Leben

Das Ende von Hektik, Reiz und Reaktion ist die Erkenntnis, bereits angekommen zu sein – ein Lebensrückblick.

In meinem Alter häufen sich große Jubiläen. Gelungene und weniger gelungene Dinge fanden vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren statt und werden heute entsprechend gewürdigt und bedacht. Besonders die älteren Ereignisse erscheinen mir wie vergangene ferne Epochen, in denen mir damals Wichtiges heute nichtig und belanglos erscheint. Bei jeder Rückschau wird mir auf beklemmende Weise die Vergänglichkeit des Lebens bewusst, das in seiner Endlichkeit für immer unwiederbringlich verschwunden ist.

Beim Blick auf meine damalige jugendliche Frische wird mir schwer ums Herz. Ich erinnere mich, wie oft ich mit mir haderte, unzufrieden war, auf erfolgreiche Durchbrüche hoffte und wartete, nur selten mit dem Fluss des Lebens im Einklang war. In meiner damaligen Wahrnehmung bewegte ich mich durch bedrohliche Kampfgebiete, in denen es ums Siegen oder Verlieren ging. Ich wähnte mich auf einer Reise, der ich rastlos auf ein fernes Ziel hin folgte. Das Heute war nur der Vorwärmer für das Morgen, mir ging es ums Erreichen und weniger ums Dasein.

Heute bedauere ich, die Zeit damals nicht mehr genossen zu haben, und wünsche mir, häufiger in den vergangenen und leider nie mehr wiederkehrenden Augenblicken verweilt zu haben.

Es gab viele Augenblicke der Freude, und ich bewerte meine Lebensgeschichte keineswegs als leidvoll und düster. Im Gegenteil, vieles lief gut, und es gibt wenig, was ich rückblickend bedauern würde. Dennoch sehe ich heute, wie sehr ich mich selbst beschnitten habe, wie wenig ich tatsächlich mitbekommen habe von dem Glück, der Fülle und den schönen Seiten, die mich damals umgaben.

Ich war bereits über dreißig Jahre alt, als ich beim Übertragen meiner Tagesaufgaben von der einen auf die andere Seite meines Kalenders ein besonderes Erlebnis hatte. Normalerweise frustrierte es mich, allabendlich die vielen unerledigten Aufgaben zu sehen, von denen einige bereits seit Tagen auf der Liste standen und Abend für Abend aufs Neue verschoben wurden. An diesem einen Abend aber erkannte ich in all den Aufgaben mein Leben, das hoffentlich immer Aufgaben und Herausforderungen an mich stellen würde. Mir wurde klar, es geht gar nicht ums Fertigwerden, darum, irgendwelche Listen abgearbeitet zu haben.

Wenig später, bei meiner ersten Begegnung mit dem buddhistischen Lehrer Thich Nhat Hanh, fiel mir beim Betreten des Meditationsraums eine wunderschön geschriebene Kalligrafie auf: „Ich bin angekommen – ich bin zu Hause.“ Ich hatte nicht an Ankommen gedacht, sondern dachte an den Start einer spirituellen Reise mit ihm als meinen neuen Lehrer. Stattdessen kam von ihm die Botschaft: Du bist angekommen! Obwohl der Ort wenig mit Nachhausekommen zu tun hatte, fühlte ich mich tatsächlich angekommen. Eine tiefe, friedliche Entspannung und Ruhe stellten sich ein und erinnerten mich an mein Erlebnis beim Übertragen meiner Aufgabenliste.

 

Ankommen, ruhig bleiben, lächeln

 

In den Jahren der Praxis mit Thich Nhat Hanh wurde mein Ankommen immer stabiler. Ich lernte eine fortwährende Praxis der Achtsamkeit kennen, die es mir ermöglichte, bei meinen alltäglichen Verrichtungen innezuhalten, nachzuspüren, was gerade in mir lebendig ist, was unter oder hinter meinen aufschäumenden Emotionen verborgen ist, und dadurch reflektiert zu agieren, statt blind meinem Reizreaktionsmuster zu folgen.

Ich bekam eine neue Sicht auf mein Leben, dessen wunderbare Augenblicke ich fortan nicht mehr verpassen wollte. Ich realisierte, ich bin inmitten einer wunderbaren Symphonie, die in jeder Phase vollkommen ist und bei der ich nicht länger mehr darauf warte, dass sie endlich im Schluss ihren vermeintlichen Höhepunkt erreicht. Es geht mir um das Jetzt, das Baby muss nicht erst Kleinkind werden, um vollkommen zu sein, und auch das Kleinkind nicht erst Jugendlicher und dieser nicht Erwachsener, um ein zufriedenes und glückliches Leben zu haben. Im Gegenteil: „Verpasse nicht dein Leben“, betonte der koreanische Zen-Meister Seung Sahn immer wieder. Wenn ihm die Menschen von ihren fernen Lebenszielen berichteten, antwortete er mit der ernüchternden Feststellung: „Wir alle sind auf dem Weg zum Friedhof.“ Dann brach er in ein schallendes Lachen aus.

Seit über zehn Jahren unterrichte ich in einer Schule und erlebe das alljährliche Kommen und Gehen der Schüler und Schülerinnen. Jedes Jahr aufs Neue heißt es loslassen der alten und willkommen heißen der neuen Schüler und Schülerinnen. Es gibt für die Lehrer immer nur dieses eine Jahr mit ihnen, kein Fertigwerden, das Ende des einen Jahres bildet den Startschuss des neuen Schuljahres. Wie gut auch immer das Schuljahr gewesen sein mag, es bleibt einfach nur ein Jahr unter vielen, es gibt nichts Weiteres zu erreichen. Im Lehrerberuf zeigt sich besonders deutlich der zyklische Ablauf des Lebens, bei dem es darum geht, in jeder Phase möglichst optimal präsent zu sein und es nicht durch Ignoranz, Stress oder Zerstreuung zu verpassen.

Werden und Vergehen finden im Leben zur selben Zeit statt. Thich Nhat Hanh sagte, Wiedergeburt fände fortlaufend in unserem Leben statt. Unser Leben setzt sich zusammen aus einer Unzahl von Augenblicken, die einander ablösen. Ein Augenblick stirbt nach seiner Entfaltung, ein neuer wird geboren, um gleich wieder zu vergehen.

Mit dieser Sicht erscheinen mir die Augenblicke meines Lebens einzigartig und kostbar und laden mich dazu ein, in möglichst jedem dieser wunderbaren Momente meine volle Präsenz zu entfalten. Eine Präsenz, die sich auf das Nährende und Heilsame ausrichtet, die vom Herzen ausgeht, die Fülle und Schönheit des Lebens wahrnimmt und fähig ist, dies auch in den schwierigen und belastenden Momenten aufrechtzuerhalten. Mir geht es um ein aus tiefstem Herzen kommendes Ja zum Leben im Hier und Jetzt, dem Leben öffne ich mich vertrauensvoll und beende das Zögern und Warten.

In dieser Haltung endet das rastlose und hektische Rennen, das Hadern und Hoffen auf eine bessere Zukunft. Ein Leben, in dem ich nicht mehr die Momente bewerte, in bedeutend oder unbedeutend einteile, sondern in jedem Augenblick mit meiner ganzen Aufmerksamkeit präsent bin. Es geht um das Dasein und nicht um das Erreichen! Im Zen heißt es: „Lebe jeden Augenblick so, als würdest du ihm zum ersten Mal begegnen.“ In der etwas dramatischeren Version lautet es: „Lebe jeden Augenblick so, als wäre es dein letzter!“

Das Mantra „Ich bin angekommen, ich bin zu Hause“ ist auch eine innere Haltung, bedeutet: im Frieden sein, sich sicher zu fühlen. Ich bin zu Hause heißt, jetzt in diesem Augenblick Frieden zu haben, der unabhängig vom jeweiligen Ort ist und der auch da sein kann, wenn wir uns in unfriedlichen Situationen befinden. Mich hat der Spruch auch deshalb so berührt, weil Thich Nhat Hanh den Krieg in Vietnam miterlebt hat. Seine Antwort auf dieses Grauen war und ist eine Botschaft des Friedens. Während des Krieges gehörte er zu denjenigen, die ein sofortiges Ende des Krieges unter dem Slogan forderten: „Frieden jetzt!“ Zugleich hat er allen Menschen, ob im Krieg oder nicht, einen Weg aufgezeigt, Frieden jetzt zu kultivieren. Dieser Weg beginnt sehr sanft und einfach mit einem Lächeln der Milde und Warmherzigkeit uns, unseren Mitmenschen und dem Verlauf unseres Lebens gegenüber.

Enden möchte ich daher mit einem Spruch, der als Kalligrafie von Thich Nhat Hanh in unserem Meditationsraum hängt und mich über die Jahrzehnte begleitete: „Peace begins with your beautiful smile.“

Werner Heidenreich, geb. 1957 in Köln, praktiziert seit dreißig Jahren Meditation und Achtsamkeit und leitet Seminare, Meditationsgruppen und Gesprächskreise zu diesen Themen. Er ist Mitglied des internationalen Laienordens „Intersein“, gegründet von dem buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh.
 
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Fotos © Werner Heidenreich
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