Leben

Warum wir nach tiefer liegenden Ursachen von Gewalt suchen und nicht nur deren Auftreten bekämpfen sollten.

Was monströse Gewalttaten wie jene in Paris bei den Opfern, so sie denn überlebt haben, psychisch anrichten, sind nur schwer verheilende Wunden. Psychisch traumatisiert zurückbleiben auch verwitwete Partner, außerdem Eltern, Kinder und nahestehende Freunde von Getöteten. Der Begriff des Traumas beschreibt das Erleben einer Situation, in der die beiden typischen, sozusagen ‚gesunden‘ Reaktionsmuster gegenüber einer uns plötzlich begegnenden Gefahr – Kampf oder Flucht – nicht mehr möglich sind. Wir als Außenstehende mögen vorübergehend sprachlos oder geschockt gewesen sein, doch wir sind keine Traumatisierten. Wir sind aufgerufen, den Opfern zu helfen und dazu beizutragen, dass weitere Gewalttaten verhindert werden. Aber wofür sollten wir plädieren? Wir sollten weder mit Angst reagieren noch dem reflexartig ausgesandten Ruf nach Revanche oder gar nach ‚Krieg‘, sondern wir sollten der Vernunft folgen. Was können vernunftgeleitete Reaktionen auf die Terrortaten von Paris sein? Zuallererst muss die Mörderbande des ‚Islamischen Staates‘ endlich von der finanziellen und militärischen Unterstützung abgeschnitten werden, die sie bisher genießt. Darüber hinaus bedarf es einer Intensivierung der Arbeit unserer Strafverfolgungsbehörden und einer deutlich verbesserten Aufklärungsarbeit der Geheimdienste. Doch wenn vorbeugende Aufklärung und verbesserte Strafverfolgung das einzige Mittel bleiben, dann wäre dies so, wie wenn in einer Chemieanlage seit Jahren an verschiedenen Stellen fortlaufend Brände aufträten und die Reaktion sich darauf beschränken würde, da und dort auftretende Undichtigkeiten besser zu erkennen und mehr Feuerlöscher aufzustellen, ohne zu beachten, dass in dieser Anlage Dichtungen, die brennbare Flüssigkeiten unter Verschluss halten sollen, ständig unter zu hohem Druck stehen.

Der Grund dafür, dass wir uns mit einer vernunftgeleiteten Suche nach den Ursachen von destruktiver Gewalt und von Terrortaten seit Jahren schwertun, liegt darin, dass viele glauben, für irrationale Taten wie jene von Paris könne es keine rational erklärbaren Ursachen geben. Begründet wird dies entweder mit der krassen Amoralität derartiger Taten, die jeden Erklärungsversuch selbst zu einem amoralischen Unterfangen machten. Oder damit, dass menschliche Aggression – wie der Sexualtrieb – eine anthropologische Konstante und von daher nicht erklärungsfähig sei, selbst dann, wenn die Gewalt in monströser Weise auftrete wie bei Terrorakten. Diese auch von einigen Sozialpsychologen vertretene Position hat ihren neuzeitlichen Ursprung in dem von Sigmund Freud postulierten Aggressionstrieb. Freuds Postulat wurde jedoch weder von Charles Darwin, der die menschliche Aggression als reaktives Geschehen beschrieb, geteilt, noch konnten die modernen Neurowissenschaften Freuds Hypothese bestätigen. Als stärkste menschliche Triebkraft identifizierte die moderne Hirnforschung – Charles Darwin bestätigend, der die ‚sozialen Instinkte‘ als den stärksten menschlichen Trieb erkannte – das Streben des Menschen nach sozialer Akzeptanz, Anerkennung und Zugehörigkeit. Dieses wissenschaftlich gut gesicherte Faktum macht den Menschen jedoch nicht moralisch ‚gut‘.

Soziale Akzeptanz ist eine derart stark ausgeprägte menschliche Grundmotivation, dass Menschen bereit sind, Böses zu tun, nur um zugehörig zu sein.

Soziale Akzeptanz ist eine derart stark ausgeprägte menschliche Grundmotivation, dass Menschen bereit sind, Böses zu tun, nur um zugehörig zu sein. Thomas Insel, Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH), eine der weltweit größten neurowissenschaftlichen Forschungsstätten, äußerte vor einiger Zeit die Ansicht, der Wunsch des Menschen nach sozialer Verbundenheit sei so etwas wie eine ‚addiction disorder‘, also eine Suchtkrankheit. Der Wunsch nach Zugehörigkeit um jeden Preis kann zu einer Quelle zwischenmenschlicher Aggression und Gewalt werden, weil Kriterien, die eine Zugehörigkeit begründen, meistens zugleich auch den Ausschluss anderer, also die Bildung einer Outgroup, mit sich bringen. Die Ausgrenzung anderer kann sogar das ausschließliche Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Ingroup bilden. Auch Religionen, derzeit leider vor allem der Islam, haben das Potenzial zur Spaltung und zu einem sich daraus speisenden Hass.

Eine der bedeutendsten neurowissenschaftlichen Beobachtungen der letzten Jahre war, dass die Schmerzzentren des menschlichen Gehirns nicht nur bei der Zufügung körperlicher Schmerzen aktiv werden, sondern auch dann, wenn sich eine Person sozial ausgegrenzt fühlt. Das menschliche Gehirn reagiert auf soziale Diskriminierung also ähnlich wie auf einen körperlichen Angriff. Daher erhöht nicht nur zugefügter körperlicher Schmerz die Aggressionsbereitschaft, sondern auch Ausgrenzung oder Demütigung. Eine Reaktion der Schmerzzentren ist jedoch nicht nur dann zu beobachten, wenn eine Person selbst ausgegrenzt wird, sondern auch dann, wenn jemand ‚nur‘ miterlebt, wie ein Mitglied der eigenen Ingroup gedemütigt wird, zum Beispiel ein Familienmitglied, ein Angehöriger der eigenen Religion oder der eigenen Ethnie. Identifizierungsvorgänge dieser Art können dazu führen, dass sich Gewaltreaktionen wie eine ansteckende Krankheit epidemisch ausbreiten. Dies ist der Grund, warum das, was im Nahen und Mittleren Osten passiert, sich überall auf der Welt auswirkt.

Ausgrenzungen und Demütigungen werden nicht nur dort erlebt, wo Menschengruppen verbal oder im alltäglichen Umgang herabgesetzt werden, sondern auch dort, wo Menschen in Armut leben und von Bildungs- und Entwicklungschancen abgeschnitten bleiben. Dies betrifft nicht nur Bewohner der Banlieues von Paris. Wir leben in einer medial komplett vernetzten Welt. Daher wird überall da, wo Menschen Armut erleiden, diese zugleich immer auch im Angesicht großen Reichtums erlebt. Studien zeigen einen linearen Zusammenhang zwischen der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen einerseits und Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner andererseits. Das menschliche Gehirn ist keineswegs kommunistisch, es toleriert, dass Menschen unter wirtschaftlich unterschiedlichen Bedingungen leben. Die Toleranz gegenüber Ungleichheit endet jedoch dort, wo krasse Benachteiligung auf ausgeprägte Privilegierung trifft.

Wie also können wir den Sumpf austrocknen, aus dem die terroristische Brut immer wieder neu hervorwächst? Die Täter und ihre Hintermänner gehören hinter Gitter und zukünftige Täter sollten wir fassen, bevor sie ihre Taten begehen. Doch das wird nicht ausreichen. Wir brauchen ein neues Nachdenken über das stärkste Gegenmittel gegen globalen Terrorismus: globale Gerechtigkeit und ein Ende all dessen, was in vielen Ländern dieser Erde als Ausbeutung und Demütigung erlebt wird. Hunderttausende junge Männer in Ländern, die derzeit durch Unruhen und Kriege paralysiert sind, suchen nach Möglichkeiten, sich zu bewähren und nützlich zu machen. Was sie dazu brauchen, ist familiäre und soziale Verbundenheit und ein Zugang zu Bildungswegen und Arbeitsplätzen. Wenn die zivilisierte Welt ihnen diese Möglichkeiten nicht bietet, suchen sie nach Alternativen. Über lange Zeit in einer Anlage immer wieder auftretende Brände beendet man nicht dadurch, dass man überall mehr Feuerlöscher aufstellt, sondern indem man den Ursachen für die Brandneigung auf den Grund geht und sie abstellt.

Univ.-Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut am Uniklinikum Freiburg. Zuletzt erschien im Blessing Verlag sein Buch ‚Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens‘.

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