Leben

Die Sexualbegleiterin Monika Noisternig unterstützt Menschen mit Behinderung bei der Entwicklung einer eigenen Sexualität – obwohl diese ihnen oft abgesprochen wird.

Wie kam es dazu, dass Sie Sexualbegleiterin wurden?

Eigentlich durch Zufall. Ich kenne selbst in meinem privaten Umfeld eine Person, die seit einem Selbstmordversuch mental eingeschränkt ist. Sie war damals 20, und ich erinnere mich an die Zeit, als das Thema Sexualität bei ihr ganz stark wurde. Da habe ich gemerkt, dass ein Mensch mit Behinderung einerseits ein möglichst normales Leben braucht, andererseits aber auch mehr Schutz. In diesem Spannungsfeld einen Weg zu finden, in dem sie ihre Sexualität leben konnte, ohne ausgenutzt zu werden, war gar nicht so einfach. Zu der Zeit hat es in Österreich leider noch keine Sexualbegleitung gegeben. Im Jahr 2010 habe ich im Internet zum Thema ‚Sexualbegleitung‘ recherchiert, weil ich wissen wollte, ob es so etwas inzwischen in Österreich gibt. Zufällig war das am letzten Anmeldetag für die Ausbildung zur LIBIDA-SEXUALBEGLEITUNG® – und ich dachte mir: Da muss ich mitmachen.

Was ist Sexualbegleitung genau?

Das kann ich nur für die LIBIDA-SEXUALBEGLEITUNG® sagen. Da der Berufsstand nicht geschützt ist, könnte sich theoretisch jeder ‚Sexualbegleiter‘ nennen und anbieten, was auch immer er für richtig hält. Mir ist es wichtig, mich davon abzugrenzen, da es womöglich den Bereich der Prostitution berührt, was aber nicht als Abwertung gegenüber Prostituierten verstanden werden soll. Wir LIBIDA-SexualbegleiterInnen bewegen uns aber eher im therapeutischen Bereich, was am besten meine persönliche Haltung zu dieser Arbeit beschreibt. Wir werden nicht für eine bestimmte Dienstleistung bezahlt, sondern für die Zeit, die der Kunde mit uns verbringt. Innerhalb dieser Zeit wird einfach im Dialog gestaltet, was für beide stimmig und möglich ist, von einfachen Berührungen bis hin zu erotischen Massagen. Die Grenze bilden Schleimhautkontakte, die in jedem Fall ausgeschlossen sind.

Ist der Orgasmus für Ihre Kunden ein Thema?

Für manche ist ein Orgasmus bedeutungslos, für einige Kunden ist es aber ein sehr wichtiges Thema. Spontan denke ich dabei an einige Kunden und Kundinnen, die sich häufig sehr stark sexuell stimulieren, aber keine Erfahrung darin haben, wie sie durch gezielte Stimulation einen Orgasmus herbeiführen können. Hier kann mein Auftrag darin bestehen, sie darin zu unterstützen, die jeweils geeignete Form zu finden, um einen Orgasmus zu ermöglichen.

Wo treffen Sie Ihre Kunden?

Ich besuche Kunden in öffentlichen sowie privaten Einrichtungen wie Senioren- und Pflegewohnheimen, aber auch in betreuten Wohngemeinschaften. Vereinzelt besuche ich pflegebedürftige Kunden, die bei der Familie wohnen, auch daheim. Zumeist ist es ihnen aber lieber, wenn unsere Begegnungen in Räumlichkeiten außerhalb der Familie stattfinden. Denn wenn jemand ohnehin in vielen Belangen auf Unterstützung angewiesen ist, dann wollen sie zumindest die Intimsphäre selbstständig gestalten.

Würden Sie sich ausziehen, wenn ein Kunde dies wünscht?

Wenn das in der konkreten Situation für mich stimmig ist, habe ich damit grundsätzlich kein Problem. Nacktheit ist für mich die natürlichste Sache der Welt. Ich gehe schließlich auch in die Sauna und an den FKK-Strand. Zumeist behalte ich bei der Arbeit aber wenigstens die Unterwäsche an, jedenfalls einen Slip.

Warum kommen die Menschen zu Ihnen?

Das reicht von Aufklärung, also eher sexualpädagogischen Themen, über einfaches Händehalten bis hin zur sinnlichen erotischen Massage. Ich arbeite sehr gern und viel mit Menschen mit autistischen Erkrankungen. Sie sind auf der einen Seite sehr sensibel, auf der anderen Seite sind sie in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt. Daraus resultiert häufig, dass sie gar nicht berührt werden wollen. Gleichzeitig leiden sie aber auch unter einem Berührungsdefizit. Meine Aufgabe könnte jetzt sein, ein Stück Berührbarkeit zu schaffen, indem ich zum Beispiel einfach anbiete, die Hand zu halten, so dass die Berührung für den Kunden angenehm wird. Wenn er lernt, dies als schön zu empfinden und es zu genießen, kann sich sein Körper besser entspannen.

Wonach sehnen sich Ihre Kunden vor allem?

So individuell wie die Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Bedürfnisse. Aber was ich generell sagen kann: Sie sehnen sich einfach nach menschlicher Nähe.

Ist Sexualbegleitung auch für Menschen ohne ‚Behinderung‘ möglich?

Grundsätzlich ja, aber da fühle ich mich nicht zuständig. Ganz am Anfang meiner Ausbildung hatte ich einmal ein solches Treffen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass dies für mich überhaupt nicht passt, und habe dann den Termin abgebrochen. Die Erwartungen waren einfach zu hoch. Ich arbeite eher im basalen Bereich. Es gibt zum Beispiel einen Kunden, der an Demenz erkrankt ist, und dieser will nur im Arm gehalten und geschaukelt werden, vollkommen bekleidet. Wir singen dann gemeinsam Lieder.

Wie viele Kunden haben Sie?

Das variiert, ich würde sagen, zwischen acht und 25 Personen. Ich komme eigentlich aus der Wirtschaft und arbeite nach wie vor in dem Bereich. Die Sexualbegleitung darf ja keine hauptberufliche Tätigkeit sein, was ich sehr gut finde, denn sonst hätte ich in kürzester Zeit ein Burn-out. Ich glaube auch nicht, dass ich dann eine gute Qualität aufrechterhalten könnte, denn ich muss jeden Termin vorbereiten, und danach brauche ich Zeit, um wieder ein bisschen Abstand zu gewinnen. Als Sexualbegleiterin investiert man nämlich im wahrsten Sinne Leib und Seele.

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Sind Ihre Kunden nur Männer?

Nein, auch Frauen und Paare kommen zu mir. Paare kommen oft nach Unfällen oder Schlaganfällen. Bei einer Teillähmung etwa kann die Sexualität massiv betroffen sein. Da geht es dann oft darum, mit den Paaren gemeinsam neue Türen zu öffnen, um zu zeigen, dass es nicht nur ein Defizit gibt, sondern vielleicht auch Qualitäten, die bisher nicht gelebt wurden.

Was hat diese Arbeit bei Ihnen verändert?

Früher habe ich oft mit dem Schicksal gehadert. Im Rahmen der Arbeit mit all den Einschränkungen und Behinderungen bin ich sehr demütig geworden. Ich bin heute deutlich glücklicher. Die Arbeit ist emotional durchaus bereichernd, obwohl sie, etwa bei Menschen mit autistischen Erkrankungen, auch sehr fordernd sein kann. Ich muss dann sehr fokussiert sein, denn sie verzeihen keine Unachtsamkeit. Vor allem, wenn sie nicht sprechen können, muss ich sie ganz aufmerksam beobachten, auf den Körper, seine Anspannung und die Atmung achten, um die Sprache der Person zu lernen.

Ist Ihre eigene Sexualität von Ihrer Arbeit betroffen?

Wie gesagt, wir küssen nicht und es gibt keinen Geschlechtsverkehr. Wenn wir den Körper berühren, dann ist es ein rein äußerliches Berühren. Das ist für mich auch gut so, weil ich mich damit identifizieren kann. Sonst würde es vielleicht meine eigene Sexualität betreffen, und das will ich nicht. Wenn es überhaupt zu Hautkontakten kommt, arbeite ich zu 95 Prozent mit Gummihandschuhen. Dies erzeugt sicherlich bei Ihnen ein sehr klinisches Bild, aber nachdem 90 Prozent meiner Kunden mental mehr oder weniger stark eingeschränkt sind, nehmen sie das nicht so wahr. Viele sind in ihrer sexuellen Entwicklung vergleichbar mit einem vierjährigen Kind, also weit entfernt von der genitalen Sexualität eines Erwachsenen. In diesem Reifungsprozess begleite ich sie ein Stück. Manchmal stehen auch 50-Jährige noch auf diesem kindlichen Niveau. Sie kommen dann durch die Sexualbegleitung in eine Art Pubertät. Für die Pflegeeinrichtungen ist das manchmal gar nicht so einfach, denn manche Kunden fangen dann an zu rauchen oder lassen wie Jugendliche freche Bemerkungen fallen. Erfahrungsgemäß legt sich dies aber bald wieder.

Hat Sexualität auch etwas mit Spiritualität zu tun?

Ich glaube, Sexualität ist eine innige Begegnung zweier Menschen, unabhängig davon, wie viel oder wie wenig auf der körperlichen Ebene passiert. Sie kann als schönes, ganzheitliches Erlebnis wahrgenommen werden. Die Berührung an sich wäre banal, wenn die beiden dabei nicht auch auf einer anderen Ebene in Beziehung treten. Die Entwicklung der Sexualität führt zu einer ganzheitlichen Reifung. Wie drückte es der italienische Schriftsteller Luciano De Crescenzo so schön aus: „Wir sind alle Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, müssen wir einander umarmen.“

Monika Noisternig, geboren 1961, ist LIBIDA-Sexualbegleiterin, klinische Sexologin, zertifizierte Diplomcoachin, zertifizierte Fachtrainerin und Betriebswirtin.

 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

 

Kommentare  
# Sigrid B. 2019-03-20 11:52
Wusste gar nicht, dass es so was gibt. Sehr interessant.
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