Meditation

Die Frage nach der ‚Geistessammlung’ als Grundlage für eine anhaltende Erfahrung der Nähe Gottes durchzieht die Geschichte der christlichen Frömmigkeit. Viele Menschen suchen heute, vom Aktionismus enttäuscht, nach Ruhe und Frieden. Das Herzensgebet kann dabei helfen.

Der Einsiedler ging wie jeden Morgen zum Brunnen. Als er mit seinem Eimer Wasser schöpfte, kamen Wanderer vorbei. „Was machst du hier?“, fragten sie. Er sprach nur: „Schaut in den Brunnen!“ Sie gingen zum Brunnen und kamen enttäuscht zurück: „Wir sahen nur braune aufgewühlte Brühe.“ Der Mönch wartete eine Weile und schwieg. „Geht noch einmal zum Brunnen.“

Diesmal kamen die Wanderer mit anderen Gesichtern zurück: „Das Wasser war ruhig, klar und spiegelte. Man konnte sich selbst im Wasser wie in einem Spiegel erkennen, an einer Stelle sah man sogar den Grund.“
„Das mache ich in der Stille“, sprach der Einsiedler. „Ich komme zur Ruhe, ich erkenne mich selbst und manchmal schaue ich den Grund allen Lebens.“ Dann nahm er seinen Eimer und ging.
Worum geht es im Herzensgebet? Diese kleine Geschichte beschreibt die Sehnsucht und die Erfahrungen des Herzensgebetes. Der Mensch will zur Ruhe kommen und dabei wird er sich selbst und Gott begegnen. Diese Sehnsucht nach der Ruhe des Herzens in Gott führt viele Menschen zum Herzensgebet. Geschichtlich gesehen geschieht diese Bewegung zum Herzensgebet schon seit den ersten Tagen der Christenheit.
Der Weg des Herzensgebetes in fünf Schritten
Ein spirituelles Leben braucht Übung, Einübung und erkennt Rhythmus und Kontinuität.
Die Haltung – als Hilfe und Voraussetzung
Das Herzensgebet als Meditationsweg wird in der ‚klassischen’ Haltung eingeübt. Sie sitzen dazu auf einem Sitzkissen oder einem Kniebänkchen oder auf einem normalen Hocker. In allen Haltungen ist der Rücken aufrecht und die Knie sind tiefer als das Becken, so ist die Leiste freier und der Kontakt zum Boden besser. Die Hände ruhen ineinander und die Daumen berühren sich leicht. Oder: Die Hände liegen auf den Oberschenkeln mit der Handfläche nach oben, seltener nach unten. Die Kuppe des Zeigefingers berührt dabei den Daumen. Die Haltung ist also offen und geschlossen zugleich.

1. Das Geheimnis der Stille und des Schweigens und der Ruhe
Wer eine spirituelle Praxis sucht, bedarf der Stille. Nun wird die Stille unterschiedlich erlebt. Die meisten Menschen sind froh, wenn alles um sie herum zur Ruhe kommt. Sie kommen so bei sich selbst an – und gerade dies kann auch ängstigen.
Für die Einübung des Herzensgebetes ist es notwendig, in die Stille zu gehen. Die eigene Praxis beginnt mit dem Einlassen auf die Stille: auf die Stille der Gedanken, der Emotionen und der Fantasien. Die Stille wird so zum Erfahrungsraum.
Die Stille beginnt mit dem Schweigen und schweigen kann jeder. Die Stille jedoch ist mehr als Schweigen, sie ist Übung und Geschenk und führt zur Ruhe – zur Herzensruhe.

2. Das Geheimnis des Atems / Ruach
Das Wort Atem bedeutet in der hebräischen Tradition auch Geist, Windhauch, Kraft und Energie. Mit jedem Atemzug, ‚der dich atmet’, ist der Übende mit Gott – dem Urgrund alles Lebendigen – verbunden. Es ist eine gute erste Übung, den Atem ‚nur’ wahrzunehmen, ohne ihn zu verändern: Es atmet mich. Lassen Sie den Atem fließen und tun Sie nichts dazu.

3. Das Geheimnis des Herzens und des heiligen Raumes
Der Herzraum ist das Zentrum des Seins und damit das Zentrum des Herzensgebetes. Dort werden im Herzensgebet die Aufmerksamkeit und die ‚Übung des Wortes’ verankert. Während das Sitzen auf dem Po und das Wahrnehmen des Beckenraumes die ‚Erdung und Verankerung’ des Menschen fördert und während der Kopfraum unser Bewusstsein gestaltet und unser Denken ermöglicht, integriert der Herzraum Verstand, Leiblichkeit und seelisches Erleben.

4. Das Geheimnis des Wortes
Nun folgt die scheinbar eigentliche Übung des Herzensgebetes. Das Herzensgebet ist ein mantrisches Gebet – ein sich immer wieder wiederholendes Gebet. Viele Lieder aus der Kommunität Taizé sind solche Gebete. In der Regel ist dies aber ein Wort oder ein nicht zu langer Satz. Vier Beispiele:
• Amen
• Jesus Christus
• Ich in dir und du in mir
• Du, (mein Gott)

Diese Worte werden – im Unterschied zu anderen geistigen Übungen – fortwährend und durchaus ein Leben lang wiederholt. Sie werden nicht bedacht, nicht bearbeitet und nicht erlebt. Sie wirken durch ihr Vorhandensein. Das Wort durchwirkt den Menschen, indem er sich dem Wort überlässt. So geschieht in der kontinuierlichen Praxis etwas Erstaunliches: In der steten Wiederholung verbindet sich das Wort oder der Satz ganz von alleine mit dem Atem und die Präsenz erfüllt den Herzraum.

5. Das Geheimnis der Präsenz der göttlichen Wirklichkeit
Langsam, aber sicher erfährt der Mensch: Gott ist da. Die göttliche Wirklichkeit ist in ihm und wirkt in ihm. Dieses Dasein Gottes wird der Übende auf mannigfaltige Weise erleben.

Drei Prozesse auf dem Weg der Übung
Möchte man einen spirituellen Weg – und dazu gehört das Herzensgebet – als mantrischen Kontemplationsweg gehen, also die christliche Schweigemeditation, dann geschehen drei Prozesse, die sich wie in einer Spirale immer neu fortsetzen und nicht unbedingt nacheinander erfolgen. Sie gehen weiter und fangen gleichsam oft neu an. Dies klingt nicht nur paradox, dies ist paradox.
Der erste Prozess:
Der Mensch übt sich ein in die Wahrnehmung. Er erkennt die Wahrheit. Dies ist eine Grundübung: Wahrnehmen und nicht urteilen. Fangen Sie mit dem Einfachen und Schönen an. Lernen Sie staunen, sich wundern, sich freuen. Gehen Sie dazu in die Natur, schauen Sie wirklich hin. Spüren Sie in das Erleben hinein. – Es gibt aber eine zweite Seite der Wahrnehmung und die ist nicht immer angenehm, weil zur Wahrheit alles gehört, auch das Leid, der Schmerz, die Trauer. So werden die Grenzen und das Potenzial unserer eigenen Persönlichkeit sichtbar. Dies führt zu einem zweiten Prozess: der Klärung.
Der zweite Prozess:
Klärung ist niemals Abwertung des bisherigen Lebens, sondern Klärung des Lebens: Was ist wirklich wichtig? Was fördert diese Beziehungen? Im gewissen Sinne ist dies eine heilsame, durchaus ‚therapeutische’ eigene Arbeit. Der Blick auf das Wesentliche wird durch diese fortwährende innere Praxis frei. Dabei wird das Leben nicht bedacht, sondern Störendes und Heilsames kommen gleichermaßen in den Blick und die neue Klarheit führt zu heilsamen Entscheidungen.
Der dritte Prozess:
Er ergibt sich aus der Übungspraxis: Der Mensch kommt in Kontakt mit dem Göttlichen. Der Mensch entfaltet sich wie eine Blüte oder ein Baum in diese göttliche Wirklichkeit. Dabei kann er oder sie sich mit anderen Menschen, mit sich selbst und auch mit Gott versöhnen. Dies nenne ich Heilwerden in aller Gebrochenheit, in manchen Ängsten und Verletzungen.
Zur alltäglichen Praxis
Die Praxis des Herzensgebetes ist einfach. Suchen Sie sich zu Beginn probeweise ein Wort oder einen Satz als Wort für die tägliche Meditation aus. Nach einiger Zeit wissen Sie, ob dieses Wort für Sie stimmt oder nicht. Nehmen Sie sich täglich vier- bis fünfmal die Woche ungefähr 20 Minuten Zeit (morgens hat sich bewährt), setzen Sie sich an einen stillen Ort und sprechen Sie das Wort inwendig. Die Augen können dabei geschlossen sein. Seien Sie nicht irritiert, wenn Emotionen und Gedanken auftauchen, dies wird so sein. Setzen Sie immer wieder neu gelassen Ihre Übung fort. – Man kann nun das Herzensgebet allein üben, aber eine regelmäßige Gruppe wöchentlich oder monatlich unterstützt und trägt Sie. Wenn Sie entdecken, dass das Herzensgebet Ihr spiritueller Weg ist, sollten Sie sich mit der Zeit einen Begleiter oder eine Begleiterin suchen. Man spricht in der Begleitung des Herzensgebetes davon, dass von Herz zu Herz begleitet wird.

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