Meditation

Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben. Doch wenn wir ihnen offen und selbstmitfühlend begegnen, ändert sich einiges.

Neben all den wunderbaren, tief beglückenden Momenten, die das Leben hervorbringt, kann es auch sehr wehtun, wenn wir Verluste, Enttäuschungen, Unfälle oder Krankheiten durchleben. Schmerz ist eine universelle Erfahrung, die jedes fühlende Lebewesen kennt. Im Körper erleben wir ihn als deutlichen Druck, dumpfes Pochen, spitzes Ziehen oder Stechen, heißes Brennen oder als beißenden Schnitt in die verletzlichen Nerven. Wir kennen aber auch unangenehm brennende Gefühle wie Ärger, Eifersucht oder Rachsucht oder die oft bleischweren Emotionen von Trauer oder depressiver Verstimmung.
Schmerz und andere unangenehme Sinneseindrücke haben in aller Regel eine Warnfunktion, damit wir unser Verhalten ändern. Sie sollen signalisieren: „Halt! Vorsicht!“ Wenn man sich beispielsweise eine Meditationshaltung ausgesucht hat, in der die Bänder an den Knien überdehnt werden, wird schmerzhaft klar: Ich muss eine andere Sitzhaltung finden, die besser zu meinem Körper passt.

Total verspannt sein
Empfindungen, die wehtun, können jedoch auch auf tiefere Schichten von Anspannung und Verkrampfung hinweisen. Wenn wir feinfühlig in den Körper spüren, können wir mitten in seinen angespannten Bereichen wahrnehmen, wie er womöglich unter einer ungesunden Lebens- und Arbeitsweise ächzt oder unter der belastenden Beziehung mit einem anderen Menschen leidet.
Solange wir abgelenkt sind, bemerken wir die schmerzhafte Belastung in der Regel nicht. Was nicht bedeutet, dass sie nicht da ist. In der meditativen Übung wird sie umso spürbarer. Verständlicherweise sind die wenigsten Meditierenden darauf erpicht, nähere Bekanntschaft mit ihren Verspannungen zu machen. Viele Menschen fangen ja gerade deshalb an zu meditieren, weil sie sich entspannen möchten. Unangenehmes oder gar Schmerzen sind uns nicht geheuer. Wir mögen sie nicht. Sie machen uns Angst, deshalb versuchen wir, sie ‚unter Kontrolle‘ zu halten oder sie loszuwerden.
Schon in seiner ersten Lehrrede, die der Buddha vor seinen fünf asketischen Freunden im Hirschpark in Vārānasi hielt, stellte er fest, dass es in jedem Leben die Erfahrung von Leid, ‚dukkha‘, gibt, und verband mit dieser Erkenntnis zugleich einen Hinweis für die Meditationspraxis: Die Anleitung für seine Zuhörer war nicht, Leid zu unterdrücken, es zu ignorieren, zu beschönigen oder den Schuldigen dafür zu finden. Vielmehr sagte der Buddha: „Diese Edle Wahrheit muss durch vollständiges Verstehen von Leiden durchdrungen werden.“ Mit anderen Worten: Wenn man der Tatsache von Leid und Schmerz auf die Spur kommen will, muss man sich für sie öffnen und versuchen zu verstehen, was dabei passiert. Dann beginnen wir, diese Wahrheit zu durchdringen. Letztendlich geht es in den ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ ja um die Freiheit – und damit im erweiterten Sinne um Heilung – von Leiden. Aber um die Freiheit zu entdecken, müssen wir uns der Tatsache des Leidens und seinen Symptomen zuwenden und ihre Ursachen analysieren. Dazu brauchen wir Achtsamkeit und ein wohlwollendes, mitfühlendes Herz.

Schmerzen zu erleiden sei, als ob man von einem spitzen Pfeil getroffen werde.

Das Pfeil-Sutra erzählt davon, wie der Buddha an anderer Stelle seinen Schülern erklärt, dass Schmerz eine allgemeine Erfahrung ist, der sich keiner entziehen kann. Doch je nachdem, wie wir mit einer unangenehmen Erfahrung umgehen, entscheidet sich, ob wir leiden und in welchem Ausmaß. Der Buddha illustriert seine Worte mit einem einprägsamen Bild: Schmerzen zu erleiden sei, als ob man von einem spitzen Pfeil getroffen werde. Ein Mensch, dessen Herz und Geist geschult seien, werde mit dieser Situation selbstmitfühlend und besonnen umgehen, während andere Menschen durch ihre unbesonnene oder vorschnelle Abwehrreaktion ihren Schmerz noch vergrößern. Es sei, als ob sie dadurch von zwei Pfeilen getroffen würden, wobei sie den zweiten Pfeil selbst durch ihre Reaktion auf den Schmerz abschießen.
Das ist starker Tobak. Ist es wirklich so, dass wir gelegentlich oder sogar regelmäßig noch selbst einen zweiten Pfeil in eine schmerzhafte Erfahrung schießen und damit alles erst so richtig schlimm machen? Wenn der erste Pfeil der Schmerz ist, was ist dann der zweite Pfeil, der den Schmerz zu Leid werden lässt?

Der zweite Pfeil, das sind unsere Widerstände, den Schmerz zu fühlen und sich für die unangenehmen Aspekte des Lebens zu öffnen. Wir wollen diese Erfahrungen nicht machen und es fällt uns schwer, sie ganz an uns heranzulassen und sie zu akzeptieren. Wir möchten sie möglichst schnell wieder loswerden und versuchen, sie auf Abstand zu halten. In der Regel ist unsere Haltung hier ganz anders als gegenüber den angenehmen Erfahrungen, die uns ja immer willkommen sind. In der Sprache der archetypischen Märchenfiguren könnte man sagen: Schmerz ist wie das ‚ungeliebte Stiefkind‘ unserer Erfahrung. Wir mögen ihn nicht, verspannen uns und machen uns ‚steif‘, ja abweisend. Ohne Übung gelingt es kaum, dem Schmerz mit Selbstmitgefühl zu begegnen und ihn zu akzeptieren. Diese ablehnende Haltung, die wir normalerweise gar nicht hinterfragen, weil sie uns so richtig erscheint, macht den zweiten Pfeil aus, von dem der Buddha sprach.

Ohne Übung gelingt es kaum, dem Schmerz mit Selbstmitgefühl zu begegnen und ihn zu akzeptieren.

Heilung ist ein geheimnisvoller Prozess. Die besten Ärzte haben sich dabei neben allem Wissen immer auch auf ihr Herz und ihre Intuition verlassen. Sie wissen: Um zu verstehen, was los ist, müssen sie genau hinschauen und den Schmerz untersuchen. In der Meditationspraxis wird die Achtsamkeit zu einem einfühlsamen Zuhören. Man lauscht in sich selbst. Dazu brauchen wir ein mitfühlendes Herz und ein wenig Mut, denn das, womit wir uns dabei beschäftigen, ist zunächst nicht so erfreulich. Doch je feinfühliger wir unseren Anspannungen, emotionalen Verletzungen oder auch bitteren Gedanken lauschen, desto mehr öffnen wir uns für die ganze Fülle unseres Lebens. Es geht darum, den Schmerz und die Anspannungen wahrzunehmen, ohne uns zusätzlich zu bemitleiden oder zu beschimpfen.
Viele Meditierende bemerken gerade an diesem Punkt größere Schwierigkeiten. Zu ungewohnt erscheint es, sich mit seinen Schmerzen, Ängsten, Verspannungen, Unsicherheiten und der ganzen Unruhe zu erleben – und nicht dagegen anzukämpfen. Doch die Wahrheit ist: Wir brauchen weder gegen Schmerzen und Unangenehmes, noch gegen uns selbst zu kämpfen. Im Gegenteil: Diese gewohnheitsmäßige Tendenz macht alles noch anstrengender! Können wir an den Punkten, die schmerzhaft sind, weicher werden und sie akzeptieren? Der thailändische Meditationsmeister Ajahn Chah sagte einmal: „Wenn du nicht viele Male aus tiefstem Herzen geweint hast, hat deine Meditation noch nicht wirklich begonnen.“

Trost und Ermutigung
Jedem guten Freund, der durch schmerzhafte Zeiten geht, würden wir uns mitfühlend zuwenden und versuchen, ihn zu trösten und zu ermutigen. Sollten wir nicht in gleicher Weise auch mit uns selbst umgehen? Feinfühlig spüren und annehmen, was ist, egal, ob wir es mögen oder nicht. Wir öffnen uns für die Wahrheit des Moments und damit können wir dann arbeiten. Der britische Psychologe Paul Gilbert hat es so formuliert: „Akzeptanz erlaubt es uns, von da aus zu beginnen, wo wir stehen, und nicht von dort, wo wir gerne wären.“

Illustration © Francesco Ciccolella

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Kommentare   

# Raphael Müller 2017-11-29 14:35
Tineke OSterlohs Artikel sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft!
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