Leben

Wie es ist, nichts zu tun, was die anderen dazu sagen und warum der eine oder andere dabei sich selbst entdeckt. Also recht lang war’s ja nicht her, dass der Egon pensioniert war. Und Freunde hatte er genug. Zum Beispiel den Willi. Das Wunder im Nichts.

Der war noch im Job, in leitender Position, hatte wenig Zeit, aber manchmal gingen sie noch auf ein Bier miteinander. Dann war da die Lilly. Auch eine gute Freundin. Gute Freundin, so nennt man eine Frau, mit der man keinen Sex hat. Mit Sex sagt man meistens Freundin zu ihr, mit ohne Sex – gute Freundin. Auch interessant, diese Regelung, aber so sprachliche Spitzfindigkeiten interessierten den Egon eigentlich weniger. Und der Willi, beim Bier, fragte den Egon dann meistens: „Na, Egon, und was machst du jetzt so in der Pension?“ „Nix“, sagte Egon. „Nix?“, Willi lachte ein bisschen unsicher. „Nix? Aber man kann doch nicht nix machen!“ „Schon“, sagte Egon. „Aber wie muss ich mir das vorstellen, wenn du nix machst? Du sitzt einfach nur so …?“ „Du musst es dir überhaupt nicht vorstellen“, sagte Egon. „Aber – irgendwas muss man doch …“ „Nein“, sagte Egon. „Man muss gar nix.“ „Also – ich könnt’ das nicht“, sagte dann Willi und zuckte mit den Schultern. Meistens trank er dann sein Bier aus und verabschiedete sich, etwas nervös, wie es Egon schien.
Lilly war da ganz anders. „Nix?“, sagte sie. „Wirklich nix? – Gar nix? Überhaupt gar nix? Du, das find’ ich super! Und … und wenn du dann lang genug nix gemacht hast, was machst du dann?“ „Nix“, sagte Egon. „Weißt was, ich glaub’, du tust mich pflanzen. In Wirklichkeit machst du eh was. Du magst es nur nicht sagen. Wahrscheinlich bereitest du wieder irgendein Riesenprojekt vor, wo wir dann alle ganz blöd schauen, aber du lasst dir halt nicht gern in die Karten schauen. Ich kenn’ dich ja. Hihi!“
Je öfter Egon solche Begegnungen hatte, desto klarer wurde es ihm: Er musste irgendwas machen. Wenn alle sagten, dass man nicht nix machen kann, was, wenn sie
am Ende recht hatten? Wenn sich am Ende eine fürchterliche Krise, ein schwarzes Loch, eine Riesendepression, ein Sturz ins Bodenlose auftat?
Gleich ums Eck war eine Yoga-Schule, vielleicht buddhistisch oder so, die Buddhisten mit ihrem Nirwana, das ist ja auch irgendwie so eine Art Nix, hört man, vielleicht war das ja was. Und tatsächlich: Als er Lilly das nächste Mal traf, war’s vorbei mit dem Nix. Als sie beim nächsten Mal wieder sagte: „Na also, was machst du denn? Na gut, ich weiß eh, nix. Also außer nix, was machst du so?“, hatte er eine Antwort. Er sagte: „Ich atme bewusst!“ „Na super!“, sagte Lilly. „Und wie macht man das, bewusst atmen?“ „Wenn ich einatme, atme ich ein“, sagte Egon. „Und wenn ich ausatme, atme ich aus.“ „Und sonst nix?“, fragte Lilly. „Sonst nix“, sagte Egon. „Wirklich nix?“, fragte Lilly. Egon holte tief Luft und Lilly erinnerte sich plötzlich, dass sie noch einen Installateurtermin hatte.
Eine schmerzliche Gewissheit machte sich bei Egon breit: Bewusst atmen reichte auch nicht. Wenigstens für die Freunde. Und für die guten Freundinnen auch nicht.

Vom Willi die Freundin – also die richtige, nicht die gute – ging in Kunstkurse. Von denen kam sie dann immer nach Hause mit riesengroßen Leinwänden mit sehr viel Farbe drauf. Manchmal waren auch Blätter oder kleine Asterln oder kleine Fetzerln oder zerbrochene Eierschalen oder sonst ein Abfall draufgepickt. Und wenn Willi und seine Freundin Gäste hatten, dann besprachen alle die Bilder von seiner Freundin. Egon weniger. Er fand, dass man Speisereste und Grünschnitt eher entsorgen sollte und nicht auf Leinwände picken. Aber andererseits, wenn dann die Arbeitskollegen vom Willi und – mehr noch – deren Frauen und Freundinnen, und auch die guten Freundinnen, sagten: „Also das, das find’ ich ja urspannend. Wie da dieses Gelb im linken oberen Eck … und dieser wahn-sinn-ige Kontrast mit diesem Indigo… und überhaupt dieser dramatische Hintergrund – das hat ja – also Wahnsinn. Wirklich – echt – pfoa.“ Vielleicht war da ja was, was sogar dann auch die Lilly und der Willi …
Egon meldete sich an beim nächsten Kunstkurs. Er kaufte sich alle Farben und alle Pinsel, die auf der Liste standen. War ganz einfach. Er gab einfach nur die Liste im Farbengeschäft ab und die packten ihm alles zusammen. Er brauchte nur noch zu zahlen. Eine ganze Menge, übrigens.
Die Lehrerin dort hieß Dozentin und war auch Kunsttherapeutin. Sie sagte, dass man die Emotionen frei fließen lassen muss, und fragte alle, was sie fühlen. Als sie Egon fragte, was er fühlt, sagte er: „Nix.“ Er wendete sich gleich ab, weil er glaubte, sie würde sagen, dass man doch nicht nix fühlen kann. Aber, Überraschung! Sie sagte: „Keine Sorge. Das geht vielen so, am Anfang. Aber ich sehe schon an deiner mutigen Farbgestaltung, dass du ein irrsinniges Gespür hast, ein Riesenpotenzial. Mach’ nur weiter so. Wirst sehen, das kommt schon noch!“
Als er die Lilly das nächste Mal traf, sagte er zu ihr, als sie ihn fragte, was er denn jetzt so mache, also, außer nix: „Weißt, ich tu’ jetzt malen.“ „Was? Wirklich? – Super!“ Lilly war begeistert. „Und was malst du? Abstrakt, figürlich, Landschaft, Porträt?“ „Na, mehr so abstrakt-figürliche Porträtlandschaften. Mit einem irrsinnigen Gespür fürs Potenzial.“ Lilly war begeistert. „Musst mir unbedingt zeigen, deine Sachen. Weißt, ich hab’ ja früher auch – na ja, aber is’ lang her, ich komm’ ja zu nix – aber ich find das sooo super, dass du jetzt endlich, also – dass du jetzt, ich merk’ ja auch sonst, wie du in Kontakt kommst mit deinen eigenen Gefühlen! Das ist toll!“
Seither ist viel Zeit vergangen. Einiges hat sich getan. Und das Beste: Heute ist die Lilly keine gute Freundin mehr. Nur mehr Freundin.

Auszug aus: Die Seherin und die Herren in Schwarz und andere Erzählungen, Wien, 2017

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