Leben

"Was benötigt ein Kind für eine glückliche Kindheit?", diese und weitere Fragen stellten wir der Diplom-Psychologin und Verhaltenstherapeutin Annette Kast-Zahn. Sie spricht über Kindererziehung und was man beachten muss, damit Kinder rundum glücklich und zufrieden aufwachsen können.

Was benötigt ein Kind, um eine gesunde und glückliche Kindheit zu haben?
In dieser Frage steckt schon die ganze Essenz drinnen. Es braucht ganz viel Liebe, Nähe und Zuwendung. Es braucht jemanden, der es liebevoll umsorgt und ihm seine Bedürfnisse erfüllt. Es braucht die Gelegenheit zu lernen und sich auszuprobieren. Es braucht das Wissen, dass es nicht alleine auf der Welt ist und es auch noch andere Menschen gibt. Es braucht eine Umgebung, in der es viel entdecken kann, aber es braucht auch Schutz, Geborgenheit und Sicherheit. Das scheinen mir die wichtigsten Dinge.

Hat sich ‚Kind sein' im Vergleich zu früher verändert?
Die Umgebung hat sich sicherlich verändert. Meine Kindheit sah natürlich ganz anders aus als die Kindheit von heute. Früher sind Kinder sicher robuster gewesen. Wir haben draußen gespielt und es gab weniger Erziehung. Es gab mehr Zeit, da der Unterricht nicht so lange dauerte, und viel, viel weniger Medienkonsum. Trotzdem sind Kinder nach wie vor Kinder, die die gleichen Bedürfnisse haben.

Haben Handy und Computer großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern?
Ja, nicht nur das Lernen, wie man mit dem Computer umgeht, sondern überhaupt die gesamte Erziehung ist heute zum großen Teil Medienerziehung. Eltern haben ein großes Problem damit, ihre Kinder einzuschränken. Es gibt zwar nach wie vor die organisierte Bewegung bei Tennisstunden oder im Sportverein, aber das einfache Nach-draußen-Gehen und Spielen ist fast verloren gegangen. Das einfache Fußballspielen und Fahrradfahren ist abhandengekommen. Bei Jungen übrigens noch viel stärker als bei Mädchen. Die Medien sind ja nicht per se schädlich. Sie ermöglichen sogar gute Sachen, aber sie sind einfach totale Zeitfresser und machen Erziehung deutlich komplizierter. Das merken wir ja schon an uns selber, wie schnell eine Stunde vor dem Fernseher vergeht.

Wie lange sollten Kinder jeden Tag Medien konsumieren dürfen?
Das hängt hauptsächlich vom Alter ab und natürlich, ob Ferien sind oder Schule ist. Die alte Faustregel von einer Stunde am Tag kumulierte Medienbenutzung, glaube ich, ist heute nicht mehr durchsetzbar. Man kann nur schauen, dass die Kinder nicht schon mit neun Jahren ein eigenes Smartphone haben und mit zehn einen eigenen Fernseher im Zimmer, weil es dann fast nicht mehr möglich ist, ihnen das wieder wegzunehmen.

Wie sieht es mit dem Gruppendruck aus, dem die Kinder ausgesetzt sind? Wer nicht das neueste Smartphone hat, wird oft sofort ausgegrenzt.
Gruppendruck hat es immer schon gegeben und das ist in Grenzen sicher auch in Ordnung. Sonst kann man seinem 12-jährigen Kind gleich Kriegsspiele ab 18 erlauben. Das dürfen laut Aussagen von Kindern ja auch immer alle anderen.

Wie viel Mutter braucht ein Kind eigentlich?
Das kann man pauschal gar nicht sagen. In verschiedenen Kulturen wird das ganz anders geregelt. In Frankreich sind arbeitende Mütter seit Jahrzehnten bekannt. Die Betreuung, die bei uns gerade erst im Entstehen ist, ist dort seit Jahren etabliert. Es ist einfach sehr wichtig, dass eine gute Betreuung für das Kind vorhanden ist. Wenn eine Mutter gerne zu Hause bleibt (oder der Vater) und sich das finanziell ausgeht, ist das natürlich ideal. Wenn eine Mutter aus finanziellen oder persönlichen Gründen arbeiten geht, ist das natürlich bei einer guten Betreuung auch völlig in Ordnung. Eltern sollen sich bloß nicht für ihre Kinder aufopfern; da kommt meistens nie etwas Gutes heraus. Jede Frau, jeder Mann, jede Familie muss für sich das passende Lebensmodell finden.

Haben die veränderten Familienverhältnisse Auswirkungen auf die Kinder?
An sich müsste das der Fall sein, ich kann das in meiner Praxis jedoch nicht nachvollziehen.

Als wie wichtig sehen Sie die Sozialisation von Kindern an?
Wenn Kinder früh in den Kindergarten kommen, ist das gerade bei Einzelkindern zu begrüßen. Das Kind lernt, sich unter anderen Kindern zu behaupten, miteinander zu spielen und Konflikte auszutragen. Dies ist sicherlich ganz wichtig und gehört zum Aufwachsen einfach dazu. Gerade bei Einzelkindern, wo die Eltern schon etwas älter sind und die Großeltern noch älter, kreisen dann sechs Erwachsene um das eine Kind. So eine Situation ist sicherlich nicht förderlich für das Kind. Besser ist es, wenn Kinder erkennen, dass sie eines von vielen gleichen Kindern sind. Überbehütung ist sicherlich nicht gut für die Entwicklung des Kindes. Man darf das Leben nicht von Kindern fernhalten. Sie müssen Probleme erfahren und deren Überwindung lernen. Nur so kann man Widerstandskraft und Kompetenz entwickeln. Ich sehe in der Praxis neuerdings Kinder, die kaum Grenzen haben, denen jeder Wunsch erfüllt wird, und wenn sie dann in die Schule kommen, sind die Kinder nicht an Regeln gewöhnt. Das Gefühl durchzuhalten, wenn etwas keinen Spaß macht, kennen sie nicht. Frusterlebnisse, wie einmal kein Eis zu bekommen oder auf ein Geschenk warten zu müssen, sind ein wichtiger Bestandteil der Erziehung.

Was hat einen stärkeren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, die Genetik oder die Sozialisation?
Diese beiden Punkte sind nicht gegeneinander abzuwägen. Kinder kommen mit unterschiedlichen genetischen Voraussetzungen auf die Welt: extrovertiert oder introvertiert, spontan oder abwartend. In welche Richtung sich das Kind dann aber entwickelt, hängt natürlich ganz stark von der Erziehung ab. Kindergarten, Schule, Freunde und Eltern haben einen riesigen Einfluss auf das Kind.

Die Entwicklung eines Kindes verläuft sehr unterschiedlich. Gibt es da Veränderungen?
Gerade im Baby- und Kleinkindalter ist es wirklich wichtig, dass man das Kind so annimmt, wie es ist, und nicht vergleicht, was kann mein Kind und wie weit sind die anderen. Die Unterschiede in den ersten sechs Lebensjahren sind extrem groß und hier kann man keine allgemeinen Aussagen machen. Was ich beobachte, ist, dass die Jugendzeit mittlerweile deutlich früher einsetzt. Aber wie gesagt, man kann das nicht verallgemeinern, sondern alle Kinder sind unterschiedlich in ihrer Entwicklung.

Wie wichtig sind Regeln und Grenzen bei der Kindererziehung?
Ich finde das sehr wichtig. Nur so können sie sehen, dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben. Wenn sie keine Grenzen haben, glauben sie erstens, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind, und zweitens lernen sie nicht, mit Frust umzugehen. Drittens sind Kinder auch noch nicht so weit, dass sie selber abschätzen können, was gut für sie ist und was nicht. Wir müssen entscheiden, was gut für unsere Kinder ist, und dürfen diese Entscheidung nicht unseren Kindern überlassen.

Muten wir den Kindern mittlerweile zu viel zu?
Das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne kaum Kinder, die in zu vielen Englischkursen und Chinesischkursen sitzen, sondern hauptsächlich Kinder, die unterfordert sind. Die Kinder gehen nicht nach draußen oder spielen in der Wohnung mit Freunden, sondern hängen einfach nur vor den elektronischen Geräten herum. Was ich aber schon sehe, ist, dass Schulkinder oft mit der Ganztagesbetreuung nicht gut umgehen können. Das liegt aber meistens an der Qualität der Stätten beziehungsweise der Betreuung und nicht an der Betreuung an sich. Allgemein gilt: Kinder wollen etwas lernen und wollen auch gefördert werden. Man kann von Kindern etwas verlangen und viele haben Spaß daran.

Was kann man unter Ihrem Motto „Gib den Kindern, was sie brauchen, und nicht alles, was sie wollen" verstehen?
Damit meine ich, dass es ganz wichtig ist, auf die Bedürfnisse eines Kindes einzugehen, etwa Liebe, Nähe, Zuwendung, freie Entwicklung sowie Rücksichtnahme auf das Kind. Jedoch nicht alles, was ein Kind will, braucht es auch. Dort müssen dann die Eltern einschreiten. Das ist die eigentliche Gratwanderung bei der Erziehung. 

Annette Kast-Zahn, geboren 1956, ist Diplom-Psychologin, ausgebildete Verhaltenstherapeutin und Autorin. Sie arbeitete zunächst in einem Heim für verhaltensauffällige Kinder und danach fünf Jahre lang in einer kinderpsychologischen Praxis. Seit 1991 ist die Mutter von drei Kindern in eigener Praxis als Therapeutin von Eltern und Kindern tätig.
 
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