Leben

Medizin-Buddha, Diagnosemethoden und eine gesunde Lebensweise: Florian Ploberger beantwortet Fragen zu dem Thema 'Tibetische Medizin'.

Woher kommt die traditionelle Tibetische Medizin?
Laut tibetischer Tradition stammen die ursprünglichen Lehren vom Medizin-Buddha ab. Wissen und Praxis der traditionellen Tibetischen Medizin wurden erstmals nach Einführung der modernen tibetischen Schrift während der Regentschaft des 33. Königs von Tibet, Songtsen Gampo (617-649 nach Christus), schriftlich niedergelegt. Damals begann ein kultureller Austausch mit den Nachbarländern, das brachte auch neues Heilwissen nach Tibet. Zudem ist Medizin eng mit der Kultur und Religion der Tibeter, dem Tibetischen Buddhismus, verbunden.

Gibt es ein Lehrbuch?
Als Basistexte der Tibetischen Medizin gelten das ‚Gyüshi‘ – ‚Vier Tantras der Medizin‘ von Yuthok Yönten Gönpo dem Älteren. Er lebte im 8. Jahrhundert. Auch das ‚Yuthok Nyingthig‘ von Yuthok Yönten Gönpo dem Jüngeren gehört zu den Basistexten, es wurde 400 Jahre später aufgeschrieben. Im 17. Jahrhundert wurden Texte des ‚Gyüshi‘ unter dem Titel ‚Der blaue Beryl‘ erstmals zu Ausbildungszwecken illustriert und vom Regenten des V. Dalai Lama, Desi Sanggye Gyatsho, kommentiert. Noch heute wird dieser Text von angehenden Medizinern während der sechsjährigen Ausbildung zu großen Teilen auswendig gelernt.

Wo wird man in Tibetischer Medizin ausgebildet?
Ursprünglich gab es zwei Wege, Tibetische Medizin zu erlernen. Einerseits innerhalb einer Familientradition: Hier wurde das Wissen von der älteren Generation auf die jüngere übertragen. Andererseits war es Aufgabe großer institutioneller Ausbildungsstellen. Die berühmteste war und ist das 1916 in Lhasa gegründete Men-Tsee-Khang, das Institut für Tibetische Medizin und Astrologie.

Wie wird Krankheit definiert?
Inhaltlich wird gelehrt, dass die Ursache jeglichen Leidens in der Unwissenheit liegt. Unwissenheit wird im Tibetischen als ‚ma rig pa‘ bezeichnet. Es gibt sie auf verschiedenen Ebenen. Unter ‚ma rig pa‘ versteht man unter anderem, dass man das Prinzip von ‚Ursache und Wirkung‘ nicht anerkennt. Handlungen, die wir mit Körper, Rede und Geist begehen, beeinflussen unser zukünftiges Wohlergehen. In der Tibetischen Medizin kennt man insgesamt 84.000 verschiedene Krankheitsbilder.


Warum ist die Tibetische Medizin außerhalb Tibets populär?
Die Bekanntheit hat in den letzten Jahrzehnten durch die zahlreichen Tätigkeiten des Dalai Lama und dessen Austausch mit westlichen Wissenschaftlern beständig zugenommen. Westliche Menschen profitieren von der Geisteshaltung und der Denkweise der Tibeter, wie auch tibetische Mediziner durch den Austausch mit uns westlichen Ärzten profitieren können.


Wie werden Diagnosen erstellt?
Die Diagnosemethoden der Tibetischen Medizin werden in drei Gruppen eingeteilt: Erstens: die Betrachtung einschließlich Zungen- und Urindiagnostik. Zweitens: die Berührung einschließlich der detaillierten Pulsdiagnose. Drittens: die ausführliche Befragung. Wichtig ist, die Resultate aus den drei Diagnosemethoden zusammenfassend zu bewerten, um daraus die entsprechenden therapeutischen Schritte zu definieren.


Worauf achten tibetische Diagnostiker?
Die tibetische Heilkunst legt großen Wert auf die Erhaltung eines gesunden und ausgeglichenen Lebens. Man geht davon aus, dass sich die fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser) in einem dynamischen Gleichgewichtszustand befinden sollten. Bereits kleinere Störungen wie eine ungesunde Ernährungsweise, falsche Lebensgewohnheiten, ungünstige Klimabedingungen oder ‚negative Einflüsse von Geistern‘ können das gesamte physiologische Wohlbefinden beeinträchtigen. Daher wird in der Tibetischen Medizin der Vorbeugung von Krankheiten größte Aufmerksamkeit gewidmet. Besonderer Wert wird auf die richtige Ernährung und eine gesundheitsfördernde Lebensweise gelegt. Wenn diese beiden Faktoren nicht zum gewünschten positiven Ergebnis führen, werden Medikamente verschrieben.


Wie wird behandelt?
Für Medizin gibt es unterschiedliche Verabreichungsarten, etwa Dekokte, Pulver, Pillen, Säfte und medizinische Butter. Im Allgemeinen beginnt der tibetische Arzt mit der Verschreibung milder Mittel und greift bei Bedarf auf immer stärkere Methoden zurück. Weitere therapeutische Maßnahmen sind diverse sogenannte ‚äußere‘ Therapien, wie beispielsweise Moxibustion, Massage, Baden in heißen Quellen und die ‚Goldene Nadel-Akupunktur‘.

tibetische medizin
Welche Wirkstoffe werden verabreicht?
Tibetische Arzneimischungen in Form von Pillen oder Pulvern enthalten meistens zahlreiche Einzelbestandteile, 50 oder gar mehr Einzelbestandteile sind keine Seltenheit. Diese verschiedenen Ingredienzien, die neben Pflanzen und Mineralien auch tierische Wirkstoffe enthalten können, haben oft stark differierende Geschmäcker, thermische Wirkungen sowie Funktionen. Tierische Inhaltsstoffe werden in der heutigen Zeit aber aus ethischen Überlegungen und aus Gründen des Artenschutzes nicht mehr verwendet. Die Tibetische Medizin ist ausgewogen und nebenwirkungsarm.


Wie werden Mischungen erstellt?
Interessanterweise werden in der Tibetischen Medizin Rezepturen kaum individuell an die Patienten angepasst. Als Begründung wird der große Respekt vor den Verfassern der alten Texte und die Ehrfurcht vor dem Medizin-Buddha angeführt. Ein Großteil der heutzutage in Tibet und im Exil praktizierenden tibetischen Ärzte verwendet in der täglichen Praxis 100 bis 150 verschiedene Mischungen. Die verschiedenen Rezepturen werden dem Patienten entsprechend zusammengestellt. In der Folge werden die Kombinationen über den Behandlungszeitraum dem Krankheitsverlauf angepasst und verändert. Die verwendeten Mischungen stammen aus diversen klassischen Texten. Es gibt jedoch in der Tibetischen Medizin ein Argument, welches es dem Arzt ermöglicht, auch Rezepturen aus überlieferten Texten der Tibetischen Medizin abzuwandeln: Sollten gewisse Bestandteile einer Rezeptur nämlich nicht erhältlich sein oder aus Gründen des Artenschutzes nicht verwendet werden dürfen, dürfen sie substituiert werden.

Beispiel für eine tibetische Denk- und Behandlungsweise:

Tinnitus weist in der Tibetischen Medizin einen starken Bezug zu rlung-Krankheitsbildern auf. Dieser Begriff wird im Deutschen oft mit ‚Wind‘ wiedergegeben. Als Ursache der rlung-Krankheitsbilder und damit des Tinnitus wird auf geistiger Ebene ein Überschuss an Begierde angesehen. Wer mit dem Erreichten nicht zufrieden ist, hat Sehnsucht nach Dingen oder Eigenschaften, die man nicht besitzt. Weitere Ursachen für rlung können zu häufige Sexualität bei Männern, Geburten oder Stillen bei Frauen, intensive Blutverluste, Schlafmangel, erschöpfende Tätigkeiten mit Körper, Rede und Geist oder Fasten sein.

Kann man die Tibetische Medizin ausprobieren?

An dieser Stelle noch einige allgemeine Empfehlungen: Um laut rgyud bzhi rlung zu behandeln, ist das äußere Einreiben des Körpers mit Sesamöl sowie die Einnahme von Samen und Ölen, Eiern, Butter, (Pferde-, Esel- und Murmeltier-)Fleisch sowie Knochensuppen anzuraten. Darüber hinaus sollte man sich unter einen schattigen Baum setzen und sich lediglich mit Menschen umgeben, die einem wohlgesonnen sind.


Dr. med. Florian Ploberger, TCM-Arzt, Tibetologe. Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen. Präsident der ÖAGTCM. Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. www.florianploberger.com


Tipp zur Vertiefung: Florian Ploberger, Wurzeltantra und Tantra der Erklärungen der Tibetischen Medizin, 2. Auflage, Bacopa Verlag 2013
Weitere Infos zu diesem Thema finden Sie hier.

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