Leben

"Angst hat viele Gesichter. Nicht immer ist sie als solche sichtbar."

Frau A kommt in meine Praxis. Sie wird begleitet von einer Freundin. Ihr Gesicht verrät den Grund ihres Besuchs: Angst. In jedem ihrer Gesichtszüge spiegelt sie sich wider. Es habe nach der Geburt ihres Sohnes begonnen, sagt sie. Der ist jetzt drei Jahre alt, sagt sie. Seither könne sie kaum mehr auf die Straße gehen, sagt sie. Ihre Sprache ist knapp, ihre Sätze sind kurz, jedes Wort ist wohlüberlegt. Nur in der Wohnung fühle sie sich wohl, sagt sie. Ihr Mann wäre schon am Ende. Er müsse die Betreuung von Erich, ihrem Sohn, fast zur Gänze übernehmen. Mit einem Leben hätte das nicht mehr viel zu tun, sagt sie. Der sie betreuende Psychiater hätte ihr Medikamente verschrieben. Mit denen wäre sie nur noch müde, könne vor 10 Uhr vormittags kaum aufstehen. Und trotzdem könne sie am Abend nicht einschlafen. Dafür hätte sie nun noch ein Medikament bekommen, sagt sie. Von den Medikamenten hätte sie fast 20 Kilogramm zugenommen, fühle sich aufgeschwemmt und ständig unwohl in ihrem Körper. Ihr Mann fasse sie auch nicht mehr an, sagt sie. Wie denn auch, so wie sie nun aussehe, und dann noch der Kleine, der ständig schreit. Wie soll das alles nur weitergehen ...

Herr B kommt in meine Praxis. Manager, gutes Auftreten, Maßanzug, sein Eau de Toilette verbreitet eine angenehme Duftnote in unserem Warteraum und mischt sich dezent in den Räuchergrundton von Salbei, den wir regelmäßig entzünden, um die Luft zu reinigen. Er wirkt kontrolliert, sieht ständig auf die Uhr, lächelt, sobald er glaubt, beobachtet zu werden, das dunkle Haar streng nach hinten, mit Öl in dieser Position gehalten, erinnert er mich an Christopher Reeve als ‚Superman‘. Ich bitte ihn in mein Zimmer und gehe schon vor. Es vergehen drei Minuten, bis auch er eintrifft. Immer und immer wieder muss er kontrollieren, ob er seine Sachen vollständig bei sich hat, seinen Autoschlüssel, sein Handy, die Packung Taschentücher in der Hosentasche, seine Geldbörse, seine dunkle Ledertasche, das Etui mit der Sonnenbrille. Weitere zwei Minuten vergehen, bis er sich auf den Sessel vor meinen Schreibtisch setzen kann. Er müsse den Sessel noch in die richtige Position rücken, das Polster darauf müsse noch in seiner rechteckigen Erscheinung genau in der Mitte der Sitzfläche Platz finden und dann müsse er noch die Akrobatik vollführen, beim Hinsetzen diese Position keinen Millimeter mehr zu verschieben. Dabei entschuldigt er sich ständig, er wolle mich ja nicht aufhalten, es tue ihm leid, meine Zeit zu verschwenden, gleich werde er so weit sein. Die Medikamente, beginnt er dann zu erzählen, hätten schon alles leichter gemacht. Eine Odyssee hätte er hinter sich, mit Ärzten, mit verschiedensten Medikamenten, mit Psychotherapeuten. Begonnen hätte alles nach der eigenen Scheidung, aber eigentlich eh schon immer, also genau gesagt nach der Scheidung der Eltern, also die Mutter mit dem Alkohol, nachdem der Vater nie daheim war, wenn, dann nur brüllend, schlagend, aber man könne ja nicht alles ständig auf die Vergangenheit schieben, man müsse ja endlich erwachsen werden, müsse selbst die Verantwortung tragen für sich und er eben auch für seine geschiedene Frau und die zwei Kinder, daher müsse er weitermachen, weiterarbeiten, mit dem Medikament X wäre es halbwegs möglich, nur das Zittern der Hände und die vermehrt unkontrollierten Bewegungen des Rumpfes machten es ihm immer schwerer, es geheim zu halten ...

Frau C kommt in meine Praxis. Sie ist etwa sechzig Jahre alt, trägt ein buntes Frühlingskleid um ihren wohlgeformten, etwas festeren Körper und wartet geduldig, bis ich sie im Warteraum abhole. Dabei tupft sie sich immer wieder Schweißperlen von der Stirn. Der Händedruck ist feucht und kräftig, ich gehe vor, ihr Schritt hinter mir ist fest und zielstrebig. Sie erzählt freimütig und entspannt von ihrem Leben und dann auch, dass sie seit dem Wechsel, ihre letzte Regel hätte sie vor etwa sechs Jahren gehabt, immer noch mit Schweißausbrüchen und Hitzewallungen zu kämpfen hätte. Die aber wären gar nicht so schlimm, meint sie, daran hätte sie sich schon gewöhnt und bei uns sei das ja eh normal. Was sie wirklich belaste, sei diese Angst, die sie plötzlich hätte. Ihr ganzes Leben hätte sie keine Angst gekannt. Und jetzt auf einmal, seit dem Wechsel, wäre sie ihr ständiger Begleiter: Sie hätte Angst, dass ihrer Enkelin etwas passiere, Angst, dass ihre Tochter krank würde, Angst eigentlich um alle Mitglieder der Familie. Um sich selber nicht, nein, aber um die anderen, und das raube ihr, vor allem zusammen mit den Wallungen in der Nacht, den Schlaf. Medikamente dafür? Nein, so schlimm ist es ja wirklich nicht, und ihr ganzes Leben hätte sie keine Medikamente gebraucht. Vielleicht bekomme man das ja auch mit Akupunktur und Kräutern in den Griff, so ihre Frage an mich ...

 

 

Herr D kommt in meine Praxis. Typ ‚netter Nachbar‘, lang und schlaksig, etwa 55 Jahre alt, steht im Warteraum und blättert durch die Ansichtsexemplare verschiedener Bücher im Ständer neben dem Empfangstisch. Er begrüßt mich mit einem Lächeln, auf die Frage, ob er gut hergefunden hätte, erwidert er, ja, gar kein Problem, er wäre gestern schon einmal hier gewesen, also vor der Praxis, damit er heute gleich herfinden würde. Woher er denn käme? Aus Krems. Na, ein ganz schöner Weg zu uns nach Wiener Neustadt ... Aber nein, gar nicht, das mache ihm gar nichts aus. Er hätte sich sowieso gestern und heute freigenommen. In meinem Zimmer erzählt er mir dann von seinem Leid: Er liebe seine Arbeit, seine Frau, seine drei Kinder. Er bewege sich regelmäßig, vor allem gehe er sehr gerne wandern, und eben da, so erzählt er mir, wäre es passiert: plötzlich ein heftiges Stechen in der linken Brust, dazu Todesangst, gemischt mit Atemnot und dem Gefühl der Enge im Brustkorb, gespickt noch mit einem Schweißausbruch und heftigem Herzklopfen, als ob das Herz gleich direkt durch die linken Rippen springen wollte. Seine Frau verständigte sofort den Notarzt und der kam auch gleich mit dem Hubschrauber. Sein Blutdruck wäre über 220, das EKG schaue aber nicht so schlecht aus, nach einer Kurzinfusion wäre er dann eingedämmert. Im Spital hätte man alle möglichen Geräte und Untersuchungen bemüht, um seinen Körper physisch zu erfassen. Doch da wäre alles in Ordnung gewesen. Er hätte eh nichts, wäre eh gesund. Die Psychologin im Spital führte ein Gespräch mit ihm, erzählte ihm, er hätte eine Panikattacke gehabt. Da erlebe man alles so wie bei einem Herzinfarkt, aber körperlich wäre es keiner, nur die Psyche drehe da ‚etwas komplett durch‘. Ob er viel Stress in letzter Zeit gehabt hätte? Bisher hatte Herr D ganz ruhig gesprochen. Jetzt begann er doch zu weinen. Er hätte sich verliebt, schon vor Jahren, in einen Mann. Und er wisse eh, dass das nicht sein darf, nicht in seiner Welt, und er wisse um die Verantwortung für seine Familie, die er ja über alles in der Welt liebe. Diesen Mann treffe er eh nicht, habe er sich selbst verboten, und eigentlich sei ja nie etwas passiert, aber noch immer müsse er immer wieder an ihn denken und ob es nicht doch eine Welt gäbe, in der ...

Frau E ... Herr F ... Frau G ... Herr H ... Frau I ... Herr J ... Frau K ...
Angst hat so viele Gesichter. Nicht immer ist sie als solche sichtbar. Aber sehr oft zieht sie die Fäden im Hintergrund. Angst lähmt, unsere Bewegung, unsere Handlung, unser Leben. Wozu gibt es sie dann? Jetzt wird es wieder chinesisch: In der Chinesischen Medizin sagen wir, dass die Angst als Emotion das Gefühl der Niere ist. Traditionell hat man sich die Emotionen mit Geistern, die in den Organen leben, erklärt. So lebt zum Beispiel der Zhi in der Niere. Die Niere verwaltet all unsere Reserven. Einen Teil davon haben wir schon von unseren Eltern mitbekommen (westlich vergleichen wir das mit dem genetischen Material unserer Eltern und Vorfahren, der DNA, dem genetischen Code, den jede einzelne unserer Zellen beinhaltet und der uns als das Kind unserer Eltern identifiziert). Auf den müssen wir sehr gut aufpassen – er soll ja für unser ganzes Leben reichen. Einen anderen Teil erwirtschaftet sich der Körper täglich aus unserer Nahrung. Das heißt, wenn der Körper effektiv arbeitet und wir sparsam mit unseren Ressourcen umgehen, kann er einen Teil des Qis und des Blutes, das die Milz, unser Verdauungsapparat (chinesisch, wie Sie alle wissen), produziert, auf die Seite legen für schlechtere Zeiten. Und der Ort, wo das dann liegt, ist eben die Niere, chinesisch. Und die Form, in der diese Speicherung stattfindet, ist das YIN, unsere Substanz, und das YANG, unsere Energie (in Speicherform). Der Zhi, der Geist der Niere, hat nun die Aufgabe, sehr gut auf diese wertvollen Reserven aufzupassen. Nichts unnötig verbrauchen ist die Devise. Der Zhi sorgt somit dafür, dass wir am Leben bleiben, körperlich gesprochen, weil wenn nichts mehr da ist, keine Reserven mehr, dann gibt’s auch nichts mehr zu leben. Punkt. So die chinesische Devise. Der Zhi beeinflusst unser Verhalten so, dass wir weiterleben. Er ist also für die ‚Arterhaltung‘ zuständig. Stellen Sie sich vor, wir hätte den Zhi und seine Emotion Angst nicht. „Oje, heute ist schlechtes Wetter, na, da hab ich gar keine Lust zu leben, ich bring mich mal schnell um ...“ „Ah, das ist ein netter Weg da hinauf auf den Berg, zwar sehr schmal und auf jeder Seite geht es 300 Meter hinunter, na egal, den gehe ich, ist so eine schöne Aussicht ...“ „Heute habe ich Lust, mit meinem Auto 200 km/h zu fahren und zu schauen, ob ich die Kurve vor der Ortseinfahrt so schnell erwische. Ist sicher lustig ...“ Sie merken schon, Angst ist ein ganz wichtiges Gefühl, um uns zu schützen. In diesen Fällen hat Angst einen Sinn. Aber was ist mit den PatientInnen, von denen ich Ihnen am Anfang des Artikels erzählt habe?

In der Chinesischen Medizin sagen wir, dass es zwei große Ursachen gibt, um krank zu werden: von außen die Angreifer wie Wind, Kälte, Feuchtigkeit und so weiter (westlich nennen wir diese Angreifer eher Bakterien und Viren und Pilze ...) und von innen die Emotionen, wie eben auch Angst, die Emotion der Niere. Dabei sind Emotionen etwas Gutes (wie Sie oben gerade gehört haben), doch sie machen krank, wenn sie zu viel oder zu wenig vorhanden sind. Und da ist mein Bild von den ‚Organen mit ihren Geistern‘ folgendes: Der Zhi sitzt in der Niere und fühlt sich ganz wohl, wenn genug Yin und Yang, Substanz und Energie, da ist. Er lehnt an der Türe des Speichers, der vollgefüllt ist, und ist so richtig zufrieden. Wenn jedoch der Speicher nicht ganz voll ist (egal, ob zu wenig Yin oder Yang drinnen ist), dann bekommt er die Panik (-attacke, Herr D), rennt unkontrolliert im Körper herum und spricht mit den anderen Geistern, zum Beispiel dem Shen, dem Geist des Herzens, der sich von der Panik gleich anstecken lässt, was Sie dann als Herzbeschwerden bemerken. Unser Yin, unsere Substanz, nimmt das ganze Leben über ab, wie Brennholz, das wir im Feuer von Yang ein Leben lang einheizen. So sagt die Chinesische Medizin, dass mit 40 Jahren nur noch die Hälfte des Yins da ist. Der ‚Wechsel der Frau‘ bedeutet dann, dass das Yin nochmals einen Schub nach unten macht, wobei das Yang, die Energie, zurückbleibt und unnötig Hitzesymptome im Körper verursacht, beispielsweise Wallungen, Ängste, einen roten Kopf und so weiter (siehe Frau C). Ganz viel Yin verbraucht der Körper, wenn er viel Blut verbraucht, etwa bei einer Geburt. Blut und Yin gehören untrennbar zusammen. Blut ist die fließende Form der Substanz, Yin ist die Speicherform der Substanz. Die Chinesen sagen, dass man pro Geburt sechs bis sieben Liter Blut (Kind ist eigentlich Blut plus Nachgeburt plus Stillen, auch wieder Blut ...) hergibt. Die sollte man so schnell wie möglich wieder auffüllen, sonst geht das der Mutter an die Nieren und dann bekommt der Zhi die Panik und fertig ist die Angst (siehe Frau A). Ein anderes Gesicht der Angst zeigt sich bei Herrn B: Dieser hat eine Nierenschwäche, vermutlich weil er seine schwere Kindheit noch nicht verdaut hat und ihm diese und auch seine Scheidung an die Nieren gegangen ist. Der Zhi versucht nun mit allen ihm möglichen Mitteln, wieder Kontrolle über das Leben zu bekommen (auch wenn es Zwangsstörungen sind). Man kann es sich auch so vorstellen, dass Herr B (natürlich unbewusst, dort spielt sich ja das wahre Leben ab) sich durch die ständigen Zwangshandlungen so von sich selbst ablenkt, dass er sich den wahren Problemen seines Lebens (wie der schweren Kindheit) nie stellen muss. Die treibende Kraft dahinter ist dann also die ‚Angst vor der Wahrheit‘, ‚die Angst vor den Ängsten der Kindheit‘. Chinesisch ist das Therapiekonzept einfach: 1.) Alles vermeiden, was einem (wie wir so schön sagen) an die Nieren geht (und das ist schon einmal ein großer Brocken); 2.) Gut schlafen, weil sich die Niere in der Nacht erholt; 3.) ‚Nieren essen‘, wobei ich nicht meine, dass Sie wirklich Nieren essen sollen, sondern jene Teile von Pflanzen, die den Nieren entsprechen, das sind die Reserven der Pflanzen wie Wurzeln, Samen, Körner (zum Beispiel Wurzelgemüse, Nüsse, Kürbis- oder Sonnenblumenkerne, Getreidekörner, Hülsenfrüchte ...). Als TCM-Arzt gibt man Kräuter, die die Nieren wieder aufbauen (Yin oder Yang oder beides) und mit der Akupunktur strebt man danach, dieses Chaos der Emotionen im Körper zu beseitigen. „Wenn es dem Körper gut geht, dann geht es dem Geist gut.“ Und noch chinesischer: „Wenn es dem Organ gut geht, dann geht es auch dem Geist, der darin wohnt, gut.“
Also keine Angst!

Ihr
Kräuterdoktor Weidinger

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentare  
# Renate Reiss-Pfaffel 2017-12-03 16:48
Dieser Beitrag ist voll interressant
Würde gerne mehr erfahren da ich mich erst kurz über TCM dafür Interresiert. Danke
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
Kommentar schreiben

Verwandte Artikel