Leben

Helmut Gassner war einer der ersten Übersetzer des Dalai Lama. Glück war schon vor 30 Jahren ein Thema, sagt er. Heute lebt er als Mönch in Vorarlberg.

Sie beschäftigen sich seit 1975 mit dem tibetischen Buddhismus. Inwiefern war damals die Suche nach dem Glück ein Beweggrund für Sie, sich mit dem Buddhismus auseinanderzusetzen?

Es war nicht so offensichtlich, aber doch die eigentlich treibende Kraft. Ich habe mich immer nach einem klareren Verständnis des Daseins, der Existenz, des Lebens, des Todes gesehnt. Ich war der Meinung, dass das Leben glücklicher und sinnvoller verbracht werden kann, wenn ich diese Dinge besser verstehen würde. Damals habe ich Elektrotechnik studiert, weil ich wissen wollte, wie Radios funktionieren. Ich habe aber auch am Philosophieinstitut Vorlesungen besucht, in der Hoffnung, den Geist und die Psyche zu verstehen. Aber Psychologie gibt keinerlei Auskunft über die Fortsetzung von Existenz über dieses Leben hinaus. Auch andere Ideen, etwa dass man Emotionen wie Hass und Begierde ausleben kann, habe ich eine Zeit lang ausprobiert. Damit bin ich nicht auf viel Freude gestoßen. (lacht)

Was ist dann passiert?

Die Begegnung mit Geshe Rabten kam überraschend. Meine damalige Freundin hatte mich eingeladen, diesen Meister zu besuchen. Sie kannte ihn aus Indien. Ich war nicht auf der Suche nach Glück, sondern auf der Suche nach Antworten und Beschreibungen des Lebens. Ich war sehr überrascht, das bei ihm mit einer Präzision zu hören, die man von der Technischen Hochschule gewohnt war. Die Logik hielt in jeder Weise dem stand, was wir an der Uni als Logik verstanden hätten. Ich hatte eine Gewissheit, dass dort noch viel, viel mehr zu holen ist.

Was hat er damals gelehrt?

In dieser Zeit waren Gedanken über Wiedergeburt in Europa nicht verbreitet. Ich hatte ein paar Mal davon gehört, hatte es aber nie wirklich ernst genommen. Als Techniker nimmt man die Erklärungen, die er gab, nicht einfach so hin, sondern stellt Gegenfragen. Die hat er meist mit einem oder zwei Sätzen beantwortet. Es war tiefgründig genug, um in mir nicht gleich wieder eine Gegenfrage auszulösen, sondern mich zum Nachdenken zu bringen. Alles hat zu allem gepasst, was er bis dahin erklärt hatte. Das hat in mir eine Überzeugung ausgelöst, dass das, was er beschreibt, entweder der Wirklichkeit entspricht oder zumindest ein sehr kohärentes, klares System sein muss.

UW108 Helmut Gassner


Wollten Sie das Leben jenseits des Materiellen verstehen?

Natürlich. Während meines Studiums hatte ich eine Abendarbeit, die so gut bezahlt war, dass selbst meine Mutter, die Professorin an einer Mittelschule war, weniger als ich verdient hat. Ich hatte während des Studiums vielleicht mehr Geld als viele andere und das hat dazu geführt, dass ich gemerkt habe: Das erfüllt meine tieferen Sehnsüchte in keiner Weise.

Heutzutage gilt Buddhismus oft als die Religion des Glücks. War das damals auch schon so?

Nein. Es war etwas Neues. Ich war nie in einer esoterischen Szene oder ein Hippie. Beatles, Indien, Haschisch, Gurus: Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre konnten die Menschen nicht zwischen Hinduismus und Buddhismus unterscheiden. Sich mit Buddhismus zu beschäftigen hieß sehr schnell Hare Krishna. Es war ein ziemliches Durcheinander.

Sie sind aber schnell bei einem seriösen tibetischen Lehrer gelandet.

Ich kann bis heute nicht glauben, dass ich ohne Umwege genau zu diesem Meister gelangt bin. Geshe Rabten Rinpoche hatte im Westen sehr schnell eine Gruppe an Mönchen und Schülern um sich. Er hat 1977 ein Kloster am Genfer See gegründet.

Und über Geshe Rabten Rinpoche haben Sie den Dalai Lama kennengelernt?

Geshe war der philosophische Assistent des Dalai Lama. Dieser hatte ihn gebeten, in den Westen zu gehen. 1979 schließlich hat Geshe den Dalai Lama eingeladen. Wir machten ziemlich viel Werbung, stellten ein Zelt für 1.000 Leute auf. Aber wir haben es dann nicht vollgekriegt. Bei freiem Eintritt! Es folgten aber weitere Einladungen. Damit hat die Karriere des Dalai Lama im Westen begonnen.

Was war Ihre Rolle dabei?

Natürlich musste damals übersetzt werden. Ich hatte gerade einmal zwei Jahre Tibetisch hinter mir, war nicht in der Lage, zu übersetzen. Aber es gab keine Tibeter in der Schweiz, die bereit gewesen wären, den Dalai Lama von Tibetisch auf Deutsch zu übersetzen. Die Tibeter fühlen sich völlig unsicher, wenn Dharma-Sprache verwendet wird. Dadurch wurde Englisch zur Mittelsprache. Ich habe von Englisch auf Deutsch übersetzt, erst zwei Jahre später dann von Tibetisch auf Deutsch.

Haben sich die Inhalte und Übersetzungspraktiken von damals auf heute geändert?

Wenn man Tibetisch kann, dann weiß man, wie prägnant und eindrücklich die Formulierungen auf Tibetisch sind. Wenn man einen Meister wie Geshe Rabten Rinpoche oder den Dalai Lama hört, ist das immer sehr bewegend. Als Übersetzer war es mein tiefster Wunsch, diese Wirksamkeit auf die eigenen Auffassungen auf Deutsch irgendwie wiederzugeben, mit der gleichen Kraft, dem gleichen Impuls.

Warum?

Es waren Worte, die man bei uns noch nie gehört hatte. 1983 haben wir in Feldkirch in der Stadthalle eine Veranstaltung gemacht. Die Stadthalle war voll. Der Dalai Lama war ganz frisch und energetischer als heute. Da hat er über Glück gesprochen. Er hat zum Abschluss gesagt: „Wir suchen immer das Glück außerhalb von uns. Wir rennen überall herum und suchen unser Glück da und dort.“ Aber jetzt, aufgrund seiner Erklärungen, sollten wir verstanden haben, dass das Glück in uns zu finden ist. Und: „Das, was wir immer außen gesucht haben, müssen wir in uns machen.“

Welcher Begriff wird im Tibetischen für ‚Glück‘ verwendet? Oder hat er Englisch gesprochen?

Nein. Sein Englisch ist ja heute noch nicht allgemein leicht verständlich. Sein Tibetisch ist eindrücklich und unendlich. Es ist fast schade, wenn er nicht Tibetisch spricht. Das Wort, das er verwendet, ist ‚dewa‘ (bde ba).

Unterscheidet sich der Begriff dewa von ‚Glück‘ beziehungsweise ‚happiness‘, sprich von dem Verständnis von Glück, das wir hier im Westen haben?

Auf Deutsch hat Glück viele Schattierungen. Eine ist: „Ich habe Glück gehabt.“ Diese Schattierung hat dewa überhaupt nicht. Es ist eher: „Ich bin glücklich, ich fühle mich wohl.“ Und es ist klar als eine Empfindung beschrieben. Es gibt drei Arten von Empfindungen: angenehm, unangenehm und neutral. Unser ganzes Tun ist immer darauf ausgerichtet, die Empfindung von Wohlbehagen zu bekommen und die von Unbehagen zu vermeiden.

Was muss man tun, um dewa herzustellen?

Wir sind immer der Meinung, dass äußere Dinge dewa bewirken. Bei Partnerschaften suchen wir andere Partner. Oder wir suchen schönes Wetter, ein schönes Land, Geld, ein Auto. Diese Dinge können ein Umstand für das Erfahren von Glück sein, aber sie sind niemals die Ursache.

Können Sie das genauer erklären?

Der Unterschied zwischen Ursache und Umstand ist der: Wenn Sie einen Apfelkern in den Boden geben, dann wächst ein Apfelbaum daraus. Der Apfelkern ist die Ursache für den Apfelbaum. Das Wasser, der Boden, der Dünger, die Wärme sind die Umstände. Äußere Dinge wie Freunde können Umstände für das Auftreten von Glück sein, sind aber niemals die Ursache. Ursache ist immer etwas in uns, ein Inhalt des Geistes, der dann dazu führt, dass der Geisteszustand dewa hervortritt. Letztlich sind es karmische Eindrücke, die notwendig sind, und auch Geisteszustände. Die Geisteszustände, die die Ursache für diese Erfahrungen von Wohlbehagen darstellen, sind Zufriedenheit, Genügsamkeit, Wertschätzung anderer, Erbarmen, reine Liebe und so weiter.

Um dewa herzustellen, muss man also diese Dinge praktizieren?

Man muss sie fördern. Der Dalai Lama hat damals in Feldkirch gesagt: Unser Egoismus ist das größte Hindernis, um Glück zu erfahren. Das ist die Ursache für alles Leid. Andere lieb halten – das ist die Ursache, die zum Erfahren von Glück führt. Er wollte uns verständlich machen: Innere Faktoren wie Wertschätzung anderer, Erbarmen mit anderen und so weiter sind Dinge, die man in sich machen muss. Dort ist das Glück zu finden, dem wir immer nachgerannt sind.

Denken Sie, dass das buddhistische ‚Glück‘ im Westen richtig verstanden wird?

Das kann ich nicht beurteilen. Wenn man Buddhismus dazu benutzt, um sein Ego zu stärken, dann ist man auf der gleichen Schiene wie eh und je. Seinen Egoismus abzubauen – das ist etwas, das am Anfang wehtut.

Haben Sie Ihr Glück im Buddhismus gefunden?

Ja, sicher. (lacht)

Helmut Gassner, geboren 1954, ist studierter Elektrotechniker und seit 1977 buddhistischer Mönch unter Geshe Rabten Rinpoche.
 
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Foto © Rabten Dharma Center
Kommentare  
# Iris 2019-06-11 09:27
Spannender Weg
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