Leben

Der Ärger ist vielfach schon fast eine alltägliche Grundstimmung in Schule, Wirtschaft und Politik geworden. Gelegentlich wird der Ärger als offene Wut geäußert, oft aber nur stillschweigend hinuntergeschluckt, mit allen psychischen Folgen.

In einer frühen Lehrdichtung (Sutta-Nipata § 867) sagt der Buddha: Die Ursache von Ärger ist das Unterscheiden zwischen erwünscht und unerwünscht. Der Ärger beruht also auf einem Gedanken, einem Vor-Urteil und ist so letztlich ein geistiges Phänomen. Nicht ein Erlebnis lässt Ärger entstehen, erst der Gedanke, der darauf reagiert. Diese Reaktion aber kann man durch Achtsamkeit verändern und so den Ärger mindern oder ganz vermeiden. Doch diese Erkenntnis ist keineswegs ausreichend und erklärt nicht die Zunahme des Phänomens ‚Ärger' in der Gesellschaft. Die alltäglichen Umstände erlauben es vielen Menschen gar nicht, die tieferen Ursachen ihres oft unterdrückten Grolls und Zorns zu erkennen. Das Mitgefühl als universelles Gegengift gegen alle menschlichen Fehlentwicklungen verlangt hier eine tiefergehende Betrachtung des Ärgers.

Der Ärger als ein häufiger Geisteszustand ist heute ein alltägliches Massenphänomen. Das Wort ‚Ärger' taucht dennoch erst im 18. Jahrhundert in der deutschen Sprache als Hauptwort auf. Es stammt ab von dem Adjektiv ‚arg' (althochdeutsch: ergh), das so viel wie ‚heftig erregt sein, beben' bedeutet. Man sieht förmlich einen Menschen vor sich, der ohne Mitte von den Ereignissen des Alltags hin- und hergeworfen wird, der keine Ruhe findet und in seiner Reaktion nicht zu einem klaren Urteil über die eigene Situation gelangt. Es ist kein Zufall, dass dieser Zustand gerade im 18. Jahrhundert zu dem festen Begriff ‚Ärger' geworden ist. In diesem und den nachfolgenden Jahrhunderten hat sich der moderne Kapitalismus durchgesetzt. Immer mehr Menschen wurden von einer dörflich-bäuerlichen Existenz in die Hektik der Städte, der Manufakturen und Fabriken als neuer Lebenswelt geworfen. Zwar ist auch das ländliche Leben beispielsweise den Zufällen des Wetters ausgeliefert. Doch insgesamt sind die Umstände eher regelmäßig und wenig überraschend – viele würden sagen ‚langweilig'. Die Arbeit für Lohn im modernen Kapitalismus ist dagegen auf den Markt und seine unvorhersehbaren Schwankungen angewiesen. Das Leben verläuft im Rhythmus der Konjunktur, der teils überraschenden Reaktionen der Politik und immer längeren Phasen der Ungewissheit darüber, wie sich das eigene Leben weiterentwickelt. Tägliche Änderungen bei Produkten und Moden lassen alle Entscheidungen unsicher werden und geben vielfältigen Anlass für allerlei Ärger. Unser Leben wird versklavt vom Rhythmus des Geldes, der Finanzmärkte und all den davon ausgehenden Krisen. Auch wenn in Zentraleuropa noch die meisten Menschen einen Job finden – allein die täglichen Nachrichten, dass in Griechenland, Spanien oder auch in England die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahl der Obdachlosen rapide zunimmt, dass Kriegstreiber in West und Ost wieder mit Waffen spielen – all dies verunsichert die Menschen zutiefst und in steigendem Maße.

 

Der Ärger beruht also auf einem Gedanken, einem Vor-Urteil und ist so letztlich ein geistiges Phänomen.

 

Es scheint also eine durchaus ‚normale' Reaktion zu sein, sich über viele Dinge zu ärgern: den unbefriedigenden Job (falls man überhaupt einen hat), die nicht weniger gestresste Familie, die leeren Phrasen der Politik oder die Allgegenwart der Lüge in den Medien. Das führt zu einem unterdrückten Ärger, der sich auch als Krankheit verfestigen kann, sofern man ihn ‚in sich hineinfrisst'. Gelegentlich bricht der Ärger aber auch hervor und wird zum Zorn, zum Wutanfall, ja zum Gewaltausbruch. Papst Franziskus zeigt in seiner neuen Enzyklika Evangelii Gaudium auf die eigentliche Ursache: „Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist." Es gibt also tiefe soziale Ursachen, die immer wieder Ärger, Zorn bis hin zum gewaltsamen Ausbruch veranlassen.

Aus der Perspektive der buddhistischen Ethik würde man dem Papst ganz sicher zustimmen, dass die Ursachen einer Entwicklung, die Menschen durch ‚Sachzwänge' auf den Wogen wirtschaftlicher Wellenbewegungen hin- und herwerfen, in der tiefen Ungerechtigkeit des Geldsystems zu suchen sind. Wollte man in einem kurzschlüssigen Argument sagen, dass die ärgerliche Reaktion auf solche Umstände letztlich durch ein Geistestraining beherrscht werden könne, so ist das ebenso wahr wie fast zynisch. Viele Menschen haben ganz einfach nicht die Zeit oder Möglichkeit, durch Meditation oder die Hilfe von buddhistischen Lehrern ihren Ärger als ein geistiges Phänomen erkennen und so beherrschen zu lernen.
Die Erkenntnis, dass Ärger, Wut bis zu Hass und Gewalt letztlich nur eine Reaktion auf Erfahrungen sind, dass keine Situation an sich ‚ärgerlich' ist, sondern erst durch die Interpretation der Menschen, die sich darin befinden, als ärgerlich gedeutet wird – das kann aus einer mitfühlenden Perspektive nie schon die Antwort sein. Wir müssen hier tiefer blicken. Bei aller Bewunderung für die neue Enzyklika von Papst Franziskus würde ich doch aus einer buddhistischen Perspektive nicht dem Gedanken zustimmen, dass im Kapitalismus – wie er sagt – die ‚ungerechten Gesellschaftsstrukturen das kristallisierte Böse' sind. Es gibt nicht ‚das Böse'. Es gibt nur falsche Gedanken, die – privat oder gesellschaftlich – ausgeführt, Leiden nach sich ziehen. Wenn das Böse eine Selbstnatur hätte, dann wäre der Ärger auf ewig als Schicksal festgeschrieben. Doch die ungerechte Gesellschaft ist kein Naturding, sie wird aus Gedanken aufgebaut – leider aus weitgehend falschen Gedanken der Politiker und Ökonomen. Sie behaupten, den Menschen einen Gefallen zu tun, wenn sie aus dem Geist eines einseitigen Liberalismus erstens im Einzelnen alle Verantwortung erblicken und zweitens dieses Individuum in seiner ‚Freiheit' allein lassen. Darin liegt der irrende Gedanke, das Ich, nicht die Gemeinschaft und die gegenseitige Abhängigkeit sei in der Gesellschaft die eigentliche Grundlage.

 

Die in Medien permanent geschürte Angst vor allerlei Gefahren erzeugt diese Reaktion als endloses Programm: Man sucht Schuldige, über die man sich dann ärgern kann.

 

Die Wurzel der ungerechten Gesellschaft sind jene Gedanken, die sie hervorbringen. Die drei Geistesgifte (Gier, Hass, Ich-Verblendung), in der buddhistischen Analyse die Quelle aller Übel, haben nicht nur eine private Form. Sie verwirren nicht nur das Individuum, sondern sind im Geld, im Profitstreben, in der Konkurrenz bis hin zum Krieg längst selbst soziale Institutionen geworden. Insofern ist die Quelle der Ungerechtigkeit, die vielfachen Ärger bei Menschen erzeugt, nicht ‚das' Böse, sondern eine Folge von irrenden Gedanken.
Ein wichtiger Punkt kommt aber hinzu: Der Ärger gilt als Normalität und wird sogar immer wieder vorgeführt: In zahllosen Filmen, in den Medien, in Talkshows, in Internetforen wird eine ärgerliche Reaktion zum alltäglichen Modell für das Verhalten. Zornige Eltern, Polizisten, schimpfende Politiker oder Prominente füllen die Fernsehsendungen und andere Medien. Sie machen vor, wie man auf unangenehme Situationen reagiert: blind, wütend, ärgerlich. Fast nie ist eine kluge Reaktion zu sehen, etwa die ruhige Analyse der Situation, das Zusammengehen von Menschen, um als Gruppe etwas zu erreichen, anstatt jeweils vereinzelt sich seinem Ärger zu ergeben.
Die englische Zeitung ‚The Guardian' stellte in einer Ausgabe an seine Leser die Frage, weshalb Jugendliche, die arbeitslos sind oder mit hohen Schulden schon nach dem Studium einer ungewissen Zukunft entgegensehen, nicht – wie noch vor wenigen Jahren – randalieren und auf die Straße gehen. Besonders die Antwort eines jungen Lesers war hier sehr erhellend: „Alle Mittel des Zusammenhalts von Gruppen, der charakteristisch für frühere Generationen war, haben aufgehört zu existieren. Es gibt keine linke Partei mehr. Es gibt keine Gewerkschaften mehr. Es gibt keinen erkennbaren Weg für eine nachhaltige Änderung. Es gibt aber allen Grund zu glauben, dass der gegenwärtige Zustand jegliche Art der Veränderung ausschließt." Dies ist der Ausdruck einer Verzweiflung, in der sich der alltägliche Ärger gegen die eigene Person kehrt, sie in eine Vereinsamung stößt und letztlich in Verzweiflung mündet.

Die in Medien permanent geschürte Angst vor allerlei Gefahren erzeugt diese Reaktion als endloses Programm: Man sucht Schuldige, über die man sich dann ärgern kann.

Was erhellt aus diesen Beobachtungen? Solange der Ärger nur individuell wahrgenommen wird, gleich, ob er sich als Wut oder Gewalt entlädt oder ob er sich resignativ umkehrt in stille Tatenlosigkeit, solange kann die Wurzel einer ungerechten Gesellschaft weder erkannt noch verändert werden. Es bleibt richtig: Der Ärger in der Gesellschaft hat eine geistige Wurzel. Doch diese Wurzel ist keineswegs nur eine individuelle, rein psychologische. Es sind öffentliche, gesellschaftliche Denkformen und Reaktionsweisen, die durch ein alltägliches Bombardement in den Medien zementiert werden. Ein geübter Praktizierender des Buddhismus mag wie eine gute Christin dagegen gefeit sein und das täglich erzeugte Gift des Sich-ärgern-Müssens nicht in das eigene Bewusstsein hereinlassen. Man kann aber nicht erwarten, dass diese individuelle Lösungsmethode für alle Menschen funktioniert. Hier kommt das Mitgefühl, hier kommt der sozial engagierte Buddhismus ins Spiel. Die buddhistische Wirtschaftsethik besteht aus zwei Bausteinen: erstens aus einer kritischen Analyse all der Denkformen, die wirtschaftliches und ökologisches Leiden erzeugen, zweitens aus der Zusammenarbeit mit anderen ethischen oder spirituellen Traditionen zur Minderung von Leiden jeder Art.

 

Die buddhistische Wirtschaftsethik besteht aus zwei Bausteinen: erstens aus einer kritischen Analyse all der Denkformen, die wirtschaftliches und ökologisches Leiden erzeugen, zweitens aus der Zusammenarbeit mit anderen ethischen oder spirituellen Traditionen zur Minderung von Leiden jeder Art.

 

Die Wurzeln einer Gesellschaft, die Menschen immer mehr in eine alltägliche Ungewissheit wirft – übrigens auch die Reichen, die täglich um ihren Reichtum bangen –, sind keine böse Natur, kein böser Teufel, der mit Arglist die Menschen verführt. Es sind durchwegs falsche Gedanken, die für den Aufbau unserer Wirtschaft und Politik verantwortlich sind. Als ‚Lösung' wird in den Medien vielfach eine vereinzelte zornige und ärgerliche Reaktion in Gewaltgeschichten, Krimis, dem sinnlosen Gezänk von Talkshows und Ähnlichem angeboten. Die spirituelle Antwort – auch Papst Franziskus hat das in seiner neuen Enzyklika ausdrücklich betont – ist eine ganz andere. Sie fordert zu einer ruhigen, aber gleichwohl furchtlos-kritischen Analyse all jener Scheinbegründungen für Wettbewerb und Geldgier auf, die nicht zuletzt die herrschenden Wirtschaftswissenschaften anbieten. Der Ärger wird zudem als massenhafte Reaktion, als Geisteszustand vielfältig medial reproduziert, selbst wenn die äußeren Umstände auch einmal keinen Anlass dazu geben. Die in Medien permanent geschürte Angst vor allerlei Gefahren erzeugt diese Reaktion als endloses Programm: Man sucht Schuldige, über die man sich dann ärgern kann. Dagegen gilt es zu erkennen, dass fast nie Einzeltäter die Übel dieser Welt hervorbringen, sondern die Massenhaftigkeit des falschen Gedankens: Ich – als Täter oder Opfer. Vor allem darf man der Lehre der Ökonomen, ‚Greed is good' (so Gordon Gekko im Film ‚Wall Street'), nicht länger Glauben schenken. Die Versicherung, Egoismus und Selbstsucht seien ‚natürlich', ‚genetisch' oder ‚neurologisch' bedingt, gilt es als das zu entlarven, was es ist: eine Ideologie. Der Egoismus wendet sich gegen andere und bringt in Neid und Konkurrenz den Ärger als soziales Phänomen unaufhörlich neu hervor. Doch das Ego ist nur ein falscher Gedanke, auch wenn er massenhaft verbreitet ist und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Dabei zu helfen, dies zu durchschauen, das ist die große Aufgabe des Buddhismus im Westen in den nächsten Jahrzehnten. Es ist erfreulich, dass sich die Übung der Achtsamkeit als erster Schritt auch jenseits spiritueller Traditionen immer größerer Beliebtheit erfreut.

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Bilder: David Gabriel Fischer / www.thezendiary.com

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