Leben

Martine Batchelor ist eine der ersten Frauen aus dem Westen, die buddhistische Nonne in Korea wurden. Heute lehrt sie rund um den Globus. Ein Gespräch über die wichtigsten Stationen ihres Lebens.

Sie sind Französin, 65 Jahre alt und seit 47 Jahren Buddhistin. Erinnern Sie sich an die Anfänge?

Klar, ich war 18 Jahre alt, als ich bei einem Freund ein Buch über Buddha las. „Bevor man andere verändern kann, sollte man sich selbst verändern.“ Das war der Satz des Buddha, der mich berührte. Ich war jung, aber ich wusste, ich will anderen helfen.

Ein Satz reichte aus?

1973 gab es nur wenige spirituelle Veranstaltungen, doch wann immer eine in meiner Nähe stattfand, ging ich mit meinen Freunden hin. Ich war immer wieder in England, doch irgendwann fasste ich den Entschluss, nach Asien zu gehen.

Wohin genau zog es Sie?

Batchelor: Ich wollte einen buddhistischen Lehrer für mich finden. Ursprünglich startete ich in Indien, doch weil ich das falsche Visum hatte, konnte ich nicht bleiben. Also reiste ich nach Thailand. Dort besuchte ich viele Tempel, aber alles war sehr reglementiert. Es sprach mich nicht an und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dort Meditation lernen würde. Durch Zufall traf ich einen koreanischen Mönch, der mir empfahl, nach Korea zu gehen. Ich wollte zwar eigentlich nach Japan, dachte mir aber: Ich lege einen Zwischenstopp in Korea ein.

Und dort fanden Sie einen Lehrer?

Batchelor: Es war die Begegnung mit einer älteren Dame, die mein Leben veränderte. Und zwar während einer wichtigen Zeremonie. Ich half in einem Tempel mit, wusch Gemüse mit ihr und sie fragte: „Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Hast du eine fixe Anstellung? Studierst du?“ Nein, antwortete ich auf jede Frage. Sie schaute mich an und sagte: „Unglaublich, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich Nonne werden.“ Da dachte ich mir: Warum eigentlich nicht?

Ging das so einfach?

Meine Situation war speziell. Ich konnte weder die Sprache, noch kannte ich die kulturellen Gepflogenheiten. Zu dieser Zeit gab es in Korea nur ein einziges Kloster, das Ausländer aufnahm. Dieser Tempel war Fremden gegenüber offen, da sein Lehrer einige Zeit in den USA gelebt hatte. Er wollte Menschen aus dem Westen die Möglichkeit geben, das Meditieren zu lernen. Um Nonne zu werden, muss man normalerweise sechs Monate mit einer Lehrerin verbringen. Ich wurde also in ein Nonnenkloster geschickt. Doch dort verstand ich rein gar nichts und wurde wieder zurück zu den Mönchen geschickt.

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Wie war es am Anfang im Kloster?

Mönche und Nonnen leben und praktizieren normalerweise nicht am selben Ort, aber sie machten eine Ausnahme für mich. Im Kloster lebten damals schon ein paar westliche Mönche, sie konnten für mich übersetzen und mir auch die Abläufe erklären. Sie haben für mich und eine weitere Frau, die ebenfalls Nonne werden wollte, sogar ein kleines Zimmer am Rand des Klosters gefunden, wo wir bleiben konnten. Sie gaben uns sogar einen kleinen, separaten Meditationsraum. Anfangs dachte ich mir, ich werde ein oder zwei Jahre bleiben, aber im Endeffekt blieb ich zehn Jahre als Nonne in Korea. Es war so ein guter Ort und mit so einer guten Praxis.

Blieben Sie durchgehend in dem einen Kloster?

Ja, mehr oder weniger. Manchmal ging ich in andere Klöster, um zu lernen. Die Nonnen dort waren immer sehr gastfreundlich und entgegenkommend, aber mit ihnen zusammenzuwohnen war für mich nie ganz einfach. Alles musste genau nach koreanischer Tradition gemacht werden. Mit der Zeit kannte ich die Gepflogenheiten und auch die Sprache, aber 24 Stunden gemeinsam mit den Nonnen zu sein blieb schwierig. Sie aßen gemeinsam, schliefen gemeinsam und rezitierten gemeinsam. Die größte Herausforderung dabei war das Essen: Reis und Kimchi dreimal am Tag war auf Dauer für mich nicht möglich. Deshalb blieb ich immer nur für ein paar Monate.

Wie waren diese zehn Jahre rückblickend?

Es war eine wunderbare Zeit. Es war nicht immer einfach, aber es war ein wunderbares Training. Die Umgebung war einmalig und ich habe viele großartige Menschen kennengelernt. Es ist schwer, so einen guten Ort zu finden. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Möglichkeit hatte. Meinen Ehemann Stephen habe ich schließlich auch dort getroffen.

Wollen Sie erzählen, wie Sie ihn kennengelernt haben?

Ja, Stephen war, bevor er nach Korea kam, tibetischer Mönch in Indien. Doch auch er wollte, so wie ich seinerzeit, die koreanische Art der Meditation erlernen. Als er kam, war ich schon sechs Jahre lang dort, konnte die Sprache und begann, weil sonst niemand da war, für ihn zu übersetzen. Unsere Liebe zueinander entstand während der Arbeit an einem gemeinsamen Buch. Wir merkten es aber erst, nachdem unser Lehrer Kusan Sunim verstorben war.

Was veränderte sich dadurch?

Er hinterließ ein großes Loch. Im Kloster veränderte sich vieles. Es war komisch, denn solange er lebte, haben wir seine Anwesenheit als selbstverständlich erachtet. Wir respektierten ihn, hörten ihm zu. Er war immer da und wir haben uns nie überlegt, wie es ohne ihn sein wird. Als er starb, war ich schon neun Jahre im Kloster und somit die längstdienende Nonne aus dem Westen. Klar war, es ist eine Übergangszeit, in der ich noch helfen wollte.

Es kam dann aber anders, oder?

Der neue Lehrer inspirierte mich nicht mehr so sehr. Ich hatte das Gefühl, dass es Zeit zu gehen ist. Rückblickend hatte ich innerhalb von nur drei Tagen beschlossen, Nonne zu werden, für die Entscheidung, aus dem Kloster auszutreten, habe ich eine Stunde gebraucht. Stephen erging es ähnlich.

Wollten Sie zurück nach Europa?

Nein, ich ging zuerst nach Taiwan, um von einer Nonne zu lernen, dann nach Hongkong, wo ich Stephen wiedertraf. Wir reisten gemeinsam, heirateten anschließend in Hongkong. Erst danach gingen wir zurück nach England und zogen in eine buddhistische Gemeinschaft. Wir hatten nicht viel Geld, die Gemeinschaft war perfekt für uns.

Wie war es als Buddhistin in England?

ch war 32, aber emotional wie eine 22-Jährige. Als Nonne hatte ich in einem streng hierarchischen Konstrukt und im Zölibat gelebt, meine Gefühlswelt war wenig entwickelt. Die Anfangszeit in England war daher sehr spannend. Es fühlte sich an, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Ich hatte viel gelernt als Nonne, jetzt ging es darum, das Gelernte auch in meinem neuen Alltag umzusetzen.

Wie?

Ich bin langsam hineingewachsen. Nach meiner Rückkehr fragten mich einige Menschen, ob ich mein Wissen weitergeben möchte. Mit der Zeit begannen sich immer mehr dafür zu interessieren. Ich lehrte und lernte selbst, so absolvierte ich einen Kurs, um Vorschulkinder betreuen zu können, einen anderen in Lebensberatung. Auch den Umgang mit Computern musste ich erst lernen.

Kannte man Anfang der 1980er-Jahre den Buddhismus im Westen überhaupt?

Viele kannten den Dalai Lama, aber wenige praktizierten Meditation, Tibetischen oder Zen-Buddhismus. Doch als der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn mit seinem Kurs zur Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) kam, veränderte sich das schlagartig. Seine Vision, den Menschen durch Achtsamkeit Gutes zu tun, sprach viele an.

Was veränderte sich dadurch?

Traditionell Lehrende blieben bei ihren traditionellen Methoden, aber andere haben die Achtsamkeit viel stärker zu integrieren begonnen. Achtsamkeit bekam mehr Aufmerksamkeit auch innerhalb des Zen und des Tibetischen Buddhismus. Zudem wurde im Bereich Achtsamkeit viel geforscht, auch ich beteilige mich jetzt gerade an einer Studie dazu.

War die Achtsamkeitsbewegung der Beginn des säkularen Buddhismus?

Ich trat in den 1980er-Jahren einer Vipassana-Gruppe bei. Es war für mich damals vollkommen neu, dass die Menschen dort sagten, sie seien keine religiösen Buddhisten. Ich konnte dies von mir nicht behaupten, denn ich war Nonne, hatte die Texte Buddhas gelernt, also bin ich Buddhistin. Ich verstand jedoch ihren Ansatz. Es gab also auch schon damals Menschen, die mehr dem traditionellen Buddhismus folgten, und welche, die eher säkular waren.

Wo sehen Sie sich als Buddhistin heute?

Ich würde mich heute in der Mitte einordnen. Meine Ausbildung ist traditionell buddhistisch, aber ich sehe mich als nicht dogmatische Buddhistin. Das Spektrum im traditionellen Buddhismus ist weit.

Wo liegt Ihr Fokus?

Ich unterrichte Achtsamkeit und Meditation in meinen Kursen und Retreats. Dabei ist der Bezug zum täglichen Leben sehr wichtig. Ich will niemanden überzeugen, sondern zeigen, wie Meditation, Ethik, Mitgefühl und Weisheit praktiziert und kultiviert werden können.

Was ist das Feedback Ihrer Schüler?

Es ist einfach, sich ein Wochenende auf ein Kissen zu setzen und zu meditieren, aber es ist ungemein schwierig, diese Erfahrung mit ins tägliche Leben zu nehmen. Jeder Mensch hat mentale und emotionale Muster, die automatisch ablaufen, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen folgen viele immer demselben Schema. Das wichtigste Ziel von Meditation ist es, solche Automatismen aufzulösen, um neue kreative Prozesse zu ermöglichen.

Was ist die größte Herausforderung dabei?

Grundlegend geht es darum, Gewohnheiten erst einmal zu erkennen, sie zu akzeptieren, statt zu versuchen, sie loszuwerden. Ein häufiger Trugschluss von Menschen, die sich auf den spirituellen Weg begeben, ist der Gedanke, dass sie Gewohnheiten aufgeben müssen oder auf Emotionen nicht mehr reagieren sollen. Doch es geht um das Bewusstwerden. Erst dann beginnt das kreative Denken.

Was ist das ultimative Ziel von Meditation?

Sie hilft, ein allgemeines, kreatives Bewusstsein zu entwickeln. Sie macht Automatismen bewusst, gibt die Möglichkeit, Veränderungen wahrzunehmen. Das ist die Schönheit der Lehre Buddhas. Mit der Zeit entwickeln sich daraus Ruhe und Klarheit.

Martine Batchelor wurde 1953 in Frankreich geboren, wo sie auch heute mit ihrem Mann lebt, wenn sie nicht als Lehrerin rund um den Globus unterwegs ist. Sie veranstaltet Retreats, ist als Übersetzerin tätig und schreibt Bücher.
www.martinebatchelor.org
 
Tipp zur Vertiefung:
Martine Batchelor, Loslassen, was uns festhält: Mit Achtsamkeit aus alten Mustern ausbrechen, Knaur MensSana TB 2016

 

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