Leben
Foto: Robert Ratzer

Die weltweit bekannte Primatenforscherin Jane Goodall gehört zu den größten Umweltschützern unserer Zeit. Ein Interview.


Umweltschutz und die Förderung der Artenvielfalt werden in der heutigen Zeit immer wichtiger. Welches Projekt oder welchen Bereich sehen Sie im Moment als besonders unterstützenswert an?
Ich reise an mehr als 300 Tagen im Jahr um die Welt, um Vorträge zu halten. Ich will die Menschen darauf aufmerksam machen, was für einen Schaden wir in unserer Umwelt angerichtet haben, ich will Bewusstsein für diese Problematik schaffen. Mein wichtigstes Projekt im Moment ist unser Jugendprogramm ‚Roots & Shoots‘, das ich dabei unterstütze, zu wachsen. Das Projekt ist im Jahr 1991 in Tansania mit 12 Schülern gestartet, heute gibt es über 100.000 aktive Gruppen in 140 Ländern, angefangen von Vorschülern bis hin zu Studenten. Meine wichtigste Botschaft ist, dass jeder Einzelne einen Unterschied machen kann, und zwar jeden Tag. Wir haben die Wahl, ob wir etwas verändern oder nicht. Wir müssen uns bei jeder kleinen Entscheidung bewusst sein, welche Auswirkung diese auf unseren Planeten hat. Was kaufen wir? Was essen wir? Welche Kleidung tragen wir? Wie weit ist dieses Produkt schon gereist? War Tierleid, Kinderarbeit oder gar Sklavenarbeit bei der Herstellung des Produkts im Spiel? Wurden die Nahrungsmittel mit Pestiziden und chemischen Düngemitteln angebaut? Und brauchen wir das wirklich? Meiner Meinung nach ist es am wichtigsten, dass sich junge Menschen für den Tierschutz, den Umweltschutz und für soziale Projekte engagieren. Wenn die Jugend ihre Hoffnung verliert, dann gibt es keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Sie reisen seit Jahren um die Welt. Hat sich die Sichtweise der Menschen in Bezug auf die Umwelt geändert?
Langsam verstehen mehr und mehr Menschen, was wir eigentlich mit unserer Natur anrichten. Die Zerstörung der Wälder, die Übersäuerung der Meere, die Umweltverschmutzung, die Landwirtschaft, die ohne chemische Mittel nicht auskommt, die Tierfabriken und die Zunahme von Fleischverzehr, das Bevölkerungswachstum, die absolute Armut vieler Menschen, die dem nicht nachhaltigen Lebensstil des anderen Bevölkerungsteils gegenübersteht. Die Probleme sind so groß, dass viele Menschen, selbst wenn sie es gern würden, nichts dagegen unternehmen, weil sie das Gefühl haben, dass sie als Einzelperson nichts ausrichten können. Sie werden apathisch, deprimiert und wütend. Daher ist meine wichtigste Botschaft, dass jeder Einzelne jeden Tag einen Unterschied machen kann. Wir haben die Wahl, welchen Fußabdruck wir hinterlassen. Wir haben die Möglichkeit, Tausende, Millionen, Billionen ethischer Entscheidungen zu treffen, und genau diese Entscheidungen werden den dringend notwendigen Wandel bringen.

Wie können wir unseren Kindern vermitteln, wie wichtig Umweltschutz ist?
Traurigerweise wachsen die Kinder heute in einer materialistischen und technisierten Welt auf. Sie spüren oft keine Verbindung zur Natur und bewegen sich ständig in der virtuellen Welt mit Videospielen und ‚Social Media‘. Ich glaube, das ist ein echtes Desaster, denn der Kontakt zur Natur ist für die gesunde Entwicklung eines jeden Kindes notwendig. Ein wichtiges Ziel meines Programms ‚Roots & Shoots‘ ist es deshalb, vermehrt mit sehr jungen Kindern zu arbeiten. Vorschulkinder und Kindergartenkinder haben noch eine natürliche Verbindung mit der Natur. Sie spielen gerne im Freien und stecken ihre Hände gerne in die Erde. Sie sind sehr wissbegierig und wollen zum Beispiel alles über Pflanzen oder Regenwürmer wissen. Wenn Kinder diese Verbindung zur Natur haben, ist es einfacher, sie später für den aktiven Umweltschutz zu gewinnen.JaneGoodall Copyright Martin Langhorst

Wie ist die momentane Lage der Schimpansen in freier Wildbahn?
Schimpansen sind eine stark bedrohte Tierart. Es könnte sein, dass es nur noch um die 150.000 frei lebende Schimpansen gibt – aufgeteilt auf 21 afrikanische Länder. Viele dieser Schimpansen leben in kleinen, isolierten Gemeinschaften in dem, was von den tropischen Regenwäldern übrig geblieben ist. In diesen Schimpansengruppen wird Inzucht zu einem immer größeren Problem, deshalb ist die Zukunft der Tiere leider sehr ungewiss. Das Jane Goodall Institut arbeitet mit den Menschen, die in nächster Nähe zu den Schimpansen leben, zusammen. Diese Menschen leben oft in bitterer Armut. Wir helfen ihnen, sich aus der Armut zu befreien, und sie helfen dann uns, die Schimpansen zu erhalten. Eines unserer großen Ziele ist es, einzelne isolierte Regenwaldabschnitte wieder durch Korridore zu verbinden. Diese Waldkorridore sollen es den Schimpansen und auch anderen Tieren ermöglichen, sicher von einem Ort zum nächsten zu gelangen und dadurch Inzucht zu vermeiden.

Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Auf alle Fälle glaube ich, dass es eine spirituelle Kraft gibt, die größer ist als wir selbst. Aus dieser Kraft ziehe ich meine Stärke, wenn ich erschöpft oder deprimiert bin.
Sie feierten Anfang des Jahres Ihren 82. Geburtstag. Herzliche Gratulation! Was sind Ihre Wünsche für die kommenden Jahre?
Goodall: Ich wünsche mir, mich weiterhin bester Gesundheit zu erfreuen, damit ich meine Reisen um die Welt fortsetzen kann, um weiter auf die Umweltzerstörung aufmerksam zu machen. Ich möchte, dass ‚Roots & Shoots‘ weiter wächst. Und sollte ich einmal aus irgendeinem Grund nicht mehr reisen können, so hoffe ich, dass mein Geist funktionstüchtig bleibt, damit ich Bücher und Artikel verfassen kann.

Jane Goodall, geboren 1934. Sie wurde als Primatenforscherin bekannt und setzt sich heute unermüdlich für den Umweltschutz ein. Sie ist auch Autorin zahlreicher Bücher. www.janegoodall.org
 
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Foto © Martin Langhorst 

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