Leben

Schröpfen, Aderlassen, Kräutermischungen: Worauf sich die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) beruft.

Europa hat einen großen Fundus an erprobten Heilmethoden. Die Verwendung von Kräutern, Pilzen und verschiedenen Erden war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit, Krankheiten zu behandeln. Schröpfen, zur Ader lassen, Massagetechniken, das Einrichten und korrekte Versorgen von Knochenbrüchen waren den Bewohnern Europas bekannt. An prähistorischen Skeletten sieht man etwa gut verheilte Knochenbrüche oder kann Kräuterpollen analysieren, die ziemlich sicher zur Behandlung verwendet wurden. Durch moderne Untersuchungsmethoden weiß man, was Menschen gegessen haben, wie sie lebten, oft auch, woran sie starben. Sogar schriftliche Informationen aus der Zeit der Römer und Griechen, die Behandlungsweisen oder Rezepturen beschreiben, blieben erhalten.

Es erscheint logisch, dass Menschen immer gewusst haben, wie sie im Krankheitsfall vorgehen können. Tiere wissen dies ja auch. Die Römer etwa verwendeten verschiedene Erden als Tabletten, um den Körper bei der Heilung zu unterstützen. Wildtiere suchen ebenso gezielt unterschiedliche Quellen auf, um dort besondere Mineralstoffe zu trinken oder im Schlamm zu baden. Doch das umfassend traditionelle Kräuter- und Heilwissen der Europäer wurde durch die Inquisition fast ausgerottet.
Die erste Universität wurde 962 in Parma gegründet. Ende des 11. Jahrhunderts folgte die Universität in Bologna. Ab dem Mittelalter hielt die moderne Medizin Einzug, zumindest was die Behandlung von Krankheiten betraf. An Universitäten ausgebildete Buchdoktoren begannen sich um Erkrankungen zu kümmern.

Bis ins 18. Jahrhundert gab es Bader, in Österreich war der letzte Bader in Wien sogar bis 1890 tätig. Seine Aufgaben? Schröpfen, zur Ader lassen, Kräuterbäder, das Herstellen von Kräutermischungen, Haare schneiden, aber auch Rasieren. Bader waren in einer eigenen Zunft organisiert. Nach jahrelanger Ausbildung bei einem niedergelassenen Badermeister musste eine Prüfung abgelegt werden. Nach der damals üblichen Wanderschaft konnte sich ein Bader niederlassen, so es eine freie Badstube, also einen Behandlungsplatz gab. Die Anzahl der Bader war je nach Einzugsgebiet geregelt. Zumeist bot der Bader seine Dienste in einer Badstube an. Er machte auch Hausbesuche. Das Zunftzeichen war das Schröpfhorn. Die Hörner verschiedener Tiere wurden am Rand abgeschliffen und nach dem Erwärmen auf der zu behandelnden Stelle aufgebracht.
Schon zur Zeit der Römer und Griechen wurden zur Behandlung von Krankheiten Kräuter verwendet. Abgesehen von Heilfasten sollten Kräutermischungen zum Beispiel Erbrechen herbeiführen. Es war eine hilfreiche Methode, um den oberen Verdauungstrakt oder den Darm zu reinigen.
Hildegard von Bingen (1098-1179), Paracelsus (1493-1541), Johann Schroth (1798-1856), Sebastian Kneipp (1821-1897), Are Waerland (1876-1955), um nur einige zu nennen, waren Persönlichkeiten, welche den Schatz des naturheilkundlichen Wissens in ihrer Zeit vielen Menschen zugänglich machten und ihn mit ihren Schriften in die Gegenwart retteten. Die Grundlage für die heute verwendeten Arzneien sind zumeist Pflanzen, nur haben sich die Anbau- und Erntemethoden im Vergleich zu früher drastisch geändert. (Man bedenke, Penicillin, das erste Antibiotikum, wurde 1928 entdeckt und war erst nach dem Zweiten Weltkrieg für alle verfügbar!)

Das alte Heilwissen EuropasIn den letzten Jahren haben viele Menschen die Vorzüge der Traditionellen Chinesischen Medizin und des Ayurveda wiederentdeckt. In diesem Fahrwasser besinnt man sich aber auch auf das Heilwissen hiesiger Breiten. TEM ist eine Abkürzung, die zunehmend populärer wird. Sie steht für Traditionelle Europäische Medizin. In den Schriften Avicennas (980-1037) sind die Heilweisen des Morgenlandes aufgezeichnet. Ziemlich sicher gab es einen regen Austausch zu jeder Zeit, auch was Behandlungsmethoden betrifft. Die Hildegard-Medizin ist systematisch schriftlich überliefert worden. Sie beschreibt das traditionelle Heilwissen und wurde mit ziemlicher Sicherheit in weiten Teilen Europas durch Bader angewendet. Aber auch in Klöstern und Bauernhäusern kannte man die Rezepturen, schließlich waren die Menschen viel stärker als heute auf sich selbst gestellt.
Hildegard von Bingen, Namensgeberin der gleichnamigen Behandlungsmethoden, wurde 1098 in Deutschland geboren und lebte in einer Zeit großer Umbrüche. Der religiös gefärbte Ton, in dem die Schriften Hildegards abgefasst sind, entspricht dem damaligen Zeitgeist, waren es doch Kirchenfürsten, die alles, was auch nur im Entferntesten an alte Traditionen anzuschließen schien, als ketzerisch eingeordnet haben. Da Hildegard sich auf göttliche Visionen berief, war sie unantastbar.

Frauen waren zur damaligen Zeit weitgehend von Bildung ausgeschlossen und lernten nur so viel Lesen und Schreiben, als notwendig war, um Gebetstexte rezitieren zu können. Aus diesem Grund wurde Hildegard von Bingen auch ein Geistlicher als Sekretär zur Seite gestellt, um ihre Visionen niederzuschreiben. Hildegard war demnach eine starke Persönlichkeit, denn sie prangerte an und schreckte auch nicht davor zurück, in aller Öffentlichkeit, zum Beispiel auf Marktplätzen, selbst hochgestellte Persönlichkeiten auf ihren schlechten Lebenswandel hinzuweisen. Sie stand mit einigen Päpsten der damaligen Zeit in Schriftverkehr. Ebenso zählten Erzbischöfe, Äbte, Kaiser zu den Personen, die bei ihr Antworten auf Fragen in geistlichen und weltlichen Belangen suchten.

Dem Arzt Gottfried Hertzka ist es zu verdanken, dass die Hildegard-Medizin wiederentdeckt wurde. Der Mediziner war im Zweiten Weltkrieg an der Front tätig. Medikamente gab es kaum, viele seiner Patienten verstarben. In einer Bibliothek fand er eine alte Schrift über Hildegardsche Rezepturen. Aus Mangel an Alternativen begann er Kräuter zu sammeln und damit Patienten zu behandeln. Als ausgebildeter Schulmediziner war er mit der Kräuterheilkunde nur bedingt vertraut und daher überrascht, wie gut die Erfolge der Anwendungen waren.
Ein weiteres Gebiet bei Hildegard ist die Körperreinigung – das Heilfasten und diverse Ausleitverfahren, wie zum Beispiel Dinkelfastenkuren, Heilbäder, Schröpfen, Moxa und Aderlass.
Einen großen Stellenwert hat die Hildegardsche Kräuterkunde: An die 2.000 verschiedene Kräuterrezepturen werden in ihren Schriften dargelegt. Viele sind heute im Fachhandel erhältlich, wie etwa Galgant-Tabletten bei Durchblutungsstörungen und Krampfzuständen, Hirschzungenelixier zur Leberreinigung, Birnenhonigpulver zur Blutreinigung bei rheumatischen Erkrankungen und Migräne.

Immer noch bringen die Anwendungen erstaunlich gute Resultate. Etliche Rezepte müssen allerdings an die heutigen Gegebenheiten adaptiert werden, Bären, Geier und andere Tiere stehen auf der Roten Liste, daher sind Produkte, die aus ihnen hergestellt werden, aus ethischen Gründen abzulehnen.
Bei der Hildegardschen Therapieempfehlung spielt der Menschentyp der jeweiligen Person eine wesentliche Rolle. Die Typeneinteilung ist die gleiche wie bei den griechischen Heilkundigen: Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker, Phlegmatiker.

Dr. med. Petra Maria Zizenbacher, geboren 1964, ist Ärztin für Allgemeinmedizin. Sie wendet bei der Behandlung von körperlichen Beschwerden verschiedene naturheilkundliche Methoden aus der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) an und ist auch Autorin mehrerer Bücher. www.naturheilzentrum.at
 
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