Leben

Alois Payer über begeisterte Freude (pīti), mit der wir den mühsamen Weg der Erlösung meistern können.

Erinnern wir uns an die bisher behandelten Schritte (bojjhaṅga) beim Test der Arbeitshypothese, dass Erlösung vom Leiden eine realisierbare Option ist: Aufmerksamkeit auf den Gegenstand der Beobachtung (sati – Achtsamkeit), klare Formulierung der Arbeitshypothese (dhamamvicaya – klares Erfassen der Lehre), Ausdauer und Energie (viriya – Energie).

Wenn man bald nach Beginn frustriert ist, sind die Aussichten gering, dass man den Versuch des Erlösungswegs bis zum Ende führt. Man braucht Begeisterung für die Sache (pīti – begeisterte Freude).

Die Funktion dieser Begeisterung haben Friedrich Kirchner und Carl Michaelis 1907 treffend zusammengefasst:

„Begeisterung ist die durch lebhafte Erfassung eines neu an uns herantretenden wertvollen Objektes oder bedeutenden Vorganges erzeugte Steigerung unserer Geistestätigkeit. Durch die Begeisterung wird die Einbildungskraft entfesselt, der Verstand geschärft, das Gefühl erwärmt, das Interesse gespannt und der Wille gestärkt.“ (Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907, S. 87)

Freudige Begeisterung ermöglicht uns also, die Wahrheit über die leidvolle Wirklichkeit besser zu erfassen und mit Freude bei dem mühsamen Weg der Erlösung zu bleiben.

Freudige Begeisterung birgt aber auch Gefahren.

Begeisterung kann Selbstbetrug sein.

Für Begeisterung am Weg Buddhas gilt, was Karl Marx 1835 in seiner Abiturarbeit im Fach Deutsch zur Berufswahl geschrieben hat:

„Wir müssen daher ernst prüfen, ob wir wirklich für einen Beruf begeistert sind, ob eine Stimme von innen ihn billigt, oder ob die Begeisterung Täuschung, das, was wir für einen Ruf der Gottheit gehalten, Selbstbetrug gewesen ist. Wie aber vermögen wir dieses zu erkennen, als wenn wir der Quelle der Begeistrung selbst nachspüren?“
(Betrachtungen eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes, 1835)

Buddhistische Begeisterung (pīti) ist mit mystischer Ekstase verwandt und pīti wird gelegentlich auch mit ‚Ekstase’ übersetzt. Doch mystische Ekstase ist – wie viele katholische Mystikerinnen zeigen – oft nichts anderes als eine hormonelle Störung der Gehirntätigkeit, also eher ein Hindernis bei der Erfassung der Wirklichkeit.

Kirchner und Michaelis schreiben deswegen meines Erachtens zu Recht:

„Ekstase (gr. ekstasis), eigentlich das Außersichsein, Veränderung, ist derjenige Grad von Begeisterung, in welchem der Mensch seine Phantasiebilder mit wirklichen Gegenständen verwechselt. Der Schwärmer hört Stimmen, sieht Gestalten, fühlt und schmeckt etwas, von dem nichts in der realen Wirklichkeit ist. In diesen an Wahnsinn grenzenden Zustand wird er durch körperliche Störungen, Nervenüberreizung oder Ausschweifung der Phantasie versetzt.“ (Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907, S. 169)

Im Wortgebrauch von Kirchner und Michaelis könnte man pīti auch mit ‚Entzücken’ übersetzen: „Entzücken ist der höchste Grad der Freude, welcher den Geist gleichsam von der Leiblichkeit befreit. Entzückung oder Verzückung dagegen ist Ekstase).“ (a.a.O., S. 181)

Schon Seneca († 65 n. Chr.) warnt vor allzu großem Vertrauen in Begeisterung:

„Natura enim humanus animus agilis est et pronus ad motus; grata omnis illi excitandi se abstrahendique materia est. – Seinem Wesen nach ist der Mensch rege und leicht zu motivieren; jede Gelegenheit ist ihm willkommen, sich mit Begeisterung einer Sache zu widmen.“ (De tranquillitate animi 2,11)

Denn: „Ignis quo clarior fulsit, citius extinguitur. – Je heller das Feuer scheint, desto leichter erlischt es.“ (Seneca: Ad Marciam de consolatione 23,4)

Aus diesem Grund folgt in den ‚Gliedern der erlösenden Erkenntnis’ auf freudige Begeisterung besonnene Ruhe (pasaddhi).

Begeisterung führt oft auch zu Fanatismus, zum Pauluskomplex (Bekehrungswut), zu sektiererischem Tun, Proselytenmacherei. Wieder sagen Kirchner und Michaelis das Rechte:

„Fanatismus (franz. fanatisme, vom lat. fanum, Tempel, eigtl. Glaubensschwärmerei) heißt die leidenschaftliche Begeisterung für etwas Heiliges (ein religiöses, politisches, soziales, wissenschaftliches System, eine Kunstrichtung), welche den Menschen zur rücksichtslosen Feindschaft und zu Gewalttätigkeiten gegen Andersdenkende hinreißt. Der Gegensatz zum Fanatismus ist der Indifferentismus; zwischen beiden steht die Toleranz.“ (Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907, S. 200)

Eine der in meinen Augen großartigsten Eigenschaften des Buddha Gautama ist, dass er seine Mitmenschen als selbstverantwortliche, mündige Wesen betrachtete. Wurde er zu einem Lebensproblem befragt, nannte er mögliche Alternativen zum Umgang mit diesem Problem. Er war auch nicht der Meinung, dass der Mensch von Natur aus zur Erlösung bestimmt sei. Erlösung ist für Buddha nur eine Option, die man unter bestimmten Umständen wählen kann, jedoch nichts, was man den Mitmenschen aufdrängen müsste. Dies zusammen mit der Sicht der menschlichen Existenz in erdgeschichtlich langen Zeiträumen (Wiedergeburt) ist der Hintergrund buddhistischer Geduld und Toleranz.

Wenn man all diese Einschränkungen beachtet, kann man begeisterungsfroh den Weg der Erlösung weiterzugehen versuchen:

„Begeistert blickt er in die Höh: »Willkommen, herrliche Idee!«“

(Wilhelm Busch: Balduin Bählamm, 1883).

Empfinden wir die Grundgedanken von Buddhas Lehre so entzückend?

Wenn Sie meine bisherigen Beiträge in U&W gelesen haben, fragen Sie vielleicht, warum ich immer so viele Nichtbuddhisten zitiere und so wenig Buddhas Worte. Antwort: Nach seinem Selbstverständnis offenbart Buddha nicht etwas Unzugängliches, sondern lehrt allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten, die er entdeckt hat und die wir selbst entdecken können. Deshalb wäre es höchst verdächtig, wenn wir nicht viele der Einsichten Buddhas auch in unserer eigenen Tradition fänden. Die Lehre Buddhas ist ja nichts Exotisches, sondern zeitlos, allgemeingültig und einsichtig.

Ich beende diese Gedanken zur buddhistischen frohen Begeisterung mit den Worten von Franz Grillparzer:

„Und von heut in ferne Tage
Walte fort, Begeisterung!“

(Weihegesang, 1831).

 

Alois Payer, geb.1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

 

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