Leben

In jedem Menschen sind gute und böse Anteile vereint. Wenn es um Krieg und Frieden geht, ist alles eine Frage der Entscheidung. Ein philosophischer Überblick. Aggression aufklären.

Krieg und Frieden gibt es seit Menschengedenken, und schon immer lassen sich die Menschen in zwei Gruppen einteilen. Da gibt es die, die den Krieg wollen, die sogenannten Bellizisten, und jene, die dem Frieden anhängen, die Pazifisten also. Damit scheint alles klar. Bei näherer Betrachtung ist die Sachlage jedoch nicht simpel. Mag sein, dass Bellizisten eher Kämpfernaturen sind und unter den Pazifisten die Quote der Weicheier ein bisschen höher ist: Im Grunde aber sind auch Bellizisten verletzlich und wünschen sich Frieden, und auch Pazifisten können starke Persönlichkeiten und unbeugsame Kämpfernaturen sein. Manchmal kommt es mir sogar so vor wie in C. G. Jungs Theorie von Animus und Anima. Wir haben beide Pole in uns. Demnach sind Männer nur äußerlich männlich, innen haben sie Anima, ihre empfängliche, weibliche Seele. Bei Frauen ist es umgekehrt. Wenn diese Polarität auch für Krieg und Frieden gilt, müsste man bei Bellizisten auch inneren Frieden vermuten und bei Pazifisten Kampfeslust. Die Frage ist: Stimmt das so? Schon die Römer dachten darüber nach. Cicero soll im Jahr 43 vor unserer Zeitrechnung vor dem römischen Senat in seiner Rede gegen Antonius den zum Sprichwort gewordenen Satz „Si vis pacem para bellum („Wenn du Frieden willst, dann rüste zum Krieg“) gesagt haben. Ist das nicht die Standardrechtfertigung der Bellizisten und all der militärisch-industriellen Komplexe für ihre Waffengeschäfte und – bei Individuen – für die Lust am Drohen mit Gewalt? Ich finde dennoch, dass das Argument, auch wenn es als Ausrede für niedere Motive verwendet wird, nicht leicht von der Hand zu weisen ist. Cicero war ein Politiker. Die haben heute ja eher den Ruf, nur jene Probleme zu lösen, die wir ohne sie gar nicht hätten. Aber da gibt es auch noch den Philosophen und Mystiker Heraklit, eine weitere Größe der Antike, die unsere westliche Kultur geprägt hat. Er hat zum Beispiel gesagt: „Alles fließt.“ Oder: „Du kannst nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen.“ Das ist Mystik pur, das ist nobel. Doch Heraklit meinte auch: „Krieg ist der Vater aller Dinge.“ In solchen Aussagen wird Krieg zu einer göttlichen, schöpferischen Macht stilisiert, etwas, das ‚alle Dinge‘ erschaffen hat! Der Krieg, so Heraklit, bestimmt, wer Gott und wer Mensch, wer Freier und wer Sklave ist. Und da hätte man eigentlich denken können, dass ein Mystiker wie Heraklit doch Freund der Einheit sein müsste, aufs Innigste verschmolzen mit dem Ganzen. In meiner persönlichen Geschichte begann die Reise zum Verständnis solcher Paradoxien mit dem jugendlichen Unwillen, Grenzen zu akzeptieren. Wozu gibt es überhaupt Grenzen? Warum dürfen wir nicht überallhin, uns mit allem identifizieren? Diese Sehnsucht nach Grenzüberschreitung ließ mich ein abenteuerliches, zuweilen riskantes Leben führen. Neben dem Bekenntnis zum Pazifismus, das mich jedweden Militärdienst hatte verweigern lassen, wurde der Satz des römischen Dichters Terenz für mich zu einem Lebensmotto: „Nichts Menschliches ist mir fremd.“ Er führte mich zu der Überzeugung, dass ich immer ebenso Kämpfer wie Friedensstifter bin, ebenso böse wie gut, auch wenn ich mich sehr wohl für das eine und gegen das andere entscheiden kann. Es ist so wie in der Cherokee-Geschichte vom guten weißen und dem bösen schwarzen Wolf, die beide in jedem Menschen leben. Der alte Häuptling sagt: „Es kommt darauf an, welchen von beiden du fütterst.“ Erstaunlicherweise gilt das im Kleinen wie im Großen.

Aggression aufklären

Der gewaltfreie – ahimsa –, der in nobelster Weise dem Frieden verpflichtete Widerstand Gandhis gegen die britische Herrschaft in Indien führte 1947 zur Teilung Indiens und zum ersten Krieg zwischen Indien und Pakistan mit einer Million Toten und 20 Millionen Vertriebenen. Gut 60 Jahre später erhielt US-Präsident Obama zu Beginn seiner Amtszeit den Friedensnobelpreis und konnte doch die von Amerika ausgehenden, unterstützten oder geduldeten Kriege nicht einmal reduzieren – und erzeugte einen bellizistischen Rüpel als Nachfolger. Kriegstreiber und Friedensstifter: Beides ist also in uns. Es ist eine Frage, wofür sich jeder Einzelne entscheidet: Für den Frieden und damit die Bereitschaft, dem Vertrauen gegenüber dem Misstrauen den Vorzug zu geben? Und was ist mit den kämpferischen Anteilen in jedem von uns? Wie gut soll man sie kennen? Meine späte Einsicht in dieser Frage: Es ist gut, sie in sich nicht verkümmern zu lassen. Das Jesus-Wort von der anderen Wange, die einem Angreifer hingehalten werden soll, wenn man auf die eine geschlagen wurde, habe ich tatsächlich eine Zeit lang zu beherzigen versucht. Ich muss gestehen: mit suboptimalem Ergebnis. Frieden jedenfalls hatte das nicht zur Folge. Inzwischen meine ich, dass die Methode der Martial Arts zielführender ist: Kampfbereit sein, ohne zu kämpfen. Dabei muss sich Kampfbereitschaft allerdings Prinzipien unterwerfen, wie etwa „Diplomatie geht vor“, oder dem Grundsatz, dass Kampfbereitschaft niemals Nötigung und schon gar keine Vergewaltigung bedeuten darf. Die chinesische Kampfkunst Tai-Chi ist überaus friedlich, sie hat sich aus den ostasiatischen Martial Arts entwickelt. Ich denke, dass die ethischen Fragen im zwischenmenschlichen Mikrokosmos nicht anders sind als in der großen Politik – auch, was die Antworten betrifft. „Halte die andere Wange hin“ ist kein guter Rat für faire Beziehungen, Vergeltung genauso wenig. Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und einzuhalten, sollte der Fähigkeit, vorhandene Grenzen zu überschreiten, mindestens ebenbürtig sein. All dies bedenkend, meine ich, dass wir in der Welt eine neue Friedensbewegung brauchen, einen neuen Pazifismus. Allerdings muss es ein aufgeklärter Pazifismus sein. Zunächst einmal müssen wir uns unserer eigenen Aggression bewusst sein, unser eigene Fähigkeit und Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt kennen. Dann sollten wir imstande sein, diese Bereitschaft nicht in Wutausbrüchen oder Gewalttaten zu vergeuden, sondern sie tatkräftig für gute Ziele einzusetzen. Aufgeklärte Aggression ist Tatkraft. Ohne Tatkraft wären Mitgefühl und Liebe blass und wirkungslos. Die Buddhistin und Tiefenökologin Joanna Macy ist für mich in dieser Hinsicht ein Vorbild. Ihre Kritik am aktuellen weltbeherrschenden Wirtschaftssystem ist schonungslos. Sie fokussiert dabei aber auf die Chancen und sagte in einem Interview mit Dahr Jamail im vergangenen Februar: „Heute ist es schwer, alleine aufzuwachen. Schon das Hinsehen, was heute der Fall ist, macht Angst. Ich glaube aber, dass es keine Grenzen dessen gibt, was wir mit der Liebe und Unterstützung anderer tun können. Es gibt keine Grenze für das, was wir füreinander tun können.“ Das zapft das Herz des Bodhisattva an, der Heldenfigur des Mahayana Buddhismus, ‚der mit dem grenzenlosen Herzen‘. Er hat erkannt, dass es keine private Erlösung gibt. Egal, ob man nun eher dem Theravada oder eher dem Mahayana oder einem anderen mystischen Weg zugeneigt ist: Wer sein eigenes Leiden nicht leugnet und sich vor dem Leiden anderer nicht verschließt, wird das Überwinden von Aggression und Gewalt und die tatkräftige Hinwendung zum Frieden für wesentlich erachten – im Privaten ebenso wie in der Politik. Die Frage ist, wie wir diesen Zustand erreichen können. Ich meine, dass wir durch Akzeptanz auch der dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit dort hinkommen und nicht dadurch, dass wir uns nur auf die helle Seite schlagen. Ich denke, dass auch Mitgefühl ganz entscheidend ist. Joanna Macys Bekenntnis zum gemeinsamen Aufwachen aus allen realitätsverleugnenden Trancen weist über die Dualität zwischen dir und mir, Mensch und Natur und Diesseits und Jenseits hinaus.

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Kommentare  
# Horst 2019-04-16 10:44
Jeder sollte seine Aggressionen überwinden, damit wir endlich in einer heilen Welt leben können
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