Leben

Musik, Begegnungen, Berührungen – ein Tanz der Gefühle.

Kürzlich war ich auf dem Heartbeatfestival. Seit ein paar Jahren gibt es dieses schöne Sommerfestival, diesmal fand es auf dem fränkischen Schloss Buchenau statt. Ein alkoholfreies Fest, auf dem ein- bis zweihundert tanzbegeisterte Menschen für vier Tage zusammenkommen, um sich selbst und einander kennenzulernen und zu feiern. Durch die gute Inszenierung des Events, den passenden Ort und die vielen anderen begeisterten Menschen entsteht ein Feld, aus dem sich die meisten Teilnehmer am letzten Tag kaum mehr herauslösen wollen – der Abschied fällt schwer. Auch ohne Alkohol oder andere psychotrope Substanzen sind viele der Begegnungen auf dem Fest ekstatisch. Vor allem die mit den Menschen, auf die man sich einlässt, sei es durch Blicke und Berührungen oder weil einfach grad die Sonne so schön scheint und die Musik so abgefahren ist. Es kann aber auch die Berührung mit einem Musikstück der Auslöser sein, mit einer Methode, einem Gedicht, dem Ort.

Vergängliche Ekstasen
Aber alles das geht vorüber. Die schönen Begegnungen enden, man kann sie nicht festhalten. Aus manchen entstehen Freundschaften, auch lebenslange Beziehungen haben auf solchen Festen schon ihren Anfang genommen. Meist aber ist die Ekstase nur kurz. Nach jedem Höhenflug kommt eine Landung, und die ist nicht immer sanft. Wer mal ein Fluggerät gesteuert hat, weiß, dass die Landung dabei die eigentliche hohe Kunst ist, nicht das Abheben.
Bei einigen geschieht es auch schon inmitten eines solchen Festes, dass die Rückkehr zu sich selbst schwerfällt oder nicht gelingt. Ein Tanz zu zweit oder sonst eine intime Begegnung geistiger, emotionaler oder körperlicher Art in der Pause, beim Essen, beim Sprechen und Zuhören lässt den Wunsch nach Fortsetzung oder Wiederholung entstehen, der Partner aber tanzt danach, wie es ja auch bei vielen traditionellen Volkstänzen der Fall ist, weiter zu anderen. Die Trennung schmerzt. Es folgt die Flucht in die Einsamkeit, mit Vorwürfen meist eher an sich selbst als an andere. Manchmal ein innerer Schwur, sich nie wieder so tief einzulassen.

Nie wieder tu ich mir das an!
Müssen denn die Schwierigkeiten bei der Rückkehr nach dem Einsinken in sich selbst, in den Raum der Liebe, die Stille, Freiheit, Leere, Todlosigkeit, ins Unvergängliche zur Folge haben, auf solche Höhenflüge besser zu verzichten? Sollten wir auf das Verschmelzen mit einem anderen Menschen – und dem Feld der hier Tanzenden – verzichten, wenn es ‚nichts Ernstes‘ und auf Dauer Angelegtes ist, um solche Schmerzen zu vermeiden?
Solche Fluchten und solcher Verzicht haben großartige Vorbilder. So verließ der Buddha seine Frau und seine Familie, um – heimlich im Dunkel der Nacht – aus einem Nest der Fülle, Liebe, Geborgenheit zu fliehen, in dem sein Leben Sinn hatte und seine Person Bedeutung, und er setzte sich dem Gegenteil von alledem aus: Mangel, Einsamkeit, Nichtwissen, dem Gähnen der existenziellen Leere. Nach Jahren der Entbehrung fand er schließlich den ‚Weg der Mitte‘ und erklärte die Entbehrung für unnötig. Warum kehrte er dann nicht zu seiner Familie zurück? Wenn man seine Bindungen an Schüler, wie etwa Ananda, nicht ‚persönlich‘ nennen will, ließ er sich danach nie wieder auf eine persönliche Bindung ein.

Die personale Obsession
Nachdem die Vipassana-Meditation mich in eine wochenlang andauernde Ekstase versetzt hatte, war ich als 23-Jähriger in ein buddhistisches Kloster eingetreten, denn ich wollte nur noch DAS. Aus eher politischen Gründen verließ ich das Kloster nach einem halben Jahr wieder und liebe heute nicht mehr nur formlos und transpersonal – also die im christlichen Kulturraum oft sogenannte Agape –, sondern auch persönlich (Eros, Philia). Mein Streben nach Ungebundenheit hat mit dem nach Bindung eine Balance gefunden – ich binde mich nun wieder gerne. Vor allem an Menschen – etwas weniger gerne an Strukturen. Und leide, wenn die Bindung endet. Was das Leben an Schönheit und Genuss bietet, darauf will ich nicht verzichten, solange andere dabei mitgenießen und nicht – vermeidbar – leiden. Den unvermeidlichen Schmerz der Trennung und des Abschieds versuche ich zu lindern, indem ich mir das Einlassen bewusstmache. Da nistet sich etwas ein, da will etwas bleiben – aha, so ist das! Die Gedanken und Gefühle kehren an einen Ort, zu einem Klang oder Geschmack, einem Gefühl und insbesondere zu einer Person zurück, denn wenn die Begegnung gut war, will ‚ich‘ dort bleiben.
Ich nenne das die ‚personale Obsession‘. Sie ist die Grundlage unserer menschlichen Bindungen. Anhaftungen? Ja, das sind Anhaftungen, so nennen Buddhisten das. Sie können Hindernisse sein: Fesseln, Gefängnisse, Süchte. Sie können aber auch willkommen sein. Alle Beziehungen, Familien, Freundschaften – auch jede Lehrer-Schüler-Beziehung und jede Sangha (Gemeinschaft von buddhistischen Praktizierenden) – sind soziale Strukturen, an denen wir haften. Sie können stützen oder gefangen halten. Und sie beruhen auf Fiktionen: auf Bildern, die wir uns von uns selbst und der jeweiligen Behausung machen.

Loslösung
Keine Begegnung zwischen zwei Personen ist vollkommen symmetrisch. Immer will einer mehr bleiben als der andere. Das kann sich von Minute zu Minute ändern und es kann sich zwischen A und B umkehren. Mal ist der Unterschied zwischen dem, was du willst, und dem, was ich will, groß, mal ist er gering. Fast immer schmerzen die Unterschiede. Der zögerlichere Teil kann der Loslösung vom mehr Wegstrebenden jedoch zusehen wie einem Sonnenuntergang am Meer, kann den eigenen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen zusehen, wie sie vergehen. Tut es weh? Dann habe ich noch nicht genau genug hingesehen. Wird die Sonne wieder aufgehen? Ich weiß es nicht. Vielleicht geht sie an einem anderen Ort auf und nicht da, wo sie unterging.
Jeder Gedanke, jedes Gefühl kommt und verlässt mich auch wieder. Wenn auch meine Füße sich dabei bewegen, weiß ich bei genauer Beobachtung, an welcher Stelle des körperlichen Weges ein Gedanke kam und an welcher Stelle er wieder verschwand. Seltsam – nun ist er verschwunden und ich weiß doch noch, dass er da war! Ebenso die Gefühle. Sie hinterlassen Spuren, nichts verschwindet völlig, aber der Schmerz ist nicht mehr da. Je größer die Achtsamkeit beim Einlassen, desto geringer die Schmerzen der Loslösung.

Das Transpersonale
Der klösterliche Weg verzichtet, um Anhaftungen zu meiden. In meinem Leben folgte dem klösterlichen Weg ein tantrischer: Anhaftungen und Bindungen ausprobieren, mich einlassen, mich hingeben an Menschen und Projekte. Personale Obsessionen? Ja, viele. Jede persönliche Bindung ist eine Obsession. Das Transpersonale darf dabei durchscheinen – je mehr, desto besser. Noch immer bin ich ein Übender, das bleibt. Den Laienweg und den Mönchsweg empfinde ich heute als in gleicher Weise chancenreich. Die Bevorzugung der Bindungs- und Heimatlosigkeit, die am Anfang meines Weges stand, hat sich verflüchtigt.
Was ist ein ‚Retreat‘? Kann ich innerhalb einer Liebesbeziehung ‚ins Retreat gehen‘, in mich selbst hinein, in die Stille? Kann ich das auf einem Fest wie dem Heartbeat? Ich versuche es. Ich will aus der Stille nicht fliehen, sie ist so kostbar, und aus den Beziehungen auch nicht, sondern übe weiterhin innerhalb einer Beziehung, in mir zu ruhen.

Das Rituelle
Fürs nächste Heartbeatfestival habe ich mir als einer der dortigen Anbieter eine Struktur ausgedacht, wie wir uns einlassen können auf einen anderen Menschen, die Ekstase, den Höhenflug, den Rausch und doch danach leicht, geläutert und seelisch unversehrt wieder auftauchen. Der Trick ist dabei das Rituelle. Sprache, Gesten, Zeremonien, die identitätsverändernd wirken, nennen wir rituell. Der Freispruch eines Richters, das Ja-Wort bei der Eheschließung und jede Ernennung sind rituelle Sprachverwendungen, sie verändern die Identität der Angesprochenen. So kann man das auch beim Sich-Einlassen und Verabschieden machen.
Bewusst sich einlassen, bewusst sich verabschieden und dabei wissen, was man will. Bewusstsein, Sati, Achtsamkeit, verflixt noch mal, bleibt einem auch hier, beim Anwenden von Zauberworten, nicht erspart. „Wir sind jetzt zusammen“ – aha, so ist das jetzt. „Wir gehen jetzt auseinander“ – aha, so ist das jetzt. Nun bin ich ein anderer.

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