Leben

Yoga ist längst kein kurzlebiger Trend mehr, sondern Teil unserer Gegenwartskultur geworden. Er kann nicht nur helfen, von einem chronisch gestressten zu einem ausgeglichenen Dasein zu finden, sondern ist vor allem ein Wegweiser zu einem bewussten, erwachten Leben.

6.30 Uhr. Der Wecker läutet – zum dritten Mal. Sie haben verschlafen, schrecken auf, springen aus dem Bett, eilen ins Badezimmer und durch die morgendliche Routine schnurstracks in den neuen Tag hinein. Ihre Agenda ist lange, sehr lange. Sie hetzen von einem Termin zum nächsten und haben nicht bloß beruflich viel um die Ohren, auch ihr Privatleben artet in eine To-do-Liste aus. Kurzum: Sie sind gestresst. Woher kommt dieser innere Antrieb, der Sie regelrecht außer Atem bringt? Er ist per Definition die Verlagerung unseres Bewusstseins in die Zukunft. Laut Bestsellerautor Eckhart Tolle wird Stress verursacht, wenn Sie ‚hier‘ sind, aber ‚dort‘ sein wollen, wenn Sie in der Gegenwart sind, aber in der Zukunft sein wollen. Das ist eine Spaltung, die Sie innerlich zerreißt. „Eine solche Spaltung zu schaffen und mit ihr zu leben ist verrückt. Die Tatsache, dass jeder es tut, lässt es nicht weniger verrückt sein.“

Alarmglocke: Dauerstress
Wer gelernt hat, seinen Tag lieber mit einem Sonnengruß als mit pathologischer Hektik zu beginnen, hat womöglich den einen oder anderen erleuchtenden Geistesblitz in seinem Leben. So auch Christian Lohner, Leiter einer Yoga-Männergruppe in Wien. Zwölfstunden-Arbeitstage gehörten lange Zeit zur Tagesordnung, bis er eines Morgens aufwachte und am ganzen Körper zitterte. Die Erschöpfungszustände waren immens. Er änderte seinen Lebensstil, suchte einen Ayurvedaarzt auf und belegte einen Yoga-Kurs. Zu Beginn schienen ihm einfache Yoga-Techniken wie das Shavasana, die Entspannungsübung, als wenig zugänglich. Zu rastlos war sein Verstand, um mit der Aufmerksamkeit bei seinem Körper, der Atmung und feinen Empfindungen zu bleiben. Die Wirkungen zeigten sich dennoch. „Ich habe zu viel mehr Ausgeglichenheit und einem neuen Verständnis von Männlichkeit gefunden – statt einem ewigen Leistungsdruck spüre ich effizienten Einsatz und kraftvolle Ruhe in mir“, so Lohner. Heute übt er morgens zwei Stunden Yoga, bevor er seinen Arbeitstag beginnt.
Jeder Mensch bringt andere gesundheitliche, körperliche und psychische Voraussetzungen mit auf die Yoga-Matte. Stress ist nur einer der Beweggründe, um mit Yoga zu beginnen. Seriöse Anbieter suchen das Gespräch mit Kursteilnehmern und kennen mögliche Gegenindikationen und Nebenwirkungen der Übungen. 

Yoga UW99 KK Aufwachen

Pranayama: Gönn dir eine Atempause!
Getrieben von dem, was wir Leben nennen, vergessen wir oft das, was uns Lebenskraft spendet. Kaum bleibt dabei Zeit, um einen Augenblick innezuhalten und bewusst ein- und auszuatmen. Kaum nehmen wir uns die Zeit für die Fragen aller Fragen: Wer bin ich? Weshalb lebe ich? Was wird mit mir nach dem Tod geschehen? Hier kann Yoga eine wertvolle Hilfe sein. Die vielfältigen Yoga-Techniken sollen den Menschen dazu verhelfen, zu erwachen und ihre ‚wahre‘ Natur zu entdecken. Der Atem bietet hier ein wesentliches Element. Im Yoga wird die Wechselwirkung zwischen Atmung, Lebenskraft und Geist betont. Durch gezielte Atemübungen, Pranayama, wird die Lebenskraft in die gewünschten Bahnen gelenkt. Wer den Atem sanft kontrolliert, kann dadurch auch seine Geisteshaltung verändern und die Lebenskraft steigern. Umgekehrt wird ein unruhiger Geist meist von einer flachen, schnellen Atmung begleitet und führt schließlich zur Erschöpfung der Lebensenergie. Eine kontinuierliche Pranayama-Praxis hilft, in tiefere Schichten unseres Bewusstseins einzutauchen. Was im Sanskrit als ‚Atman‘ und ‚Prana‘, im Deutschen als ‚Odem‘, im Hebräischen ‚Ruach‘, im Lateinischen ‚Spirare‘ oder im Griechischen ‚Pneuma‘ bezeichnet wird, sind alles Begriffe, die in der einen oder anderen Form auf den Geist, den Atem und Lebenshauch zugleich verweisen – die essenzielle Energie, die unser Leben definiert.

Von Patanjali zum Hatha-Yoga
Blicken wir auf die Zeit der Yogasutren von Patanjali, dem bekannten Grundlagenwerk der Yoga-Lehre aus dem 4. Jahrhundert, treffen wir wohl auf andere Zielsetzungen als in einem Yoga-Loft in einem Berliner Szeneviertel. Damals lag das Hauptaugenmerk auf meditativen Bewusstseinszuständen und übernatürlichen Kräften, siddhis. Schon in der frühbuddhistischen Geschichte wird die Erlangung magischer Fähigkeiten diskutiert und gutgeheißen. Sie sind ein Meilenstein auf jedem spirituellen Weg und Indikator für spirituellen Fortschritt. Jahrhunderte nach Patanjali gewinnt Hatha-Yoga an Prominenz. Während gegenwärtig eine Gruppe von Forschern des Londoner Hatha Yoga Project seine Entstehungszeit anhand yogischer Literatur erkundet und die Amṛtasiddhi aus dem 12. Jahrhundert als ältesten Hatha-Yoga-Text vermutet, atmen sich Yoga-Fans weltweit in spektakulären Verrenkungen zur Glückseligkeit. Hören Sie in einem Studio vom ‚jahrtausendealten‘ Hatha-Yoga, stimmt das also nur bedingt. Zwar wurden bereits zu Beginn der buddhistischen Tradition Körperpositionen wie Padmasana, der Lotussitz, Virasana, der Heldensitz, und Badrasana, die Stellung des Thrones, geschildert, doch lag der Fokus damals weniger auf dem körperlichen Aspekt – es ging lediglich darum, eine geeignete Position für die Meditation zu finden. In der Geschichte des Yoga spielen Asanas, körperliche Übungen, erst im Hatha-Yoga eine wichtige Rolle.Yoga UW99 KK Yogasutra

Die Sprache des Körpers
Nun sind wir rund 2.500 Jahre nach Buddha, 1.600 Jahre nach Patanjali und 850 Jahre nach Entstehung des Hatha-Yoga bei einem Verständnis von Yoga angelangt, das den Körper stärker denn je in den Fokus rückt. Was hat es auf sich mit der Körperzentrierung des modernen Yoga? Die Fähigkeit, auf den eigenen Körper zu hören, stellt einen Gegenpol zu einer verkopften, überarbeiteten, digitalisierten Gesellschaft dar. ‚In den Körper kommen‘, ‚sich wieder mehr spüren‘ und ‚mal einfach abschalten‘ sind mehr als flotte Floskeln – sie sind zum Mantra geworden, das am florierenden Yoga-Markt eifrig rezitiert wird. Die Sprache seines Körpers zu verstehen ist dabei nicht bloß eine Präventionsmaßnahme gegen Krankheiten und Blockaden, sondern sie kann darüber hinaus einen ersten Schritt zu einem verfeinerten Bewusstsein bedeuten. Emotionen sind körperlich spürbare Reaktionen auf unsere Gedanken. Folglich sensibilisiert ein verfeinertes Körperbewusstsein nach und nach auch unser Gespür für unsere Gefühls- und Gedankenwelt. Das Körperverständnis im Hatha-Yoga geht allerdings noch einen Schritt weiter und postuliert eine komplexe Subtilphysiologie. Der Yoga-Lehre zufolge können Qualitäten wie Vitalität, Kreativität, Willenskraft, objektlose Liebe, Reinheit, Intuition und spirituelle Integrität verschiedenen Kraftzentren zugeordnet und durch eine gezielte Praxis willentlich erweckt werden. Yoga-Anbieter, die die Erweckung dieser Kraftzentren, Chakras, und die gezielte Aufmerksamkeit auf subtile Aspekte wie Energiekanäle, Nadis, und feinstoffliche Dimensionen des Körpers, Koshas, unterrichten, werden dementsprechend ein breiteres Wahrnehmungsspektrum fördern als jene, die sich auf akrobatische Turnübungen ohne geistig-subtiles Training beschränken.
Viele Wege, ein Ziel?
Die Bandbreite von Yoga-Angeboten reicht heute von körperzentrierten Fitnessangeboten über Meditationsgruppen bis hin zu spirituellen und neureligiösen Gemeinschaften. Die Liste der Yoga-Stile scheint dabei endlos. Gut ein Drittel der deutschen Yoga-Kurse findet in Fitnesscentern statt. Zu den beliebtesten Yoga-Stilen in Fitnessstudios gehören Hatha- und Ashtanga-Yoga – bei beiden steht der körperzentrierte Yoga im Vordergrund. Auf der Suche nach der passenden Form bieten die Berufsverbände für Yogalehrende eine wertvolle Unterstützung.
Traditionell werden unter den Yoga-Formen vor allem Bhakti-, Jnana-, Karma-, Raja-, Hatha- und Tantra-Yoga betont. Sie stellen im Grunde verschiedene Wege zum gleichen Ziel dar.
Während ein Bhakti-Yogi durch Liebe, Hingabe und Selbstaufgabe spirituelle Befreiung sucht, beschreitet ein Jnana-Yogi durch philosophische und intellektuelle Reflexion den Weg zur Selbsterkenntnis.
Ein Karma-Yogi verpflichtet sich zur selbstlosen Tat und widmet jede seiner Handlungen dem göttlichen Prinzip. Ein tieferes Verständnis über Karma- und Jnana-Yoga bietet die Lektüre der Bhagavadgita, einer berühmten hinduistischen Schrift.
Ein Raja-Yogi ist bemüht, seinen inneren ‚König‘, Raja, das heißt das höchste Selbst, zu verwirklichen. Der bekannte hinduistische Gelehrte Vivekananda machte den Raja-Yoga durch sein gleichnamiges Buch bekannt und interpretierte ihn im Sinne der acht Stufen von Patanjali.
Der Hatha-Yogi nutzt seinen Körper und die Arbeit mithilfe subtiler Energien zur spirituellen Vervollkommnung. Zusammengesetzt aus den Worten ‚Ha‘, Sonne, und ‚Tha‘, Mond, wird der Ausgleich von polaren Energien angestrebt. Harmonie entsteht demnach, wo entgegengesetzte Kräfte in ein Gleichgewicht finden.
Der Tantra-Yogi setzt Techniken und Übungen aller Yoga-Wege ein und nutzt das kreative und sexuelle Potenzial im Menschen als spirituellen Motor. Das höchste und letzte Ziel aller traditionellen Yoga-Richtungen ist die befreiende Erkenntnis der Einheit in der Zweiheit, der Gleichheit von Geist und Materie und der Verschiedenheit von Seele und Materie durch die Identifikation der Individualseele mit Unsterblichkeit. Patanjali definiert Yoga als das Zum-Stillstand-Kommen der Wirbel des Bewusstseins oder anders ausgedrückt die Aufhebung der psychomentalen Zustände.
Ob Praktizierende zeitgenössischer Yoga-Stile dasselbe Ziel verfolgen wie jene traditioneller Yoga-Wege, muss individuell beurteilt werden. Außer Frage steht der einzigartige Zauber, der allem Östlichen innewohnt und spirituellen Übungssystemen wie Yoga, Tai Chi, Qiqong und der buddhistischen Meditation in Europa und Amerika zu solch großem Erfolg verholfen hat. Yoga UW99 KK NewsAusDerWissenschaft

Globales Erwachen durch einen Megatrend
Yoga sensibilisiert für einen gesunden, nachhaltigen, fairen, ökologischen und gesellschaftlich integren Lebensstil. Der Trendforscher und ‚Karmakonsum’-Gründer Christoph Harrach ist überzeugt, dass Yoga ‚ein Teil eines langfristigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesses ist und zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen wird‘. Zwar gibt es nicht den Yoga-Lebensstil, doch kann durch eine längere regelmäßige Yoga-Praxis ein Prozess der Lebensstiländerung gefördert werden. Hatha-Yoga hat eine Tradition der engen Verknüpfung mit naturheilkundlichem Wissen wie jenem aus dem Ayurveda, sodass eine sattvische, das heißt harmonisch-ausgewogene Ernährung in Yoga-Zentren häufig propagiert wird. Das ethische Prinzip der Gewaltlosigkeit, ahimsa, führt darüber hinaus zu einem stark verbreiteten Vegetarismus unter Yoga-Praktizierenden. Eine ganzheitliche Yoga-Praxis kann die Kompetenz zur Selbstreflexion und gleichzeitig die Willenskraft der Praktizierenden begünstigen. „Dies wiederum kann eine Voraussetzung für das Ändern von Gewohnheiten sein, was sich in verschiedenen Lebensbereichen wie Konsum, Arbeit, Freizeit oder Bildung positiv auswirken kann“, so Harrach. Die Schwerpunktsetzung des modernen Yoga leistet dabei nicht bloß einen wichtigen Beitrag zur Förderung der körperlichen und psychischen Gesundheit. Die ursprünglich im Yoga angestrebte Verwirklichung der Einheit impliziert nach Harrach persönliches, gesellschaftliches und spirituelles Erwachen. Diese Entwicklung läuft prozesshaft. Am Anfang steht ein Gefühl des Mangels und der Getrenntheit. Wenn der spirituelle Aspirant dann seine Yoga-Praxis vertieft, können sich erste spirituelle Erfahrungen zeigen, die sich auch gesellschaftlich auswirken können, beispielsweise durch mehr Mitgefühl und Liebesfähigkeit.
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Erwachen auf vielen Ebenen
Stressbewältigung, Selbstreflexion oder ein verfeinertes Körperbewusstsein können auf der individuellen wie kollektiven spirituellen Reise ebenso erfahren werden wie tiefe meditative Erlebnisse und existenzielle Erkenntnisse. Ein Mensch, der erstmals ein Feingefühl für seinen Körper entwickelt und Lust, Heilung oder Tiefenentspannung spürt, hat eine neue Ebene in seinem Wahrnehmungsspektrum erlangt. Wer lernt, von einem chronisch gestressten zu einem ausgeglichenen Leben zu finden, hat definitiv einen Bewusstseinssprung gemacht. Umgekehrt kann sich ein Mensch, der sich stark mit meditativen Übungen identifiziert, auf Irrwegen verlieren, wenn er ethische Grundlagen außer Acht lässt. Was es bedeutet zu erwachen ist also nicht so leicht zu definieren. Wenn es vor 10, 100 oder 1.000 Jahren bestimmte Prioritäten im Yoga gab, so passte das für die entsprechende Zeit. Eine Wertung von persönlichen und spirituellen Zielen zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten ist so gesehen überflüssig. Was wir heute in einem Yoga-Studio tun, spiegelt die Bedürfnisse der heutigen Zeit wider. Es liegt in unserer eigenen Verantwortung, einen geeigneten Weg zu finden. Die Vergangenheit ist kein strenger Vater mit erhobenem Zeigefinger, der die heutige Yoga-Szene maßregelt.

Tipp zur Vertiefung:
R. Sriram Patanjali: Das Yogasutra: Von der Erkenntnis zur Befreiung. Einführung, Übersetzung und Erläuterung, Theseus, 2006

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