinden würden, was das Richtige wäre. Doch wenn etwas schiefging, regelte er es. Lief es dann immer noch nicht optimal, passte er die Regel der neuen Situation an. Ich habe gehört, dass der Orden diese Regeln später nicht mehr als Prinzipien, sondern als Gesetze verstand, auch wenn sie mal keinen Sinn mehr ergaben oder nicht zur gesellschaftlichen oder klimatischen Situation passten. So sind wir Menschen wohl, besonders, wenn damit eine Lehre verbunden ist, die von einem Buddha stammt. Dann trauen wir uns kaum mehr selbst zu denken. Doch genau das wollte der Erhabene immer: für sich selbst schauen und selbst die Wirklichkeit erkennen. Das habe ich früh verstanden.


Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit den Mönchen am Anfang meinen Schabernack getrieben habe und jedem etwas anderes erzählte, weil sie mich viel zu sehr als Sohn des Buddha verehrten. Das sollte sich bald ändern. Doch bevor ich das erzähle, wollt ihr vielleicht noch wissen, wie meine Familie auf meine Ordination reagierte. Nun, ihr müsst wissen, dass die ganze Familie stolz auf den Buddha war und sehr viele bereits in den Orden eingetreten und ihr Haus verlassen hatten. Und das war nicht leicht für meinen Opa, der erst seinen ersten Sohn, dann seinen zweiten, dann seinen Enkelsohn und später eigentlich alle an den Orden verlor. Nur meine Großmutter, genauer die Schwester meiner Großmutter, die Gotami, blieb bis zu seinem Tod bei ihm. Doch danach ging auch sie mit ganz vielen Frauen, auch meiner Mutter, zum Buddha und bewirkte, dass er ein inneres Versprechen aus seiner Frühzeit als Erleuchteter einlöste, nämlich auch Frauen die Möglichkeit zu einem Einsiedlerleben im Orden zu geben sowie die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen in die Gesellschaft zu tragen.
Nun, kurz nach meiner Ordination kam mein Großvater traurig zum Buddha und sagte: „Liebe zum eigenen Sohn schneidet erst durch die Haut, dann durchs Fleisch, dann durch die Knochen, dann ins Mark der Knochen und bleibt dort stecken. Bitte, lass die Kinder nicht ordinieren ohne Zustimmung der Familie.“ Der Erhabene hörte ihm gut zu und ermutigte ihn mit vielen Belehrungen über den Dhamma, sodass mein Großvater sogar später, kurz vor seinem Tod, der einzig bekannte Laie war, der ein Arahant, also Vollkommener, wurde. Doch klug wie der Erhabene war, hat er die Regel zwar angenommen, aber nur auf die Eltern begrenzt und als ganz kleine Regel, Dukkhata, eingeführt. Das heißt wörtlich: „Schlecht gemacht!“ und hat keine wirklichen Konsequenzen, wenn es passiert. Doch heute ist auch das ein festes Gesetz geworden und selbst ältere Menschen, die ordinieren wollen, können dies nur tun, wenn ihre alten Eltern ihr Einverständnis geben. Ob das so gemeint war, wage ich sehr zu bezweifeln.


Nun gut, jetzt möchte ich nicht länger über meine Familie reden, sondern über drei große Belehrungen, die ich vom Erhabenen erhielt und die mein Leben für immer verändert haben. Diese sind vom Orden auch im Majjhima Nikāya, der wichtigen mittleren Sammlung von Lehrreden, tradiert worden. Diesmal nicht wegen meiner Wenigkeit, sondern weil sie exemplarisch die drei Schwerpunkte der Lehre des Erhabenen darstellen, die den stufenweisen Weg zur Erleuchtung verdeutlichen: Ethik, Meditation und Weisheit. Sie kommen auch in genau dieser Reihenfolge vor. Der Buddha hat diese Entwicklungsschritte jedoch immer den jeweiligen Personen entsprechend und aus unterschiedlichen Gesichtspunkten heraus gelehrt, deshalb ist meine Geschichte eben auch meine Geschichte und entspricht dem, was bei mir wichtig und nötig war. Weil sie aber dennoch für andere Menschen wertvoll sind, möchte ich diese Belehrungen mit meinen eigenen Worten für zukünftige, besonders junge Nachfolger des Buddha wiedergeben.

UW110 Hopf BuddhaDie erste Begebenheit war in der Nähe von Rājagaha, wo ich noch recht jung im Orden mit meinem Mentor in Ambalaṭṭhikā, einem Mangohain-Kloster, lebte. Dort kam der Erhabene abends zu mir und rügte mich sehr bildhaft über meine Neigung zum Übertreiben und Schummeln, was irgendwie bei mir wie ein Hobby war. Er erklärte mir zunächst, wie wichtig Wahrhaftigkeit sei und dass ein Mönchsleben davon abhänge, wie aufrichtig man mit der Wahrheit umgehe. Dann zeigte er mir, wie man sein ganzes Verhalten vorher, währenddessen und danach durch ständiges achtsames Reflektieren zu einer Praxis der inneren Entwicklung machen kann und dadurch erst die Möglichkeit aufbaut, in meditative Zustände zu kommen. Das hat reingehauen, denn danach wollte ich echt an mir arbeiten.


Die zweite individuelle Belehrung kam, als ich ihm morgens auf dem Weg zur Almosenrunde nach Sāvatthi hinterherlief. Ich war da schon ein Teenager, wie alt genau weiß ich nicht, denn wir haben unser Alter nicht wirklich ernst genommen oder gezählt. Auf jeden Fall war ich gerade ins sexualfähige Alter gekommen, also eine kritische Zeit, besonders für junge, gut aussehende Mönche. Und ehrlich gesagt fand ich schon, dass ich gut aussah, so wie mein Vater, der auch überall durch seine helle, schöne Hautfarbe und klaren Augen Eindruck machte. Das muss er wohl gewusst haben, denn plötzlich drehte er sich um und sprach mich direkt an: „Rāhula, alles, was Form ist, ist Nichtselbst und sollte so reflektiert werden: ‚Das ist nicht mein, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‘“ Ich fragte noch, ob sich das nur auf Form beziehe und er antwortete: „Form, Gefühl, Wahrnehmung, Geisteszustände und Bewusstsein, Rāhula!“ Also mit anderen Worten auf alles, was ich mit mir erlebe. Gut, das habe ich verstanden, das mit dem Nichtselbst eher nicht. Also dachte ich mir: Wenn man schon eine persönliche Anweisung von einem voll erleuchteten Buddha erhält, hat es keinen wirklichen Sinn, weiter auf Almosensuche zu gehen. Besser gleich zurück und darüber meditieren. Also ging ich zurück und setzte mich unter einen Baum in Meditationsstellung. Da kam mein Mentor Sāriputta gerade vorbei und rief mir zu: „Rāhula, entwickle Achtsamkeit auf den Atem, denn das hat großen Nutzen!“ Okay, dachte ich, mach ich. Also saß ich da den ganzen Tag und versuchte, meine Achtsamkeit auf den Atem zu lenken. Doch offen gestanden gingen meine Gedanken und Empfindungen ständig mit mir spazieren.


Da dachte ich mir am Abend, ich werde den Erhabenen mal fragen, wie man das eigentlich meditiert. Doch als ich ihn aufsuchte und davon berichtete, winkte er ab und erklärte mir, dass das noch etwas zu früh sei: „Erst mal musst du die Anhaftung an deinen Körper etwas verlieren. Und das geht am besten, indem du deine Körperteile reflektierst und erkennst, dass diese nur die vier Elemente darstellen und kein bleibendes Ich sind. Ebenso das Raum- und das Bewusstseinselement. Entwickle dann eine Meditation, die so stabil wie das jeweilige Element selber ist, unberührt von Anhaftung und Ablehnung. Dadurch entsteht Nibbidā, Ernüchterung, Desillusion.“ – Dies sollte für mich ein Lebensthema werden, und ich verstand, was mein Onkel Ānanda einmal sagte: „Es gibt ein Vipassanā, das zu Samādhi führt.“ Also Einsicht, die Gemütsruhe entwickelt. Bisher dachte ich, das geht nur umgekehrt. Und der Erhabene fuhr fort: „Erst dann ist dein Herz wirklich frei zu meditieren. Wenn du das geschafft hast, konzentriere dich darauf, Wohlwollen allen Menschen ebenso auch dir selbst gegenüber zu entwickeln. Dann Mitgefühl, Mitfreude und ebenso Gleichmut. Und du wirst sehen, dein Geist wird immer stabiler.“ Danach erklärte er mir, wie ich im Unreinen das Reine und im Reinen das Unreine erkenne, die sogenannten Ekelbetrachtungen.


Daraufhin folgten Anweisungen zur Wahrnehmung der Vergänglichkeit. Und erst jetzt, nach vier Vorübungen, kam er auf Ānāpānasati, die Achtsamkeit auf den Atem, zu sprechen und erklärte mir die ganzen sechzehn Schritte dieser Übung. Den Bereich des Körpers, den Eintritt in Jhāna, die erste Versenkung, das Betrachten und Beruhigen meines Herzens und die vier Kennzeichen der Befreiung, die ich alle mit der Achtsamkeit auf den Atem in mir entwickeln kann. Er erklärte mir, dass jemand, der diese Schritte übt, sogar den allerletzten Atemzug, wie er vergeht, wenn man stirbt, klar und bewusst erleben kann. Jetzt hatte ich eine erkennbare Richtung und konnte eifrig üben. Die Meditation hat mich danach so begeistert, dass der Erhabene einmal vor dem ganzen Sangha, den Ordinierten, mich als Sikkhākāmānaṃ, den Eifrigsten im Üben, bezeichnete. Doch selbst empfand ich mich immer als einen Anfänger.
Eines Tages kam Sāriputta dann auf mich zu und sagte: „Du bist jetzt zwanzig geworden und kannst ein vollordinierter Mönch werden.“ Nachdem ich dann vollordiniert war, saß ich fortan auch immer bei der Rezitation der Ordensregeln mit den anderen Mönchen zusammen und konnte mich an Meinungsbildungsprozessen in Sanghatreffen beteiligen und mit abstimmen. Doch eigentlich war für mich kein Unterschied zu vorher. Der Buddha war immer noch mein Lehrer und großer Meister und ich wollte werden wie er: völlig frei von jeder Täuschung und jedem Verlangen. Langsam machte meine Meditation Fortschritte, und ich liebte es, darin zu verweilen.


Dann kam plötzlich mein großer Tag, was ich jedoch vorher nicht wusste. Der Erhabene hatte wohl für sich entschieden oder bei mir durchschaut, dass ich reif für die letzte Stufe sei. Und was ich für noch sehr viel Arbeit hielt, geschah dann unerwartet einfach. Es war nach einer Almosenrunde. Ich hatte gerade aufgegessen, saß in der Sāla, der großen Halle im Jetavana, als der Erhabene zu mir kam und sagte: „Komm, nimm deine Sitzunterlage mit, wir gehen in den Andhavana.“ Das war der Blindenwald, in den man sich zurückzog, wenn man richtig intensiv und in Ruhe meditieren wollte. So war er, der Erhabene. Ein kurzes Wort von ihm und man sprang auf, wie vom eigenen Glück gerufen. Was für ein Vorrecht es doch war, einen vollkommen Erleuchteten als Lehrer zu haben!


Als ich ihn begleitete, war mir, als wenn wir nicht alleine wären, doch gesehen habe ich niemanden. Als ich das erzählte, sagte mir der Erhabene: „Wir haben Gäste. Die Götter sind neugierig, was jetzt geschieht.“ Wir setzten uns im Wald in die Mitte einer Lichtung. Ich breitete dem Erhabenen die Sitzunterlage aus, verbeugte mich feierlich vor meinem ehrwürdigen Meister, der schon lange nicht mehr nur mein Vater war, setzte mich neben ihn auf meine Sitzunterlage und hörte aufmerksam zu:
„Rāhula, was denkst du? Ist das Auge vergänglich oder unvergänglich?“ „Vergänglich, Ehrwürdiger.“ „Ist das, was vergänglich ist, Glück oder Leid?“ „Leid, Ehrwürdiger.“ „Und sollte das, was vergänglich, leidvoll und der Veränderung unterworfen ist, so betrachtet werden: ‚Das ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst‘?“ „Nein, Ehrwürdiger.“ Und wieder waren wir bei meinem Lebensthema, der Identifikation mit meinem Körper und mit allem, was ich erlebe. Und der Erhabene setzte seine Methode der Schlussfolgerung in jedem Detail fort: mit allen Sinnesorganen, allen Sinnesobjekten, Gefühlen, Wahrnehmungen, Geisteszuständen und den damit entstehenden Bewusstseinsarten. „Rāhula, wer das so sieht, wird desillusioniert von aller Sinnlichkeit, von Gefühlen, Wahrnehmungen, Geisteszuständen und Bewusstseinsarten, die bedingt dadurch entstehen. Wer desillusioniert ist, wird entreizt. Wer entreizt ist, wird befreit: Nibbidā, Virāga, Vimutti. Und dadurch kommt unmittelbar das Wissen: ‚Es ist befreit.‘ Und er versteht: ‚Geburt ist zerstört, das heilige Leben gelebt, was getan werden musste, ist getan, kein weiteres Werden gibt es nun zu irgendeinem Sein.‘“ Und als ich dem so zuhörte, was ich eigentlich schon lange wusste, ging mir plötzlich der Sinn auf, ich verstand die Bedingtheit in allen Erscheinungen und das Unbedingte, das dieses erlebt. Wie in einem Augenblick wurde mir klar, wie lange ich schon in diesem Daseinskreislauf war, wie das werden der Wesen entsprechend ihrer Handlungen verläuft, und dass in diesem Moment und für immer kein Verlangen und Trieb mehr in mir stört.


Ich schaute den Erhabenen an, und wir wussten beide, was gerade geschehen war. Jemand wurde zum zweiten Mal ein Sohn des Buddha, und das Erbe wurde übertragen, für das ein Vater einst seinen Sohn verließ. Tiefe Dankbarkeit füllte diesen Wald an jenem Tag, und unsere Herzen sahen Nibbāna, überglücklich! „Erhabener, haben die Götter verstanden, was du gesagt hast?“ „Noch nicht ganz, doch alle sind jetzt auf dem Weg dahin. Komm, mein Sohn, lass uns gehen. Es ist vollbracht!“

Liebe Leser und Leserinnen, dies ist meine Geschichte. Erlaubt mir nun, noch ein paar persönliche Worte an euch anzufügen. In buddhistischen Ländern bin ich der Patron der Kindermönche, doch euch im Westen sage ich drei Dinge. Erstens: Macht aus eurem Problem ein Projekt. Reflektiert genau das, was euch sowieso immer beschäftigt. Denn das gleiche Material, das euch eh immer beschäftigt, ist auch genau das Material, das euch letztendlich zur Erleuchtung führen kann. Zweitens: Erleuchtung ist keine Frage des Alters, der menschlichen Reife oder Bildung. Buddhismus kann jeder praktizieren. Drittens: Lernt von uns jungen Menschen, wie wir von euch alten Menschen lernen. Seid einander Lehrer und Schüler, Vater und Sohn, Freund und Freund. Erleuchtung ist möglich, hier und jetzt!

Ich danke euch.

Euer
Rāhula

 

Raimund Hopf (Jinavaro) praktizierte Zen und tibetischen Buddhismus, bevor er den Theravada-Buddhismus durch das Studium der alten Texte als seinen Weg entdeckte. Er schreibt und übersetzt, arbeitet als Lehrer in der Erwachsenenbildung und unterrichtet Achtsamkeitstraining. www.suttanta.de 

 

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 Illustrationen © Francesco Ciccolella