Leben

Was geschieht eigentlich, wenn wir uns hinsetzen und meditieren? Sicher ist das individuell sehr verschieden und jede Meditation wird anders sein. Dennoch gibt es bei den meisten Übenden wiederkehrende Erlebnisse, Hindernisse und Ergebnisse. Ein fiktiver Meditationsbericht.

Die Klangschale ist erklungen, ich habe meinen gewohnten Sitz eingenommen, die Beine am Boden, der Rücken aufrecht. Ich bewege mich noch einmal leicht vor und zurück, dann versuche ich stillzusitzen. Ich sitze nicht zum ersten Mal und spüre eine leichte freudige Erwartung auf die innere Ruhe, das Abschalten, das Eintauchen in eine friedlichere Welt.
Ich erinnere mich an die anfänglichen Stufen, die mir mein Lehrer empfohlen hat: Ich nehme mir vor, mich in dieser Zeit nicht mit den alltäglichen Wünschen und Gedanken zu beschäftigen. Ich versuche, meine Achtsamkeit einzuladen und zu spüren, ich richte meine Achtsamkeit auf den Atem, ich versuche, den Atem so zu lassen, wie er ist, ich versuche, beim Atem zu bleiben. Plötzlich merke ich, dass ich überlege, ob ich jetzt nicht eine der anderen Methoden probieren sollte, es gibt ja eine reiche Auswahl davon. Vielleicht sollte ich mit Aufmerksamkeit durch den Körper wandern oder die Gefühle beobachten, vielleicht sollte ich besser mit liebevoller Güte beginnen oder die Gedanken beobachten, doch ich könnte auch über ein bestimmtes Thema weise reflektieren. Dann ärgere ich mich ein wenig, dass ich anfange zu denken und zu planen, und beschließe, zum Atem zurückzukehren.


Kaum habe ich einige Atemzüge gespürt, schweift mein Geist wieder ab. Diesmal sind es alltägliche Gedanken. Ich überlege, was jemand zu mir gesagt hat, was ich noch erledigen wollte, ob ich später einen Spaziergang machen werde. Ich merke das ziemlich schnell und kehre wieder zum Atem zurück. Der Atem ist mein Freund, doch jetzt ist mein Geist unruhig und wandert herum. Ich sage mir leise: „Ein ... aus." Das hilft ein wenig dabeizubleiben. Irgendwann merke ich, dass ich nur noch die Worte sage und nicht mehr beim Atem bin. Wo bin ich denn die ganze Zeit? Ach, da ist diese Fliege im Raum, die mich ablenkt, dann ist mir wieder kalt, dann stört mich das laute Atmen einer Meditierenden neben mir. Meine Aufmerksamkeit wird ständig von anderen Ereignissen angezogen. Ich erinnere mich, dass der Lehrer sagte, das sei normal, ich solle mich darüber nicht ärgern, nicht einmal wundern. Aber es ärgert mich doch ein wenig, Das ging doch schon mal besser! Ich versuche nun, jeden Atemzug in seiner ganzen Entwicklung zu betrachten, von Anfang über die Mitte bis zum Ende, dann ist da eine Pause. Ich versuche, mich nicht einzumischen und den Atem kommen zu lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch ein wenig den Atem beeinflusse. Ich versuche, das Abschweifen zu akzeptieren. Tatsächlich wird es jetzt etwas ruhiger, die Gedanken werden feiner. Ich merke das auch daran, dass sich mein Körper in der sitzenden Position leichter anfühlt, angenehmer. Kaum habe ich den Körper wahrgenommen, merke ich, dass da auch unangenehme Empfindungen sind. Ich erinnere mich an die Belehrung über das zweite Gebiet der Achtsamkeit, die Betrachtung der Empfindungen, die angenehm, unangenehm oder neutral sind. Die ersten beiden habe ich eben bemerkt. Mein Lehrer sagt, nicht die Empfindungen sind das Problem, sondern unsere Reaktion darauf, unser Wollen oder Ablehnen.

 

Das Unangenehme zeigt sich in einem Schmerz im Rücken. Ich versuche, ihn nicht abzulehnen. Das ist schwierig. Ich merke, dass ich die aufkommende Ruhe dazu verwenden möchte, den Schmerz zu vertreiben. Das geht nur bis zu einem gewissen Grad. Immer, wenn ich denke, dass ich ihn besiegt habe, meldet er sich wieder verstärkt. Ja, ich weiß, dass es so nicht funktioniert. Also nochmals versuchen zu akzeptieren, vielleicht sogar umarmen, wie ein bekannter Zen-Lehrer sagt. Den Schmerz umarmen, den Schmerz lieben? Ich versuche lieber, wieder zum Atem zurückzukehren, den Schmerz zu ignorieren. Manchmal denke ich, ich könnte so gut meditieren, wenn nicht diese unangenehmen Empfindungen wären – und diese Fliege da im Raum. Sollte ich die Fliege auch umarmen? Ja, aber dann so, dass sie keine Luft mehr bekommt. Nun, das ist aber kein heilsamer Gedanke und wenigstens die wollte ich sein lassen. Ich sage innerlich „Stop!" und das funktioniert. Die Fliege kann ja schließlich nichts dafür, so ist ihr Leben. Nun atme ich und bin zugleich beim Schmerz. Ich merke, dass er mich nicht stört, beim Atem zu bleiben, daher brauche ich auch nicht mehr zu kämpfen. Das geht nur, wenn ich den Atem nicht an einer bestimmten Körperstelle betrachte, sondern den Atem im ganzen Körper wahrnehme. Ich erinnere mich, dass mein Lehrer sagte, ich könne laut Anweisung des Buddha den Atem beobachten oder mich mit dem Atem verbinden. Meistens beobachte ich. Weil mir das gerade jetzt einfällt, versuche ich, mich mit dem Atem zu verbinden. Das fühlt sich gut an. Mir kommt es vor, als sei der Atem eine Welle und ich lasse mich auf dieser Welle treiben. Ich brauche gar nichts zu tun.
Ich komme in den Fluss des Atems, in den Fluss des Lebens. Mein Körper entspannt sich und mein Geist wird auch ruhiger. Da sind noch hin und wieder Gedanken, aber sehr fein, sie haben kaum Bedeutung. Manchmal haben sie allerdings schon etwas zu sagen, wie gerade jetzt, da mir klar wird, dass ich nun den Atem nicht mehr kontrolliere. Ich kann mich ganz dem Augenblick anvertrauen.


Ein noch wärmeres, leichteres körperliches Gefühl steigt hoch. Alle körperlichen Schmerzen verblassen vor diesem Gefühl, haben sich irgendwo im Hintergrund bequem niedergelassen. Ich bin mir bewusst, dass es diese Art von Gefühlen ist, die ich in der Meditation suche, Glücksgefühle, die unabhängig sind von sinnlichen Erfahrungen. Manchmal kommt ein Gedanke angetrieben, doch wie von selbst geht meine Achtsamkeit zum Körpergefühl zurück. Der Atem ist sehr leicht geworden, kaum mehr zu bemerken. Ich weiß, jetzt kann sich eine Tür zu einem noch viel intensiveren Erleben öffnen. Die ersten Lichterscheinungen tauchen auf, Blitze, Kreise, Wolken, manchmal tiefblau, dann einfach nur hell und licht. Dann breitet sich langsam eine innere Sonne aus, zieht sich wieder zusammen, breitet sich aus. Doch nun merke ich, dass mit diesem Erleben ein neuer Impuls gekommen ist. Immer, wenn das Geschehen intensiver und das innere Licht ruhiger wird, verlangt man Geist danach, will mehr. Ich kann das (noch) nicht abstellen, aber ich merke, dass dieser Impuls die Intensität sofort verringert, manchmal einen ablenkenden Gedanken hervorbringt. Ich erinnere mich, dass ein Lehrer sagte, der Weg in die Vertiefungen ginge nur durch Loslassen. Ich bin sicher, dass das stimmt. Aber wie kann ich nach Stille streben und zugleich loslassen? Es ist gar nicht so schwierig. Wenn ich merke, dass ich nach dem Gefühl greife, dann kann ich das Greifen lassen. Daraufhin kann ich leicht bei dem Wohlgefühl bleiben, das mehr und mehr den Körper durchdringt. Ich merke die Freude in mir über dieses leichte Verweilen.


Der Gong ertönt zweimal, die gemeinsame Zeit des Sitzens ist vorbei. Ich überlege, ob ich einfach noch länger so sitzen bleibe. Ich denke, dass noch viele Sitzungen kommen werden, und beschließe, doch aufzuhören. Zuvor versuche ich noch einmal ganz bewusst zu erkennen, was gerade da ist. Wohlbefinden, Freude, Weichheit, fast so etwas wie freudige Trauer. Und dann erlebe ich einige Momente jenseits von Worten und Konzepten, dieses unglaubliche Kommen und Gehen erlebe ich, erlebe, dass es wirklich nichts gibt, was fest oder sicher oder bestimmbar oder bleibend ist. Ehe mich diese Einsicht zu sehr erfasst und erschüttert, wird es unruhig im Raum, etwas wird gesprochen und ich beschließe, wieder in die ‚sichere' Welt zurückzukehren.
Ich strecke meine Beine und ich weiß glücklich und voll Vertrauen, dass ich auf dem Weg bin. Ein Hauch von Freiheit weht durch den Raum. Wie sagte ein Lehrer: „Die Vergänglichkeit ist dein bester Freund."
Ich bedauere es nicht, mit der Meditation aufgehört zu haben, denn ich weiß, dass es nun darauf ankommt, diese Einsicht in mein Leben hineinwirken zu lassen.

 
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Kommentare   

# Werner Bisle 2016-04-26 11:35
Glück ist immer Körperglück (Michel Houellebecq) oder Glücksgefühle speisen sich (ausschließlich) aus Sinneserfahrungen. Auch ‚Denkglück‘ ist im buddhistischen Kontext Sinneserfahrung, nämlich Aktivität des Denksinns. Was meint der Autor wohl mit dem Satz ‚Glücksgefühle, die unabhängig sind von sinnlicher Erfahrung‘? Das riecht stark nach metaphysischem Konstrukt. Solche Konstrukte sind Vorstellungen, die wir im virtuellen Raum unseres Denkens kreieren. Götter, Teufel, unsterbliche Seelen und so weiter, aller Blödsinn (blöde Sinnlichkeit), jede Art von Sinn und Unsinn ist hier zu finden. Der Fantasie des Denkens sind keine Grenzen gesetzt. Also, spannende Frage an den Autor, was ist das Konstrukt hinter ‚...unabhängig von sinnlicher Erfahrung‘? Welches Organ, wenn es schon kein Sinnesorgan ist, vermittelt hier die Glücksgefühle?
Mit freundlichen Grüßen
Werner Bisle
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# Paul Köppler 2016-04-26 11:35
Sehr geehrter Herr Bisle,
Meiner Erfahrung nach steckt die Lehre des Buddha dahinter. Die auf dem Weg zur Reinigung des Geistes und das Leid auflösenden hilfreichen ‚Vertiefungen‘ (Jhanas) werden so beschrieben, dass sie von Freude, Glück oder Gleichmut erfüllt sind, die jedoch nicht durch sinnliche Erfahrungen ausgelöst werden, eben unabhängig davon. Es ist der gesammelte und gefügige Geist, der das ermöglicht.
Alle Lehren sind natürlich ‚Konstrukte‘, denn sie beschreiben etwas, was nicht die Erfahrung ist, sondern geben Anleitungen zum Weg dahin. Jeder hat die Möglichkeit, das sofort abzulehnen, als Blödsinn zu bezeichnen. Wissen kann man es nur, wenn man dem Weg folgt und eigene Erfahrungen macht. Meine eigene Erfahrung hat mir das ‚Konstrukt‘ des Buddha bestätigt.
In diesem Geist des Menschen steckt das ganze Universum, sagt der Buddha. Vom Geist geht alles aus. In diesem Sinne vertraue ich den Worten des Buddha mehr als einem zeitgenössischen Schriftsteller.
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# Petra Terinde 2016-11-07 11:21
Ganz wunderbar beschrieben.
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# Christian Zepke 2016-11-07 11:21
“...Ich erinnere mich an die Belehrung über das zweite Gebiet der Achtsamkeit, die Betrachtung der Empfindungen, die angenehm, unangenehm oder neutral sind. Die ersten beiden habe ich eben bemerkt. Mein Lehrer sagt, nicht die Empfindungen sind das Problem, sondern unsere Reaktion darauf, unser Wollen oder Ablehnen...“
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# Linda Köhler 2016-11-07 11:23
Ich freue mich darauf, das zu erfahren, was im zweiten Abschnitt dieser Beschreibung passiert.
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