Meditation

Meditation soll befreien, nicht einschränken. Wie können wir gelassen an die Lehre Buddhas herangehen?

Es gibt heute viele Möglichkeiten, an Seminaren mit buddhistischer Meditation teilzunehmen. Das ist ein wunderbares Geschenk in einer stark von Hektik und Unterhaltung geprägten Kultur. Die meisten Schweigekurse erfordern große Disziplin, Anstrengung und die Bereitschaft, Unangenehmes aus- und durchzuhalten. Das ist wichtig, und viele Übende haben die Erfahrung gemacht, dass die Probleme vom Geist kommen, und wenn dieser einmal ruhiger wird, können die eigenen Grenzen erweitert werden. Das betrifft vor allem das lange und ausdauernde Sitzen, welches für die meisten Meditationskurse die Basis ist. Dennoch gibt es da eine Gefahr. Die besteht darin, dass der Geist gerade durch erneute Anstrengung nicht wirklich oder nur bis zu einem gewissen Grad zur Ruhe kommt. Wer etwas, das zum Stillstand kommen soll, immer wieder in Bewegung setzt, wird nicht erfolgreich sein. Meditation, wie sie aus den Reden des Buddha aufleuchtet, bedeutet nicht ‚nach etwas greifen‘, sondern ‚entspannen, loslassen, aufhören‘. Die Kunst besteht darin, ohne etwas zu wollen, den Geist so auszurichten, dass er sich beruhigt und auf natürliche Weise zur Ruhe kommt. Tiefere Sammlung ist durch ‚Wollen‘ nicht möglich, nur durch ‚Lassen‘. Die Gefahr besteht darin, dass wir unser Leistungsdenken auf die Meditation übertragen und mit Ehrgeiz auf diesem Gebiet meditativen Stress erzeugen.

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Die grundlegende Anweisung des Buddha besagt: Such dir für die Meditation einen stillen Platz, sitze aufrecht, mit gekreuzten Beinen. Da für viele Asiaten das Sitzen auf dem Boden so normal ist wie für uns auf dem Stuhl, bedeutet das ein angenehmes Sitzen. Es gibt bei Buddha keinen Tagesplan, keine Empfehlung, wie viele Stunden man zu sitzen hat, dafür aber die Stärkung der Motivation, indem gesagt wird, wozu diese Übung dient:

„Zur Überwindung von Kummer und Sorgen, zum Verschwinden von Schmerz und Unzufriedenheit, zum Erreichen des wahren Weges ...“
(Mittlere Sammlung 10, Bhikkhu Bodhi)

Eigentlich sollten Meditationslehrer wie in alten Zeiten den Übenden eine Anweisung geben und sie dann selbst bestimmen lassen, wie sie den Tag damit verbringen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass für eine kurze Zeit von einigen Tagen nur wenige Übende einen derart motivierten und ausgerichteten Geist besitzen, der stark genug ist, sie über die Hindernisse, besonders über Unruhe und Müdigkeit hinwegzuführen. Ein Tagesplan ist daher gut. Wenn es aber nur noch darum geht, möglichst viel zu sitzen und die Schmerzen auszuhalten, kann die Meditation in eine falsche Richtung führen. In Buddhas Lehre geht es vielmehr um Einsicht, um die rechte Einstellung, um Achtsamkeit bei allen Tätigkeiten, in allen Körperhaltungen. Manche Übende denken daher, es wäre genug und sehr entspannt, wenn sie gar nicht sitzen und nur bei den alltäglichen Handlungen achtsam wären. Das klappt aber auch nicht, weil ein unachtsamer Geist nicht plötzlich achtsam wird, sondern das ruhige Sitzen oder die langsame Gehmeditation als Schulung braucht.

Tiefere Sammlung ist durch ‚Wollen‘ nicht möglich, nur durch ‚Lassen‘.

Vipassana zu praktizieren bedeutet, den von Buddha als Prinzip seiner Lehre empfohlenen ‚mittleren Weg‘ zu praktizieren. Nicht das eine Extrem – mit viel Druck und Ehrgeiz zu üben. Und nicht das andere Extrem – mit viel Lässigkeit und Faulheit jede Anstrengung zu vermeiden. Das ist nicht ganz einfach, weil die geistige Haltung oft sehr fein ist und sich dennoch entweder auf die eine oder auf die andere Seite neigt. Wie bei einem Saiteninstrument kommt es auf die richtige Spannung an.

Entspannt Vipassana zu praktizieren bedeutet, die Freiheit zu haben, selbst zu entscheiden, wann und in welcher Körperhaltung die eigentliche Sitzmeditation praktiziert wird. Sie bedeutet, ohne schlechtes Gewissen auch mal zu liegen und zu entdecken, wie entspannt man dabei sein kann, ohne zu schlafen. Es bedeutet aber auch zu wissen, dass man als Teil einer Gruppe nicht nur für sich selbst übt, sondern auch für die anderen. Thich Nhat Hanh sagte einmal, wer achtsam geht, solle sich für die, die hinter einem gehen, auf die Fersen schreiben: „Ich gehe für dich.“

Entspanntes Meditieren bedeutet, unter Führung eines Lehrers den Anleitungen zu folgen, so gut man es vermag, ohne Widerstand, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Es bedeutet, einen sicheren Rahmen zu bekommen, aber mit dem Bewusstsein, dass all das nur Werkzeuge sind, die weggelassen werden können, wenn sie nicht nützlich sind.

Vipassana entspannt, es ist nicht eng, sondern weit. In vielen Schulen wird gelehrt, den Atem auf eine Körperstelle zu fokussieren. Das kann für eine Zeit nützlich sein, ist aber sicher nicht entspannt. Bei Buddha finden wir keine solche Methode der Konzentration, sondern den Hinweis, den Atem im ganzen Körper zu spüren und so zu beruhigen. Das bedeutet, weit und mit offenem Gewahrsein dabei zu sein, wie der ganze Körper durch die Haut, durch jede Zelle atmet, in Verbindung mit der ganzen Welt und zugleich in ständiger Veränderung begriffen.

Vipassana ist in Wirklichkeit keine Methode, und überhaupt hat der Buddha nicht viel Wert auf Methoden gelegt. Wenn verstanden wird, worum es geht, dann finden sich auch die rechten Methoden. Am besten ist es, selbst herauszufinden, was förderlich ist und was nicht. Und das heißt, nicht alles zu glauben, was einem der eigene Geist einflüstert. Nein, dazu braucht man eine fundierte Schulung des Geistes.

Vipassana ist in Wirklichkeit keine Methode, und überhaupt hat der Buddha nicht viel Wert auf Methoden gelegt.

In einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin in der abschließenden Runde, sie hätte zumindest gelernt, die Geschichten, die ihr Geist die ganze Zeit erzählt, zu hören, aber nicht mehr alles zu glauben. Das ist schon ein wunderbares Ergebnis. Die Lehrer der Meditation sollten nicht Bewahrer der Regeln und keine Schulmeister sein, die nur auf Disziplin achten, sondern liebevolle und manchmal auch strenge Begleiter, zu denen man Vertrauen gewinnen kann.

Vipassana bedeutet so viel wie ‚sehen‘ oder ‚durchschauen‘, nicht intellektuell, sondern im Herzen den Grund der Wahrheit erkennen. Vipassana ist ein Ergebnis des Übungsweges, eine Erkenntnis, die zur Loslösung und daher zur inneren Freiheit führt.

In einer sehr interessanten Rede fragt ein junger Schüler den Buddha, wie denn nun die Wahrheit entdeckt, sie im Herzen bewahrt und schließlich verwirklicht werden kann. Der Buddha sieht das Vertrauen als den Einstieg. Vertrauen bedeutet: auf eine Art entspannen. Du musst dich nicht so sehr anstrengen, so sehr versuchen, etwas zu erreichen. Hab Vertrauen, dass der rechte Weg vor dir liegt. Danach jedoch führt der Buddha aus, dass es enorm wichtig ist, sich zu bemühen:

„Das Bemühen hilft am besten, um zur endgültigen Wahrheit vorzudringen.“
(Mittlere Sammlung 95, Bhikkhu Bodhi)

Bemühen ist nicht so sehr Anstrengung, sondern wird durch Prüfen der Anweisungen, Freude, Studium und Verstehen der Lehre, etwas Willenskraft, Wertschätzung von Lehren und Lehrern und schließlich wieder durch Vertrauen gestärkt.

Entspannt zu meditieren bedeutet schließlich auch, sich nicht nur auf eine Methode festzulegen. Manche Traditionen empfehlen für längere Zeit nur ganz bestimmte Methoden. Das kann manchmal nützlich sein. Doch ein entspannter Geist ist flexibel, haftet nicht an und kann auf die jeweiligen Umstände geschickt reagieren. Entspannt bedeutet hier ganz besonders, die Freude am gegenwärtigen Moment, an den eigenen Kräften und an den höheren Dimensionen zu erfahren. Wer tiefe Freude findet, ist entspannt.

Einmal versuchte ein Mönch krampfhaft, in der Meditation die Vergänglichkeit zu entdecken, und wurde dabei immer unruhiger, bis er den Weg aufgeben wollte. Viele Menschen heute beginnen die Vipassana-Übung und hören damit wieder auf, weil es im Geist ein Signal gibt, das sagt: „Zu anstrengend.“ Das ist schade. Der Buddha gab diesem Mönch eine andere Übung, die viel Freude machte, und das führte ihn zur Erleuchtung.

Selbst Ananda, der treue Diener des Buddha, strengte sich nach dem Tod des Meisters zu sehr an und erreichte nicht das Ziel. Erst als er die Anstrengung losließ und sich entspannt auf das Bett legte, fand er die Erleuchtung.

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Fotos © pixabay

 

Kommentare  
# Claudia Konrad 2018-06-08 09:31
Das ist einmal eine andere Betrachtungsweise, mir gefällt der entspannte Ansatz und man muss ja nicht immer alles total verkrampft angehen. Ich will mich ja entspannen in der Meditation.
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