Leben

Ngakchang Rinpoche und Khandro Dechen sind ein spirituelles Paar. Sie lehren, wie Beziehungen gelingen – und was daran sogar Erleuchtung sein kann.

Eintönig und rhythmisch hallen die tibetischen Trommeln durch den Raum in der Stiftgasse im siebten Wiener Gemeindebezirk. Etwas mehr als 30membra Menschen sitzen auf rot-gelben Meditationskissen und starren gerade aus in die Leere. Vor ihnen liegen Matten, darauf ein eiserner Vajra, also ein Donnerkeil, und eine Glocke – beides tibetische Ritualgegenstände. Die Trommeln in der rechten Hand werden gleichmäßig einmal nach rechts, einmal nach links gedreht, sodass die Holzbälle, die am Ende von zwei Bändern links und rechts angebracht sind, mit jeder Drehung auf die Mitte der Trommelmembran schlagen. Bum. Bum. Bum.
Dazu singen die Teilnehmer den ‚Sieben-Zeilen Vers‘. Der Name des Gedichts klingt unspektakulär, aber der Inhalt soll reichhaltig sein: Es ist nicht bloß ein Text oder eine Melodie, sondern ein sinnliches Gesamthappening. Denn wer die Symbole dieser Zeremonie verstehen kann, der erkennt darin nichts Geringeres als den Schlüssel zur Erleuchtung.
„Alles ist Symbol“, sagt Ngakchang Rinpoche, nachdem der Eingangsgesang zu Ende ist. Der in Deutschland geborene Mönch sitzt erhöht auf einem Stuhl, die Gruppe schaut ihn erwartungsvoll an. Neben ihm sitzt seine Partnerin und Gefährtin Khandro Dechen, eine Britin. Gemeinsam sind die zwei seit fast 30 Jahren ein ‚Vajra-Paar‘. Sie treten als Linienhalter der kleinen ‚Aro gTer-Linie‘ des tibetischen Buddhismus auf. An diesem Wochenende lehren sie ‚Vajra Romantik‘, den buddhistischen Schlüssel zu erfolgreichen Liebesbeziehungen.
Ein Ehepaar aus Wales als Oberhaupt einer tibetischen Linie des Buddhismus? Ngakchang und Khandro fallen durchaus auf. „Wir sind nur Symbole unserer selbst“, sagt Ngakchang. Er trägt eine weiße Robe, über die ein rotes Tuch geschwungen ist, das von einem weißen und einem blauen Streifen durchzogen ist. Über die andere Schulter hat er eine bunte Schärpe, an seinen Ohren hängen große Ringe. Etwa die Hälfte der Teilnehmer zeigt sich in einem ähnlichen Outfit, bloß dass sie noch eine blaue oder rote Weste über den weißen Roben anhaben. Es sind Ngakchangs ‚Lehrlinge‘, also seine engsten Anhänger. Auch sie möchten den Pfad der Erleuchtung gehen, wie er ihn lehrt. Sie haben Gelübde abgelegt, eines davon ist, dass sie sich nicht mehr die Haare schneiden dürfen. Deshalb tragen viele Männer im Raum genauso wie ihr Lehrer einen Knoten am Hinterkopf.
Das ‚Vajrayana‘ ist eine Form des Buddhismus, die vor allem in Tibet sehr verbreitet ist. Durch ungewöhnliche, aber besonders effektive Praktiken soll dabei die Erleuchtung in nur einem Leben erlangt werden. Auch als ‚Tantrismus‘ bekannt, wird der Weg im Westen vor allem mit sexuellen Praktiken assoziiert. Diese machen aber nur einen kleinen Teil der genannten Tradition aus. Im Westen wird der tibetische Buddhismus zudem vor allem mit dem Dalai Lama in Verbindung gebracht, dem Mönch in roter Robe. Doch neben dem Klosterleben gibt es auch eine Tradition der ‚Haushalter‘, auf Tibetisch ‚Ngakpas‘, es ist ein Weg, der es ermöglicht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dieser – im Gegensatz zum roten – ‚weiße Sangha‘ ist viel verstreuter und unorganisierter – sowohl historisch in Tibet als auch heute weltweit. Und an diese Tradition schließt ‚Aro gTer‘ an.
Manche der Teilnehmer haben Gurte mitgebracht, die ihre Beine leichter im Schneidersitz halten. ‚Stille Sitzmeditation‘ ist die Grundübung der ‚Aro gTer-Linie‘. In Tibet haben das Praktizierende im Privaten gemacht. Bei ‚Aro gTer‘ sitzt man gemeinsam.
„Das Verliebtsein“, so der Lehrer, „zwingt uns in die buddhistische Praxis.“ Denn Verliebtheit verändere die Wahrnehmung der phänomenologischen Welt. Wer verliebt ist, verhält sich automatisch so, wie sich ein Buddhist immer verhalten sollte. „Hilfst du mir, von Hamburg nach Wien umzuziehen?“, nennt Ngakchang ein Beispiel. Mit Freude antworte man: „Ja, gerne fahr ich mit dir durch die ganze Nacht.“ Mitgefühl, Hingabe, Geduld – alles wird von Verliebten natürlich gelebt. „Sogar Abba hört man sich an“, sagt der Meister und seine Schüler lachen mit ihm.

Verliebtheit zelebrieren
Ngakchang macht gerne Witze. In den 1950er-Jahren in Hannover geboren, erzählt er, dass er 1971 von Dudjom Rinpoche in Nepal als Reinkarnation von Aro Yeshe, dem Sohn einer tibetischen Yogini, also einer Praktizierenden, erkannt wurde. Auf Anweisung des tibetischen Lehrers habe Ngakchang dann seinen Sangha im Westen gegründet.
Das Verliebtsein erzeuge einen Zustand, der der ‚Leerheit‘ ähnlich sei, also ein Aspekt des Zustands der Welt, den es im Buddhismus zu verwirklichen gilt. Weil man Angst davor hat, etwas zu verlieren, entsteht eine vollkommene Leerheit und Offenheit der anderen Person gegenüber. Im Vajrayana geht es also nicht darum, der Welt zu entsagen, sondern die eigenen Neurosen – wie es Ngakchang nennt – als Möglichkeit zur Transformation zu nutzen. Zugrunde liegt die Idee, dass man schon immer realisiert war. Was auch immer unsere Neurosen sein mögen, es sind Verzerrungen des verwirklichten Zustands. Verliebt sein sei, so der Lehrer, wie eine geistige Zuckung und demnach seien dies auch die besten Zugriffspunkte zum realisierten Zustand.
Oder wie Khandro Dechen einwirft: „Die Welt ist unser Altarraum.“ David Bowie etwa war Anhänger eines tibetischen Lamas, erzählt Ngakchang. Bowie soll gesagt haben, dass er Mönch werden wolle. Aber der Lama antwortete ihm: „Nein, du bist Rockstar.“
Weltweit gibt es nur 200 bis 300 Anhänger von ‚Aro gTer‘. Das Lehrerpaar lebt in Wales, dort soll bald auch ein permanentes Zentrum entstehen. Momentan werden dafür Spenden gesammelt. Bisher ist die Gruppe nämlich auf der ganzen Welt verstreut: in Finnland, in den USA, in Deutschland und auch in Wien. Hier gibt es knapp zehn Mitglieder.
Selbst die Übungsmatten der Schüler sind voller Symbole. Die Matten der Frauen sind innen weiß, in der Mitte rot und außen blau. Bei Männern ist das Weiß in der Mitte und das Rote innen. Das Weiß steht für den ‚Mond‘, der wiederum den männlichen Aspekt und die männliche Methode symbolisiert. Das Rot steht für die ‚Sonne‘, die den weiblichen Aspekt und die Weisheit darstellt, erläutert der Lehrer.
Jeder Mensch habe äußere und innere Qualitäten. Bei Frauen sind die Weisheitsaspekte ausgeprägt, beim Mann die Methoden-Aspekte-Eigenschaften. „In einer Liebesbeziehung spiegeln wir einander jeweils unsere innerste Natur. Wir sehen den Partner und werden von ihm oder ihr auf eine Art und Weise gesehen, wie uns niemand anderer sieht“, steht im Flyer zur Veranstaltung. Es geht also um die Praxis, seinen Partner als Lehrer zu betrachten. Aber auch die Kategorien ‚Mann‘ und ‚Frau‘ sind dabei nur Symbole. „Im Durchschnitt bin ich weiblich“, meint Ngakchang. Er sei die letzten 900 Jahre fast ausschließlich in weiblichen Körpern geboren worden, gerade einmal die vergangenen drei Reinkarnationen seien männlich gewesen. Einer aus der Runde will wissen, wie das denn bei homosexuellen Beziehungen sei. „Wir sind sexuell nicht qualifiziert, das zu erklären“, meint das Paar. „Nichts spricht aber dagegen, dass jemand auch Belehrungen dazu entdeckt.“
Das Problem an Samsara, also an unserer Welt von Tod und Wiedergeburt, so der Lehrer, ist, dass es nicht funktioniert – und zwar nach den Regeln, die es selbst aufzustellen scheint. Man will etwas, doch sobald man es hat, ist es uninteressant. Doch anstatt Samsara dafür verantwortlich zu machen, schiebe man die Schuld darauf, dass man eben ‚das Falsche wollte‘, dass andere daran schuld sei. Wenn man aber seine Beziehung als Methode versteht, wie in der Sicht des ‚Aro gTer‘, dann könne man Realisation erreichen, meint das Vajra-Paar. Das angenehme Nebenprodukt? Man führe bessere Beziehungen. Khandro macht keinen Hehl daraus, dass die Belehrungen schwer zu fassen sind. Der Mensch sei eben schnell im Schubladisieren. „Die Realität ist unvorhersehbar“, sagt sie und ermutigt die Teilnehmer, im Zustand des Nicht-Verstehens zu verweilen.
Und so definiert Khandro die Früchte des buddhistischen Pfades auch: „Nicht zu definieren, sondern sich die Fähigkeit bewahren, mit dem Unbekannten umzugehen.“ Das sei ein Schlüssel zum Erfolg in romantischen Beziehungen. Ihr Rat lautet ganz praktisch: „Lass deine Meinung fallen, wenn dein Partner eine andere hat. Sei offen für die Geheimnisse deines Partners – auch nach zwanzig Jahren. Und biete dich als Helfer an beziehungsweise lass dir helfen, wenn es nötig ist.“ Und auch in langen Beziehungen müsse – wie in der ersten Phase des Verliebtseins – das ‚Ja‘ immer gegenüber dem ‚Nein‘ überwiegen.
Für fortgeschrittene Paare gibt es dazu weitere Übungen: Frauen sollen die ganze Welt als ‚Methodendarstellung‘ wahrnehmen und Männer als ‚Weisheitsdarstellung‘. Das heißt in Vajra-Symbolik: Frauen sollen sich die Welt als Mann vorstellen und Männer als Frau.
Sonne, Mond, Frauen und Männer, Methoden- und Weisheitsdarstellung – die Eindrücke des Wochenendes sind in der Tat schwer zu fassen. Die Welt ist nur Symbol? Eine Nachfrage aus dem Publikum lautet: „Khandro, siehst du auch Frauen als männliche Aspekte, also als Methodendarstellungen?“ Khandro denkt nach. „Ja, wobei es am leichtesten ist, die Übung mit der Natur zu beginnen.“ Rinpoche wirft ein: „Am Ende wird das keine Frage sein.“

Anna Sawerthal, geboren 1983, arbeitet als Journalistin in Wien. Sie hat Tibetologie und Buddhismuskunde in Wien, Nepal, Lhasa und Heidelberg studiert. An der Universität Heidelberg promoviert sie über die tibetische Pressegeschichte.
 
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