Leben

Dem amerikanischen Zen-Priester und Küchenmeister Edward Espe Brown, dem die deutsche Regisseurin Doris Dörrie gleich einen ganzen Film gewidmet hat, schaut das Herz aus den Augen, wenn er über sein Leben und seine Erfahrungen im Zen spricht.

Am Tag, nachdem wir uns zum Interview getroffen hatten, meldete sich Ed per E-Mail. Es könnte sein, dass er sich nicht klar genug ausgedrückt hätte, daher erweiterte er seine Aussagen:
„Der Vorteil von Zen ist, dass es keine Vorschriften gibt, man findet selbst heraus, wie man sitzen soll, indem man sitzt! Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass man sich in der eigenen Psyche verlieren kann (das ist allerdings bei anderen Methoden ebenso). Auch im Zen gibt es Schattenanteile: Es kann vorkommen, dass Praktizierende dem ‚Zauber der Montur' erliegen. Die Roben und das Formale üben eine große Anziehung aus und dabei wird oft das Wichtigste außer Acht gelassen: nämlich die Freiheit zu geben, was man geben kann (zum Wohle aller Wesen). Es besteht also die Möglichkeit, dass man sich hinter der Praxis ‚verstecken' kann, weil man sich seine Gedanken, Gefühle und Vorlieben nicht eingestehen möchte, denn sie könnten nicht ‚zenmäßig' genug sein. Suzuki Roshi sagte: ‚Wenn du du selbst bist, dann ist Zen Zen.'
In einer alten Zen-Geschichte sagt ein chinesischer Zen-Meister: In ganz China gibt es keine Zen-Lehrer (ein typisches Zen-Paradoxon, das unser dualistisches Denken überwinden soll; Anm. d. Red.). Sicher gibt es Rezepte, aber schließlich muss man sich aufs eigene Herz verlassen, auf die Vollendung von Weisheit, um etwas zu Ende zu bringen, um frei zu agieren, einfach zu sein. Manchmal hilft ein Lehrer, dass du dir erlaubst, du selbst zu sein."

Seit wann sind Sie Mönch?

Ich sehe mich als Priester, nicht als Mönch, denn Zen-Mönche leben im Zölibat, essen nichts nach Mittag, fassen kein Geld an, befolgen also streng ihre 260 Regeln. Ich lebe anders, berühre Geld, kann eine Frau haben, abends essen. Manche, die so leben wie ich, bezeichnen sich als Mönche, das ist aber ein sehr lockerer Gebrauch des Wortes.

Sie sind verheiratet?

Ich war sieben Jahre lang verheiratet und habe ein 35-jährige Tochter. Wir lebten mit dem Kind im Zentrum in Tassajara bei San Francisco, ich war Lehrer. Dort hat man allerdings kein normales Familienleben. Bei unseren gemeinsamen Mittagessen in Stille rief meine kleine Tochter oft laut nach der Butter und wir mussten aufstehen und den Tisch verlassen, um die Ruhe der anderen nicht zu stören. Es ist lustig, unter derartigen Umständen ein Kind aufzuziehen.

Wie kamen Sie zum Zen?

Mein älterer Bruder nahm mich ins Zen-Zentrum mit. Ich war vom College geflogen und traf Suzuki Roshi, der ein sehr ungewöhnlicher Mann war. Er war interessant und großherzig, ich fühlte mich sehr wohl bei ihm. Als ich vor einem Jahr für meine Tätigkeit im Zentrum geehrt wurde, sagte ich, sie sollten eigentlich Suzuki Roshi ehren, da ich nichts anderes getan habe, als seinen Anweisungen zu folgen. Nur weil ich ihn getroffen habe, bin ich geblieben, auch wenn es oft sehr schwer war, nicht zu gehen.

Was haben Sie sich damals vom Zen erwartet?

Ich dachte, es sei eine gute Idee, still zu sitzen und nicht immer wie ein Blatt im Wind umherzutreiben. Ich glaubte, Stabilität zu brauchen, um nicht Sklave meiner Begierden zu sein. Mir war immer schon bewusst, dass der Weg zum Glück nicht über die Befriedigung unserer Begierden zu erreichen ist.

Was ist das Wesentliche am Zen?

Wie ich bereits erwähnte, begann ich zu praktizieren, weil ich bedürftig war, Suzuki Roshi, die Ästhetik des Zen und die schwarzen Roben dort mochte. Eines Tages war ich bei einer Konferenz von buddhistischen Lehrern im ‚Spirit Rock-Vipassana Zentrum'. Bei der Konferenz wurden wir in kleine Gruppen eingeteilt, in meiner war Joseph Goldstein, der bekannte Vipassana-Lehrer, und im Kreis gegenüber saßen drei tibetische Rinpoches, also drei Lamas. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, fragte mich einer der Rinpoches: „Was ist der Unterschied zwischen dir und Joseph?" Ich sah zu Joseph rüber, der eine Khaki-Hose und einen Sweater trug, und ich saß da mit meinen schwarzen Hosen und antwortete: „Wir tragen eine Robe und Sie nicht, und unser Haar ist kürzer." Der Rinpoche sah mich an und erwiderte: „Ist das dein Ernst?" Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, weil ich eigentlich dachte, dass wir alle Buddhisten sind. Obwohl ich heute sagen muss, dass für mich Zen wie eine Familie ist, man wird ein Teil davon, trägt Familienkleidung, Familienfrisur und lebt eine Familientradition. Außerdem ist die tägliche Arbeit im Zen Teil der Übung. Ich war verschiedentlich in anderen Meditationszentren, da hatte der Koch keine Helfer, weil alle Teilnehmer mit der spirituellen Praxis beschäftigt waren. Sie waren der Meinung, sie seien da, um spirituelle Arbeit zu verrichten, nicht um abzuwaschen.

Ist Ihnen die Zen-Praxis von Beginn an leichtgefallen?

Nein, es war extrem anstrengend für mich. Meine Beine schmerzten und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Niemand hat mich angeleitet. Ich konnte nicht ruhig sitzen. Bis heute verstehe ich nicht, wie jemand ohne derartige Probleme meditieren kann. Mein Körper bewegte sich ungewollt weiter. So ging das ungefähr drei Jahre lang. Oft kam Suzuki Roshi zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter. Und als ich aufhörte herumzuzappeln, schlief ich sehr schnell ein, aber wenn das passierte, bekam ich einen Schlag mit dem Stock, um aufzuwachen. Danach habe ich wieder herumgezappelt, mich beruhigt, bin danach wieder eingeschlafen. Einschlafen, geschlagen werden, aufwachen, zappeln und wieder einschlafen. Bis ich eines Tages endlich die emotionale Erlösung erlangte.

Es gibt viele Fallen im Buddhismus, was sind die Fallen im Zen?

Zen erscheint mir manchmal zu streng und engstirnig. Natürlich gilt das nicht für die wirklich guten Zen-Lehrer, die haben auch Humor. Meiner Meinung nach fokussieren sich viele Praktizierende zu sehr darauf, ein Zen-Leben zu führen, wie sie es sich in ihrer Vorstellung ausgemalt haben. Sie verlieren sich zunehmend im ‚Zen-Sein'. Das geht so weit, dass es in Japan oft zugeht wie bei den ‚Marines'. Es wird dann die Einstellung vertreten: „Wir sind hart. Kannst du das auch, bist du auch so stark?" Zen-Praktizierende zeigen kaum Emotionen, oft, um dem Bild eines Zen-Menschen zu entsprechen – und dieses Bild eines Zen-Menschen ist üblicherweise ein Japaner ohne Emotionen und Gefühle.

Zen ist im Augenblick sehr modern. Bis hin in die höchsten Wirtschafts-, Werbe- und Politikerkreise versucht man, sich mit Zen-Attributen zu schmücken.

Zen hat über Jahrhunderte hinweg bis heute eine wirklich gute PR. Dieses öffentliche Ansehen hat etwas mit fernöstlicher Romantik zu tun. Für manche Menschen ist es gut, dass sie eine Zeit lang feste Strukturen zur Verfügung haben. Der Nachteil dabei ist jedoch, dass häufig die Annahme herrscht, die formelle Praxis würde sich automatisch in das tägliche Leben transferieren. Doch das ist nicht der Fall, so lernt man nicht, wie man die Praxis in andere Gebiete, z.B. in die Beziehung, bringen kann. Weil man eben nicht lernt zu kommunizieren, wenn man im Kreis sitzt mit Blick auf die Wand. Ich musste sogar wieder lernen, nur um ‚Guten Morgen' sagen zu können.

Wie leben Sie heute?

Nach 20 Jahren im Zen-Zentrum habe ich mich entschlossen zu gehen. Ohne Geld musste ich mir ein neues, eigenes Leben aufbauen. So habe ich begonnen, Kochkurse abzuhalten. Heute schreibe ich Bücher, halte Seminare und überlege, ein Zentrum zu gründen.

Wie beurteilen Sie im Nachhinein den Film, den Doris Dörrie über Sie gedreht hat?

Ich habe diesen Film 30 bis 40 Mal gesehen. Manchmal beobachte ich die Zuschauer und spüre, dass sie nicht genau wissen, was sie mit dem Film anfangen sollen. Andererseits, bei den Berliner Filmfestspielen waren die Zuschauer so aufmerksam, dass ein warmes Gefühl im Raum lag. Und wenn die Szene mit der Teekanne kommt, beginnen viele zu weinen. Ich spürte es im ganzen Saal. Wenn ich den Film meinen Freunden, Nachbarn und meiner Tochter zeige, sind alle sehr glücklich. Wenn ich ihn jedoch im Zen-Zentrum zeige, herrscht Stille. Manchmal erzählen sie mir zwar, dass sie ihn mögen, aber meistens weiß ich nicht, woran ich bin.

Wie wichtig ist es zu kochen?

Es gibt so viel Schmerz auf dieser Welt. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass die Menschen seltener kochen. Im ‚Wall Street Journal' las ich einen Bericht mit dem Titel ‚Sogar Dosenmais bringt moderne Köche aus der Fassung.' Darin stand, dass über 30% der Amerikaner nicht mehr gemeinsam zu Abend essen. Sie sitzen alleine vor ihren TV-Serien mit ihren Fertiggerichten, die sie nicht einmal ohne Anleitung zubereiten können. Ein Lebensmittelhersteller hatte die Zubereitungshinweise auf den Maisdosen abgeschafft und erhielt sofort Anrufe von empörten Kunden. Das muss man sich vorstellen, nur weil der Hinweis fehlte: „Öffnen Sie die Dose und geben Sie den Mais in einen Topf und auf eine erhitzte Herdplatte!" Ich glaube, dass es an manchen Orten in Europa nicht viel besser ist. Der Film ‚Das Lächeln der Radieschen' erörtert diese Themen. Ich weiß nicht, was man gegen diese Entwicklung tun kann, ich habe keine Antworten. Ich möchte bloß ein Leben führen, das einen Sinn ergibt und mir etwas bedeutet.

Können Zen und Spiritualität die Antwort sein?

Suzuki Roshi nannte es: „Deinen eigenen Körper und deine Gedanken besitzen". Das ist notwendig, um die Freiheit im Geist zu haben, auf sein Herz hören zu können. Die eigenen Erfahrungen nach Hause in sein Herz zu bringen und es reagieren zu lassen, ist etwas anderes, als einem Rezept zu folgen. Es bedeutet, seinem Herzen zu vertrauen, wenn es auf verschiedene Umstände reagiert. Das ist es, was ich beim Kochen unterrichte. Als Deborah und ich das ‚Greens Kochbuch' geschrieben haben, vermerkten wir: „Koche die Zwiebeln, bis sie glasig sind." Oder: „Mit Essig abschmecken." Und wir dachten, dass es großartig sein wird. Aber als wir das Buch vom Verleger zurückbekommen haben, war es voll mit kleinen rosa Notizzettelchen: „Wie lange?" oder: „Wie viel Essig?"
Also glaubt man, das richtige Rezept wüsste, was einem besser schmeckt. Man müsste nur den Anweisungen genau folgen, damit das Gericht gelingt. Aber für mich bedeutet Koch zu sein etwas anderes: nicht ausschließlich einem Rezept zu folgen, sondern die Dinge zu sehen, zu riechen und zu kosten. Beim Kapitel Nudelgerichte schrieben wir: „Kochen Sie das Gemüse so lange, bis es so zart ist, wie Sie es gerne haben." Jedoch die rosa Notiz fragte uns: „Wie lange?" Wie sollten wir das denn wissen?
Diese ‚Rezept-Kultur' kam auch in den Buddhismus, dass man den Anweisungen Folge leisten soll, nur tut, was man tun soll und so alles besser machen würde. Ich jedoch glaube, dass die wahre Übung ist, zuzuhören, aufzunehmen, Dinge zu sehen und zu beobachten und darauf dann bestmöglich aus seinem eigenen Herzen heraus zu handeln – und so wenig wie möglich aus seinen Ängsten oder den Vorstellungen im Kopf. 

Edward Espe Brown, 63, wurde von Suzuki Roshi zum Zen-Priester geweiht. Seit 1965 praktiziert er Zen, seit 1980 Yoga. Neben seinen Meditations- und Kochkursen, die ihn durch die USA, aber auch durch Deutschland, Österreich, Spanien und England führten, lehrt Brown an den drei San Francisco Zen-Zentren: in Tassajara, Green Gulch und im City Center. Edward Espe Brown ist Autor mehrerer Kochbücher, darunter die berühmten Tassajara Kochbücher. ‚The Tassajara Bread Book' basiert auf Browns Gedanken, dass ein gutes Brot nach mehr als nach Mehl, Wasser, Milch und Eiern verlangt. Mehr als 200 Rezepte, von der Vorspeise bis zum Dessert, lassen die besondere Aufmerksamkeit spüren, die Brown der Zubereitung von Speisen schenkt. Mit der bekannten Köchin Deborah Madison führte Edward Brown das legendäre Greens-Restaurant in San Francisco. Er lebt in Fairfax, Kalifornien. Brown wurde durch den Dokumentarfilm ‚How To Cook Your Life' aus dem Jahre 2007 von Doris Dörrie auch einem breiteren Publikum im deutschsprachigen Raum bekannt.
 
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Kommentare   

# Farah 2016-08-14 11:39
Danke für diesen interessanten Artikel. Habe mir die DVD gekauft. Leider sind seine Bücher nicht erhältlich!!!!
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# Andreas Eckl - Marx 2016-10-13 12:02
Ein sehr toller Film.
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