Meditation

Der Buddhismus breitete sich von Asien in die ganze Welt aus und entwickelte sich stets weiter.

‚Buddhismus‘ ist ein großes Wort. Nicht nur, weil es als Hauptwort im Deutschen großgeschrieben wird, sondern weil es eine ‚große‘ Tradition bezeichnet. Andererseits sind es viele sehr unterschiedliche regionale ‚kleinere‘ Traditionen, die unter dem Namen ‚Buddhismus‘ laufen – etwa die Theravada-Traditionen in Südasien, der Buddhismus Tibets, die chinesischen und japanischen Schulen wie etwa Jodo-Shinshu oder Zen (chinesisch Ch’an). Heute sind diese Richtungen global und finden sich in Nord- und Südamerika genauso wie in Afrika und Europa.

Der Begriff ‚Buddhismus‘ für diese Vielfalt der Traditionen ist eine Erfindung der Europäer und taucht um 1820 in der Encyclopedia Britannica auf. Erst da hatten die europäischen Kolonialherren verstanden, dass es sich unter anderem in Nepal, China oder Sri Lanka um dieselbe Tradition in höchst unterschiedlichen Formen handelte. Auch die Idee eines festgeschriebenen einheitlichen ‚Bekenntnisses‘ ist westlicher Provenienz. Der US-Amerikaner Henry Steel Olcott, einer der beiden Begründer der Theosophischen Gesellschaft, konvertierte 1880 im damals britischen Sri Lanka zum Buddhismus. 1881 brachte er einen ‚Buddhistischen Katechismus nach dem Kanon der Kirche des südlichen Indiens‘ für die unter theosophischer Ägide gegründeten buddhistischen Schulen in Sri Lanka heraus und 1891 verfassten auf Olcotts Einladung Delegierte aus vierzehn buddhistischen Ländern vierzehn eher vage ‚Glaubensartikel‘.

Zwar ist die ‚Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha‘ – also zu Buddha, seiner Lehre und der Gemeinschaft – in allen Schulen verbindlich. Doch was darunter verstanden wird, ist höchst unterschiedlich. Das beginnt mit der Gestalt des Buddha, des ‚Erwachten‘. Das Wort ist kein Eigenname, sondern ein Würdetitel. Aus westlicher Sicht gibt es den ‚historischen Buddha‘, nämlich Siddharta Gautama aus dem Stamm der Shakya. Nach der ältesten buddhistischen Überlieferung, dem Pali-Kanon, gibt es in jedem Weltzeitalter einen Buddha. Shakyamuni ist der siebte Buddha und im nächsten Weltzeitalter kommt als achter Maitreya. In den Mahayana-Traditionen gibt es darüber hinaus viele weitere Buddha-Gestalten, wie etwa Amida-Buddha oder Manjusri, die Eigenschaften des Erwachens wie Weisheit und Liebe präsentieren. Und schließlich gibt es ‚Buddhas so zahlreich wie Sandkörner im Ganges‘. ‚Sangha‘ wiederum kann sich auf die Gemeinschaft der Mönche und Nonnen beziehen oder auf die Gemeinschaft aller aus Gier, Hass und Verblendung Erwachten, etwa auf die ‚Gemeinschaft der Heiligen‘, oder aber auf alle, die der Lehre des Buddha folgen, oder auch auf die lokale Übungsgruppe. Ähnliches gilt für ‚Dharma‘, die buddhistische Lehre, die im Laufe der Geschichte durch das Zusammenspiel von meditativer Praxis und Reflexion der Praxis vielfältige Gestalten angenommen hat.

Gerne sagt man, der Buddhismus sei ‚ein Weg des Erwachens‘. Auch diese Definition ist problematisch, denn sie bezieht sich nur auf die Erscheinungsformen des Elite-Buddhismus der Mönche und Nonnen, der unter den – nahezu ausnahmslos weißen – westlichen Buddhisten am meisten verbreitet ist. Asiaten jedoch betonen die Wichtigkeit von Devotion und guten Taten. Auch sind sich die buddhistischen Schulen keineswegs einig, was genau die Kriterien des ‚Erwachens‘ sind. Selbst innerhalb der einzelnen Richtungen besteht zwischen den verschiedenen Unterrichtungen oft keine Einigkeit darüber.

Die buddhistische Lehre ist also kein in sich geschlossenes, stringentes System, sondern wie alle großen Traditionen eher als ‚bricolage‘ zu sehen. Die Gelehrten des Kolonialzeitalters wiederum hielten den Buddhismus für eine Art Philosophie, einerseits, weil sie die real existierende Praxis und Expertise der kolonialen Untertanen ignorierten, andererseits, weil der Buddhismus nicht dem Staatskirchentum entsprach, das sie kannten. Heute besteht in der Religionswissenschaft kein Zweifel darüber, dass der Buddhismus eine Religion ist – gibt es doch einen Klerus, heilige Schriften in großer Zahl, Rituale und andere Praktiken, wozu auch Meditation zählt, eine Rechtsordnung, die sich allerdings nur auf Mönche und Nonnen bezieht, Ethik und Philosophie, Sakralbauten und andere Kunstwerke oder Ähnliches.

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Zur Geschichte
Shakyamuni Buddha lebte – je nach Berechnung – zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in der Ganges-Ebene. In dieser sogenannten ‚Achsenzeit‘ tritt in Griechenland genauso wie im alten Israel, im Iran oder in China die Verantwortung des Einzelnen in den Vordergrund. Die Ausbreitung des Buddhismus beginnt erst unter der Ägide von König Ashoka (304-232 vor unserer Zeitrechnung). In sehr blutigen Feldzügen unterwarf er den größten Teil des indischen Subkontinents. Auf dem Höhepunkt seiner Macht nimmt er den Buddhismus an, verbietet vedische Tieropfer, lässt Spitäler bauen und erlässt die erste Toleranzerklärung der Geschichte. Widerstand gegen staatliche Verordnungen wird jedoch mit dem Tod geahndet. Er schickt auch, so wird berichtet, buddhistische Missionare unter anderem bis nach Alexandria und Sri Lanka. Um die Zeitenwende verbreiten sich die indische Kultur und damit Buddhismus und Hinduismus in Südostasien. Im 3. Jahrhundert wandert der Buddhismus nach China, rund zweihundert Jahre später nach Korea und von dort um 550 nach Japan. In Tibet fasst die Buddha-Lehre im 7. Jahrhundert Fuß und danach auch in Zentralasien. Die globale Ausbreitung des Buddhismus beginnt rund tausend Jahre später – im 19. Jahrhundert.

In Indien jedoch verschwand der Buddhismus. Nach dem Ende des Maurya-Reichs (180 vor unserer Zeitrechnung) wechselten in den folgenden Jahrhunderten die Dynastien. Immer wieder fielen Invasoren ein, oft aus Zentralasien. Die brahmanische Hindu-Tradition erstarkte wieder, und die buddhistischen Klöster, die sich wenig um die Bevölkerung kümmerten, verloren allmählich den Rückhalt. Ab 800 waren arabische Trupps in Nordwestindien auf Raubzügen unterwegs und zerstörten dabei auch buddhistische Klöster und Universitäten. Doch wurden diese nicht wiederaufgebaut, und der Buddhismus verschwand um 1200. Auch in Südostasien verlor der Buddhismus an Einfluss, nachdem Kaufleute den Islam in diese Länder gebracht hatten.

Entwicklung der Lehre
„So wie das Meer überall nach Salz schmeckt, so schmeckt meine Lehre überall nach Befreiung“, sagt der Buddha im Pali-Kanon, der ‚ersten Umdrehung des Rades der Lehre‘. Gesucht ist die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt. Dazu soll der ‚Achtfache Pfad‘ führen, der ein ethisches Leben, meditative Versenkung und weise Unterscheidungsfähigkeit umfasst.

Nach dem Tod Shakyamunis kam die Mönchsgemeinschaft zu einem Ersten Konzil zusammen, um seine Lehre mündlich zu memorieren. Niedergeschrieben wurde der Pali-Kanon erst einige Jahrhunderte später, nämlich um 100 vor unserer Zeitrechnung, in Sri Lanka. Rund 70 Jahre nach dem Ersten Konzil kam es bei einem Zweiten Konzil zur Spaltung des Ordens wegen unterschiedlicher Ansichten über den Vinaya, die Ordensregeln. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte entstanden zwei große Richtungen: der Theravada-Buddhismus, der ‚Weg der Älteren‘, in dem Mönchstum und monastische Disziplin zentral sind. Die Aufgabe der Laien – ‚Haushälter‘ – ist es, den Sangha der Mönche zu unterstützen. In der zweiten großen Richtung, dem Mahayana – ‚Großes Fahrzeug‘ –, der ‚zweiten Drehung des Rades der Lehre‘, ist der Laienstand dem der Mönche im Hinblick auf das Erlangen der Befreiung gleichgeordnet. Die Aufwertung der Laien hängt mit dem soziokulturellen Wandel in Indien nach dem Ende des Maurya-Reichs zusammen. Im Zentrum steht nun das Ideal des Bodhisattva – ‚Erleuchtungswesen‘ –, in dem sich Mitgefühl – karuna – und Weisheit – prajna – verbinden. Dem Bodhisattva geht es nicht nur um die eigene Befreiung, sondern um die aller Wesen. Auch entstehen im Mahayana-Buddhismus weitere, neue Sutren, in denen der Buddha nicht in historischen, sondern himmlischen Settings lehrt. In den Sutren der vollendeten Weisheit – prajnaparamita – ist zudem nicht mehr Nirvana, sondern Shunyata, die Einsicht, dass alles ‚leer‘ ist, das Ziel der Praxis. Den vielschichtigen Begriff der ‚Leere‘ könnte man zum besseren Verständnis unter anderem mit ‚Fülle‘ übersetzen, also als eine Dimension ohne begrenzende Einschränkungen.

Um das 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung wird der Buddha erstmals als Mensch dargestellt und nicht nur anikonisch in Symbolen. In der griechisch-indischen Kultur Nordindiens, einem Zentrum des Mahayana-Buddhismus, im heutigen Afghanistan und Pakistan, entstehen bis heute die Vorstellungen prägende Buddha-Statuen.

Als weitere ‚Drehung des Rades der Lehre‘ entsteht im 5. oder 6. Jahrhundert der buddhistische Tantrismus im Norden Indiens. Esoterische Rituale und Praktiken des Tantra – es gibt auch einen hinduistischen Tantrismus – gehen von der Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos aus. Alles, auch Sexualität, kann zu einem Mittel und Symbol werden – eine Sicht, die mit dem Mahayana-Konzept der ‚Leere‘ gut zusammengeht. Esoterische buddhistische Richtungen gibt es unter anderem in Japan und China, ebenso im Tibetischen Buddhismus.

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Buddhismus im Westen
Der Buddha wird erstmals beim Kirchenvater Clemens von Alexandrien im 2. Jahrhundert als vorbildlicher Heiliger erwähnt. Erst mit dem Kolonialismus kommt der Buddhismus im 19. Jahrhundert nach Europa, zunächst in Form von Texten. Wesentlich zur Verbreitung trägt der Philosoph Arthur Schopenhauer bei, der im Buddhismus eine Bestätigung seines Denkens sieht. Die intellektuelle Avantgarde ist fasziniert und sieht den Buddhismus als eine rationale Lehre ohne Priester und Kirche. Diese Auffassung westlicher progressiver Kreise greifen antikoloniale Bewegungen in Asien auf und wenden sie gegen die – meist britischen – Kolonialherren. Dabei spielt die Theosophische Gesellschaft eine wichtige Vermittlerrolle. Denn dass Colonel Olcott und Madame Blavatsky, die beiden Gründer, 1880 öffentlich in Sri Lanka Zuflucht nehmen, gibt der antikolonialen Bewegung großen Aufschwung.

Der buddhistische Modernismus in Sri Lanka und Japan orientiert sich an den progressiven politischen und philosophischen Strömungen im Westen, an Positivismus, Darwinismus und Aufklärung. Beim Weltparlament der Religionen in Chicago 1893 tragen erstmals buddhistische Vertreter aus Sri Lanka und Japan diese modernisierte Sichtweise einem westlichen Auditorium vor. Der deutsch-amerikanische Freidenker Paul Carus, Herausgeber der beiden wichtigen Zeitschriften ‚The Open Court‘ und ‚The Monist‘, in denen auch Albert Einstein oder Bertrand Russell publizieren, ist begeistert. Für ihn ist der Buddhismus eine ‚Religion der Wissenschaft‘ und der Buddha ein Humanist und Freidenker. Carus wird zum Mentor des jungen japanischen Zen-Buddhisten D. T. Suzuki, der von 1897 bis 1908 sein Assistent ist, bevor er über Europa nach Japan zurückkehrt.

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Buddhismus im 20. und 21. Jahrhundert
Buddhismus ist in Europa und den USA bis in die 1970er-Jahre ein Projekt der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde. Zwar werden um 1900 erstmals ‚Westler‘ – ein Deutscher und ein Engländer – in Sri Lanka beziehungsweise Myanmar als Mönche ordiniert, doch es dominiert in Europa und Nordamerika der ‚Lese-Buddhismus‘. Dies ändert sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kulturwandel der 1960er-Jahre. Die Protestbewegung, die zunächst in den USA – die Beatniks – und dann in Europa als Reaktion auf den Konsumkapitalismus und den Kalten Krieg entsteht, sieht im Buddhismus – und vor allem im Zen-Buddhismus – eine Alternative zur herkömmlichen christlichen Religion. Dazu tragen vor allem die Bücher und Vorträge von D. T. Suzuki bei. Dass seine Darstellung des Zen-Buddhismus keineswegs traditionell ist, sondern einen buddhistischen Modernismus und vor allem japanischen Nationalismus transportiert, wurde erst in den letzten Jahrzehnten deutlich. Die Verbindung von buddhistischem Modernismus und Nationalismus mündete in Sri Lanka in einen blutigen Bürgerkrieg (1983-2009) und ist heute der Hintergrund des Genozids an den Rohingya in Myanmar.

Anfang der 1960er-Jahre kamen die ersten buddhistischen Meditationslehrer in den Westen, darunter viele tibetische Lehrer, die vor der Invasion Tibets durch die VR China geflüchtet waren. Mit dem ‚Meditationsbuddhismus‘ vertieft sich das Verständnis der buddhistischen Lehre. Denn ähnlich wie bei der Inkulturation des Buddhismus in China ab dem 3. Jahrhundert gab und gibt es im sogenannten Westen viele Missverständnisse, wenn es um zentrale Begriffe wie ‚Nirvana‘, ‚Nichts‘ oder ‚Leere‘ geht. Dazu kommen Klischees wie die Vorstellung von einem ‚rationalistischen Westen‘ und einem ‚erleuchteten Osten‘.

Der Vietnamkrieg (1955-1975) ist ein wichtiger Impuls für das Entstehen der ‚Gegenkultur‘, aber auch für den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh. Meditationspraxis muss sich mit konkretem Engagement verbinden, ist seine Erkenntnis aus den Kriegsgräueln. 1964 gründet er den Tiep Hien Orden – ‚Orden des Interseins‘ – und legt damit den Grundstein für die neue buddhistische Bewegung des ‚sozial engagierten Buddhismus‘. Ähnlich innovativ ist der amerikanische Zen-Meister Bernie Glassman Roshi, der Zen-Praxis mit der Arbeit in Sozialprojekten verbindet und seit 1996 jährlich im KZ Auschwitz ein internationales Zen-Retreat abhält.

Die heute fast selbstverständliche Verbindung von Psychotherapie und Buddhismus geht auf den Einfluss von D. T. Suzuki auf die US-amerikanische Therapieszene der 1960er-Jahre zurück. In den 1970er-Jahren beginnt sich die Hirnforschung für die Wirkung von Meditation zu interessieren. Die Begegnung des Neurobiologen Francisco Varela und des Dalai Lama resultiert 1987 in der Gründung des ‚Mind and Life Institute‘, das heute zu den Protagonisten der neurobiologischen Meditationsforschung zählt. Der ‚Achtsamkeitsboom‘ ab etwa 2000 führt zu einer neuen Popularität einer modernisierten Vipassana-Praxis, aber auch zur Frage, ob es sich dabei noch um Buddhismus handelt.

Der Buddhismus ist im Westen angekommen: Das zeigt sich nicht nur darin, dass Buddha-Statuen ein Lifestyle-Utensil sind, sondern auch an zwei neuen Entwicklungen. In Europa und den USA gibt es seit ein paar Jahren immer wieder Missbrauchsskandale um buddhistische Lehrer. Hier kollidieren unter anderem autoritäre monastische Verhältnisse, romantische Idealisierungen und ganz gewöhnliche Triebstrukturen. Nicht zuletzt solche Ereignisse lassen kritische Geister, wie etwa Stephen Batchelor, fragen, ob es nicht Zeit wäre, den Buddhismus zu entmythologisieren und als Praxis des innerweltlichen guten Lebens zu etablieren. Ob daraus irgendwann eine Art ‚vierte Drehung des Rades der Lehre‘ resultiert? Kritischer Zweifel wird vom Buddha empfohlen.

Dr. Ursula Baatz, geboren 1951, ist Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher.

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Illustrationen ©Francesco Ciccolella

Kommentare  
# heinrich 2018-09-06 09:34
liebe Frau Baatz, danke für diesen wunderbaren Überblick
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