Meditation

Sascha Delberg betreibt mit seiner Frau Romana die Yogawerkstatt in Wien. Kürzlich hat er einen Monat lang an einem Schweigeretreat in den USA teilgenommen. Ein Gespräch über das Alleinsein, innere Hürden und Erkenntnis durch Meditation.

Für alle, die es sich nicht vorstellen können: Wie war es, als Sie in der Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts, angekommen sind?

Ich wurde im Empfangsbereich begrüßt und angemeldet. Man erklärte mir, wie das Retreat hier abläuft, und ich bekam ein Zimmer zugewiesen. Ich musste mich den fünf Silas (nicht töten, nicht stehlen, kein sexuelles Fehlverhalten, nicht lügen, keine Rauschmittel zu sich nehmen) unterwerfen – darüber hinaus war ich frei. Dann ging ich auf mein Zimmer. Damit startete für mich das Retreat und auch das Schweigen.

Wie sah es dort aus?

Die Gebäude – das Verwaltungsgebäude sowie die Wohnhäuser und der Meditationsort – sind untereinander mit offenen, überdachten Gängen verbunden. Die Dharma-Halle, in der meditiert wird, ist ein schöner, schlichter, großer Raum. Die Zimmer sind einfach ausgestattet, mit Bett, Schreibtisch, Kasten, Waschnische und Fenstern, die bis zum Boden reichen. Es gibt ein Sitzkissen, ‚Zafu‘, und eine Unterlage, ‚Zabuton‘.

Wie laufen die Tage und Wochen ab?

Wir hatten zwei Betreuer, Winnie Nazarko und Greg Scharf, die abwechselnd an zwei Abenden in der Woche Dharma-Talks zu bestimmten Themen der Meditationspraxis gaben. Weiters wurden vier Mal in der Woche morgens Passagen aus buddhistischen Texten vorgelesen. Diese sogenannten ‚Morning Reflections‘ waren quasi Impulsgeber für das anschließende gemeinsame Sitzen. Geregelt waren auch die Essenszeiten zwischen 6.30 und 7.15 Uhr sowie von 12.00 bis 12.45 Uhr. Um 17.30 Uhr gab es noch Tee und Snacks. Das waren die Zeiten, an denen man die anderen Teilnehmer gesehen hat. Ansonsten war jeder auf sich gestellt.

Gab es auch individuelle Betreuung?

Ja, jeder der Teilnehmer hatte je ein Gespräch pro Woche mit Winnie und mit Greg. Diese Gespräche waren wahrscheinlich die wichtigsten Fixpunkte der Woche, weil die beiden uns durch die verschiedenen Phasen unseres Aufenthalts begleiteten und unterstützten.

Welche Fragen wurden da aufgeworfen?

Was die Teilnehmer beschäftigte. Ich empfand zum Beispiel in der Anfangsphase die Trennung von meinen Liebsten und Nächsten und von meiner Lebenswelt daheim als schmerzlich. Das Leben, das ich geführt hatte, schien mir jetzt, da ich es nicht mehr hatte, so bedeutend zu sein. Es war Vergangenheit, und das schmerzte mich. Winnie meinte: „Mit deinem Schmerz liegst du genau richtig. Die erste Edle Wahrheit des Buddhismus ist die Erkenntnis des Leids.“

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Half Ihnen das weiter?

Ich empfand es als erleichternd. Ich nahm daraus für mich zwei Erkenntnisse mit. Erstens: Das Leben, das ich führe, bewusst wertzuschätzen, und zwar noch während ich es führe und nicht erst dann, wenn ich davon getrennt bin. Und zweitens, dass mein Unbehagen Ausdruck meiner Angst war, einen alten Zustand zu verlassen und in einen neuen einzutreten.

Also ein Denkvorschlag?

Winnie schlug mir auch vor, Metta an den Beginn meiner Meditationspraxis zu setzen. Metta ist die ‚liebende Güte‘, die im Kern den Wunsch ausdrückt, dass alle Lebewesen frei von Leid und glücklich sein mögen. Das geschieht beispielsweise durch Singen, aber vor allem durch gezielte Meditation. Du gibst deinen Wunsch im Geiste weiter: Zuerst an dich selbst, dann an deine Liebsten und Nächsten, dann an dein weiteres Umfeld unter ausdrücklicher Einbeziehung all jener, mit denen es nicht so gut läuft, und weiter bis zu allen lebenden Wesen. Mein anderer Betreuer, Greg, hingegen hatte einen etwas anderen Ansatz: Er befragte mich bloß zu meiner Symptomatik: Was fühlst du genau? Wo fühlst du es? Wie tritt es auf?

Und welchen Effekt hatte das?

Er reduzierte alles auf physiologische und emotionale Vorgänge. Er ging auf meine Trennungs- und Leidensgeschichte absichtlich nicht ein, um sie nicht mit mir fortzuspinnen und mich dadurch zu bestärken, mich weiter damit zu identifizieren. So entlarvte er sie als Story, die ich mir selbst zurechtstrickte. Und er gab mir praktische Tipps für die Meditation.

Welche praktischen Meditationstipps?

Ich hatte ihm gesagt, dass ich zwar gut in der Meditation sitze, aber gedanklich abschweife. Er meinte, ich sollte doch mal versuchen, meinen Geist zurückzuholen, indem ich ein ‚Dreieck‘ der Wahrnehmung abrufe, wobei ich wechselweise das Sitzen, die Hände und das Hören fokussiere: Zunächst sollte ich mich auf das Sitzen konzentrieren und dabei nicht denken: „Ich sitze“, sondern „Sitzen“. Dann Konzentration auf die Hände, ihre Wärme, ihren Druck. Zuletzt: „Hören.“ Wichtig war es, den Fokus auf diese drei Punkte zu halten, ohne meine Eindrücke weiterzuverfolgen und zu analysieren.

Wie hat sich diese Zeit auf Sie ausgewirkt?

Es waren verschiedene Phasen. Wenn die Außenreize geringer sind, wie das im Retreat der Fall ist, kommt man runter und in einen ganz eigenen, verlangsamten Modus. Anfangs war ich noch eher unruhig, müde, hatte viele Gedanken. Irgendwann kam der Punkt, wo ich den Eindruck hatte, ja, jetzt lichtet sich der Schleier und ich sehe durch die Gedankenschichten hindurch.

Ein Durchbruch?

Aber dann erkannte ich, dass der Geist die Eigenschaft hat, ständig alles benennen zu müssen, um es zu erkennen, zu verstehen und zu kontrollieren. Mein Geist hat sich schnell an die neue Situation, den langsameren Modus, angepasst und suchte sich eine neue Routine, um mir Sicherheit, Kontrolle und Komfort vorzugaukeln. Und schon war ich wieder voll damit beschäftigt, eine gute Zeit zu haben, einen schönen Spaziergang zu machen, mich aufs Essen zu freuen, dann zu arbeiten. Alles schön und gut, nur: So verhindern wir, dass wir die Dinge in ihrem wahren Licht, in ihrem So-Sein wahrnehmen. Es braucht eine Weile, ehe man so weit ist, still in der Gegenwart zu verharren. Zudem war es sehr still in diesem Retreat. Es war so still, dass man deutlich seinen Atem hörte.

Was brachte die Ruhe?

Das Schöne an diesem Setting ohne jede Ablenkung war, dass ich meine eigenen Stimmungen, Gefühle, Gedanken dabei beobachten konnte, wie sie entstanden, sich ausbreiteten, abebbten, sich auflösten. Dazu gibt es ein recht anschauliches Bild: So wie das Wetter ständig wechselt, aber der Himmel gleich bleibt, so wechseln auch die Stimmungen vor dem Hintergrund des Geistes.

Ist man seinen Stimmungen nicht ausgeliefert?

Die Kunst ist, sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Man kann buchstäblich Zeuge seines eigenen Geistes bei der Arbeit werden. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist man auch nicht mehr Opfer seiner Stimmungen beziehungsweise hilflos seinem ‚direkten‘ Karma – der Summe seiner Taten und Gedanken – ausgeliefert. Man stellt fest, dass man in jedem Moment die Möglichkeit hat, sich so oder so zu entscheiden. Greg sagte mir einmal: „Hier ist alles so perfekt, dass du, wenn du dich elend fühlst, genau weißt, dass du das Elend selbst verursacht hast!“

Was waren im Nachhinein die größten Hürden?

Eine Stimmung, die ich im Laufe des Retreats, bei dem ja die Aktivitäten radikal heruntergefahren wurden, immer wieder hatte, war Ungeduld. Ich hatte immer gedacht, Ungeduld und Rastlosigkeit würden mir Energie geben, mich vorwärtstreiben. Aber eigentlich sind das eher unangenehme Gefühlszustände und man kann schließlich auch von einer unaufgeregten Stimmung her Energie bekommen.

Ein Retreat ist eine besondere Situation. Was davon nimmt man nach Hause mit?

Eine der Erkenntnisse für mich war, dass es wichtig ist, alles, was da geistig kommt, in die Betrachtung aufzunehmen. Das heißt, mich nicht nur mit ‚edlen‘ Gedanken zu beschäftigen, weil ich ja auf einem Retreat bin, und alles andere auszuklammern, sondern alles zum Gegenstand meiner Untersuchung zu machen. Ich kann nicht kontrollieren, was ich denke, ich kann Mara nicht verhindern oder ihm ausweichen. Aber ich kann mich ihm stellen.

Und wie ist es, mit niemandem zu kommunizieren?

Ich empfand es als Erleichterung. Aber Schweigen allein ist noch nicht die Lösung, man ist da sogar noch stärker in seinen Gedanken als normalerweise. Das Reden mit dem Mund hört auf, das Reden im Kopf geht weiter. Und dann ist da auch noch der Impuls, mit den anderen in Blickkontakt zu treten. Zum Schweigen gehört aber dazu, auch diese Interaktion zu unterlassen, sodass ich beispielsweise beim Spazierengehen den Blick senkte, wenn ich jemandem begegnete. Wenn du eine Weile in dem Schweigemodus drinnen bist und dann tatsächlich einmal jemanden direkt anschaust, siehst du in seinen Augen deine eigene Stille und Tiefe. Das ist bedeutsam.

Sascha Delberg ist Yogalehrer und Mitbegründer der Yogawerkstatt in Wien.
 
Die IMS (Insight Meditation Society) ist Mitte der 1970er-Jahre von den Vipassana-Meditationslehrern Joseph Goldstein, Jack Kornfield und Sharon Salzberg gegründet worden. Sie befindet sich auf einem weitläufigen, waldreichen Stück Land mit etlichen Gebäuden in der Nähe von Barre, Massachusetts.
Es werden dort zwei Arten von Retreats angeboten: Jene im Retreat Center haben ein Thema, Vortragende und eine bestimmte Dauer. Das Forest Refuge hingegen ist sozusagen auf Dauermodus geschaltet. Man kann – in einem Zeitrahmen zwischen einer Woche und einem Jahr – jederzeit einsteigen und bleiben, so lange man will. Sascha Delberg nahm am Forest Refuge teil. www.dharma.org

 

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Fotos © Sascha Delberg

Kommentare  
# Bernd K. 2019-05-10 12:55
Danke für diesen spannenden Bericht, finde es immer wieder interessant was so ein Schweigeseminar mit einem macht!
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