Leben

Was macht die Angst mit uns? Ist sie eine Kriegstreiberin oder eine Friedensstifterin? 
Psychologen und Psychotherapeuten treffen für gewöhnlich eine Unterscheidung zwischen zwei Begriffen, die in der Alltagssprache oft gleichbedeutend gebraucht werden: Furcht und Angst.

Furcht ist das, was ein Mensch empfindet, wenn er sich einer unmittelbar präsenten Bedrohung gegenübersieht: der Einbrecher, der mit der Pistole vor einem steht, der Haifisch, der einem ins Bein beißt, oder das Erdbeben, durch das die eigenen vier Wände einzustürzen drohen. In solchen Situationen zeigt der Organismus eine ganze Reihe von Reaktionen, die zwar von den meisten als unangenehm und belastend empfunden werden, aber allesamt der Bewältigung der Situation dienen und deshalb als in gewisser Weise ‚gesund‘ bezeichnet werden können: Die Atmung intensiviert sich, Puls und Blutdruck steigen, die Magen- und Darmperistaltik, also die Verdauung, wird unterbrochen, die vom sympathischen Nervensystem gesteuerte Muskulatur wird auf Kosten des parasympathischen Systems stärker durchblutet und noch vieles andere. All dies hat den biologischen Sinn, Kampf und/oder Flucht, also intensive körperliche Aktivitäten, zu unterstützen. Hätten die Menschen diesen Mechanismus nicht eingebaut, dann würde es sie wohl schon längst nicht mehr geben. Sobald die körperliche Aktivität zur Beseitigung der Gefahr geführt hat, hört dieses Maßnahmenpaket des Organismus auf zu wirken und es ist mit keinen gesundheitlichen Schädigungen zu rechnen. Hält ein solcher Alarmzustand des Organismus – alltagssprachlich zumeist als ‚Stress‘ bezeichnet, richtiger müsste es ‚strain‘ heißen – allerdings über längere Zeit an, dann kann das für die Gesundheit gefährlich werden.

Angst ist ein psychischer Zustand, der auch ohne eine konkrete aktuelle Bedrohung eintreten kann: die Angst vor dem Verlust des Vermögens durch den möglichen Verfall von Aktienkursen, die Angst, an AIDS zu erkranken, oder die Angst, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Angst ruft, wenn sie stark genug ist, ähnliche Reaktionen im Organismus hervor wie Furcht, allerdings ist weder der drohende Vermögensverlust, noch die Angst vor Krankheit, noch irgendeine andere Angst durch Kämpfen oder durch Flüchten wegzubekommen. Die oben beschriebene Stressreaktion hat also gute Chancen, so lange anzuhalten, wie die Angst andauert – und das ist dann ungesund.

Versicherungsmathematiker wissen nur zu gut, dass die Angst vor Risiken – und damit auch die Bereitschaft, dafür Versicherungsprämien zu zahlen – nicht daran orientiert ist, wie häufig, somit wie wahrscheinlich, diese Risiken sind, sondern daran, wie spektakulär sie sind. Umfragen zeigen, dass die Angst davor, auf einem Transatlantikflug einem Unfall oder einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, sehr viel größer ist als die Angst, auf einer Autobahnfahrt von Wien nach Salzburg bei einem Autounfall zu verunglücken. Die Wahrscheinlichkeit für letzteren Unfall ist aber um viele Zehnerpotenzen höher als die des Terroranschlags. Der menschlichen Angst ist jedoch mit Statistik nicht beizukommen.

Politiker, die uns sagen, wir sollen uns vor Terroranschlägen nicht fürchten, denn genau das sei es, was die Terroristen wollen, haben also mindestens doppelt recht: erstens gesundheitspolitisch, zweitens statistisch und wahrscheinlich sogar auch noch politstrategisch. Blöd nur, dass es noch nie funktioniert hat, jemandem, der Angst hat, zu sagen, er soll sich nicht fürchten.

Das Erste, was die Angst mit uns macht, ist also eine ziemlich lange Latte von höchst unerfreulichen, körperlich spürbaren Reaktionen des Organismus. Die Frage ist: Wirken sich diese auch politisch aus? Verursachen sie mehr Krieg oder mehr Frieden?

Während der Zeit des Kalten Krieges war oft vom ‚Gleichgewicht des Schreckens‘ die Rede. Es bestand darin, dass beide Supermächte so viele Waffen aufgehäuft hatten, dass diese ihren Zweck, den Gegner zu zerstören und die eigenen Leute zu schonen, nicht mehr erfüllen konnten. Denn sogar die dümmsten Politiker haben verstanden, dass ein Krieg zwischen zwei Supermächten so große Zerstörungen angerichtet hätte, dass ein Sieg mindestens so teuer gekommen wäre wie eine Niederlage – und jedenfalls sehr viel teurer, als dass irgendein Land der Welt ihn sich hätte leisten können. Man erfand deshalb lokale Konflikte in Vietnam, Korea und an anderen Nebenschauplätzen, deren Bewohner ohnehin nicht so wichtig waren, ihre Vernichtung somit als peinlicher Kollateralschaden ohne ernstere Konsequenzen verkauft werden konnte. Außerdem gab es dort ja auch kaum nennenswerte Bodenschätze. So konnte man mit immer noch einigermaßen überschaubaren eigenen Kosten Krieg spielen und dem Gegner zeigen, wie gut man darin war. Denn die wirklichen Kosten, den Verlust von Leben und Lebensmöglichkeiten, trugen die dortigen Einheimischen und die waren weit genug weg, um die, die den Krieg mit ihren Steuergeldern finanzierten, nicht wirklich zu bekümmern. Ärgerlich war es freilich, dass das Fernsehen dann doch auch manchmal das Elend der dortigen geschundenen Bevölkerung zeigte und – was noch viel unangenehmer war – dass die eigenen jungen Männer immer häufiger als Krüppel oder in Särgen aus diesen Kriegen zurückkehrten. Als Folge davon entstand in den USA eine Bewegung von Verweigerern, die sehr bald auf Europa übergriff: Nicht nur Kriege verweigerten sie, sondern gleich eine ganze Geisteshaltung, die sie fürs Kriegführen verantwortlich machten. Den Entwurf für ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das ohne Kriege ausgekommen wäre, hatten sie nicht wirklich. Aber immerhin forderten sie ihn und versuchten, ihn zu leben, wenn auch nicht immer erfolgreich.

Diese Angst vor dem Krieg, vor allem vor einem, in den man möglicherweise selber geschickt werden konnte, löste also eine Friedensbewegung aus. 30 Jahre später schafften es ein paar gut ausgebildete arabische ‚Gotteskrieger‘, 3.000 Menschen zu töten, und erzeugten damit einen Typus von Angst, der von einem amerikanischen Präsidenten erfolgreich dazu genutzt werden konnte, einen Krieg anzufangen, dessen Spätfolgen jetzt über Europa hereinbrechen. Die Sinnlosigkeit dieses Krieges wurde von Beginn an von Kennern der arabischen Welt deutlich ausgesprochen. Mittlerweile dürfte sie so ziemlich allen klargeworden sein, nur dem – mittlerweile ehemaligen – Präsidenten, der den Krieg anfing, wahrscheinlich noch immer nicht. Einige amerikanische Waffenlieferanten wurden dabei reich, hunderttausende Menschen, überwiegend in der arabischen Welt, wurden dabei, wenn sie Glück hatten, nur arm und obdachlos, mit weniger Glück wurden sie verkrüppelt oder getötet. Der brutalen Destabilisierung in diesem Teil der Welt verdanken wir derzeit Terroranschläge in und Flüchtlingsströme nach Europa. Wie viele Europäer an diesen Spätfolgen in Zukunft noch zu leiden haben werden und wie sehr, das wissen wir noch nicht.

Was also macht die Angst mit uns? Zunächst einmal macht sie uns zu Hilfesuchenden. Wenn es geschickten Demagogen gelingt, die Hilfe, die wir dringend suchen, anzubieten oder vorzugaukeln, dann teilt sich die Bevölkerung in zwei Fraktionen. Die einen wollen die Gewalt mit noch mehr Gewalt besiegen, die anderen wollen auf die Gewalt mit der paradoxen Intervention reagieren, jetzt erst recht auf Gewalt zu verzichten – paradox jedenfalls für die Rächertypen. Interessanterweise hat schon Jesus Christus seinerzeit die Forderung aufgestellt, die andere Wange hinzuhalten und die Feinde zu lieben. Man kann nicht behaupten, dass die kriegerischen Traditionen des christlichen Abendlandes – richtiger: des sich irrtümlich für christlich haltenden Abendlandes – diese christliche Forderung im großen Stil verwirklicht hätten. Tatsächlich ist aber diese Forderung – ob nun göttlichen Ursprungs oder nicht – eine sehr intelligente Reaktion auf Gewalt, weil sie die einzige derzeit verfügbare Möglichkeit zu sein scheint, den fatalen Kreislauf der Eskalation zu unterbrechen.

Die einen wollen die Gewalt mit noch mehr Gewalt besiegen, die anderen wollen auf die Gewalt jetzt erst recht verzichten.

Warum wohl noch kaum eine Großmacht jemals auf diesen Gedanken gekommen ist? Ein paar Möglichkeiten gibt es.
Erstens: Man wird, wenn man diesen Gedanken im großen Stil verwirklicht, keine Großmacht. Auch das christliche Abendland hat sich von diesem Gedanken als einem der ersten verabschiedet.
Zweitens: Das Prinzip Rache könnte möglicherweise in unseren Genen verankert sein und deshalb ist ihm mit Intelligenz nur schwer beizukommen.
Und schließlich drittens: Macht macht dumm.

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