Leben

Warum der dicke Ottfried Fischer sexuell erfolgreich ist und welche Erkenntnis uns helfen kann, über diese primitiven Reaktionsmuster hinauszuwachsen. 

Der beleibt-beliebte Schauspieler Ottfried Fischer ging zwei Prostituierten auf den Leim. Sie nannten ihn zuerst ihr ‚männliches Wundertier', dann betrogen sie ihn um 32.000 Euro. Jetzt nennt er sie seinerseits ‚Bestien' und führt einen Prozess gegen sie. Dem deutschen Boulevardblatt ‚Bild' gegenüber erklärte er sich und rechtfertigte sein Handeln mit biologischen Argumenten: „Der Mann neigt zum Trieb und leistet damit seinen Teil zum Erhalt der Menschheit." Daraus leitet Fischer dann seine Motive für diese Kontakte ab: „Es mit Frauen zu treiben ist also grundsätzlich nicht verwerflich und bereitet sogar dann manchmal Spaß, wenn beide sich fürs Wohlbefinden nur benutzen." So weit die männliche Sicht der Dinge.

Was aber trieb die beiden Frauen dazu, sexuellen Kontakt mit einem übergewichtigen 55-jährigen Mann zu suchen? Offensichtlich Geld und wahrscheinlich auch der verführerische Duft einer prominenten Persönlichkeit. Der Wiener Literat Friedrich Torberg wusste, dass Männer ihre Attraktivität für das andere Geschlecht weniger ihrem Äußeren als ihrem Erfolg verdanken und ließ seine ‚Tante Jolesch' den legendären Satz sprechen: „Alles was ein Mann schöner ist als ein Aff', ist ein Luxus."
Bei Männern hingegen wird das Betrachten einer schönen Frau durch Ausschüttung von Dopamin, einem als ‚Glückshormon' bekannten Neurotransmitter belohnt. In einer Studie wurden Männern im Sekundentakt Fotos von Frauen auf einem Bildschirm gezeigt. Durch einen Mausklick war es ihnen möglich, das Bild länger anzusehen, was die Testpersonen immer dann taten, wenn die Frau besonders gut aussah. Dabei wurde bei diesen Probanden der ‚Nucleus accumbens', eine Struktur im Vorderhirn, aktiviert, welche auch bei der Aussicht auf Drogen oder bei einem finanziellen Gewinn reagiert. Interessanterweise wurde bei Frauen dieses Hirnareal beim Anblick schöner Männer nicht aktiv.
Offenbar scheinen wir bei unseren Entscheidungen und Vorlieben bei der Partnerwahl viel mehr von unseren stammesgeschichtlichen Wurzeln beeinflusst zu sein, als es ‚zivilisierten' Menschen angenehm ist. Im Darwin-Jubiläumsjahr verdient gerade dieser Aspekt unserer menschlichen Natur besondere Aufmerksamkeit.
Ottfried Fischer Prostituierte1859 erschien Darwins Epoche machendes Buch ‚On the Origin of Species' (Über die Entstehung der Arten), in dem er erstmals die Prinzipien der körperlichen Anpassung von Lebewesen über die selektive Vererbung von Eigenschaften darlegte. Obwohl er auf seinen Reisen immer wieder über die Gründe für das bloße Überleben scheinbar nutzlosen tierischen Schmucks – wie zum Beispiel bunte Fellzeichnungen oder ornamentale Federn – nachgedacht hatte, widmete er diesem Thema im Buch nur drei Seiten, denn seine zentrale, in der Publikation geäußerte Theorie war, dass die natürliche Auslese jedes Merkmal zu einem bestimmten Zweck gestaltete. Bloß welchen Sinn machten dann die hinderlichen, auffälligen Federn eines Pfaus, den Darwin in seinem Garten täglich sehen konnte? Einmal gestand er deswegen seinem Sohn Francis: „Schon vom bloßen Anblick der Schwanzfedern eines Pfauen wird mir übel!" Erst zwölf Jahre später hatte er das Rätsel gelöst und veröffentlichte sein zweites zentrales und 900 Seiten umfassendes Werk ‚Die Abstammung des Menschen und geschlechtliche Zuchtwahl'. Der Titel ist fast irreführend, denn nur etwa ein Drittel des Inhalts setzt sich mit der Herkunft des Menschen auseinander, den Rest widmet Darwin seiner Idee einer Auslese durch sexuelle Selektion.
Während die These der ‚natürlichen Selektion' nur die Fitness eines Lebewesens, in einer bestimmten Umwelt zu bestehen, berücksichtigt, bedeutet sexuelle Selektion eine aktive Auslese von Männchen mit bestimmten Merkmalen durch die Weibchen derselben Art. Diese von den Weibchen erwünschten Merkmale verhelfen den Männchen zu einem Vorteil gegenüber ihren Geschlechtsgenossen und bedeuten höheren Fortpflanzungserfolg. Nicht nur in viktorianischen Zeiten war diese Theorie unerhört und bedeutete eine völlige Umkehr der bisherigen Sichtweise auf die Geschlechterrollen, bei denen ausschließlich der Mann die Wahl hat und trifft.
Mit dieser Theorie ließen sich nun auch die ‚unnützen' Pfauenfedern erklären: Bei manchen Arten legen die Weibchen auf äußere Merkmale wert, die in keinem direkten Zusammenhang zur Fähigkeit der Männchen stehen, überlebens- und fortpflanzungsfähige Nachkommen zu zeugen oder sich erfolgreich an der Aufzucht der Jungen zu beteiligen. Solche Schlüsselreize wie z.B. auffällige Farben, Balzrufe oder energieaufwendige Verhaltensweisen der Männchen signalisieren einen ‚Luxus', den sich nur besonders fitte Individuen leisten können. Ein Pfau, der trotz seiner hinderlichen langen Schwanzfedern überlebt und nicht vorzeitig von Raubtieren gefressen wird, muss über vererbenswerte Eigenschaften verfügen und wird deswegen von den Weibchen ausgewählt.
Die US-amerikanische Anthropologin Mildred Dickermann überprüfte Ende der 1970er Jahre, ob sich diese Theorie der sexuellen Selektion auch mit menschlichen Kulturen in Übereinstimmung bringen ließe. Sie kam zum Ergebnis, dass sich die Gesellschaften der Frühgeschichte genauso verhielten, als ob sie primär das Ziel verfolgten, so viele Nachkommen wie möglich in die Welt zu setzen. Männer strebten also immer nach möglichst polygamen Verhältnissen, während Frauen daran interessiert waren, sich mit wohlhabenden Männern von hohem sozialen Status zu verbinden. Ein Mann wie der ägyptische Pharao Akhenaten konnte mit seinen 317 Konkubinen Hunderte von Nachkommen zeugen, während Frauen ihren Reproduktionserfolg nicht durch promiske Quantität, sondern nur durch die Qualität ihrer Partner erhöhen können.
Jäger- und Sammlerkulturen hingegen begünstigen nur ein geringes Maß an Polygamie. Wer bei der Jagd erfolgreich war, der hatte meist auch mehr erbeutet, als er alleine essen konnte. Also war es klug, das Fleisch, bevor es verdarb, mit anderen Stammesgenossen zu teilen, die ihm dann ihrerseits einen Gefallen schuldeten. Reichtümer ließen sich in diesen Gesellschaften nicht anhäufen. Doch mit Einführung der Landwirtschaft hatte ein Mann plötzlich die Möglichkeit, einen Überschuss an lagerbaren Lebensmitteln zu erwirtschaften und sich in der Folge damit die Arbeitskraft anderer Männer zu erkaufen. Plötzlich war nicht mehr Jagdglück notwendig, sondern nur mehr die Zahl der Hände, die die Scholle beackerten oder die Herden hüteten. Und man war nicht mehr darauf angewiesen, mit anderen zu teilen, um sich deren Gefälligkeiten in schlechteren Zeiten zu sichern. Wer über die besten Felder und Weiden verfügte, hatte am meisten Gefolgsleute und konnte so auch die meisten Frauen ‚erwerben'. Erst durch die Entstehung von Agrargesellschaften war es überhaupt möglich, dass sich reiche Männer Harems mit bis zu hundert Frauen halten konnten.
Doch wo bleibt da die von Darwin postulierte Wahl des Sexualpartners durch die Frau? Die feministische Primatologin Sarah Hrdy stellte bei ihren Forschungen fest, dass das Paarungsverhalten der Schimpansinnen nicht durch sorgsame Auswahl eines Partners, sondern vielmehr von großer Promiskuität geprägt war. Da das Schimpansen-Männchen bei Übernahme eines Rudels alle nicht von ihm stammenden Jungtiere tötet, kann das Weibchen dies nur dadurch verhindern, indem es ihn im Unklaren über seine Vaterschaft lässt. Durch Ausdehnung ihrer sexuellen Gunst auf mehrere Männchen – was in den weiträumig umherschweifenden Gruppen möglich ist – verhindert es den Kindsmord.
Natürlich gibt es viele verschiedene Beispiele für Partnerschaftsbeziehungen im Tierreich und man darf nicht der Versuchung erliegen, nach Belieben eines davon als Referenz für ‚natürliches' Verhalten in unserer menschlichen Kultur heranzuziehen. Sinnvoll ist es jedoch, die Darwin'sche Idee der sexuellen Selektion auch in Beziehung zu unseren Verhaltensmustern zu setzen und uns durch diese Erkenntnisse über die von Ottfried Fischer postulierte Triebhaftigkeit unserer Existenz zu stellen.

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