Meditation

Morgens, abends oder doch zu Mittag – wann passt Meditation in mein Leben?

Verdammt noch mal, warum muss die Zen-Meditation immer so früh anfangen? Das dachten sich wohl schon viele Menschen.

Der Wecker auf meinem Handy läutet. Es ist 3.45 am Morgen. Es ist stockdunkel und kalt. Die Steifigkeit sitzt in den Gliedern und meine Augen schmerzen, ich hatte höchstens vier Stunden geschlafen. „Warum tue ich mir das bloß an?“, denke ich.

Verdammt noch mal, warum muss die Zen-Meditation immer so früh anfangen? Ja, warum? Gibt es Meditationszeiten, die ‚besser‘ beziehungsweise ‚besonders‘ oder ‚weniger‘ geeignet sind?
Folgen Sie mir bei meinen Beobachtungen durch einen typischen Zen-Trainingstag (Sesshin) und sehen Sie mit mir, ob wir daraus für unseren Alltag etwas herauslesen können.

Die nächsten drei Stunden sitzen wir in der Dunkelheit, die sich wie eine Decke über alles legt. Es ist absolut still. Ich atme die scharfe Nachtluft ein. Sie ist wie ein frischer Windstoß für meine Lungen, denn im Zen sind die Fenster immer offen – zu jeder Jahreszeit. Mein Körper schläft, aber mein ‚Hirn‘ ist wach. Die Wirkung dieses Auseinanderdriftens ist eine spürbare Tiefe in mir.

Chinesische Wissenschaftler beobachteten über Jahrhunderte den körperlichen Rhythmus des Menschen und gaben ihre Erkenntnisse von Generation zu Generation weiter. So wurde der Zyklus entdeckt, den der Körper mit seinen Organen durchläuft. Sie nannten ihn Chi-Zyklus. Dem zufolge sind die Zeiten nicht allzu lange vor dem Morgengrauen die besten für spirituelle Wahrheitssucher.
Zur Stunde vor dem Morgengrauen standen Gurus, Yogis und Mönche denn auch schon immer auf. So auch Zen-Meister Ryokan (18. Jahrhundert). Er dichtete:
In der Nacht, tief in den Bergen, sitze ich in Zazen.
Die Angelegenheiten der Menschen gelangen nie hierher.
In der Stille sitze ich auf einem Kissen,
dem leeren Fenster gegenüber.
Die endlose Nacht hat den Duft
des Räucherstäbchens verschluckt.

Nach und nach kriecht die Dämmerung in den Raum. Durch die Fenster sickert das Licht, zuerst nebelgrau, später lichter. Die Konturen der Menschen um mich herum nehmen im Halbdunkel langsam Formen an. Die ersten Vogelstimmen melden sich zaghaft in der Stille des wachsenden Tages. Ein Hahn kräht in der Ferne. Meine Sinne sind hellwach und angerührt von den ersten Lauten des neugeborenen Tages.

Es ist etwas sehr Schönes, auf der Meditationsmatte mit der Umgebung aufzuwachen. In der Stadt höre ich um fünf Uhr die erste Straßenbahn, die ersten Autos und die Mopeds der Zeitungszusteller. Und selbst dort höre ich Vogelstimmen, die in der Stille der ausklingenden Nacht noch wahrnehmbar sind, bevor der Lärm der Stadt sie übertönt.
Nach langen Nachtstunden der Meditation erwachen wir, metaphorisch gesehen, aus der Nacht des Unwissens zur Klarheit eines neuen Lebensmorgens. Das erlebte auch Buddha Shakyamuni, als er am Morgen nach langen Stunden des Kampfes und des Zweifels Erleuchtung erfuhr.
In der dichterischen Biografie ‚Wie Siddhartha zum Buddha wurde‘ schreibt Thich Nhat Hanh: „Siddharta schaute auf und er sah den Morgenstern am Horizont aufgehen. Er funkelte wie ein gewaltiger Diamant. ( ...) An diesem Morgen war ihm, als sehe er ihn zum ersten Mal. Der Stern war so strahlend schön wie das jauchzende Lächeln der Erleuchtung.“

So richtig ans Meditieren geht es erst wieder ab 19 Uhr. Wieder ist es die Zeit, in der die Dämmerung hereinbricht und der Körper zur Ruhe kommt. Die Welt rundum bereitet sich auf das Schlafen vor. Die Nacht senkt sich. Wir meditieren lang in Stille und ohne Unterbrechungen bis 22 Uhr.

Und im Alltag?
Der Ablauf eines solch intensiven Tages folgt dem Chi-Zyklus und dem Rhythmus unseres Körpers. Mögliche äußere Störfaktoren sind ausgeschaltet, es herrschen ideale ‚Labor‘-Bedingungen für die Meditation. Zwischen der Morgen- und der Abend-Sitz-Meditationseinheit haben wir den Tag mit meditativer Hausarbeit verbracht, mit dem Hören von Textinterpretationen, mit meditativem Essen.
Im Alltag leben wir jedoch anders, oft gegen unsere innere Uhr, im Diktat zwischen den Anforderungen aus der Arbeitswelt und aus den Erwartungen unserer Umwelt.
Grundsätzlich gilt: Um Ihre ideale (Sitz-)Meditationszeit zu finden, sollten zwei Faktoren stimmen: Sie sollten in einer Ruhephase sein – siehe Chi-Zyklus – und zweitens nicht gestört werden können. Noch besser, es sollte eine ‚unbesetzte‘ Zeit sein, in die keine Ihrer sonstigen Tätigkeiten fällt.
Für viele Menschen ist es ideal, am Morgen zwischen fünf und sieben Uhr zu meditieren. Sie stehen vor der Familie auf, sind ungestört und wachen auf der Matte auf, so wie die Zen-Mönche. Wer allerdings zum Beispiel ein Baby zu Hause hat, das gerade dann putzmunter ist und gefüttert werden will, kann nicht meditieren. Da wird wohl eine Anpassung an den Schlafrhythmus des Kindes nötig sein.
Die zweitbeste Zeit zum Meditieren ist für viele der Abend – dann, wenn der Körper ruhiger wird. Da schieben sich jedoch leicht Verpflichtungen dazwischen. Der Partner will mit mir reden, das Essen ist gerichtet oder muss gerichtet werden, die Kinder wollen spielen oder – ganz schlecht! – man will die Nachrichten im Fernsehen nicht versäumen. Oder aber ein Konzert- oder Kinobesuch oder eine sonstige Abendveranstaltung ist schon geplant. Anschließend meditieren? Vergessen Sie’s: Sie sollten sich erst gar nicht vornehmen, sich nach dem Abendausgang noch hinzusetzen.

UW99 Woess Meditation
Meditationszeiten nach dem Chi-Zyklus
Nach dem Chi-Zyklus beginnt um drei Uhr die Zeit, in der unsere Lungen die höchste Aktivität haben. Der Atem ist die Schnittstelle zwischen Unbewusstem und Bewusstem, zwischen innen und außen. So wie der erste Atemzug der Beginn eines neuen Lebens ist, so beginnt der neue Tag ab drei Uhr.
Ab fünf Uhr bereitet sich der Körper auf das Aufwachen vor. Jetzt ist Transformationszeit. Altes wird losgelassen, Neues entsteht. Je eher Sie in dieser Zeit zwischen fünf und sieben Uhr aus dem Bett hüpfen, desto mehr Kraft für Veränderungen haben Sie. Bis sieben Uhr ist also eine gute Zeit zum Meditieren.
Ab neun Uhr morgens stehen jedoch die Zeichen auf Yang-Aktivität, das ist unsere produktivste Arbeitszeit. Wir machen und tun, wir arbeiten. Es ist die beste Zeit, neue Projekte anzugehen. Unser Geist läuft auf Hochtouren. Diese Aktivitätsphase hält bis Mittag an. Das ist im Alltag keine gute Zeit für Meditation.
In der Mittagszeit dreht sich der Chi-Zyklus in die sogenannte Yin-Phase, da wird der Körper ruhiger. Ab da sollten wir nichts Neues beginnen, unser Schiff hat am Vormittag Fahrt gewonnen, jetzt steuern wir mit Cruise Control in die eingeschlagene Richtung.
Nach dem Essen brauchen wir eine Ruhepause, um zu verdauen. Wenn es für Sie die einzige Zeit ist, in der Sie sich zurückziehen können, dann nutzen Sie diese für eine kurze Meditation. Ich drehe gerne eine meditative Runde in der Natur.
Zwischen 15 und 17 Uhr geht es energiemäßig wieder leicht bergauf. Sie sollten zu dieser Zeit keine neuen Projekte angehen, sondern nur Bestehendes vertiefen. Für mich ist es die Zeit, in der ich nochmals eine Präsentation durchgehe oder mir einen Podcast anhöre. In dieser Zeit des zweiten Leistungshochs ist Meditation keine gute Idee.
Ab 17 Uhr sollten Sie nach und nach abschalten, Dinge tun, die Ihnen Freude machen, musizieren, lesen. Da könnten Sie ein Zeitfenster finden, das unbesetzt ist. Für mich ist die Zeit zwischen 18 und 20 Uhr so eine Zeit, in der ich mich gerne auf meinen Zazen-Platz setze. Meine Arbeit ist zu Ende, mein Partner hat noch zu tun, unser gemeinsamer Abend beginnt erst ab 20 Uhr.
Jede Zeit des Tages hat ihre Qualitäten. Horchen Sie auf Ihren Körper und entdecken Sie die für Sie richtige Zeit.

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Kommentare  
# Franz 2018-10-08 08:45
ich meditiere immer morgens nach dem Aufstehen.
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