Leben

Weniger Autofahren, mehr Gehen. Der Arzt und Stammzellenforscher Gerd Kempermann zum Einfluss von Bewegung auf unsere Gesundheit.

Inwiefern hängen Bewegung und Geist zusammen?

Der Begriff Geist ist sehr weit gefasst. Da muss man sich überlegen, was versteht man unter Geist – Verstand oder Gehirnfunktion? Ich verstehe es als kognitive Funktion. Bewegung und Geist hängen folgendermaßen zusammen: Das Gehirn ist ein Organ, das Bewegung braucht und steuert. Die Rückmeldung von Bewegung an das Gehirn ist sehr stark. Jede Lageänderung unseres Körpers wird dem Gehirn zurückgemeldet. Wir sind darauf angewiesen, dass das Gehirn diese Rückmeldung auch bekommt.

 

Was für einen Einfluss hat Bewegung auf unseren Geist?

Ich betrachte den Geist weiterhin als geistige Leistungsfähigkeit beziehungsweise als die kognitive Leistungsfähigkeit. Es gibt Hinweise, dass Menschen, die körperlich aktiver sind, zum Beispiel eine bessere Merkfähigkeit haben. Körperliche Aktivitäten zeigen in allen möglichen Bereichen, die mittelbar mit dem Gehirn zu tun haben, positive Auswirkungen, wie zum Beispiel auf den Schlaf sowie das Schlafverhalten, das Schlafbedürfnis und auf den Stoffwechsel. Alle diese Auswirkungen haben wiederum eine positive Rückwirkung auf das Gehirn – es ist also ein Wechselspiel.

 

Wird der Geist bei regelmäßiger Bewegung gesünder?

Ja, es gibt ganz viele wissenschaftliche Hinweise, dass Bewegung gut für unser Gehirn ist. Bewegung wirkt sich auf die geistige Leistungsfähigkeit positiv aus. Das ist gut erforscht und die Literatur ist sehr umfangreich auf diesem Gebiet. Nun zur Frage der Regelmäßigkeit, dies ist schon etwas komplizierter zu beantworten. Exakte Daten zur Dosis und zur Wirkung gibt es nicht. Man vergleicht in der Regel retroperspektiv. Wie viel haben sich die Leute in ihrem Leben bewegt? Wie ist ihr Gesundheitszustand im Alter? Dadurch entstehen die bekannten Empfehlungen, wie zum Beispiel, man sollte sich jeden Tag 30 Minuten bewegen oder drei Mal die Woche 30 Minuten Sport machen. Dies sind Empfehlungen, das sind keine in Stein gemeißelten Zahlen. Es kommt jedoch ganz klar auf die Regelmäßigkeit an.

 

Stimmt in diesem Zusammenhang der Spruch „Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“?

Stimmt, der Ursprung dieses Spruches stammt von dem römischen Dichter Juvenal und war als ein Gebet gemeint: „Ein gesunder Geist möge in einem gesunden Körper wohnen.“ Medizinisch gesehen ist es ziemlich eindeutig, dass es einen starken Zusammenhang gibt, da beide in einer wechselseitigen Beziehung stehen.

 

Welche Bewegungsart hat den größten positiven Einfluss auf den Geist?

Das kann man leider nicht so genau sagen. Die kardiovaskuläre Fitness, also Ausdauersportarten, spielt eine große Rolle. Wenn es zu ruhig ist, dann scheint es nicht zu wirken. Es gibt dazu viele Studien über das Fahrradfahren. Mit stationären Fahrrädern lässt sich alles leichter messen. Die Wirkung des Laufens ist auch relativ gut erforscht und es wurden viele Studien dazu publiziert. Laufen ist die natürlichste Bewegungsform des Menschen. Unser Körper ist evolutionär auf das Laufen ausgerichtet. Wie aber bereits gesagt: Es kommt auf die Regelmäßigkeit an.

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Es gibt also keinen Unterschied, welche Form von Bewegung gemacht wird, es kommt nur auf die Regelmäßigkeit an?

Ja, genau. Viele hektische Bewegungen, wie etwa dauernde Starts und Stopps, sind wahrscheinlich nicht ganz so vorteilhaft, aber auch da kommt es zur kardiovaskulären Anregung, die gut für einen ist.

 

Bringt der Flow-Zustand zusätzliche Vorteile?

Der Flow-Zustand ist eine Hirnleistung. Dies hat sicherlich einen Einfluss auf das Wohlbefinden. Ob der Flow-Zustand jedoch langfristig gesehen einen Einfluss hat, das ist sehr schwer zu untersuchen. Es gibt fast keine guten Forschungen zum sogenannten ‚Runner’s High‘. Zwar kann es für die Motivation des Betreffenden sehr entscheidend sein, aber ob dieser Zustand selbst dazu führt, dass man langfristig gesünder ist, kann ich nicht sagen.

 

Welche Prozesse laufen bei Bewegung im Körper und im Geist ab? Sind diese Prozesse anders als bei einer ruhenden Person?

Ja klar, je mehr ich mich bewege, desto stärker ist die Rückmeldung an das Gehirn. Wenn ich mich bewege, passiert einiges im Körper und das Gehirn erfährt davon. Der Kreislauf sowie der Stoffwechsel werden angeregt. Das Gehirn muss darüber informiert werden, was die Muskeln machen, welche Spannung die einzelnen Muskeln haben, damit es die Bewegung koordinieren kann. Es ist eine massive Interaktion und ein wahrer Sturm gegenüber der ruhenden Situation. Andererseits hat auch ein ruhender Mensch ein sehr aktives Gehirn, wie zum Beispiel beim Schlafen, da ist das Gehirn ebenfalls sehr aktiv. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen der Gehirnaktivität bei einem ruhenden Körper und bei einem aktiven Körper, doch in beiden Situationen ist das Gehirn aktiv.

 

Sind Denken und Motorik miteinander verknüpft?

Denken und Motorik sind in beiden Richtungen eng miteinander verknüpft. Viele Menschen können zum Beispiel besser lernen, wenn sie gehen. Auch die Feinmotorik sollte man nicht außer Acht lassen, etwa wenn man sich durch das Aufschreiben von Dingen Sachen besser merkt. Es gibt Forschungen mit Komapatienten, wo herauskam, dass ihnen passive Bewegung auch was nützt, nicht nur rein motorisch. Wir haben es hier mit einem Gebiet zu tun, auf dem es noch viel zu erforschen gilt.

 

Wird die Merkfähigkeit gesteigert, wenn Kinder sich nach dem Lernen bewegen?

Es geht immer mehr in die Richtung, dass man in der Schule versucht, mehr Bewegung hineinzubringen. Dabei ist das nicht unumstritten und es ist auch nicht in jeder Variante belegt. Grundsätzlich ist mehr Bewegung in der Schule wünschenswert. Durch Schulsport kann man auch bessere Leistungen in anderen Fächern erreichen. Auch wenn sehr viel darüber diskutiert wird, mangelt es oft an der Umsetzung. Es geht nicht nur darum, dass sich Kinder nach dem Lernen zum Ausgleich bewegen. Wenn sich Kinder bereits vor dem Lernen bewegen, wird ein Stimulus gesetzt, der die Leistung in den nachfolgenden Fächern verbessert.

 

Haben unterschiedliche Bewegungsformen, wie zum Beispiel Gehmeditation und Tanz, andere Auswirkungen auf den Geist?

Es kommt auf eine bestimmte kardiovaskuläre Anregung an. Wir kennen Studien zum Beispiel über die Bedeutung des Tanzens. Tanzen ist eine ganz besondere Form der körperlichen Aktivität, weil es auch eine kognitive und eine soziale Komponente hat und somit sehr komplex ist. Gehen ist schon per se gut. Meditation ist unabhängig vom Gehen gut für das Gehirn. Es wird unter den verschiedenen Sportarten sicherlich Unterschiede geben, weil die kardiovaskuläre Anregung sicherlich ebenfalls unterschiedlich ist. Kurzfristig mag es ähnlich sein, aber ob sie langfristig ein geringeres Risiko für Alzheimer entwickeln, ist nicht klar. Die meisten Forschungen beziehen sich eher auf die kardiovaskuläre Stimulation. Das heißt nicht, dass das andere nicht wirkt, aber es ist einfach nicht untersucht.

 

In unserem Alltag versuchen wir oft, Bewegung zu vermeiden. Wir fahren mit dem Auto und verbringen viel Zeit sitzend vor dem Computer – hat dieser Mangel an Bewegung Auswirkungen auf unseren Geist?

Ganz klar, sitzen ist tödlich. Der größte Risikofaktor ist das Sitzen, es hat negative Auswirkungen auf den Körper und auf den Geist. Wenn man den ganzen Tag sitzt, ist ein bisschen Sport am Abend ein richtiger Ausgleich.

 

Das heißt, wir tun uns eigentlich nichts Gutes, wenn wir versuchen, die Bewegung immer mehr zu reduzieren?

Richtig, ganz im Gegenteil. Körperliche Bewegung hat viele positive Auswirkungen. So kann man häufig zum Beispiel Diabetes-Typ-2-Patienten in den ersten Jahren durch Umstellung der Ernährung und körperliche Aktivität gut behandeln. Es gibt kardiovaskuläre Auswirkungen ohne Ende. Doch leider ist das nicht so wahnsinnig populär und es erfordert eine gewisse Anstrengung. Es sitzt tief in unserer Evolution drinnen, dass wir versuchen, Bewegung zu vermeiden. Bewegung war teuer in Zeiten, als Kalorien kostbar waren. Das gilt heute nicht mehr, weil Energie so billig ist.

 

Prof. Dr. Gerd Kempermann, geboren 1965 in Köln, arbeitete unter anderem am Salk Institute in La Jolla, USA, and am Max-Delbrück-Centrum in Berlin. Seit 2007 ist er Professor am CRTD, dem DFG-Forschungszentrum für Regenerative Medizin an der TU Dresden.

 

 Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

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