Meditation

Während uns unser Alltags-Begreifen in der Sicherheit einer fest gefügten Welt wiegt, zerstören Kōans die ‚heile Welt’ der Zen-Schüler und lassen sie eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit erschauen.

Ich stehe vor der Türe, die zum Zen-Meister führt. Ich sammle mich kurz, drücke die Klinke herunter und stehe im halbdunklen Raum. Eine Kerze erhellt den fast leeren Raum und wirft flackernde Schatten, die Ahnung des Räucherstäbchens streift meine Nase, und da ist sie, die regungslose Gestalt des Lehrers. Jetzt gilt es, in der Konzentration zu bleiben. Drei Verbeugungen, dann sitze ich ihm auf der Matte gegenüber.
Es ist eine förmliche Begegnung, wir sehen einander nicht an, es ist Stille. Der vorgesehene Ablauf verlangt, dass ich anfange zu sprechen. Es ist das Kōan, an dem ich arbeite. Ich wiederhole Wort für Wort den genauen Wortlaut. Jetzt ist der Moment, in dem ich versuche, mein Verständnis, worum es bei diesem Kōan geht, mit meinem ganzen Wesen auszudrücken. Der Lehrer fragt nach. Habe ich das Kōan tatsächlich begriffen, kommt die Antwort leicht und spontan. Muss ich erst nachdenken, ist es schon vorbei. Die Chance für dieses Mal vertan. Der Lehrer klingelt, das Zeichen für das Ende unseres ‚Zwiegesprächs’. Ich stehe auf, verbeuge mich drei Mal und bin schon bei der Türe draußen. Nun gehe ich wieder zurück in den Meditationssaal und lasse in der Meditation das Kōan in mein Inneres sinken, drehe es rundherum, viele, viele Male. Bis ich wieder in den Raum des Zwiegesprächs gerufen werde. Da wiederhole ich wiederum den Wortlaut und präsentiere abermals mein Begreifen ...
Kōans – die Sprache der Meister
Ein Kōan stellt eine kurze Episode einer Begegnung eines Schülers mit einem Zen-Meister dar. Hier ist ein Beispiel:
Ein alter Mönch fragte Ummon: „Was für eine Zeit ist das, wenn sich die Bäume verfärben und die Blätter zur Erde fallen?“
Ummon sagte: „Dann offenbart der goldene Wind sein ganzes Wesen.“
Oder:
Großmeister Ma war schwer erkrankt. Der Vorsteher seines Klosters trat ans Krankenbett und fragte: „Wie ist, Ehrwürdiger, Euer Befinden?“
Der Großmeister antwortete: „Buddha mit dem Sonnengesicht, Buddha mit dem Mondgesicht.“
Gewöhnlich verstehen wir, wenn wir eine solche Geschichte hören, nicht wirklich, worum es geht. So einfach, wie man glauben könnte, erschließen sich Kōans nicht. Wir verstehen die Worte, aber unser Verstand kann keinen Sinn darin entdecken. Außenstehende wie etwa der Religionswissenschaftler Nakamura Hajime bezeichnen daher Kōans schlicht als paradox. Praktizierende jedoch erfahren und entdecken, dass sie nicht unsinnig sind, sondern eine tiefe innere Logik haben, die sie für sich freilegen können.
Die zwei chinesischen Schriftzeichen für das Wort Kōan (chinesisch Kung-an) setzen sich zusammen aus den Silben zweier Wörter: kōfu – ‚öffentlich’ und andoku – ‚Dokument, Zeugnis’ und sie meinen ein Bezeugen der Wahrheit, ein Ausdruck, wo die Wahrheit an den Tag kommt.
Chung-feng Ming-pen, ein chinesischer Zen-Meister des 13. Jahrhunderts, bezeichnet Kōans als Fallgeschichten wie in der Rechtssprechung. So wie grundlegende Prinzipien in der Judikatur offenbar werden, so liege den Kōans der Ausdruck des Wegs aller Weisen und Bodhisattvas zugrunde. Er schreibt: „Wenn diese Fallgeschichten (Kōans) angewendet werden, dann treten Prinzipien und Gesetze in Wirkung; wenn diese in Wirkung treten, dann kommt die Welt in Ordnung. Wenn die Welt in Ordnung kommt, ist der königliche Weg in gutem Zustand.“
Kōans sind somit nicht die private Meinung einer Person, sondern sie stellen einen direkten Zugang zur spirituellen Quelle her, sie „zerstören Geburt und Tod“, schreibt Chung-feng Ming-pen, „und übersteigen alle Leidenschaften. Sie können durch Logik nicht erfasst werden und auch nicht in Worten weitergegeben werden. Sie sind ... wie ein großes Feuer, das alle verbrennt, die ihm nahe kommen. Das, was die ‚spezielle Überlieferung auf dem Geierberg’ genannt wird, war die Überlieferung genau davon.“
Diese ‚spezielle Überlieferung auf dem Geierberg’ spielt auf die bekannte Geschichte an, als Buddha Shakyamuni, anstatt eine wortreiche Lehrrede zu halten, eine Blume in seiner Hand drehte. Nur ein einziger Jünger verstand damals, was er meinte, nämlich Mahakashyapa, der sein Verständnis durch ein Lächeln kundtat und dem der Buddha bei dieser Begebenheit die Dharmanachfolge übergab.
Diese wortlose Überlieferung ist es, worum es in der inneren Wahrheit der Kōans geht. Anfänger stehen da zunächst vor einem Rätsel. Die Sätze eines Kōans schildern eine Situation und dafür sind eben Worte notwendig. Danach gilt es, die Worte wie die Schale einer Zwiebel wegzuschälen. Wir denken uns in die Situation hinein: Was will der Mönch eigentlich wissen? Geht es da um den Herbst oder geht es um den Geist oder noch um etwas anderes? Was hätte ich in seiner Situation gesagt? Wie hätte ich reagiert?
Gewöhnlich denken wir in bestimmten Bahnen, die sich vertiefen, je länger wir in diesen Bahnen denken. So wie wenn ein Traktor durch eine feuchte Wiese fährt und tiefe Spuren hinterlässt. Der nächste Traktor fährt in den gleichen Rillen und so werden sie tiefer und tiefer und fester und fester. So sind wir gewohnt, Probleme und Fragestellungen in einer bestimmten Weise zu lösen. So werden gleichartige Probleme leichter gelöst, aber eben nur gleichartige.
Verlerne, was du gelernt hast!
Diese Methode, die uns das Alltagsleben erleichtert, funktioniert bei Kōans nicht. Oft denken Kōan-Schüler: Hurra, jetzt habe ich die Lösung! Das ist dann ein nahezu sicheres Zeichen, dass dem nicht so ist. Immer wieder versucht es der Schüler, immer wieder wird er zurückgewiesen. Die ganze Sache wird auswegloser und auswegloser, bis zu dem Punkt der Beinahe-Aufgabe. Doch genau dann gilt es dranzubleiben! Wir stehen vor der undurchdringlichen Wand und versuchen es wieder und wieder. Und irgendwann, nach großem Bemühen, erkennen wir eine fast unsichtbare Klinke und machen mühelos die Türe auf. Und stehen in einem wunderbaren Raum voll Klarheit und Leichtigkeit.
Für diesen inneren Prozess wurden in der Geschichte des Zen erstmals von Kao-feng Yuan-miao (China) im 13. Jahrhundert und später von Hakuin Zenji (18. Jahrhundert in Japan) drei notwendige Faktoren genannt, die man zum Zen braucht: tief verwurzeltes großes Vertrauen (daishinkon), große Entschlossenheit (daifunshi) und großer Zweifel (daigijo).
Erstens: Man braucht großes Vertrauen, sich auf das Kōan einzulassen. Vertrauen darauf, die Spuren, hinterlassen von den großen Zen-Meistern der Vergangenheit, aufzunehmen und sie zu den eigenen zu machen.
Zweitens: Große Entschlossenheit ist nötig, es immer wieder und wieder zu versuchen. Manche Zen-Schüler, die später berühmte Zen-Meister geworden sind, haben mehrere Jahre nur an einem einzigen Kōan gearbeitet.
Der dritte Faktor, großer Zweifel, ist der wichtigste. Ta-hui (China) schrieb: „Die tausend und zehntausend Zweifel, die in deiner Brust entstehen, sind in Wahrheit nur ein einziger Zweifel und sie zerplatzen, wenn sich der Zweifel im Kōan auflöst. Solange das Kōan nicht gelöst ist, musst du dich mit aller Macht mit ihm beschäftigen. ... Du solltest dich nicht zu leicht mit einer Kōan-Lösung zufriedengeben, die du herausgefunden hast. Noch solltest du noch mehr darüber nachdenken und dich in Unterscheidungen verlieren. Binde deine Aufmerksamkeit dort fest, wo das unterscheidende Denken nicht hinreicht ... Im großen Zweifel liegt notwendigerweise die große Erleuchtung.“
Wiederum sitze ich dem Lehrer gegenüber; versuche abermals, mein Verständnis verständlich zu machen; höre abermals als Antwort nur das unwirsche ‚Hinausklingeln’ des Lehrers. Also los: Sitz weiter! Auf ein Neues!

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