Leben

Wir sind ständig auf der Suche nach Glück und nach Wegen, uns von unserem Leiden zu befreienl. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, meinte der Philosoph Theodor W. Adorno.

Ist das auch die buddhistische Botschaft? Wir leben in einer Welt der Abhängigkeiten, des Leidens und Erleidens der Umstände und rennen hier nur im Kreis – Samsāra genannt. Es ist ein Leben in Verblendung. Die Erleuchtung zu erlangen – Nirvāna – ist ein Fernziel, das nur wenige erreicht zu haben scheinen. So verbleibt offenbar nur das kleine Ziel, durch Meditation und Achtsamkeitsübungen ein wenig Glück zu erhaschen inmitten der Ungewissheit des eigenen Lebens. Was heißt überhaupt ‚Erleuchtung‘ im buddhistischen Verständnis – anders als die bloße Betonung der Vernunft im ‚Age of Enlightenment‘, dem Zeitalter der Vernunft?
Offenbar gibt es Erleuchtungserfahrungen, in der Meditation, auch im Alltag. Im Zen der Rinzai-Schule wird aus dieser Erfahrung, dem ‚Satori‘, ein großer Kult gemacht. Nicht selten weckt diese Vorstellung einerseits ein Mangelgefühl („ich hatte noch kein Satori“), andererseits eine unbestimmte Begierde, nun endlich auch ‚erleuchtet‘ werden zu wollen. Es ist hier hilfreich, auf die Nüchternheit des großen Mahāyāna-Meisters Nāgārjuna zurückzugreifen. Ich möchte eine Aussage von ihm zitieren und so zu erläutern versuchen, dass wir uns im Alltag darin wiederfinden können. Bei Nāgārjuna heißt es: „Es gibt nichts, was den Samsāra vom Nirvāna und das Nirvāna vom Samsāra unterscheidet. Die Grenze des Nirvāna ist zugleich die Grenze des Samsāra. Zwischen diesen beiden wird auch nicht der feinste Unterschied gefunden.“ Das ist merkwürdig. Lehrt nicht der Buddhismus, dass das alltägliche Leben eben Leiden ist, Verblendung, also Samsāra? Und lehrt er nicht weiter, dass es gilt, dieses Leiden zu beenden, um Nirvāna, Leidfreiheit, zu erreichen? Diese Frage hat vielen viel Kopfzerbrechen bereitet. Doch ich denke, es gibt hier eine klar verstehbare Antwort. Sie befreit uns hoffentlich auch von der Vorstellung, nicht nur im alltäglichen Leben, sondern nun ausgerechnet auch noch spirituell in Stress zu geraten: „Ich muss meditieren, um etwas zu erreichen – nämlich Satori oder Erleuchtung.“ Wir müssen uns nicht das Haupthaar scheren, gelbe Gewänder tragen und in ein Kloster eintreten. Nāgārjuna meinte auch: „Die Erleuchtung ist weder nah noch fern; sie kommt nicht und geht nicht. Es kommt auf den rechten Blick an, mitten in unserer Verwirrung.“ Sehen wir also genauer hin.
Ich verwende zur Erklärung nachfolgend eine Metapher von Aryadeva, einem Schüler von Nāgārjuna: „Mit Blick auf ein Seil wird eine Schlange wahrgenommen. Sieht man das Seil als Seil, so bleibt diese Schlangenidee ohne Objekt.“ Wenn wir des Nachts einen Weg entlanggehen, sehen wir im Mondlicht vielleicht eine Schlange und erschrecken uns fast zu Tode. Zweifelnd blicken wir nochmals genauer hin und bemerken: Es ist nur ein altes Seil. Wir haben uns getäuscht, die Furcht war völlig unbegründet. Diese Furcht steht für die Alltagserfahrung, für Samsāra. Die Erkenntnis, „es ist nur ein Seil“, ist eine Befreiung: Nirvāna. Doch offensichtlich sind Schlange und Seil gar nicht verschieden. Es ist nur unser Denken, das sie verschieden macht.
Unser Leben bewegt sich fast ausschließlich in einer ‚Schlangenwelt‘. Unaufhörlich machen wir Erfahrungen, deuten sie aber oft als bedrohlich. Wer oder was bedroht uns hier? Und wen eigentlich? Es gibt die grundlegende Furcht vor Armut, Krankheit, schließlich Tod. Auch ohne all dies aktuell zu erleiden, leben wir schon in der Furcht davor. Die Medien sind voll von neuen Krankheiten, Krisen, Kriegen und allerlei Ungemach. Über Geld wird ohnehin unaufhörlich geredet; nie hat man genug davon. Und es ist tatsächlich todsicher, dass wir sterblich sind – was nicht heißt, dass wir zuvor nicht angstfrei leben dürften. Wir leben in einer Schlangenwelt und hantieren doch nur mit Seilen. Gibt es keine Möglichkeit, die Erleuchtung, also das Wissen um die illusionäre Natur der ‚Schlangenwelt‘, der Ängste und Begierden, in unser alltägliches Leben zu bringen?
Hier müssen wir uns vergegenwärtigen, wie die ‚Schlangentäuschung‘ tatsächlich funktioniert. Das Seil, die Erleuchtung, ist nicht etwas neben oder hinter der Schlange. Man kann, solange man an Schlangen glaubt, auch nie das Seil inmitten der Welt der Schlangen entdecken. Nirvāna ist kein Teil von Samsāra. Dennoch waren wir in Wirklichkeit nie davon getrennt. Erleuchtung kann man nicht ‚haben‘ oder ‚erlangen‘ – wie man Erlebnisse ‚hat‘. Sie zeigt sich im Verschwinden der Täuschung.
Nun mag das in der Metapher einleuchtend klingen. Aber wir sind doch umgeben von ganz realen Dingen und Gefahren, von sehr lebendigen Menschen und harten Tatsachen. Was soll in dieser Wirklichkeit der Erleuchtung, dem Seil unserer Metapher entsprechen? Wie stets liegt die Antwort bei dem, der die Frage stellt: Wer erlebt eigentlich diese Welt? Und wie genau machen Frau und Mann das? Das ‚Wer‘ in dieser Frage ist ein Ich. Dieses Ich ist die dunkle Quelle, die aus einem Seil unaufhörlich Schlangen macht: Durch Abgrenzung, durch Trennung, durch das Ich- und Mein-Sagen im inneren Dialog: „Ich fürchte, meinen Job zu verlieren.“ – „Ich habe von dieser neuen Krankheit gehört und fürchte, sie zu bekommen.“ – „Mein Haus ist nicht abbezahlt; wehe, wenn die Zinsen wieder steigen.“ Vielleicht auch nur: „Meine Frau kommt immer später von der Arbeit, seit der neue, junge Kollege in ihrem Büro ist.“
Das Ich- und Mein-Sagen purzelt bunt übereinander und verdunkelt alle unsere Erfahrungen. Jeder kann einmal krank werden. Doch wir haben durch Ängste bereits Tausende Krankheiten durchlebt, ehe uns eine wirklich erwischt. So funktioniert der Ich-Prozess. Wird man dann tatsächlich krank, dann vervielfacht man das Erlittene durch all die eingeübten Ängste, die zuvor schon im Kopf spukten. Wir machen das Leiden und Erleiden im Alltag selbst. Samsāra ist ein Produkt des Denkens. Das Ich sieht gleichsam nur Schlangen. Wenn wir uns einmal selber vergessen, tritt eine große Erleichterung ein. ‚Entspannung‘ heißt vor allem: Loslassen des Ich-Bezugs. Wir sind nur wirklich glücklich, wenn wir uns selbst vergessen. Im Glück einer Umarmung hören wir auf, uns abzugrenzen.
Nun wird man – völlig zu Recht – einwenden, dass die genannten Beispiele typische ‚Luxusfragen‘ sind. Wer in einer elenden Gegend aufwächst, wer sich inmitten einer Katastrophe wiederfindet, der kann sie doch nicht einfach ‚wegdenken‘? Zweifellos. Wir erkennen hier aber nur eine weitere Illusion, die man bezüglich des Nirvāna hegen kann: Nirvāna ist nicht einfach Glück. Wenn Illusionen platzen, dann offenbart sich nur mit der Vergänglichkeit deren Leerheit. Die Welt ist leer, vergänglich und wird deshalb immer wieder als Leid erfahren. Die Illusion besteht darin, dass wir fast alles als beständig ansehen – wie etwa Gesundheit, Beruf, Wohnung. Doch alles ist vergänglich. Nichts bleibt. Die Schlange muss sich unaufhörlich verwandeln in neue Schlangen. Erst wenn wir begreifen, dass die Natur der Schlange illusionär ist, wenn wir noch weiter verstehen, dass auch das Seil nicht festgehalten werden kann, dann erfassen wir die ganze Bedeutung des Wortes ‚Illusion‘. Sobald das Ich aufhört, alle Erfahrungen in der Vorstellung der Dauer, der Fassbarkeit, des Festhaltens zu interpretieren, wird die Leerheit aller Phänomene erkennbar. In der Vergänglichkeit zeigt sich das Nirvāna als Leerheit, was keineswegs immer ‚Glück‘ bedeutet. Wir brauchen nur ohne Vorurteil auf das zu blicken, was wir alltäglich erleben. Bleibend ist nur der Wandel. Das ist todsicher.
Aber klingt das nicht fürchterlich traurig? Ist also der Buddhismus nur eine Religion des Jammerns und Klagens? Verzweiflung und Klagen sind aber nur das andere Extrem der Illusion, alles lasse sich in Glück verwandeln. Blicken wir genauer hin, so entdecken wir nämlich jenseits der Ich-Illusion noch etwas ganz anderes: etwas sehr Schönes, Wertvolles und Liebenswertes. Wenn wir nicht 7,2 Milliarden Egos auf diesem Planeten sind, untereinander getrennt und getrennt von der umgebenden Natur, was sind wir dann? Wir sind nicht vereinzelt, sondern gegenseitig und von der Natur abhängig. Das Ich muss sich sein illusionäres Territorium immer wieder neu aufbauen.
Es will in ein ‚Mein‘ verwandeln, was es nicht hat, und entfaltet dazu eine endlose Begierde. Andere tun das auch, weshalb diese Begierden kollidieren und so Hass hervorbringen. Die Ich-Illusion verwandelt auf diese Weise eine durch Seile verknüpfte Welt in eine Welt der Schlangen.
Sind aber nicht Zorn und Aggression oder Gier ganz natürliche, individuelle Eigenschaften? Sie werden vielleicht durch einen äußeren Anstoß hervorgebracht, erhalten ihre Kraft aber nur durch das Denken. Eine Biochemikerin gab mir einmal einen wunderbaren Rat: Der Zorn ist die Ausschüttung einer chemischen Substanz im Körper, die aber nur 90 Sekunden erhalten bleibt. Wenn man nicht auf den Zorn reagiert, klingt er ganz von selber ab. Ein daran geknüpfter negativer Gedanke führt aber zu einer neuen Ausschüttung und schon setzt der Kreislauf der Wut (analog: der Begierde) ein – Samsāra. Es ist also tatsächlich die Einübung, die Gewöhnung an ein unaufhörlich praktiziertes Ich-Denken, das Verblendung, Gier und Hass – die drei ‚Geistesgifte‘ – hervorbringt.
Glücklicherweise erlahmt die Ich-Zentrierung auch immer wieder einmal. Ganz spontan bemerken wir oft ein tiefes Mitgefühl mit anderen, mit leidenden Tieren, auch mit völlig fremden Menschen. Im Mitgefühl blitzt also etwas ganz anderes auf, durch das Denken hindurch. Auch bei einer ruhigen, achtsamen Betrachtung einer Situation kehrt Stille ein, verstummt das Ich-Geplapper im Inneren. Die Achtsamkeit besitzt hierbei eine soziale Dimension. Martin Heidegger verwendet in Erinnerung an die Herkunft des Wortes die schöne Formulierung ‚In-die-Acht-nehmen‘, das heißt sowohl Achten wie Behüten. Indem wir auf etwas achten, achten wir es auch – Menschen und Dinge. Die Achtsamkeit ist also eigentlich eine andere Form des Mitgefühls.
In der Achtsamkeit, im Mitgefühl leuchtet immer wieder in unseren Alltag, der vom Ich-Wahn verdunkelt wird, etwas ganz anderes, ein Offenes. Es ist keine jenseitige Substanz, denn alles, was wir erfahren, ist uns ja bewusst und ist somit schon in unsere Achtsamkeit eingetreten. In der Achtsamkeit und im Mitgefühl offenbart sich als Samsāra damit unaufhörlich das Nirvāna, die Erleuchtung. Durch Achtsamkeit und Mitgefühl zeigt sich als Verblendung – als verunreinigtes Denken – unser eigentliches Wesen, unsere ursprüngliche Erleuchtung. Es gibt also durchaus ein erleuchtetes Leben, mitten in Samsāra und nur inmitten von Samsāra. Denn Samsāra ist nur das falsch aufgefasste Nirvāna, das als Schlange erfasste Seil, die Verdunkelung von Achtsamkeit und Mitgefühl.
Hilft diese Erkenntnis auch im Alltag? Ein ‚erleuchtetes Leben‘ ist ein Leben, das mit der Achtsamkeit auf alle Menschen und Dinge zugleich das Mitgefühl mehr und mehr von den Verdunkelungen des Ego-Prozesses durch Übung befreit. Darin liegt zugleich ein ganz anderes Glück als das, was sich ein erlebnishungriges Ich darunter vorstellt. Solch ein erlebnishungriges Ich sucht unaufhörlich Anderes, Neues, Besseres – um dann doch immer wieder festzustellen, dass das Erreichte rasch einen schalen Geschmack bekommt und zur erneuten rastlosen Suche antreibt. Diesen Unfug loszulassen ist wirkliches Glück. Der Zen-Meister Dogen sagte: „Oft versuchen die Menschen, ihre Umstände zu ändern, obwohl dies natürlich nicht möglich ist. Gib solche nutzlosen Tätigkeiten auf und entwickle ein klares Verständnis für den Weg.“ Das klare Verständnis ist nicht ein Erlebnis, ein ‚Satori‘, sondern das Loslassen des ichzentrierten Blicks auf dem Weg durch die Umstände des Alltags. Diese Erleuchtung kann durch die Übung und Weckung von Mitgefühl immer tiefer werden, kommt aber in diesem Leben nie an ein Ende. Immer wieder züngeln illusionäre Schlangen im Netz gegenseitiger Abhängigkeit. Doch im Licht von Achtsamkeit und Mitgefühl verschwinden sie auch wieder, lösen sich auf wie Nebel in der Morgensonne.

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