Leben

Die Entwicklungsgeschichte der Menschen ist dank der Methoden der DNA-Analyse und der zeitlichen Zuordnung durch die Radiokohlenstoffdatierung in den Grundzügen bekannt: In Ostafrika finden wir mehr als 100.000 Jahre alte Spuren des modernen Homo sapiens, der sich dann vergleichsweise schnell über die Kontinente ausbreitete.

Die ersten Hinweise auf eine kulturelle Evolution gibt es in Form der Höhlenmalereien, die ungefähr 40.000 Jahre alt sind. Nach dem Ende der letzten Eiszeit beginnt vor etwa 10.000 Jahren die sogenannte neolithische Revolution, also das Aufkommen produzierender Wirtschaftsweisen (Ackerbau und Viehzucht) und der dafür notwendigen Vorratshaltung. Viel rätselhafter und bislang ungeklärt jedoch ist der Ursprung einer zentralen Fähigkeit des Menschen, nämlich der Sprache. Oder besser gesagt, der Sprachen, denn die Vielfalt ist groß: Gegenwärtig sind zwischen 6.500 und 7.000 Sprachen bekannt, 94 davon werden allein in Vietnam und 832 auf der pazifischen Insel Papua-Neuguinea gesprochen. Wie kam es zu dieser Vielfalt? Und vor allem, wann und durch welche Umweltbedingungen oder sozialen Notwendigkeiten entstand die menschliche Fähigkeit, sich mit anderen Artgenossen durch Worte zu verständigen?

Luigi Cavalli-Sforza, ein italienischer Populationsgenetiker, verglich den genetischen Verwandtschaftsgrad verschiedener Völker mit dem Verwandtschaftsgrad ihrer Sprachen. Dank dieser Methodik konnte er die Ursprungszeit der Sprachentstehung auf einen Zeitraum vor rund 40.000 Jahren zurückführen. Unsere Sprachentwicklung fällt damit genau in jene Epoche, aus der auch andere kulturelle Zeugnisse, etwa Wandmalereien, dokumentiert sind.

Diese Übereinstimmung erklärt aber noch nicht die Vielzahl der existierenden Sprachen. Was war denn an den ersten sprachlichen Äußerungen so mangelhaft, dass diese permanent verändert werden mussten? Wäre es nicht sinnvoller und einfacher gewesen, einmal eingeführte Ausdrücke und Bezeichnungen kontinuierlich weiterzuverwenden? Gab es überhaupt so etwas wie eine Ursprache? Trotz aller Bemühungen der Sprachforscher existiert bislang nicht der geringste Hinweis auf eine gemeinsame ‚erste’ Sprache.

Betrachten wir zuerst den möglichen Vorteil, den unsere Vorfahren dadurch hatten und der – so eine populäre These – letztlich auch zur Verdrängung der im selben Gebiet lebenden Neandertaler geführt hat.

Als Grund für die Sprachentstehung wird vielfach der kommunikative Vorteil bei der gemeinsamen Jagd angeführt. Das klingt zunächst plausibel, doch wer jemals an einer Jagd teilgenommen hat, der weiß, dass man sich aus gutem Grund dabei eher schweigsam verhält. Lautes gegenseitiges Zurufen würde das Wild nur vertreiben und sicher nicht zu größerem Erfolg führen. Viel besser funktioniert die Kommunikation in solchen Situationen nonverbal. Mimik und Gesten reichen völlig aus, um die gejagten Tiere einzukreisen und koordiniert anzugreifen.

Legen wir vorerst einmal die evolutionsbiologische Brille ab und betrachten Sprache als gesellschaftliches Phänomen: Die Verwendung von Sprache beeinflusst unser Urteil über Persönlichkeit, Intelligenz, sozialen Status, Bildungsniveau und Berufsfähigkeit anderer Menschen. Jeder Mensch kann bei entsprechender Schulung Fertigkeiten, beispielsweise das Rechnen, erlernen, ohne dass man auf seine soziale oder geografische Herkunft rückschließen könnte. Aber gerade seine Muttersprache kann man nicht verbergen, auch ist es nicht möglich, sich als originäres Mitglied einer anderen Sprachgruppe auszugeben. Tonfall, Dialekt und grammatikalische Besonderheiten kennzeichnen uns sehr genau als Teil einer bestimmten Gemeinschaft.

Viele Länder haben Akademien zur ‚Sprachpflege’, die über die ‚richtige’ Form und Verwendung der Worte entscheiden. In Frankreich erließ man 1977 sogar ein Gesetz gegen englische Lehnwörter im offiziellen Sprachgebrauch und eine eigene Kommission in der Académie française legt französische Entsprechungen (Beispiel: ordinateur) für neue englische Ausdrücke (Computer) vor.

Offensichtlich bedeutet jede Sprache mehr als nur Vokabeln und Grammatik, nämlich auch individuelle Identität und gesellschaftliche Zugehörigkeit. So soll Karl V. mit Männern Französisch, mit Frauen Italienisch, mit Gott Spanisch und mit seinen Pferden Deutsch gesprochen haben. Wobei von deutschsprachiger Seite gerne angemerkt wird, dass er als besonderer Pferdefreund galt.

Auch Nationalismus lässt sich durch sprachliche Identität bestens befeuern. Gern wurden und werden noch immer Sprachen als ‚primitiv’ abgewertet. Jedes Land sieht die sprachliche Hierarchie anders und weist den geringeren Platz den inferioren Nachbarn zu. Der schwedische Philosoph Andreas Kempe parodierte in seinem Werk ‚Die Sprachen des Paradieses’ die im 17. Jahrhundert viel diskutierte ‚ursprüngliche Sprache’, die auch Gott gesprochen hätte. Er karikierte darin die chauvinistischen Vorstellungen seiner Landsleute folgendermaßen: Im Paradies sprach Adam Dänisch, Gott Schwedisch und die Schlange Französisch.

All diese kulturellen Befunde deuten darauf hin, dass es ein wesentliches Merkmal von Sprachen ist, Unterschiede zu schaffen und zwischen der eigenen, eine bestimmte Sprache sprechenden Gruppe und ‚den anderen’ zu unterscheiden.

In vielen traditionellen Kulturen bedeutet ‚wir’ so viel wie Mensch und ‚die anderen’ sind eben jene, die man nicht versteht, die nicht zu ‚uns’ gehören und mit denen man auch am besten nichts zu tun haben sollte. Sprachen trennen Menschen sogar viel mehr als ihre Natur. Als Teil derselben biologischen Einheit kann jeder Mann mit jeder Frau auf dieser Welt grundsätzlich Nachkommen zeugen, sprachlich können Menschen aber oft schon von einem Tal oder einem Fluss voneinander so weit entfernt werden, dass sie sich ausgrenzen oder auch gegenseitig zu vernichten versuchen.

Was sagt uns diese Qualität des Trennenden über den Ursprung der Sprache? Wenn also Sprache Informationen transportiert, die nur von bestimmten Mitgliedern einer Gruppe verstanden werden, dann handelt es sich per Definition um Geheimwissen. Welches Wissen, das anderen vorenthalten wurde, kommunizierten denn die Menschen der Steinzeit?

Hier stoßen wir auf eine weitere Funktion von Sprache: die magische Wirkung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes. In vielen Kulturen glauben Menschen, dass der Sprache besondere Kräfte innewohnen, die zu verstehen oder zu steuern nur Eingeweihten erlaubt ist. Worte werden bei religiösen, rituellen Handlungen eingesetzt, um bestimmte Gegenstände und Geschehnisse mit symbolischem Sinn und Nutzen zu belegen. Der Glaube, dass Objekte, Menschen und Geister mit Worten gelenkt werden können, zeigt sich in den in allen Kulturen verbreiteten Ritualen mit Zauberformeln, Beschwörungen und Namenslitaneien. Demnach hat Sprache die Kraft, Krankheiten zu heilen, Gefahren abzuwenden und den Feinden Unheil zu bringen. Bei solchen Formeln wird peinlich genau auf Aussprache, Ausdrucksweise und Anzahl der Wiederholungen geachtet, damit die Worte ihre gewünschte Kraft entfalten können.

Wer über dieses Wissen verfügt, ist ein in der Gruppe hoch angesehener Mensch, ein Eingeweihter, der sich durch seine Beherrschung der Sprache spezielle Macht aneignet. In diesem Fall ergibt die trennende Funktion von Sprache mehr Sinn als bei der gemeinschaftlichen Jagd oder bei allgemeinen Tätigkeiten des Alltags.

Mit der Sprache wurde es möglich, über Transzendentes zu sprechen. Bei der Auseinandersetzung mit dem Jenseitigen brauchte es Eingeweihte, die Schamanen, und mit ihnen wiederum kam der Glaube in die steinzeitliche Welt. Glaube entzieht sich per se der rationalen Betrachtung und Glaube – das wissen wir auch aus einer naturwissenschaftlich aufgeklärten Perspektive – kann Berge versetzen, als Placebo Krankheiten heilen und Menschen jene Kraft verleihen, die man sowohl in einer Welt der Mammuts und Höhlenbären als auch in unserer neuzeitlichen Zivilisation braucht, um ein langes und erfülltes Leben zu führen.

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